Kultur

Tatort | 21.03.2010 21:45 | Matthias Dell

Ich bring' die Kiste um!

Rasant geht's los, rasant geht's weiter: In dem Kölner Tatort "Kaltes Herz" über Kinderwohl und Jugendamtsarbeit wird zur Freude des Zuschauers ohne Unterlass ermittelt

Der WDR-Tatort ist vielleicht der pädagogisch wertvollste von allen. Hier werden gesellschaftliche Themen heruntergebrochen auf Erklärungsmuster, Handlungstipps und Diskurssplitter und zwischen den die Ermittlung vorantreibenden Dialogen platziert. Auch in Kaltes Herz fehlt diese Form der politischen Bildung nicht, wenn etwa ein Experte den Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) erklärt: "Kinder werden oft benutzt, um Leerstellen im eigenen Leben zu füllen."

Solche wissenswerten Informationen über den Zustand unserer Lebenswelt bleiben aber randständig in Kaltes Herz. Denn ermittelt wird mit Hochdruck: Von Beginn an sind die Kommissare mit Fall relevanten Fragen beschäftigt, suchen nach dem Mörder des Jugendamtmitarbeiters Steinbrück und der vierjährigen Clara Karstmann, in deren Wohnung Steinbrück erstochen aufgefunden wird, derweil die selbst noch spätpubertierende Mutter Stefanie (Miriram Horwitz) eine flotte Sohle aufs Parkett legte.

Für uns als Apologeten der reinen Lehre (Spannung! Spannung! Spannung!) ist diese Tatort-Folge ein Vergnügen: Statt auf Psychologie, Filmkunst oder derartigen Schmonzes zu setzen, geht es tatsächlich um Ermittlung. Es werden falsche Fährten gelegt und Nebenverdächtige aufgesucht (das drogenabhängige Hascherl, mit dem Steinbrück eine Zeitlang abgehangen hat, ehe ihm das mit der Beschaffungskriminalität zu bunt wurde), aber das Tempo stimmt (Regie: Thomas Jauch). Manchmal ist das Tempo auch zu hoch, um die geschilderten Konfliktverläufe (das Pflegeelternproblem der Familie Küppers, wer sind all die Kinder, wie hat das Hascherl dem Steinbrück Handy und Schlüssel geklaut) sofort zu verstehen, und bei so viel Action kommt es zwangsläufig zu Angaben, die sich überschneiden beziehungsweise widersprechen könnten (wir haben irgendwann aufgehört zu zählen, wann wer am Abend vor der Ermordung Steinbrücks alles vor seiner Wohnung gewartet hat: Hellwig, das Hascherl, Küppers).

Auch scheint uns – es ging so schnell –, dass manche Namen nicht allen Beteiligten geläufig sind: Hellwig (Charly Hübner) meldet sich, wenn das Gehör nicht täuscht, einmal mit Klar am Telefon, Steinbrück, der Marco heißen soll, wird Mario genannt. Aber das nehmen wir hin genauso wie den Umstand, dass der biedere Jugendamtsmitarbeiter Hellwig durch die Art und Weise, wie er reingeschnitten wird, wo immer eine Frage ins Herz der Ermittlungen zielt, relativ früh verdächtig ist. Würden wir mit der schönen 20.40-Uhr-Regel des Tatort-Watchblogs diestaendigereise.de arbeiten (Tätervorhersage), hätten wir auf Hellwig getippt.

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Aber es gibt in Kaltes Herz tolle Bilderrätsel, die neben DNA-Checkung und anderen avancierten Techniken der Investigation zum Kerngeschäft des Detektivs gehören: Fotos, Filme, auf denen der entscheidende Hinweis versteckt ist und nur noch erkannt werden muss. Es gibt in Kaltes Herz ferner tolle Schauspieler – Miriam Horwitz als prekäre Mutter ist derartig erfrischend unverstellt, dass man das Arsenal an Verdächtigen fast beklagen möchte, das ihre Auftritte begrenzt; Thomas Lawinky empfiehlt sich, wenn er so weiter altert, für die Darstellung von Diether Krebs im großen, noch zu inszenierenden Diether-Krebs-Biopic (Teamworx, go for it!), und Falk Rockstroh als Jugendamtsleiter trägt sehr krustig sitzende Anzüge. Zum dritten gibt es in Kaltes Herz einen Witz, der nicht nur aus dem gut funktionierenden Zusammenspiel der beiden Kommissarsdarsteller resultiert. Und der bemerkenswert ist, weil Franzi Lüttgenjohann (Tessa Mittelstädt) zum Glück klein gehaltene Schwangerschaftsparallele zum Fall nicht nur zum Scherzen einlädt. Groß ist das Cameo vom Bremer Assistenten Karlsen (Winfried Hammelmann), den Schenk auf dem Gang trifft: "Karlsen, was machst du denn hier?" – "Fortbildung". Hübsch: der running gag mit der Beifahrertür von Schenks dernier cri aus der Asservatenkammer (Ballauf: "Scheiß Tür, scheiß Auto").

Kurzum: So soll es sein.

Ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Antworten: "’n Frosch" (Franzi Lüttgenjohann auf die Frage nach dem Verursacher ihrer Schwangerschaft)

Klassische Angestelltensorgen: "Ich wollte raus, dieses ganze Elend, jeden Tag."

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.03.2010 um 22:05
Super beschrieben, richtig gesehen, tolles Auto, toller Tatort. Thanks.
B.V. schrieb am 22.03.2010 um 11:48
Ich schließe mich einfach mal meinem Vorredner an:war ein toller Tatort!
THX1138 schrieb am 21.03.2010 um 22:06
Ein customizeder 58er Chevy, ein Panoptikum an verschiedensten Mutterbildern- die einen gingen sogar soweit, am vielbeschworenen Muttermythos zu nagen (oha!)- ein paar Väterbilder, zur Abwechslung einmal sogar postive (wer hätte das gedacht!) und ganz zum Schluss noch ein als 74er Chevy Impala deklarierter, offener Amerikaner mit einem Big Block (muss wohl ein 454er sein, wenn schon, denn schon).

Das war wirklich gute Unterhaltung- sowohl für Carnuts, Soziologen, Väter und Mütter. Nur für gewisse Feministinnen gab es dieses Mal weniger zu lachen.

Macht nix.
THX1138 schrieb am 21.03.2010 um 22:09
58er Ford, sorry.
Rahab schrieb am 22.03.2010 um 08:16
irrtum, thx..., da wurde nicht genagt, da wurde zementiert.
die autochen fand ich allerdings auch ganz süß!
B.V. schrieb am 22.03.2010 um 12:00
Schönes Auto. Vor allem der Sound beim Türen zu machen: super. :-)
Ich hatte mal einen Ford 20M (ein deutscher Ford mit Flossen) mit toller Lenkradschaltung. es gibt nichts schöneres als Lenkradschaltung, glaubt´s mir!
Magda schrieb am 21.03.2010 um 22:23
Ich ärgere mich schwarz, heute hätte ich auch wieder eine korrekte Voraussage treffen können. Aber, stimmt ja, andere auch.
Gesehen habe ich ihn auch gern, den Tatort. Gutes Handwerk.
cortolu schrieb am 22.03.2010 um 06:43
kay.kloetzer schrieb am 22.03.2010 um 07:54
Mein Lieblings-Dialog (an der zerstochenen Leiche):

- Eine Affekt-Tat, Doc?
- Jedenfalls kein Fall von guter Laune.
Alien59 schrieb am 22.03.2010 um 08:27
Der war gut - ich hab auch gegrinst.
Leider wars für mich doch wieder zu spät - gibt es eine Wiederholung irgendwo zu einem Zeitpunkt, wo ich nicht einschlafe?
B.V. schrieb am 22.03.2010 um 11:57
Die Wiederholungen laufen noch später.
luggi schrieb am 22.03.2010 um 12:09
@Alien
versuch doch mal die Mediatheken der ÖR
suziek schrieb am 22.03.2010 um 08:17
Hellwig schaut durch Gitterstäbe(Jalousien)aus dem Fenster mit den Worten: -Mario hatte ein Verhältnis mit einer Klientin-. Eindeutiger kann ein Hinweis auf die Täterschaft kaum vermittelt werden. Es war aber trotzdem spannend, denn man weiß ja nie.
Katharina Körting schrieb am 22.03.2010 um 08:56
Ich fand: Unterhaltsame Mischung aus Schwarzwald-Klinik, RTL-TeenagernaußerKontrolle, Von-der-Leyen-Propaganda. und ungenügend ausgeführten Regieanweisungen. (z.B. der heulende Jugendamtstyp - gute Idee, wichtige Sache, aber man hat es nicht geglaubt)

Gute Schauspielleistungen werden konterkariert durch mäßige Regie, und die junge verantwortungslose Mutter, deren Haare zu teuer gestylt wirkten für ihr Einkommen, hat nichts von allem überzeugend gespielt - nur BEHAUPTET, während die Drogenabhängige allzu proper-gesund wirkte unter der Schminke, als dass man ihr den Junkie abnahm.

Nunja -
B.V. schrieb am 22.03.2010 um 11:55
"teuer gestylt?"
Ich dachte die wäre so gerade aus dem Bett gestiegen :-)))
Aber ernst bei Seite. Aus gut unterrichteter Quelle weiß ich, dass sich die Mädels die Haare gegenseitig stylen und manchmal ist auch eine gelernte Friseuse darunter ;-). dann bist du mit 5 Euro dabei.
Ich weiß, die Welt ist schlecht....
Katharina Körting schrieb am 23.03.2010 um 09:55
ach so, B.V., dann hab ich das wohl schlecht recherchiert... - und nehme diesen Teil meiner Herablassung zurück - aber nur DIESEN ;)

(Die "gut unterrichtete Quelle" wirft natürlich sofort plätschernde Fragen auf: Tochter? Mutter? Freundin? Du musst nicht antworten - der nächste Tatort wird auch das aufklären - aber dass die Welt schlecht ist, nein, nein, das wissen wir nicht, wir tun nur so, als ob wir das wissen wollten)
Jan Jasper Kosok schrieb am 22.03.2010 um 10:00
Ich fand den subtil angerissenen Generationenkonflikt am schönsten. Schenk findet Glitter an der Leiche und kommentiert: "Karneval ist doch schon vorbei."
lebowski schrieb am 22.03.2010 um 13:51
Meine Lieblingsszene war die, als Ballauf und Schenk nach dem Vater von Franzis Kind gefragt haben: der Frosch!

Bei den Mördern gibt es eine Reihenfolge: spielt Ulrich Gebauer mit, ist der normalerweise der Mörder, ansonsten immer der, der am harmlosesten wirkt.
Sarah Rudolph schrieb am 23.03.2010 um 20:28
Ich bin vorher eingeschlafen.
Wie ärgerlich.


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