Kultur

Kino | 16.06.2010 11:25 | Gerhard Midding

Ich bleibe hier

Die Befreiung der Unterdrückten findet nicht statt: „La Nana – Die Perle“ von Sebastian Silva erzählt von einer Hausangestellten, die ihren Arbeitsplatz verteidigt

Eigentlich stünde Raquel in der Boutique eine große Auswahl zur Verfügung. Am freien Tag soll das erschöpfte Dienstmädchen auf andere Gedanken kommen. Aber ihre Wahl steht augenblicklich fest: Sie nimmt die gleiche Strickjacke, die sie kurz zuvor im Kleiderschrank ihrer Herrin anprobiert hat. Womöglich spürt sie, dass der Pullover, den ihr die Familie Valdez gerade zum Geburtstag geschenkt hat, lieblos ausgesucht wurde.

Wir dürfen uns Raquel (Catalina Saavedra) nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ihr Dasein ist eine unablässig laufende Tretmühle. Tag für Tag weckt sie die Familienmitglieder, serviert ihnen die Mahlzeiten und putzt für sie. Ihr Pensum ist erst erfüllt, wenn sie das Abendgeschirr gespült hat. Eine andere Existenz als die der Dienstbarkeit kann sie sich nicht vorstellen, sie erfüllt sich auf einem wegbaren Minenfeld der Kompetenzen und Intimsphären. Raquel schläft schlecht und nimmt eine Unmenge von Tabletten, um ihrer Migräne Herr zu werden. Saavedras Körperspiel ist in sich gekehrt, kaum je hellt sich ihre Miene auf. Regisseur Sebastian Silva hat ihre Welt in die blassen, verwaschenen Farben der Depression getaucht.

Der vielfach ausgezeichnete Film des Chilenen versteht sich nicht als Satire auf die Klassenverhältnisse. Andere lateinamerikanische Regisseure wie Carlos Reygadas (in Schlacht im Himmel) oder Enrique Rivero (in Parque via, dem Locarno-Sieger von 2008) haben sie weit stärker radikalisiert. Raquel ist keine aufsässige Zofe à la Genet, Bunuel oder Chabrol, die als Symbol der sozialen Revolte taugte. Sie steht in den Diensten einer liberalen, großbürgerlichen Familie, in der zwar ein Autoritätsvakuum herrscht, die Kinder jedoch keine dramatischeren Probleme als die des Wohlbehütetseins kennen. Man begegnet ihr mit einer zweckmäßigen Herzlichkeit, die sich 20 Jahren wechselseitiger Treue verdankt. Im Zweifelsfalle könnte jedoch keine ihrer Herrschaften sagen, ob sie zur Familie oder eher zum Mobiliar gehört. Die Präsenz der 41-Jährigen ist betont geschlechtslos (was Silva nüchtern konterkariert, in dem er sie regelmäßig beim Duschen zeigt), ihr Gefühlsleben (Stofftiere auf dem Bett) auf dem Stand einer Halbwüchsigen.

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Trutzburg der Gefühle

Das Haus ist ihr Gefährte und Gefängnis: eine Trutzburg freiwilliger Unmündigkeit. Dort ist sie unentbehrlich, aber nicht unersetzlich. Nach einigen Schwindelanfällen will ihr die Hausherrin eine Hilfe zur Seite stellen. Starrköpfig verteidigt Raquel fortan ein Territorium, das nicht ihr eigenes ist. Mit kindischen Strategien verscheucht sie die arglose Mercedes und die erfahrenere Sonia aus dem Haus. Mit unerbittlicher Agilität kundschaftet die Handkamera die häuslichen Scharmützel aus, ohne Partei zu ergreifen. Eigentlich ist Raquels Verhalten nicht mehr tragbar, aber man bringt es nicht übers Herz, ihr zu kündigen.

Ein genügsamerer Film wäre in der Aussichtslosigkeit dieses Konflikts verharrt, hätte ihn allenfalls eskalieren lassen. Silva hält für den dritten Akt jedoch eine großzügigere Wendung parat. Die lebensfrohe Lucy, die als dritte Rivalin aufgeboten wird, erweist sich als patente Kameradin. Sie lässt sich nicht einschüchtern, sondern bringt Raquel auf heilsame Weise aus der Fassung. Die Begegnung wird für Raquel zu einer verwirrenden Lektion in Zugehörigkeit – Lucys innere Unabhängigkeit erwächst aus ihrer Bindung an ihre eigene Familie –, eine sacht konservative Initiation, an deren Ende man sie sich durchaus als einen glücklichen Menschen vorstellen darf.

 
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