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Kultur : Ein revolutionärer Weltbürger

"Wahrscheinlich ist man es trotzdem": Zum Tode von Thomas Harlan, dem Autor, Filmemacher, Vergangenheitsbearbeiter und Sohn von Veit Harlan

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Die vor kurzem erschienene Biografie Veit Harlan von Dr. Ingrid Buchloh ist beeindruckend nur ob der Tatsache, dass selbst 2010 noch Bücher geschrieben werden können und als wissenschaftlich unbedenklich gelten (Geleitwort des Historikers Hans Mommsen), die persönliche Verstrickungen in den Nationalsozialismus als Appell zur Weißwaschung begreifen. Dass Buchloh an Differenzierung nicht gelegen ist, macht ein Blick ins Personenregister deutlich: der Name Thomas Harlan fehlt.

„Selbstverständlich ist es ziemlich absurd, heute zu sprechen vom Sohn von Veit Harlan. Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn man so alt ist, wie ich das bin, noch Sohn von irgendjemand sein könnte. Wahrscheinlich ist man es trotzdem“, hat dieser Thomas Harlan 2008 in einem Radiofeature gesagt. Es scheint um so absurder, wenn man sich das Leben des revolutionären Weltbürgers Thomas Harlan anschaut, der eine schillernde Figur des an Brüchen reichen 20. Jahrhunderts gewesen und doch immer ein Außenseiter geblieben ist.

Geboren als ältester Sohn von Veit Harlan 1929 in Berlin, war Thomas Harlans Leben geprägt von der schwierigen Liebe zu dem Vater, der mit Jud Süß den Film gedreht hatte, den man SS-Mannschaften in KZs zur Bestärkung ihres Anitsemitismus' vorführte. Nach 1945 lebte Thomas Harlan in Paris im Umfeld von Pierre Boulez und Michel Tournier, Anfang der fünfziger Jahre fuhr er mit Klaus Kinski nach Israel. Er tauchte am Rande des DDR-Prozesses gegen Walter Janka und die Chefredaktion des Sonntag auf und ging Ende der fünfziger Jahre nach Polen, wo er von dem italienischen Verleger Feltrinelli unterstützt unter dem Titel Das Vierte Reich über die Kontinuität der NS-Karrieren recherchierte. Das Projekt kam nie zum Abschluss, Harlans Aktenfunde dienten aber dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer für die Anklagen in den einsetzenden Prozessen gegen deutsche Kriegsverbrecher.

Das Leben als Roman

In Deutschland gesucht, reiste Harlan zu den Befreiungsbewegungen in der Welt, schloss sich in Rom der Lotta Continua an und dokumentierte die portugiesische Revolution in dem Film Torre Bela (1975). Aufsehen erregte sein zweiter, radikal-historischer Film Wundkanal (1984), der die RAF mit dem Nationalsozialismus kurzschließt und in dem der SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert in einem artifizierten "Volksgefängnis" verhört und schließlich, als ihm Veit Harlans Immensee vorgeführt wird, in Tränen ausbricht. 1991 realisierte er in Haiti einen dritten und letzten Film, Souvenance.

Vor zehn Jahren kehrte Harlan aus Paris nach Deutschland zurück; am Ende führte ihn die lebenslange Bewegung gegen die Verantwortung des Vaters in ein Lungensanatorium gegenüber dem Obersalzberg. Auf die Frage, ob er sein Projekt über Das Vierte Reich abschließen wolle, antwortete Harlan 2008 in einem Interview: „Ich habe vor ein paar Tagen eine Idee gehabt, eine schnelle Idee, man müsste etwas Schnelles machen.“ Dazu ist es nicht mehr gekommen, obwohl Harlan in den Jahren zuvor in rascher Folge drei Bücher vorgelegt hatte (Heldenfriedhof, Rosa, Die Stadt Ys). Die betrieben die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, verwandelten seine Forschungen in der Geschichte in die Kunst eines großen Erzählers, der er war. Die Wiederentdeckung Harlans beförderte nicht zuletzt Christoph Hübners herausragender Interviewfilm Wandersplitter (2007), in dem Harlan sein Leben konsequenterweise in den Kapiteln eines Romans erzählt.
Am 16. Oktober ist Thomas Harlan im Alter von 81 Jahren in Berchtesgaden gestorben. Seine Biografie bleibt eine Herausforderung. Im Frühjahr soll bei Rowohlt der hinterlassene Text Veit erscheinen.

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