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Kultur : Der Ton, den wir liebten

Die Coen-Brüder deklinieren ein weiteres Genre durch. Dieses Mal: Der Western. Moralische Urteile werden hier noch ohne Einschränkung gefällt

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"Darf ich diesmal den Trunkenbold spielen?", soll John Wayne gefragt haben, als ihm Howard Hawks Ende der sechziger Jahre eine Hauptrolle in Rio Lobo anbot, dem zweiten Aufguss von Rio Bravo. Es sollte anders kommen. Henry Hathaway trug ihm die Rolle des trinkfesten Marshals Rooster Cogburn in True Grit (Der Marshal, 1969) an, für den er seinen einzigen Oscar erhielt. Das Aufbäumen gegen die eigene Hinfälligkeit, das Waynes Spätwerk prägt, erfuhr damit einen clownesken Höhepunkt. Es war der vorletzte seiner Filme, der Profit machte, ein Schwanengesang auf das Westerngenre.

Jeff Bridges, der nun die Rolle übernommen hat, schleppt weniger Mythisches und Körpergewicht mit sich herum als Wayne. Er ist als Schauspieler groß geworden in jener Epoche, als der Western seine Selbstverständlichkeit verlor. In Filmen wie In schlechter Gesellschaft (1972) und Rancho Deluxe (1975) wirkte er eifrig an dessen Entzauberung mit. Seine vierte Westernrolle steht indes nicht im Zeichen der Demontage; sie ist ein Alterswerk. In True Grit versuchen die Coen-Brüder und ihr Star nicht weniger, als den Pakt zu bekräftigen, den das Genre jahrzehntelang mit seinem Publikum geschlossen hat. Es ist ein entschieden geradliniger, unneurotischer Western.

Die Fans der Regisseure wird das womöglich enttäuschen. Zum ersten Mal stellen sie sich nicht außerhalb der Geschichte, die sie erzählen. Ihre besten Filme sind Lehnprägungen – Miller’s Crossing etwa ist eine großartige Verfilmung Dashiell Hammetts, ohne auf einem von dessen Romanen zu beruhen –, besitzen freilich stets den Mehrwert der exzentrischen Abschweifung, originellen Brechung und smarten Zitierfreude. Mit dem Western müssen sie nicht beweisen, dass sie auch diese Disziplin souverän beherrschen, sondern bezeugen unspektakulär Respekt vor den Konventionen des Genres und seinem hingebungsvollen Blick auf amerikanische Landschaften.

True Grit ist eine erstaunlich getreue Verfilmung des grimmigen Schelmenromans von Charles Portis. Auch die Ironie, die den alttestamentarischen Furor der Geschichte unterläuft, stammt daher. Die 14-jährige Mattie (Halee Steinfeld), deren eiserner Geschäftssinn und unerbittliches Gerechtigkeitsempfinden rasch außer Frage stehen, engagiert den versoffenen Marshal Cogburn, um den Mörder ihres Vaters zur Rechenschaft zu ziehen; widerwillig verbünden sie sich mit dem geckenhaften Texas-Ranger La Boeuf (Matt Damon).

Wie in Rio Bravo scheint zunächst keiner von ihnen der Aufgabe gewachsen zu sein. Liebevoll spielen die Coens mit dem Motiv des Ungenügens. Der Western blutete zuletzt auch deshalb aus, weil es Hollywood an Darstellern mit der geeigneten physischen Präsenz gebrach. True Grit hingegen ist trefflich besetzt, auch die Schurken (allen voran Barry Pepper) gewinnen in kurzen Auftritten staunenswertes Relief.

Das verdankt sich nicht zuletzt der Sprache, dem hochgestimmten Ton, mit dem jeder hier seiner Figur Gewicht und Autorität verleiht. Ein Stilprinzip dieses vorzüglichen Sprechfilms besteht darin, seine Hauptfiguren auf der Tonspur einzuführen und erst dann zu zeigen. Die Darsteller werden von einem Idiom getragen, das geradewegs aus der King-James-Bibel zu stammen scheint. Moralische Urteile werden ohne Einschränkung gefällt. Für Amerika, das sich von den Bankenskandalen der letzten Jahre noch nicht erholt hat, wird es eine erfreuliche Botschaft sein, dass die Schuldigen diesmal nicht ungestraft davonkommen.

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