Kultur

Stuttgart-21-Kater | 01.12.2011 11:40 | Axel Brüggemann

Runter von der Bühne

Die Abstimmung war ein Schritt in Richtung ­direkter Demokratie. Doch nach der Wahl agiert das Volk politischer als die Politiker

Die Gesellschaft des politischen Spektakels lässt sich am besten in den Elefantenrunden betrachten, die nach den Wahlen im Fernsehen abgehalten werden: Die Gewinner lehnen sich selbstgefällig zurück und die Verlierer versuchen, ihre Niederlage möglichst gut aussehen zu lassen. Unvergessen, wie Gerhard Schröder der verdutzten Angela Merkel 2005 nach der verlorenen Bundestagswahl erklärte, dass sie – trotz Volksvotum – nicht regieren würde. An solchen Abenden erfüllt sich Guy Debords Diagnose von der Inszenierung als Wirklichkeit. Unsere repräsentative Demokratie wird in Akteure (die Politiker) und Publikum (Fernsehzuschauer) gespalten. Die Rollen sind klar verteilt. Die Parteien deuten die Wahrheit, und der Wähler pflegt seine Abneigung gegen das politische Profi-Theater. Er will, dass seine Stimme ernst genommen wird.

Dieser Tage erkennen wir, dass viele Bürger selbst gern als politische Elefanten agieren. Der Protest gegen den Stuttgarter Bahnhof war eine perfekte Inszenierung: Die Demonstranten haben eine breite Masse mobilisiert und sie kreativ auf die Barrikaden gebracht. Die Medien haben so ausführlich berichtet, dass der Eindruck entstehen konnte, dass die Bahnhofsgeger die Verkörperung des Volkes gegen das politische Establishment darstellen. Eine Inszenierung in vier Akten: Protest, Schlichtung, Fortsetzung des Protestes und Volksabstimmung. Der letzte Aufzug fiel erstaunlich deutlich aus: 58,8 Prozent der Baden-Würtemberger stimmten für den Weiterbau des Bahnhofs, 41,2 Prozent dagegen. Selbst in Stuttgart wollten 52,9 Prozent unter die Erde, nur 47,1 Prozent wollten oben bleiben. Das Volk hat entschieden.

Der Epilog des Spektakels zeigt nun den Kampf um die Deutungshoheit des Wählerwillens. Und ausgerechnet jene Bürger, die vom Zuschauer zum Mitspieler erhoben wurden, zeigen, dass sie nicht besser sind als ihre politischen Vertreter. Die Stuttgart-21-Befürworter ergehen sich in Häme und laden sich Kettensägengeräusche als Klingeltöne aufs Handy, die das Fällen der Parkbäume imitieren. Die Bahnhofsgegner sitzen – ganz nach dem Vorbild der Profi-Politik – in ihrer Ecke und schmollen. Die Elefantenrunde des basisdemokratischen Volkes gefährdet mit diesem Verhalten seinen eigenen Erfolg: eine der größten und demokratischsten Protestbewegungen der Bundesrepublik.

ANZEIGE

Ein Risiko eingegangen

Interessant ist, dass sich ausgerechnet Berufspolitiker bemühen, der Demokratie, die nun tatsächlich vom demos, vom Volk, ausgeht, gerecht zu werden. Baden-Württembergs bahnhofskritischer Verkehrsminister Winfried Hermann will den Bau im Amt fortan „kritisch-konstruktiv“ begleiten und versteht den politischen Zwiespalt als persönliche Herausforderung. Und Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die (zugegeben etwas pathetische) Formulierung der „Demut“ gewählt. Er spricht von einer privaten Niederlage, aber auch von einem „großen Sieg der Demokratie“.

Klar, auch das sind nur Worte. Aber das Skript ist gut. Die Volksabstimmung war die einzige Möglichkeit für die Regierungskoalition, das Thema vom Tisch zu bekommen – und beide Seiten sind das Risiko eingegangen zu verlieren. Das neue Vokabular kennen wir aus der professionalisierten Politik so nicht. Sollte Kretschmann der Spagat zwischen der eignen Überzeugung und dem Regierungshandeln im Sinne des mündigen Volkes gelingen, würde er viel für die Glaubwürdigkeit der repräsentativen Demokratie in Deutschland tun.

So landesväterlich und milde sich der Ministerpräsident gibt, so aufgebracht sind die Wutbürger von der Straße. Sie spielen weiter Theater. So wie die ausgewiesenen Bühnen-Experten und Stuttgart-21-Gegner Volker Lösch und Walter Sittler. Im Deutschlandradio drosch Regisseur Lösch auf die Abstimmungsmethode ein: „Es war ein ungleicher Wettbewerb.“ Und Sittler drohte: „Es war ein schmutziger Sieg. Und, um es kriegerisch auszudrücken, sie haben die Schlacht gewonnen, aber den Krieg werden sie verlieren.“

Es spricht nicht für die demokratische Mündigkeit der Protestler, dass sie eine der wenigen deutschen Voksabstimmungen als Krieg verstehen. Dann hätten wir uns die Stimmzettel sparen und das Bahnhofsgelände als Ausnahmezone etablieren können: Steinschleudern gegen Tränengas! Römisches Colosseum statt Griechischer Demokratie.

Natürlich bedeutet auch ein klares Volksabstimmungsergebnis innerhalb einer Demokratie nicht den Tod jeder Debatte. Bahnhofsgegner müssen nicht zu Befürwortern werden. Und sie sollen auch nicht auf ihr demokratisches Recht zum Protest verzichten. Kritische Beobachtung, insbesondere das enge Finanzvolumen von 4,5 Milliarden Euro betreffend, ist durchaus wichtig. Und eine Debatte über die Mechanismen von Volksabstiummungen ist legitim. Immerhin liegen die Schwächen auf der Hand.

Das Baden-Württembergische Quorum, nach dem mindestens ein Drittel der Stimmberechtigten gegen den Bahnhof stimmen mussten, um das Projekt zu verhindern, ist diskussionswürdig. Innerhalb einer mündigen Demokratie sollten Volksentscheide mit mehr als 50 Prozent der Wahlteilnehmer entschieden werden. Nur so wird das Instrument der Volksabstimmung auch politisch bedeutend.

Ebenso fragwürdig ist, dass die gesamte Bevölkerung von Baden-Württemberg über den lokalen Bahnhof von Stuttgart abstimmen sollte. Begründet wurde das mit Landesgeldern. Tatsächlich wird ein Großteil durch Bundesgelder finanziert – doch Volksabstimmungen auf Bundesebene sind derzeit nicht vorgesehen. Wir brauchen also eine Debatte darüber, wer über welche Vorhaben abstimmen darf.

Wie beim Monopoly-Spiel

Und auch die ungleiche Verteilung der Werbemittel ist offensichtlich. Die Wirtschaftslobby war weitaus finanzstärker als die Stuttgart-21-Gegner. Und es wäre grundsätzlich zu debattieren, ob die Absurdität von Wahlwerbung, also von Bürgern, Mäzenen oder Lobbyisten finanzierte Slogans wie „Mehr Leben!“ „Links wählen!“ oder „Die Liberalen“, die genau so leer sind wie „Oben bleiben!“, überhaupt erlaubt werden sollten. Oder ob es nicht besser wäre, die Wähler in einer einzigen Broschüre über das Pro und Contra zu informieren.

Im Fall von Stuttgart 21 waren die Regeln der Volksabstimmung im Vorfeld bekannt, und jede Seite hatte sie akzeptiert. Schon Kinder wissen, dass man beim Monopoly-Spiel nicht plötzlich die Regeln in Frage stellen kann, wenn man verliert. Die Bahnhofsgegner tun nun so, als würde am Ende gewinnen, wer am wenigsten Geld hat.

Die Frage, ob ein Bahnhof gebaut wird oder nicht, scheint gegen die Bedeutung, dass die Volksabstimmung in Stuttgart als ernsthaftes politisches Mittel wahrgenommen wurde, fast marginal zu sein. Es ist zwar berechtigt, weiter über den Bahnhof zu streiten, viel konstruktiver aber wäre es, nun über die Zukunft von Volksentscheide zu debattieren. Der Philosoph Claus Leggewie hat sich in der Frankfurter Rundschau bereits zu Wort gemeldet: „Bürgerbeteiligung heißt das Gebot der Stunde“, schreibt er und fordert: „In der Diskussion ist jetzt eine Zukunftskammer, die langfristig Agendas Setting betreibt, einen kollektiven Lernprozess ermöglicht und im Erfolgsfall als ‚Konsultative’ einen festen Platz finden könnte neben Legislative, Judikative und Exekutive im gewaltenteilig organisierten Prozess der Willensbildung und Entscheidung.“

Die Umsetzung und Verankerung ist eine wichtige, aber – wie sich derzeit zeigt – nicht die wesentliche Frage. Philosophisch müsste zunächst einmal besprochen werden, was Volksabstimmungen eigentlich bewirken sollen. Sollen sie jenseits der Parteipolitik stehen? Sollen sie die repräsentative Demokratie justieren? Können Politiker nach Volksabstimmungen auch als Verlierer weiterregieren? Stuttgart 21 gibt viele kluge Antworten auf diese Fragen. Nur eine bleibt ungelöst: Ob das Volk überhaupt die demokratische Größe für derartige Abstimmungen hat. Volksabstimmungen sind eine Möglichkeit, die alltägliche politische Inszenierung aufzuheben und in der Sache zu debattieren. In Stuttgart ist das über lange Zeit gelungen. Nach dem Volksentscheid setzt nun das Deutungsspektakel ein. Aber unsere Demokratie ist keine Theateraufführung. Erst Recht nicht, wenn das Volk selbst von der Rolle des Publikums zum verantwortungsvollen Darsteller wird.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
jesper mikkel kjaer schrieb am 01.12.2011 um 16:03
neben demokratischer größe ist bei volksentscheiden auch immer geistige größe und die bereitschaft sich umfassend zu informieren gefragt. die bevölkerung von baden-württembergs hat am sonntag eindrucksvoll bewiesen, dass es ihr an diesen beiden eigenschaften mehrheitlich mangelt.
blabla11 schrieb am 02.12.2011 um 10:33
oh oh, da spricht wohl ein wahrer Demokrat. Alle andersdenkenden Menschen pauschal über einen Kamm zu scheeren und mehr oder weniger als unmündig hin zu stellen - das ist schon eine große Leistung.

Wieso nicht nur die Leute zur Wahl zulassen, welche dieselbe Meinung vertreten? Alle anderen wissen doch eh nicht um was es geht. Sozusagen würde dadurch die Bevölkerung vor sich selbst geschützt.

Im ernst: die Volksabstimmung ist durch. Das Volk ist für die finanzielle Unterstützung von S21 durch das Land. Es wäre wohl nicht sehr demokratisch, wenn die protestierende Minderheit den Volkswillen derart abwertet.
Vaustein schrieb am 01.12.2011 um 17:33
Einen, m.E. wesentlichen, Aspekt des Projekts S21 haben Sie ausser Acht gelassen. Dies ist die bei 4,5 Milliarden "gedeckelte" Finanzierungszusage der Landesregierung.

Bis heute liegt der Landesregierung von BW keine stichhaltige Gesamtkalkulation der DB AG vor.

Bahnchef Grube liess sich dieser Tage auch schon dahingehend aus, dass sich das Land gefälligst auch an den über diese 4,5 Milliarden € hinausgehenden Kosten beteiligen müsse.

Hier hätte die grünrote Landesregierung durchaus die Möglichkeit den Hebel zur Gegensteuerung umzulegen, was aber nach den jüngsten Bemerkungen von MP Kretschmann zu S21 nicht zu erwarten ist. Von seinem SPD-Stellvertreter ist in dieser Richtung ohnehin nichts zu erwarten.

Noch eine Bemerkung zu meinem Vorkommentator: Die Möglichkeiten der umfassenden Information war der baden-württembergischen Bevölkerung nur bedingt gegeben. Die dortigen Informationen, die seitens Stuttgarter Nachrichten, Stuttgarter Zeitung, SWR etc. verbreitet wurden waren überwiegend extrem einseitig auf Pro S21 ausgerichtet. Können Sie hervorragend nachrecherchieren, indem Sie die Beiträge von seriousguy47 und mcmac hier im Freitag lesen.
jesper mikkel kjaer schrieb am 01.12.2011 um 22:40
genau das meinte ich. ein "umfassendes informieren" sollte eben über das lesen der beiden austauschbaren stuttgarter tageszeitungen sowie dem folgen der swr-berichterstattung hinausgehen. deren positionierung war von anfang an festgelegt. daran änderte auch eine kurzzeitige, über nichtssagende leitartikel und den sporadischen abdruck kritischer leserstimmen erzeugte, scheinneutralität nach dem polizeieinsatz im september 2010 nichts.man kann nicht erwarten, dass sich allzu viele strümpfelbacher oder metzinger in die freitag-community verirren um hier die sehr lesenswerten beiträge von u.a. sg47 oder mcmac zu verfolgen. möglicherweise aber hätte es ein etwas kritischerer umgang mit den seitens der medialen stuttgarter platzhirsche verlautbarten informationen ja auch schon getan.
mcmac schrieb am 01.12.2011 um 17:37
Interessant ist die Nonchalance (im besten Fall), mit der dieser Tage viele Kommentatoren in einer Art Gleichschaltung die Ergebnisse der sogenannten Volksabstimmung in Stuttgart bewerten. Dabei werden Tatsachen und Annahmen nicht auseinandergehalten, dafür aber um so bunter durcheinander gewürfelt. Und so kommt man unterm Strich inhaltlich gemeinsam zu einem sehr ähnlichen Ergebnis, welches in etwa diesen Tenor hat: „Da ist 'der Wutbürger' wohl grandios und in aller Öffentlichkeit vor die Wand gelaufen, hat sich eine blutige Nase geholt – und nun macht er sich weiter lächerlich, weil er obendrein der Wand die Schuld gibt.“

Darin steckt sehr viel Unkenntnis.

Und wenn man sich Gedanken über neue Formen der Demokratie machen möchte, sollte man schon sehr genau nach Stuttgart schauen, was da wann und wie tatsächlich gelaufen ist. Das schließt -natürlich!- nicht aus, ebenfalls die Fehler zu untersuchen und öffentlich zu benennen, die die Stuttgarter Bürgerbewegung - z.T. sehenden Auges, z.T. aus Naivität und Eitelkeit - begangen hat. Diese Fehler wiegen deshalb besonders schwer, weil das Projekt S21 eine wahre Räuberpistole größten Ausmaßes ist und solche „Patzer“ mithin gewaltige Auswirkungen haben, jeder einzelne allein schon das finale Scheitern in sich barg. Dies' wiederum ist aber auch ein Hinweis darauf, mit wem man es in Stuttgart (und nicht nur dort) als Gegenüber in Wirklichkeit zu tun hatte und hat.
Horge schrieb am 01.12.2011 um 18:26
Ich denke, entweder haben die Grünen in BaWü noch irgend einen finalen Pfeil im Köcher, oder sie sind nicht willens und bereit, jeden Weg zu gehen um dieses Projekt zu verhindern. Ich kann mir vorstellen, wer hier den Deckel zu weit aufmacht, dem stellt sich unmittelbar die Systemfrage dessen, was wir leben. Was ist z.B. mit dem Verfassungsjuristen aus Österreich, Meyer. Der sagt, das die S21-Verträge die 2009 zwischen Land und Bahn unterzeichnet wurden, null und nichtig wären? Wie kann die Oettinger-Administration 2009 Verträge für eine Landesregierung ausarbeiten, die für einen Verfassungsrechtler Makulatur sind und anscheinend für die Grünen im stuttgarter Landtag nicht aufzubrechen sind. Meyer spricht davon, Bahnstrecken und Bahnhöfe zu bauen oder zu sanieren ist ausschliesslich Bundesangelegenheit. In den Finanzierungsverträgen steht drin, das dass Land BaWü dem Bund die Abwicklung eines Zuschuss in Aussicht stellt zur Finanzierung der NBS Wendlingen-Ulm." Ja, wo semmr denn drhoim"?! Wenn die Politik in BaWü 57 Jahre so undurchschaubar gemacht funktionierte, wundert es mich nicht, welche Realität den Grünen da entgegenschlägt und das jetzt die moderaten Stimmen wie Herr Ödzemir" S21Plus" fordern. Oder anders gesagt, es wundert mich auch nicht, das ich als Mitdemonstrierer den "Kürzeren" ziehe gegen politische herrschende Strukturen, die sich vom Volk in der Umsetzung bereits um "Längen" abgekoppelt haben.
hjmueller schrieb am 01.12.2011 um 22:01
Ich habe immer geglaubt, eine Volksabstimmung sei ein gutes Mittel, den abgehobenen Politikern in die Arme zu fallen. Von diesem Glauben bin ich aus verschiedenen Gründen abgefallen.
a) Man zeige mir die, die gegen eine geballte Wirtschaftsmacht ankommen können.
b) Meist stellen sich aus bekannten Gründen (Daumen und Zeigefinger streicheln sich) die Medien hinter besagte Wirtschaftsmacht.
c) Geht es gerade nicht darum, ob geraucht werden darf oder nicht, sondern um die Macht der Politiker, sind die sich plötzlich einig wie selten. An der Bürgermeisterkaste in Baden-Württemberg hätten die DDR-Funktionäre ihre helle Freude gehabt. 99,99 Prozent waren samt Landräten die besten Freunde der Bau- und Finanzmafia Stuttgarts.
d) Auch Polizei und Justiz entdeckt ihr Herz im Ernstfall für die mächtigen Bosse.
e) Allerdings erscheint mir der wichtigste Punkt im Volk zu liegen. Nicht dass den Menschen der Verstand abhanden gekommen wäre, aber sie haben ihre Wertekoordinaten an dem Spruch "der Zweck heiligt die Mittel" ausgerichtet. (Wir jubeln auch gedopten deutschen Sportlern zu).

Und da liegt der größte Fehler des Bündnisses gegen S21. Sie haben von Anfang an blauäugig geglaubt, man könne ein Volk mit Vernunft und Fakten beeindrucken. Deshalb gingen sie in den Faktencheck, in den Stresstest und in den Bürgerentscheid.
Das Volk tickt aber anders, wie die Wahlplakate landauf landab beweisen.
Schade dass das Volk nicht darüber abstimmen darf, ob die Herren Journalisten, Experten, Wissenschaftler, Manager und Politiker recht haben, wenn sie erklären, wir werden auch aus dieser Finanzkrise gestärkt hervorgehen. Wenn dies das Volk bejaht, muss es, verdammt nochmal, auch so passieren.
mklingma schrieb am 02.12.2011 um 09:21
@hjmueller

Beziehen sich die Ergebnisse Ihrer Analyse auf dieses eine Beispiel?

Es gibt eine ganze Menge von Beispielen für Volksentscheide die beispielsweise in Bayern gegen geballte Wirtschaftsmacht oder den medialen politischen Mainstream erfolgreich waren. Haben Sie sich damit beschäftigt?

Das Bündnis gegen S21 war ein äußerst heterogenes und die radikalen Gegner, die im Park ihre Zelte aufgeschlagen haben, haben sich der Abstimmung von Anfang an verweigert, weil sie aufgrund des Verbots, einen kommunalen Bürgerentscheid über die Beteiligung der Stadt durchzuführen sowie der undemokratischen Abstimmungshürde keine Aussicht auf Erfolg gesehen haben. Vielleicht war das ein Fehler, aber ist es an uns ihnen ihre vermeintlichen Fehler anzukreiden?

Den Verlauf und das Ergebnis des Volksentscheids als Keule gegen die eigene Mündigkeit und Entscheidungsfähigkeit zu schwingen, ist eine Reaktion, die natürlich auch jedermann frei steht.
Ein Schelm schrieb am 02.12.2011 um 01:53
Tja, so ist es, das Volk - mal reaktionär, mal progressiv, und fast immer unberechenbar.
Ich habe nie verstanden, warum so viele Menschen mit einer fast an Heilserwartungen grenzenden Zuversicht von "direkter Demokratie" faseln.
Ein Blick auf die Empirie, etwa Schweiz und USA, wo Referenden an der Tagesordnung sind, zeigt doch ganz offensichtlich, dass sich die aus linker Sicht positiven und negativen Ausgänge etwa die Waage halten.
Zynisch könnte man bemerken, dass direkte Demokratie nur unter Bedingungen sinnvoll möglich ist, die, wenn wir sie hätten, diese überflüssig machten.
mcmac schrieb am 02.12.2011 um 08:10
Das ist nicht zynisch, aber wunderbar sarkastisch.
mklingma schrieb am 02.12.2011 um 09:01
Sehr geehrter Herr Brüggemann,
als ich die letzten Sätze ihres Kommentars gelesen habe, sind mir sofort die bekannten Zeilen aus Brechts Bukower Elegien in den Sinn gekommen:

Wäre es da
Nicht doch einfacher, Herr Brüggemann
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Wenn Sie also des Volkes demokratische Größe in Frage stellen, dann vermisse ich hier nicht nur ein wenig Verstand, sondern zum Beispiel auch ein Bewusstsein dafür, dass der Begriff Volk, den beispielsweise Hans Haacke mit seiner Installation im Deutschen Bundestag in Frage gestellt hat, einen der vielen zentralen Mängel des Abstimmungsverfahren beschreibt, die aus linker Warte durchaus zu kritisieren wären, indem man z.B. die Beteiligung der Einwohner des Landes einfordert.

Auch ansonsten finde ich Ihre Ausführungen wenig einfühlsam und ziemlich oberflächlich. In der Tat hat der Volksentscheid zu einer Entscheidung geführt. Und das ist gut so. Darüber hinaus waren die Bedingungen für diesen Entscheid außerordentlich ungünstig, denn die Gegner des Projektes hatten keine Chance und viele haben sich deshalb der Kampagne und der Abstimmung von Anfang an verweigert. Ich denke nicht, dass das eine gute Strategie war, aber es ist verständlich.

Ein Entscheid über die Finanzierung von S21 hätte schon vor Jahren auf der kommunalen Ebene gefällt werden müssen, denn natürlich hätten die Einwohner der Stadt Stuttgart das Recht gehabt, darüber zu entscheiden, ob sie mit ihrer hochverschuldeten Stadt unabsehbare finanzielle Risiken eingehen wollen. Das Ergebnis unter solchen fairen Bedingungen wäre vielleicht ein anderes gewesen. Und dann hätte man im nächsten Schritt herausfinden können, wer dieses Projekt eigentlich finanzieren will.

Dieses Recht wurde den Stuttgarter Bürgern juristisch verwehrt.

Es geht daher an der Sache völlig vorbei, aufgrund der verzweifelten, enttäuschten oder berauschten Reaktionen, die Mündigkeit der Bürger zu bezweifeln und ihnen die selbstgefälligen Posen derjenigen, die hier als Klasse ihren Machtanspruch gewahrt zu haben meinen, entgegen zu halten. Aus meiner Sicht ist hier deutlich geworden, dass die Entscheidungshoheit der Bewohner unseres Landes auf allen politischen Ebenen aufgrund politischer Erwägungen immer noch auf sehr ungute Weise gefesselt wird und das gilt es zu überwinden.
A.L.Dreyfus schrieb am 02.12.2011 um 09:12
Mir scheint, dass sich hier im Forum die im Artikel beschriebenen Verhaltensweisen ebenso finden wie vor dem Hauptbahnhof: man schmollt, weil man verloren hat. Ein gängiges Muster ist z.B. (wie bei hjmueller) die Methode, den Befürwortern zu unterstellen, sie seien immun gegen Fakten. Das ist freilich eine reine Unterstellung und könnte genau so über Gegner von S21 behauptet werden. Zur These, die Medien hätten einseitig berichtet, kann ich nur sagen: stimmt. Einseitig zugunsten der Gegner. Auch hier ist die Wahrnehmung in der Schmollecke scheinbar verzerrt. Die Minderheit der Demonstranten wurde monatelang von den Medien bundesweit als Speerspitze gelebter Demokratie gefeiert. Nur so kann man auch die Verwunderung außerhalb Baden-Württembergs über das Ergebnis verstehen: waren nicht ALLE in Stuttgart dagegen? Nein, der Eindruck wurde durch die Medien geschürt. Er war (siehe Ergebnis IN Stuttgart) falsch.
Zum Schluß würde ich von Herrn Brüggemann gerne eine Stellungnahme zur verräterischen Formulierung "Was bedeutet die S21-Schlappe (sic!) für die direkte Demokratie?" hören.
Was, Herr Brüggemann, meinen sie genau mit "Schlappe"? Schlappe für die Gegner des Projekts? Klar. Schlappe für die direkte Demokratie? Wohl kaum. Ist die Formulierung reiner Zufall, oder würden Sie sich ganz offensiv als S21-Gegner outen? Dies wäre zumindest mir sympathischer als eine pseudo-neutrale Position, die eigentlich nicht aufrichtig ist.
www.dreyfusss.blogspot.com
seriousguy47 schrieb am 02.12.2011 um 16:19
Nun, Herr/ Frau Dreyfuss, Ihr Kommentar ist doch der Beweis dafür, dass ein Großteil der Befürworter zwar für sich in Anspruch nimmt, informiert zu sein und genau hinzuschauen, aber nicht schaut, WORÜBER man informiert ist - und ob das die nötigen Informationen sind.

So ist es richtig, dass nach fast jeder Demo medial berichtet wurde, dass es wieder eine Demo in Stuttgart gegeben habe. Und was sagt uns das über die Mehrheitsverhältnisse? Und vor allem: was sagt uns das über das Für und Wider von S21? Null. Nix.

Diese "Information" ist als bei genauerem Hinsehen als keine Information, sondern eine Ablenkung von der Sache und eine Vernebelung.

Und eine Widerlegung der angeblichen Behauptung, wir seien eine Speerspitze gelebter Demokratie ist es auch nicht. Wie das Bild der Speerspitze schon sagt: es handelt sich um eine Spitze, nicht um den Schaft, sprich: eine Mehrheit. Der Stuttgarter Widerstand ist eine Fünfte Gewalt in der Gewaltenteilung, die sich bildete, weil alle anderen Gewalten versagten, wie als Resümee der "Schlichtung" festgehalten wurde. Als so eine fünfte Gewalt muss sie genauso wenig eine Mehrheit haben wie die Medien oder die Justiz oder der Rechnungshof. Demokratisch bildet sie eine Zwischenebene zwischen Wählern und Repräsentanten. Gewaltenteilerisch hat sie die Aufgabe zu kontrollieren und zu alarmieren. Und verfassungsmäßig kann sie sich aufs Grundgesetz berufen, wo der Minderheitenschutz ausdrücklich vielfältig verankert ist. Nach dem Dritten Reich aus sehr guten Gründen. Die Mehrheit haben, heißt nicht automatisch auch: recht haben. Deswegen ist Demokratie in dem Moment tot, wo sie beansprucht, keiner weiteren Kontrolle mehr zu bedürfen.

Und was die Immunität gegen Fakten betrifft, so genügt ein einziges Beispiel als Beweis: die Befürworter von S21 als NOTWENIGER Modernisierung argumentieren immer noch auf einer Faktenbasis von vor 15 Jahren, als man in Kopfbahnhöfen noch die Loks wechseln musste. Dies ist längst nicht mehr der Fall. Aber anstatt das Projekt daraus folgend auf seine Notwendigkeit hin erneut zu überprüfen, wird weiterhin mit "Bimmelbahn" und anderem Scheiß Propaganda gemacht.
2. Beispiel: Der von SMA aufgemachte profesionell schlüssige "Friedensvorschlag" wird schlicht und einfach nicht dsikuttiert, obwohl er selbst dann besser wäre, wenn die Kapazität, die erschafft, nicht benötigt würde.
3. Beispiel: Die von den Ingenieuren des Widerstandes vorgelegte Kapazitätsberechnung für den Kopfbahnhof, die, amtlich beglaubigt, eine weitaus höher Kapazitöt und Zukunftsfähigkeit für den bestehenden Bahnhof nachweist, wird schlicht ignoriert.

Und ich könnte jetzt noch tagelang weiter auflisten, was alles nicht zur Kenntnis genommen wird. Aber es ist sinnlos, wie Sie mir sicherlich bestätigen werden, würden, könnten......

p.a. Ich erspare mir die Durchsicht auf Rechtschreibfehler u.ä. Es lohnt den Aufwand nicht.
seriousguy47 schrieb am 02.12.2011 um 15:54
Am Beispiel von S21 über Grundsatzfragen von repräsentativer und direkter Demokratie zu räsonnieren ist schon deshalb heikel, weil alles, auch direkte Demokratie, erst einmal gelernt werden muss. Das geschieht am besten über Fehler. Der Stuttgarter Widerstand wird sich also u.a. fragen müssen, was wurde übersehen, falsch eingschätzt usw. Die angeblich rational entschieden habende Mehrheit wird an vielem, was jetzt möglicherweise passiert u.a. lernen müssen, dass man das nächste Mal vielleicht doch erst einmal denkt, bevor man stimmt.

Außerdem noch einmal und immer wieder fürs Stammbuch: es wurde nicht über S21 abgestimmt, weil das nämlich gar nicht geht, sondern darüber, ob die Landesregierung ihren Anteil an der vermutlich verfassungswidrigen Finanzierung des Projektes einstellen soll. Die Mehrheit ist für Verfassungsbruch. Punkt.

Und nun zur Empirie. Laut StZ vom 2.12.2011 (Print) ist es der CDU (Schwarz-Gelb) gelungen, aus einer Volksabstimmung über die o.g. Frage ein "Plebiszit als Rückspiel der Landtagswahl" zu inszenieren. Das ergibt sich aus einer Analyse der Wahlergebnisse. Das hatte ich selbst - und möglicherweeise der Widerstand insgesamt - überhaupt nicht auf der Rechnung. Nicht im Shlaf wäre ich darauf gekommen, dass das schwarze Wahlvolk dort draußen auf Rache für den grün-roten Wahlsieg im März sinnt und jetzt auch wieder die zur Urne gehen würden, die damals wegen Mappus zu Hause geblieben waren. Ich dachte wirklich, es gehe um Bahnhof, bzw. um dessen Finanzierung. Denkste: es ging offenbar um Rache. Koste es,wass es wolle.

Dass der ganze schwarze Filz in allen politischen Institutionen und die schwarze Wirtschaft dabei eine gewichtige mobilisierende Rolle spielten hat hjmueller hier bereits angeführt. Ausführlicher beschrieben wird es im neuen kontext. Dort kann man auch noch einmal nachlesen, dass die Wirtschaftsbosse an vorderster Front sogar noch öffentlich bekannten, dass sie keine Ahnung von S21 haben. Ja, um was ging es ihnen denn dann?

www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/11/die-wirtschaft-als-retter/

Außerdem ging es dieser Mehrheit wohl eher nicht um Demokratie, sondern um das Gegenteil: Grabesruhe. Schluss mit den Demos. Schluss mit den Argumenten. Schluss mit der Anmutung, dass man selbst Verantwortung übernehmen muss. Nein, die Obrigkeit soll es richten. Wie gehabt. Die wissen es besser.

Auch da lag ich in meiner Einschätzung falsch: Demos wirken für die Mehrheit nicht aufklärerisch, sondern (ver)störend. Demos haben nicht die Funktion, Mehrheitsmeinungen abzubilden oder zu erzeugen, sondern Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken. Wenn dies nicht gelingt, wie in Stuttgart, wo die Medien die Demos im wesentlichen als Störung berichteten, die Argumente, die vorgebracht wurden, aber entweder gar nicht beachteten oder jedenfalls nicht übernahmen, konnte der Widerstand keine Mehrheit bekommen.

Als Beispiel dazu nur den entlarvenden Begriff "Gutachteritis", den der Korresopndent der FAZ in einer Online-Debatte des SWR in die Debatte warf und auch gleich erklärte, er sehe sich nicht in der Rolle dessen, der solche Gutachten beurteilen lönne und wolle. Ja, dann bleibt als journalistische Aufgabe halt nur noch die unkritische Übernahme der Hochglanzprospekte der herrschenden Kaste. Und mehr erfährt das Volk dann auch nicht.

www.freitag.de/community/blogs/seriousguy47/s21-ab-2000-uhr-offizielle-heiligsprechung-der-lokalmedien

Und noch eine klitzkleine Keinigkeit, die, falls sie zutrifft, mehr sagt als tausand Worte. Ebenfalls in der StZ vom 2.12.2011 heißt es nämlich:

"Mächtig geärgert hat sich...Bender ...über 'das Triumphgeheul und die Pöbeleien der CDU'....Sie sprach von 'schlechten Gewinnern', die es nicht einmal für nötig erachtet hätten, sich bei ihren Wählern zu bedanken..."

Heißt doch auf schlecht deutsch: Nicht zu fassen! Diese Arschlöcher haben uns doch tatsächlich eine Mehrheit verschafft....! Oder?


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG