Kultur

Medientagebuch | 21.01.2012 09:00 | Barbara Schweizerhof

"Es sieht aus, als ob Zebras durch die Wälder streifen"

72 Jahre später: ein Marketingmanager aus Oxford hat ein unorthodoxes Social-Media Experiment gestartet. Er twittert den Verlauf des Zweiten Weltkrieges

"In Gleiwitz greifen als Polen verkleidete SS-Truppen die Radiostation an, um Deutschland einen Vorwand für die Attacke Polens zu geben" – so hätte vielleicht eine Meldung auf Twitter gelautet, wenn es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs den Kurznachrichtendienst gegeben hätte.

Nun kam die Meldung mit 72 Jahren Verspätung als Tweet am 31. August 2011, und verfasst hat sie kein Zeit­genosse, sondern Alwyn Collinson, ein 24-jähriger Marketingmanager aus Oxford, der auf diese Weise sein Experiment begann: den gesamten Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Twittermeldungen nachzuverfolgen.

Es klingt verführerisch selbstverständlich: „den Zweiten Weltkrieg twittern“. Aber weiß man, was das wirklich heißt? Es herauszufinden, darin besteht der große Reiz des Unternehmens @realtimewwii, das mit einer Hundertschaft von Followern begann und bald die Grenze von 200.000 überschreitet.

„Es sieht aus, als ob Zebras durch die Wälder streifen (Ponys werden angemalt, damit sie von Fahrern während der Verdunklung gesehen werden)“, lautete ein Tweet vom 25. November; dass die „kaiserliche japanische Armee 25.000 chinesische Soldaten nördlich von Kanton getötet haben will“, wird am 8. Januar gemeldet, genauso, dass „in Helsinki die Kirchenglocken läuten und sich Fremde auf den Straßen in den Armen liegen, so die Zerstörung der eingeschlossenen 44sten und 163sten sowjetischen Divisionen feiernd“. Und am 15. Januar: „Todesrate unter der jüdischen Bevölkerung von Warschau erreicht 70/Tag: Typhus­epidemie in überfüllten Wohnungen, Hunger aufgrund von Nahrungsmittelkonfiszierung durch die Nazis“. Ab und zu gibt es ein Bild, mal das „aktuelle“ Cover des Time Magazine mit dem japanischen Kaiser vorne drauf, ein anderes Mal Unity Mitford, die britische Adelstochter, wie sie ihr Idol Adolf Hitler anhimmelt.

Kein eitles Celebrity-Instrument

Dieses Sammelsurium an Meldungen, an „echten“ Nachrichten und Trivia, in die willkürliche Ordnung von bis zu 40 Tweets am Tag gebracht, von denen bekanntlich jedes einzelne nur 140 Zeichen umfassen darf – hört sich wie der schlimmste Albtraum eines Medienkritikers an. Hat man nicht früher schon die Fernsehnachrichten kritisiert für ihr hierarchieloses Aneinanderreihen von Dingen, die nicht zusammengehören, für die Bevorzugung von einzelnen Sensationen vor der Analyse?

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Es brauchte den Hype des Arabischen Frühlings, um Twitter vom Ruch eines eitlen Celebrity-Instruments zu be­freien. Aber, das kommt beim Verfolgen von @realtimewwii zu Bewusstsein, auch im Allgemeinen haben sich die Kriterien verschoben. Dank des Internets und seiner Recherche-Ressourcen kann heute jeder den Kontext zu einer Einzelmeldung rekonstruieren, sie in den großen Zusammenhang einordnen und analysieren.

Alwyn Collinson, der „Autor“ von @realtimewwii, hat zwar einen Collegeabschluss in Geschichte, ist aber kein Spezialist für den Zweiten Weltkrieg. Den Stoff für seine Meldungen sucht er sich Woche für Woche im Internet zusammen. Diese „naive“ Herangehensweise, die daher rührt, dass Collinsons Interesse mehr dem Social-Media- Experiment als der Geschichtsforschung gilt, stellt zugleich sicher, dass man es hier nicht mit einer Inszenierung à la Orson Welles’ Krieg der Welten zu tun hat – @realtimewwii bietet weniger und mehr: nicht die Präsentation des Zweiten Weltkriegs auf Augenhöhe, sondern jede Menge Anstoß, sich die Ereignisse von damals täglich neu zu vergegenwärtigen, sich zu erinnern und zu reflektieren.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 21.01.2012 um 18:42
LiebeFrau Schweizer, wir müssen alle durch die Ochsenfurt des Social media. Am Ende, ja wenn es doch noch eines, es sei getwittert und gesimst, gäbe, so fürchte ich, hat dieser Krieg nie stattgefunden oder er endigte nimmer mehr, jedenfalls medial.

Kennen Sie noch eines der "bookishen" Vorläufermedien solcher E-Posten , z.B. den ganz, ganz großen Ploetz, die Atlanten, z.B. den Putzger, oder das monomane Werk von Peters?

Ich bin schon ganz "betoynbeed". Vor einigen Jahren gab es, man stelle sich vor, nicht für Bibliotheken, sondern für den lesenden alltäglichen Seitenvernichter, die unsäglichen Berichte der Wehrmacht im Discount-Pack.

Wie komme ich da je wieder raus? Ein ewiges Twitter-Gewitter, oder doch gleich, analog der venzianischen Bienale- Anstrengung (Christian Marclay, "The Clock"), für jeder Minute des Krieges ein bewegtes Filmbild? - Heidnische Beschäftigungen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 21.01.2012 um 21:55
Entschuldigen Sie, Frau Schweizerhof , hatte ich doch glatt das -hof vergessen. C.Leusch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.01.2012 um 08:24
Wie sehr mag ich Ihre Sprachverrenkungen, wie öde wäre die Kommentarwiese ohne Rauhdisteln wie Sie!

Hier bin ich mir nicht sicher, ob Sie die Wirkung von Heracleum mantegazzianum entwickeln möchten: www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/natur/naturgewalten-lexikon/e/index,page=1577998.html

Salut
HN
Columbus schrieb am 22.01.2012 um 17:17
Speziell für Sie, Frau Neumann.

haendlerundheldenmbh.blogspot.com/2012/01/fleur-du-mal-der-riesenbarenklau.html

Es gab in diesem furchtbaren Krieg auch eine sprachliche Analogie, den "Heldenklau". Wer in der Etappe war, der sollte am Ende nach vorn. Militärs und ihre Sprache. Wenn es ums massenhafte Sterben und Töten geht, kommen oft Begriffe aus der Landwirtschaft zum Einsatz.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
tlacuache schrieb am 22.01.2012 um 08:48
Gaius Julius Caesar am 1. September 4:45 Uhr 49 vorr Christus:
"Seittt 4.45 Uhr wird in Gallien zurückgeschosssen / äähh gelanzt"
Auf dass sich die Jugend nicht @vertwittert...
LG


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