Kultur

Kino | 08.02.2012 13:40 | Matthias Dell

Das Kind als Tier

Anschauungsunterricht in Sachen Schicksal: Die Vorgeschichte zu einem Lebenslauf, der als Verbrechensnotiz im Polizeibericht enden könnte – „Der Junge mit dem Fahrrad“

Ich träume nicht, sagt Cyril, der Junge, nüchtern, ein wenig trotzig. Er sagt es der Frau, Samantha, die ihm helfen will. Cyril wohnt in einem Heim, und er sucht nach seinem Vater, der einfach weggegangen ist. Samantha hat eine Adresse ausfindig gemacht in einer anderen Stadt, hat mit dem Vater zuvor gesprochen, und sie will Cyril vor einer Enttäuschung bewahren auf dem Weg zur Begegnung. Weil sie befürchtet, Cyril könne sich falsche Vorstellungen machen, würde den Vater idealisieren, sich in eine Welt wünschen, die mit der Realität nichts zu tun hat. Aber Cyril träumt nicht. Cyril sucht nur Kontakt.

Die belgischen Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne erzählen seit über 20 Jahren Tragödien aus dem ungeregelten Leben. Den ungeschminkten Filmen (Das Versprechen, Der Sohn oder zuletzt Lornas Schweigen) möchte man immer sofort Realismus unterstellen – aber wie realistisch sind präzise inszenierte Tragödien im formlosen Alltag?

Der Junge mit dem Fahrrad ist der neueste Film der Dardenne-Brüder, der eigentlich von einem Begriff des Sozialen handelt. Nicht so sehr, wie es auf den ersten Blick aussieht und gemeinhin verstanden wird (die Sorgen der Unterprivilegierten und Entrechteten), sondern in einem universelleren Sinne: Was braucht der Mensch zum Leben an Beziehungen? Was ist ihm die Gesellschaft?

Hatz nach Nähe

Der Junge Cyril (hervorragend gespielt von Thomas Doret) hält den Kopf meist bockig gesenkt, er rennt andauernd durch diesen Film, als ginge es um sein Leben, ganz auf sein Ziel konzentriert, gehetzt, unbändig. Er hat etwas Ungestümes, Wildes, Tierhaftes, bei Streits klammert er sich an Personen fest (so lernt Samantha ihn kennen), verbeißt sich in andere Kinder. Der delinquente Wes (Egon die Mateo) nennt ihn Pitbull und missbraucht ihn durch Zuwendung für seine Pläne.

Die Dardenne-Brüder spitzen Cyrils unbewusste Hatz nach Nähe in diesem schnellen Film, dieser Instant-Tragödie gekonnt zu: Cyril ist ungezogen, nervig, unerträglich, und irgendwann spricht Samanthas Freund das aus, was man selbst schon gedacht hat. Der Freund verliert die Geduld, stellt Samantha vor die Wahl, und dass sie sich gegen ihn entscheiden muss, obwohl sie nicht sicher sein kann, den Jungen für sich, für die Gesellschaft gewinnen zu können, ist der reine Pragmatismus, der hier in den Kleidern der Humanität auftritt: Wenn die Friseurin Samantha (Cécile de France) sich nicht kümmert, kümmert sich keiner mehr.

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Der Junge mit dem Fahrrad erzählt von einem Lebensweg, von dem man zumeist erst Kenntnis nimmt, wenn er als Verbrechen im Polizeibericht angekommen ist. Der Film romantisiert nicht, aber er schaut genau hin, und wer genau hinschaut, kann sehen, dass selbst ein Kleinganove wie Wes Verwandte hat, zu denen er freundlich ist. Wobei das Problem womöglich darin besteht, dass er nur pflegebedürftige Großeltern hat – und keine Eltern, die freundlich zu ihm wären.

Samantha bleibt freundlich zu Cyril, trotz aller Schwierigkeiten. Seine größte Kraft entwickelt der Film in der Inszenierung einer ungemein plastischen Körperlichkeit: Man sehnt die Momente herbei, in denen dieses harte, zähe, ungehobelte Kind in die Arme genommen, von der Wärme eines anderen, größeren, behutsameren Körpers eingefangen, beruhigt wird. Auch wenn sich damit noch kein Traum von einem gelingenden Leben verbindet, ist es zumindest: ein Trost.

 
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Kommentare
Georg von Grote schrieb am 08.02.2012 um 19:31
Uih Uih Uih, sage ich da nur.

Nur wer den Film auch gesehen hat, kann wohl beurteilen, wie klug, wie treffend und wie subtil diese Kritik ist.
So etwas liest man einfach nur mit Vergnügen.


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