Empfehlung der Woche

Meine Liebe stirbt nicht

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Roberto Saviano

Hardcover, gebunden

400 Seiten

26 €

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European Media Art Festival № 39

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An Incomplete Assembly

Festival vom 22. bis 26. April 2026

Ausstellung vom 22. April bis 25. Mai 2026

in Osnabrück

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DJ AHMET

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Tragikomödie

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99 Minuten

ab dem 19. März im Kino!

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An die Substanz. Bauhaus Dessau 100

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Bauhaus Dessau

Glas | Beton | Metall (28.3.26–10.1.2)

Bauhausgebäude [Gropiusallee 38, Dessau]

Algen | Schutt | CO2 (28.3.–27.9.2026)

Ehemaliges Kaufhaus Zeeck [Kavalierstraße 72, Dessau]

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Kultur : Lektüre für Berlinhasser

Leander Sukovs Monolog „Warten auf Ahab“ ist wuchtig, defätistisch und sehr erotisch – damit scheint der Roman aus der Zeit gefallen zu sein

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Das Motiv der unbestimmten, melancholischen Verlorenheit ist leider eines der abgenutztesten in der Literatur und Kunst, zumal der des Undergrounds. Ihm hängt die nervige Verwöhntheit einer Effi Briest an, die protestantische Egozentrik der Sue von Amos Kollek oder das zynische „Arm, aber sexy“-Gedöns Berliner In-Bezirke. Es ist zwar ein kleiner Unterschied, aber einer ums Ganze: Aufgesetzte Melancholie gegen wirkliches Leiden am Dasein. Erstere unterscheidet Trend-Literatur von einer wirklichen, die das Leben ausloten möchte in seiner farbenreichen Palette, Grautöne inklusive. So wie es Leander Sukov mit dem Warten seiner Protagonistin auf Ahab vollbringt.

Dieses Warten auf Ahab tut weh. Muss es auch. Wenn nicht, wäre es eben nur kreativ und sexy und moralisch richtig wie die notorische Berliner Baumwolltasche, aber so, wie das Buch geschrieben ist, ist es wuchtig, defätistisch und erotisch. So beginnt schon der Prolog verheißungsvoll und Furcht einflößend zugleich, Dialektik auf dem Kreuzweg der Liebe: „Die Anderen waren zu einer anderen Zeit. (…) Wir aber schauen zurück. Täten wir es doch nur im Zorn! (…) Hinter uns der Zorn dann, und vor uns die Hoffnung. Ich verlasse das Dorf. Heute noch, gleich.“ Die junge Dame, deren Weg Sukov aus der Ich-Perspektive verfolgt, wird es zum Studium und zum Leben nach Berlin ziehen. In ein Dorf also, das für „Nennt mich: Marie“ nur die Steigerung der dörflichen Idiotie ist: Eine Mischung aus neuer Reichshauptstadt und Öko-Hölle. Mit jeder Zeile wird einem die Espresso-Marie sympathischer, wenn sie durch die Gentrifizierungs-Zone des Prenzlberg stolziert. Diese ganz neue Berliner Republik fertigt sie in drei Sätzen ab, und mehr ist dazu auch nicht zu sagen. Was für eine Frau, mit Zorn und Zärtlichkeit, Chapeau: „Jemand drückt mir ein Flugblatt in die Hand. Ein Info-Stand der Grünen. ,Was macht der Hufeisenplan?‘, frage ich. Sie sehen mich verständnislos an.“

Diese Frau, die so cool erscheint, „will nicht einsam sein, aber auch nicht mit irgendwem. (…) Ich will nicht einsam sein, aber auch nicht zwei sein.“ Die konsumistische Wahllosigkeit, die die Warengesellschaft offeriert, weist Marie auch in der Liebesökonomie zurück. Verweigerung erscheint ihr begehrenswert und macht sie begehrenswert.

Die Jute-Klarheit

Marie wird Männer kennenlernen, viele Männer, die meisten von ihnen zurückweisen – und damit ihre eigenen Bedürfnisse verleugnen. Das typisch weibliche Selbstmitleid ist von Zeit zu Zeit etwas überzogen, erinnert in seinem Realismus aber nicht nur an die hysterische Nerv-Ministerin Kristina Schröder, die ja auch permanent mit sich selbst überfordert scheint.

Das Faszinierende an Sukovs Werk, das nur nach Tagesdatum gegliedert ist und sich keinem Plot unterwirft, ist die libertierende Umkehrung der famosen Urbanitäts-Metapher in die Darstellung eines freigewählten Gefängnisses sich für trendig und fortschrittlich haltender Kleingeister. Mit jeder Zeile keimt der Verdacht, dass Marie es in der Provinz, der sie entfloh, doch besser gehabt hätte.

Oder eben gerade nicht, weil beides unerträglich sein kann, wenn man zumeist sensibel, feingeistig und sinnesbetont ist wie Marie und Deutschland eben das hässliche Deutschland bleibt, hier wie dort, auf den Antifa-Demos, die Marie besucht, gleich im mittlerweile gesundheitsbewussten Café Einstein, in dem sie an ihrem Espresso nippt. Der Jute-Klarheit des neuen Gernegroß-Deutschland setzt die genüsslich rauchende Marie einen altertümlich-klassischen Romantismus entgegen, der auch und vor allem körperlich schwelgt, als müsse es zehn Morgen geben.

Die schöne, subjektivistische Sprache, die Sukov in der Tradition Peter Handkes benutzt, wäre noch steigerungsfähig, erinnert in ihrem bedenkenlosen Materialismus aber ans detailliert Monologische von Antonio Lobo Antunes oder Nanni Ballestrini ("I Furiosi"): ein temperiertes Meer der Silben, in dem der Wind des Temperaments die Wörter vor sich her treibt. Stilistisch wie gedanklich ist Sukov eine Lektüre für Menschen, die Berlin hassen (Marie: „Wir sind die Wenigen“), weil Berlin so ist, wie die Welt in ihren momentanen Verhältnissen ist. Dass die linke Avantgarde auch nicht besser ist, beschreibt Sukov eindrucksvoll – und ausreichend. Was bleibt, ist also nur das Warten auf Ahab. Und auf Marie.

Warten auf Ahab oder Stadt Liebe TodLeander Sukov, Kulturmaschinen 2012, 279 S., 17,80


Marcel Malachowski schreibt im Freitag über Musik und soziale Aspekte unserer Gesellschaft

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