Am Samstag, dem 4. September 1999, kann man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Leitartikel lesen, der nachzuweisen versucht, dass die vom vormaligen Kanzler Kohl im Wahlkampf 1990 übermütig versprochenen "blühenden Landschaften" auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR inzwischen da seien. Allerdings nähmen die "neuen Bundesbürger" die Errungenschaften der Einheit "wie selbstverständlich" hin und nörgelten, statt sie frohen Mutes zu loben, im Verein mit den "SED-Nachfolgern" in moralisch fragwürdiger Weise an den Aufbauleistungen der letzten zehn Jahre herum. Auf der dritten Seite der gleichen Zeitung wird sozusagen "live" von den noch immer andauernden Vereinigungsquerelen berichtet: Berlins "schönster Vorort" Potsdam, so heißt es, wirke "zehn Jahre nach dem Fall der Mauer wie zweigeteilt". Im Wirtschaftsteil werden unter der Überschrift "Aufholen, ohne zu überholen" nackte Zahlen aus Brandenburg geliefert: Trotz "aufwendiger Förderung des zweiten Arbeitsmarktes" liegt die Arbeitslosenquote bei 17,4 Prozent. Währenddessen pflanzt der Türke Osman Kalin im ehemaligen Sperrgebiet zwischen Kreuzberg und Berlin Mitte weiterhin Knoblauch und Pfirsiche an, und im saarländischen Marpingen erscheint in regelmäßigen Abständen die Jungfrau Maria. "Deutschland am Wochenende", wie eine einschlägige Reportageserie der FAZ heißt.
Den großen deutschen Gegenwartsroman, finden wir ihn nicht hier, in nur fünf Artikeln einer einzigen Wochenendausgabe der Zeitung für Deutschland? Was würde ein Tom Wolfe, dessen letzter Roman Ein ganzer Kerl vor kurzem auf Deutsch erschienen ist, aus einem solchen Stoff machen? Das dachte der Meister der journalistischen Epik wahrscheinlich selbst, als er vor einigen Monaten (in einer französischen Zeitung) die deutsche Erzählliteratur der Langeweile zieh und den Roman zur deutschen Einheit forderte. Und nun ist er tatsächlich da, dieser Roman, und er heißt sogar so, nämlich Deutsche Einheit. Ein Titel, der auf dem Buchumschlag noch durch die in gleicher Größe gesetzten Worte Roman von Joachim Lottmann. Haffmans. 39 Mark >ergänzt wird. Die Anordnung läßt es bereits vermuten: Dieses Buch wurde nicht nur von Joachim Lottmann geschrieben, es handelt auch von ihm. Und natürlich von der deutschen Einheit..
Aber fassen wir erst einmal zusammen: Im Jahre 1995 zieht ein nicht mehr ganz junger Mann nach Berlin. Dort soll er für eine Zeitung arbeiten. Doch bevor er auch nur einen Artikel für die immerhin 2000 Mark Vorschuss abgeliefert hat, ist der Roman zu Ende. Joachim Lottmann nämlich, der hier eben nicht nur als Autor, sondern auch als Held und Ich-Erzähler fungiert, ist in erster Linie daran interessiert, Berlin an sich auszuprobieren. Die Ergebnisse dieses Selbstversuchs werden dem Leser chronologisch mitgeteilt, und nicht immer ist Lottmann dabei so zurückhaltend wie bei der Beurteilung seines Transportmittels im ersten Absatz: "Kein Flugzeug gekriegt, erste Berührung mit der Eisenbahn seit fünfzehn Jahren. So sah das also jetzt aus, das Bahnfahren." Im Gegenteil, unser Held zeigt sich im weiteren Verlauf der Ereignisse als Besitzer starker Meinungen, die er allerdings bei seiner ersten Station, einem Besuch in der Kantine des Berliner Ensembles, noch zurückhält. Als er später in eine wüste Demonstration gerät, gelingt dies nicht mehr so gut. Während Autonome sich anschicken, Niederlassungen von Mercedes und BMW zu attackieren, regt sich sein Widerspruchsgeist: "Die letzten beiden funktionierenden Firmen, die wir Deutsche auf dem Weltmarkt noch hatten, hätten die Leute am liebsten auf der Stelle plattgemacht. Warum eigentlich? Ach ja, weil das Autos waren und Benzin verbrauchten." Wer so denkt, gehört zu den "Gorlebenleuten". Das sind "Demonstranten, die gegen das sichere Verpacken des Atoms in bombensicheren Salzstöcken im Innern der Erde waren, die aber gleichzeitig dem baldigen Hochgehen des nächsten russischen Kernkraftwerks ruhigen Blutes entgegensahen".
Man merkt bald, die lustvolle Attacke linker Gewissheiten ist dem Erzähler (und damit wohl auch dem Autor) Herzenssache. Viele mögen schon die Widmung des Buches "Für das seit Menschengedenken erste Volk des Erdballs, das, wenn auch erst seit wenigen Jahren, dafür quer durch alle sozialen Schichten, seine Vergangenheit aufarbeitet und seine Taten bereut" als gehörige Provokation auffassen, womit sie gut auf den weiteren Text eingestimmt wären. Bereits aus dieser Widmung spricht nämlich jener Gestus der Uneigentlichkeit, der für den Erzählton des Romans bestimmend wird. Ironie, Ernst oder auch beides, diese Frage stellte sich der Rezensent nicht nur einmal während der Lektüre, um irgendwann zu beschließen, dass ihre Beantwortung für das Verständnis des Buches ziemlich irrelevant sei. Denn der Journalist Lottmann mit den 2000 Mark Vorschuss in der Tasche verwandelt sich blitzesschnell in den Zufalls-Schriftsteller Lottmann, dem "Freunde aus dem Kulturbetrieb" einen Aufenthalt in der Villa des Literarischen Colloquiums verschaffen, um an einem (dem hier vorliegenden?) Einheitsroman zu arbeiten. Von dem Haus mit der geschichtsträchtigen Wannsee-Adresse aus, dem "geistigen Zentrum" der "deutschen Subventionsliteratur", erkundet er die Stadt, geht zu Konzerten und Lesungen, treibt sich in literarischen Salons herum und stellt vor allen Dingen den Frauen nach, freilich mit weit weniger Erfolg als seine Kollegen Rafael Seligmann und Vladimir Sorokin, die, wie viele andere "reale" Personen als Romanfiguren auftreten. So wird es erst im Epilog etwas mit der von Lottmann ersehnten individuellen "deutschen Vereinigung", unter dem Einfluss einer "Überdosis Viagra". Inzwischen schreibt man das Jahr 1999, "Gerhard S. brachte den Optimismus", "die Ossis kleiden sich unauffällig elegant" und wo einst "Albert Speers virtuelle Hauptstadt ÂGermaniaÂ" entstehen sollte, findet man jetzt "Daimler City". Eben hier endet der Roman. Nachdem die letzte Frage des Erzählers, nämlich warum man einen Mercedes 600 SEL mit einer "Billig-Spielzeugleuchte ÂMade in ChinaÂ" verunziert habe, ungeklärt geblieben ist, taucht er mit seiner Begleiterin Maren in "die Jetztzeit der endlich geglückten Einheit" ein. Denn wie hatte die Mercedes-Verkäuferin so treffend gesagt: "Die Antwort ist in jedem Fall klar: Wir wissen es zwar nicht, aber Sie können sich darauf verlassen, daß es dafür einen gu ten Grund gibt!"
So wie es wahrscheinlich auch einen guten Grund dafür gibt, dass Lottmanns Erzählungen ausgerechnet als Roman daherkommen. Und hier dürfen Vermutungen angestellt werden. Die einfachste wäre, dass es um den Nachweis der Unmöglichkeit geht, den Roman über die "deutsche Vereinigung" zu schreiben. Dass ein Autor sich stattdessen mit neuer deutscher (Christian Kracht) und etwas älterer amerikanischer Literatur (Bret Easton Ellis), die der Erzähler mit sich herumträgt, befassen müsse, um gegebenenfalls ab und zu scharfe Worte über den Kulturbetrieb zu verlieren. Lottmanns Erzählung zum Klagenfurter Lesewettbewerb in einer Ausgabe der Zeitschrift Der Rabe lässt solches vermuten. Aber vielleicht glaubt er auch, dass nur der Typ des Pseudo-Schlüsselromans, in dessen Verlauf sämtliche Protagonisten als durchaus bescheuert überführt werden, eine gescheite Antwort auf die Herausforderung des Gegenstands sei? Schließlich trug der erste Band von Eckhard Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns Die Vollidioten (1973) die Bezeichnung Ein historischer Roman aus dem Jahre 1972, auf den der Untertitel von Deutsche Einheit deutlich anspielt. Ebenfalls aus dem Jahre 1972 stammt Jörg Schröders dem Schriftsteller Ernst Herhaus diktierter Bekenntnisroman Siegfried, in dem der Literaturbetrieb einer wüsten Demontage unterzogen wurde. Und wenn den Rezensenten nicht alles täuscht, findet die dort erstmals erprobte Methode, Realität in Literatur zu überführen, momentan nicht wenige Nachahmer, man denke nur an die "Erzählung" livealbum von Benjamin von Stuckrad-Barre.
Lottmanns mittlerweile sagenumwobenes Debüt von 1987, Mai, Juni, Juli, handelte von der Unfähigkeit,einen Stoff für einen Roman zu finden. Der Rezensent fand das damals ziemlich blöd und verfasste in jugendlichem Eifer eine "Warnung vor dem Buche", in der er behauptete, er habe "das unsägliche Buch" nicht gelesen, was natürlich gelogen war. Deutsche Einheit bietet Stoff genug für viele Romane, ist selbst aber nur in dem oben bereits skizzierten, "uneigentlichen" Sinne selbst einer. Es ist unwahrscheinlich, dass Tom Wolfe mit ihm zufrieden wäre, aber vielleicht ist das auch ganz gut so.
Joachim Lottmann: Deutsche Einheit. Ein historischer Roman aus dem Jahre 1995. 383 Seiten. Haffmans Verlag. Zürich 1999. 39,00 DM.