Politik

Community-Debatte | 13.03.2009 13:00 | Ulrike Baureithel

German Amok

Freitag-Autorin Ulrike Baureithel zur Community-Debatte über den Amoklauf von Winnenden und über die Zeichen, die uns die „VeRRückten“ dieser Gesellschaft geben

„Jetzt schlägt die Stunde der Experten“, schrieb gestern unser User Frans-von-Hahn in einem Kommentar. Will sagen: Wenn der erste Schock vorbei ist, wird nach Ursachen gesucht, die zu erhellen wir uns von den Sachverständigen erhoffen. Statt sich hinter Expertenmeinungen zu verschanzen, hatte die Redaktion des Freitag die Community aufgerufen, sich mit ihr über die schrecklichen Ereignisse in Winnenden auszutauschen, und die Reaktionen deuten auf ein starkes – wenn auch nur virtuell ausgelebtes – Bedürfnis nach Kommunikation hin.

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Wie überall im Land, folgte auf den ersten Schock – auf die Ungläubigkeit, dass so etwas wieder einmal nebenan, in einer kleinen, scheinbar wohlgeordneten Stadt ohne größere Probleme, mitten unter uns passiert – das Bedürfnis, das Unerklärliche zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren: „Wirkliche Trauerarbeit“ würde nicht mehr gelernt, beklagt Nutzer Bildungswirt angesichts der plappernden Medienheuchelei. Er schwanke zwischen „Obsession“, die ihn unablässig vor dem Fernseher halte, und „Gleichgültigkeit“, schrieb Blogger Lukas Heinser schon am Dienstag. „Und wieder einmal fühle ich mich schlecht“, bekennt blunez, denn die Trauer würde von der Wut verdrängt, die Tim K. wieder einmal zu einem Einzeltäter mache. Dass „jeder von uns heftige Hassanfälle“ kennt und sich in Racheszenarien reinsteigern könnte, glaubt auch m1, und User merdmeister treibt diese Überlegung sogar auf die Spitze: „In jedem von uns steckt ein Amokläufer“.

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Die Freitag-Community, interpretiere ich diese Reaktionen, hat ein sicheres Gespür für das „Zeichen“, das „Winnenden“ setzt: Über den wie auch immer durchgeknallten, verzweifelten Schüler, der seinen Selbstmord möglichst medienwirksam und blutrünstig inszenieren wollte, hinaus, sieht sie in dem, was da passiert, ein Menetekel, das auf uns selbst und unsere gesellschaftliche Verfasstheit verweist: Niemand sei als Amokläufer geboren, glaubt Jakob Fricke, der sich nicht mit Gewalt, die schicksalhaft über uns kommt, abfinden will; die Konkurrenzgesellschaft, die nur vom Vergleich lebe, grenze Menschen, die mit diesen Regeln nicht klarkommen, aus, beklagt ufin; „in welcher Kultur, in welchem Dampfkessel leben wir!“, fragt rhetorisch nbo; und saturday sieht einen Zusammenhang zwischen Amok und Krieg: „Mein Eindruck ist, dass ein Krieg führender Staat das Verhältnis seiner Bewohner zu Gewalt massiv verändert.“ Aus einer solchen Perspektive wäre auch eine Verschärfung des Schusswaffengesetzes keine probate Gegenmaßnahme, sondern diente höchstens der Selbstberuhigung.

Wie überall machen sich auch User und Blogger im Freitag Gedanken über den Zusammenhang von Amok und Internet. Der Beitrag von Axel Brüggemann hatte dazu ein erstes Angebot gemacht: Nicht nur nutzten Amokläufer wie Tim K. das Internet, um sich aufzuheizen und ihre Tat „unernst“ anzukündigen, die Netzgemeinde mache den Schauplatz der Tat zum virtuellen Tatort und inszeniere dort selbst ihren Kriminalboulevard. Insofern sind wir als Konsumenten alle eingebunden in die „Tat“, ihre freiwilligen oder unfreiwilligen Mitspieler – „eine fatale Kommunikationsform“, wie der Kollege Steffen Kraft meint. Ohne Internet und Medien kein „Genre“ und immer neue Vorlagen, ohne sensationsheischendes Publikum kein Anreiz, auf diese Weise unsterblich zu werden.

Man solle wieder mehr aufeinander aufpassen, empfehlen Experten, was Freitag-Verleger Jakob Augstein sofort alarmiert, weil er den „Kontroll- und Präventionswahn“ schon auf die Peer Groups ausgeweitet sieht. Wohl wahr. Aber ob Nur-Schweigen ein Ausweg ist? Ein junger Mann namens Tim K. hat mit seiner schrecklichen Tat eine neue Wirklichkeit hervorgebracht, zu der wir uns, so oder so, verhalten müssen. Über seine individuellen, angesichts der grauenvollen Folgen immer nur als „banal“ zu wertenden Gründe zu spekulieren, wird weiterhin Geschäft der Medien sein. Und schon bald, prophezeit I.D.A. Liszt, „wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“

Ich persönlich glaube, dass wir ernst nehmen sollten, dass es sich bei Amokläufern fast immer um Jugendliche an der Grenze zum Erwachsenenalter handelt, als ob diese Grenze, diese „Haut“ – über alle individualpsychologischen Deutungen hinaus – besonders anfällig und verletzlich sei. Was unsereins tagtäglich unterdrückt und was als erfolgreiche Zivilisationsleistung empfunden wird, bricht sich bei jugendlichen Amokläufern Bahn: Ein Leib, der mit der Umwelt nicht in Einklang gebracht werden kann. Kein Zufall, dass es sich fast ausschließlich um männliche Jugendliche handelt, und nicht deshalb etwa, weil die waffennärrischer sind. Männliches Dominanzgebaren wird nicht nur in der Schule eingeübt, sondern auch in der hohen Politik kultiviert, man muss da gar nicht an den abgetretenen amerikanischen Präsidenten erinnern.

Mein Eindruck ist, dass sich das mit der gesellschaftlichen „Feminisierung“ sogar noch verstärkt hat. Es sind dann gerade die Zurückgewiesenen, Sensiblen, Verschreckten, die „austicken“. Zu früheren Zeiten pflegte man die Jungmännerkohorten regelmäßig in den Krieg zu schicken. Jetzt machen sie ihren eigenen Krieg. Mitten unter uns. Dass wir jedes Mal „geschockt“ reagieren zeigt, dass wir das „Zeichen“ dieser „VerRRückten“, wie merdmeister sie nennt, durchaus verstehen. Die „Wahrheit“ einer Gesellschaft war schon immer an ihren Randbereichen und Grenzen auffindbar.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 13.03.2009 um 13:29
Liebe Ulrike Baureithel,
vielen Dank für Ihren klugen und engagierten Beitrag an dieser Stelle.
Trotzdem möchte ich darin noch einmal auf einen Punkt eingehen, an dem sich bei mir Widerspruch regt. Sie schreiben: "Aus einer solchen Perspektive wäre auch eine Verschärfung des Schusswaffengesetzes keine probate Gegenmaßnahme, sondern diente höchstens der Selbstberuhigung." Das ist mir zu theoretisch, denn: Hält man sich die Abläufe von sogenannten Amokläufen, insbesondere verbunden mit "school shooting" vor Augen, gibt es sehr wohl eine sehr effiziente Möglichkeit zu unterbinden (oder zumindest wesentlich zu erschweren), dass es bis zum Äußersten kommt. Und warum sollte man diese Möglichkeit nicht ausschöpfen, auch wenn sie -aus Ihrer Sicht- "höchstens der Selbstberuhigung dient"? Selbstverständlich löst eine Verschärfung des Deutschen Waffengesetzes in diesem Punkt nicht eine der hier im Blog besprochenen, komplexen Problematiken. Aber möglicherweise ist es nicht mehr ganz so einfach für junge Männer, einen solchen Weg wie Tim K. oder Robert Steinhäuser zu beschreiten. Ja, und dass finde ich zunächst auch beruhigend zu wissen. Und kann daran nichts Schlechtes finden. (Mein 11-jähriges Kind musste ich am Abend dieses schrecklichen Tages sehr lange versuchen zu beruhigen. Immer wieder bekam ich von ihm ganz konkret die Frage gestellt, wie man es anstellen könne, dass so etwas wie in Winnenden bitte-bitte ganz schnell nicht möglich ist...)
grußmcmac
Siggi schrieb am 13.03.2009 um 23:33
Warum

, liebe Frau Baureithel ?

Weder ist diese Tat "German", noch "Amok" .

Sie können Überschriften besser, treffender und ohne Orwell`sches Neusprech.

Ein geplanter, logistisch erdachter und durchgezogener Rachefeldzug bleibt, was er war. Ein Rachefeldzug und eine (selbstmörderische) Abrechnung.

Und Deutschland nimmt m.W. in dieser "Disziplin" den traurigen 2. Platz innerhalb des Globus ein.

Wobei die Taten m.E. nach in den 20-er Jahren von deutschsprachigen, entsprechend wahrnehmungsbegabten Schriftstellern und Journalisten konkret aufgegriffen und veröffentlicht wurden.
Helmuth Lethen hat die soziologische Arbeit geleistet und wertvolles dazu (Verhaltenslehre der Kälte) geschrieben.
Neuere und bessere Erkenntnisse dazu dürfte es auch heute nicht geben......
Joachim Losehand schrieb am 14.03.2009 um 09:27
"German Amok" ist offensichtlich ein Zitat des gleichlautenden Titels von Feridun Zaimoglu (KiWi 2002).
Lorz schrieb am 13.03.2009 um 13:46
Ich schließe mich "mcmac" an; Dreh- und Angelpunkt bei solchen Taten ist der Zugang zu Waffen; in dem Zusammenhang sollten paramilitärische Freizeitbeschäftigungen wie "Schießsportvereine" und populäre Militärübungen wie "Biathlon" generell in Frage gestellt werden.
mcmac schrieb am 13.03.2009 um 17:59
Liebe(r) Lorz,
vielen Dank für Ihren Beitrag und die darin enthaltene Unterstützung!
Ich möchte auf Ihre weiter führenden Gedanken eingehen.
Ich vermute, dass es Ihnen bei einer generellen Infragestellung bestimmter Sportarten und Freizeitbeschäftigungen eher darum geht, in wie weit diese gesellschaftlich als sakrosankt gelten oder -gegenteilig- in der Wahrnehmung einer Gesellschaft geächtet werden sollten. Einer solchen Position würde ich mich anschließen.
Läge ich mit meiner Vermutung nicht richtig und Sie sind möglicherweise eher der Meinung, dass diese Freizeitbeschäftigungen z.B. verboten werden sollten, denke ich, dass man damit doch ein wenig über das Ziel hinausschießt (...oops, Entschuldigung).
Wahrscheinlich wäre eine solche Verbots-Forderung dem Ziel (das Waffengesetz so zu gestalten, dass -insbesondere junge Menschen, aber auch jede andere Privatperson- keinen Zugang zu Feuerwaffen und Munition in Wohnungen haben) zunächst nicht zuträglich, weil politisch, denke ich, nicht durchsetzbar.
Es reicht m.e. völlig aus, bzw., wäre es ein großer Schritt in Richtung einer -kurzfristig gesehen- größtmöglichen Vermeidung solcher Amokläufe, gesetzlich klar zu stellen und zu regeln, dass Knarren und andere Schießprügel sowie dazugehörige scharfe Munition nicht in privaten Wohnräumen gelagert werden dürfen.
Allerdings scheinen viele, maßgebliche Politiker das nicht so zu sehen. Sie haben ihre Gründe, wohl eher wahltatktische, als vernünftige.
Etwa ab Anfang April kann man -hoffentlich- unter epetitionen.bundestag.de eine entsprechende Petition mitzeichnen, um den Gestztgeber diesbezüglich vielleicht ein wenig zur Vernunft zu bringen...
grußmcmac
ChristianBerlin schrieb am 14.03.2009 um 12:01
@Ulrike Baureithel

[Zitat Ulrike Baureithel]Aus einer solchen Perspektive [die Autorin meint damit die Ansicht, dass Schoolshooter nur als Symptom einer gewalttätigen, kriegführenden Gesellschaft sind] wäre auch eine Verschärfung des Schusswaffengesetzes keine probate Gegenmaßnahme, sondern diente höchstens der Selbstberuhigung.[/Zitatende]

Dieses Argument, mit dem Du Schäuble "Schützenhilfe" leistest, ist aus meiner Sicht hier schon widerlegt worden. Jedenfalls stehen dazu Gegenargumente in einem Blogbeitrag, den Du offensichtlich als Meinungsgegner nutzt ohne ihn ausdrücklich zu nennen.

Damit wir nicht weiter aneinander vorbeireden, wiederhole ich das schon Gesagte und nehme dabei aber ausdrücklich auf Dein Argument Bezug:

1. Dein Argument hätte nach dem 26. Juni 2000 genauso gegen eine Verschärfung der Hundegesetze eingewendet werden können. Damals war gerade das Kosovo von der NATO nach einem völkerrechtswidrigen Krieg besetzt worden (ein Rückblick war hier erst diese Woche zu lesen). Das Kampfhundeunwesen konnte man in dieser Perspektive ebenfalls als Symptom einer gewalttätig gewordenen Gesellschaft bewerten.

Zwar haben die Hundegesetze dann nicht alle Kriege beendet oder die Menschen hier zur Gewaltfreiheit bekehrt. Dennoch mussten wir diese schrecklichen Bilder zerfetzter Kinder nicht mehr sehen, nachdem der Gesetzgeber die Fortsetzung abbestellte und den Hundehaltern heftige Restriktionen zumutete. Das hat funktioniert, und das würde nach dem Analogieprinzip ähnlich auch bei den Waffen funktionieren.

Soweit die Fakten, jetzt zur Bewertung: Willst Du allen ernstes behaupten, es sei verwerflich, unschuldige Kinder vor solcher Gewalt zu schützen, weil das nur Symptome kuriert und unserer Gesellschaft dann der Spiegel ihrer eigenen Aggressivität nicht mehr vorgehalten wird? Ich weiß nicht, ob ich so eine Forderung aus Deinem Text herauslesen soll. Aber ein anderes Argument höre ich da nicht.

[...]
ChristianBerlin schrieb am 14.03.2009 um 12:02
[...]

2) Gegen die Theorie, dass sich durch Restriktionen im Waffenbesitzrecht Schoolshootings effektiv gar nicht verhindern ließen, weil ....(dies oder das spekulative Gegenargument)...., spricht die harte Tatsache, dass es in der DDR tausendmal mehr nachvollziehbare Gründe gab, sich von der Insitution Schule persönlich verletzt zu fühlen, es dort sicher bedauerliche Selbsttötungen, aber kum unschuldige Kinder erweiterten Selbsttötungen in Gestalt von Schoolshootings.

Es hätte nicht ins System der DDR gepasst, wenn Schützen ihre Waffen zu Hause aufbewahrt hätten, aber ich halte diese Restriktion für die entscheidende Ursache, dass es dort nicht dazu kam. Alle Argumente, die schoolshooting psychologisch und sozial erklären, schließen die Konsequenz logisch ein, dass Shootings in der DDR geradezu massenweise hätten stattfinden müssen - was dann nur an der simplen Tatsache gescheitert sein kann, dass man dort an keine Waffen kam, ohne bemerkt zu werden.

3) Zum Schäuble Argument, dem Du Dich glücklicherweise nicht angeschlossen hast, - die gegenwärtigen Gesetze seien ausreichend, um schoolshootings zu verhindern, sie müssten nur befolgt werden - möchte ich ergänzend anmerken, dass es sich selbst widerlegt.

Tut mir leid, wenn ich ein wenig gereizt reagiere. Ich ärgere mich tatsächlich, dass Du in so einem resümierenden Beitrag eine Gegenmeinung mit einem in sich nicht logischen Scheinargument (oder habe ich es nicht verstanden?) vom Tisch wischst und die Argumente, mit denen die gegnerische Meinung hier begründet wurde, einfach ignorierst, statt Dich sachlich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Thema und die Sichtweise seines Beitrages bestimmt natürlich jeder Autor selbst. Wenn er aber dabei auf andere Autoren Bezug nimmt, gelten in einer konstruktiven Diskussionskultur ungeschriebene Regeln der Fairness. Vielleicht irre ich mich ja, aber dann möchte dafür hier auch Argumente lesen, sonst bringt mich das nicht weiter und die Diskussion geht aneinander vorbei. Sorry, sorry, sorry. CB
Ulrike Baureithel schrieb am 16.03.2009 um 09:51
... und auch noch hierzu: Ich halte es für nicht ausgemacht, ob die DDR die pazifiziertere Gesellschaft war, nur weil es dort verboten war, Schusswaffen zuhause aufzubewahren. Ich weiß persönlich von Fällen, wo Waffennarren ihre Knarren im Wald verbuddelt hatten (ohne deshalb natürlich Amok zu laufen, das eine zieht das andere ja nicht gleich nach sich). Ich wollte auch keineswegs Schäuble das Wort reden (s. unten stehender Kommentar) und auch keine Gegenmeinungen "vom Tisch wischen”. Ich glaube einfach nur, diese Diskussion geht am Problem vorbei.
ChristianBerlin schrieb am 17.03.2009 um 09:15
Liebe Ulrike,

wir reden tatsächlich aneinander vorbei, und nicht nur wir beide, sondern zwei Diskussionstränge, die das Ereignis anders auswerten.

Die eine Diskussion befasst Suche nach der Prophylaxe gegen Schoolshooting. Das ist mein Thema, und hier lässt sich ein einfacher Syllogismus aufstellen: Bei allen drei Shoolshootings (Erfurt, Emsdetten, Winnenden) treffen zwei voneinander unabhängige Tatmerkmale zusammen: Das Motiv und die (verfügbare) Waffe. Schließe eins davon sicher aus, und das ganze passiert nicht mehr. Und das sollte dasjenige sein, dessen Ausschluss möglich ist, ohne dass es uns alle die Freiheit kostet. Das geht nur bei der Waffe. Jedes Motiv sicher auszuschließen, würde totale Kontrolle bedeuten - bitte nicht.

Dein Gegenargument mit den verbuddelten Waffen lasse ich eingeschränkt gelten. Die Einschränkung besteht in der statistischen Irrelevanz gegenüber den Waffen, die heute in Haushalten aufbewahrt werden. Die Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens eines Motivs mit einer verbuddelten Waffe, von der ein desprate Kid wusste, geht gegen null - oder nicht?

Übrigens hat ein anderer Autor (Kötter) gerade auf den statistisch nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Waffenverbreitung und Gewaltdelikten mit Waffen hingewiesen - was wieder damit zusammenhängt, dass Motive anscheinend ubiquitär sind. Oder steigen sie sogar proportional zur Waffenverbreitung, wie Michael Francis Moore in Bowling for Columbine durch den Vergleich USA/Canada zu belegen versucht?

[...]
ChristianBerlin schrieb am 17.03.2009 um 09:16
[...]

Diese Frage ist auch schon die Überleitung zum zweiten Diskussionsthema. Dabei geht zunächst nicht um die sicherste Prophylaxe gegen Wiederholer und Nachahmer, sondern ums Verstehen der Motive.

Dagegen ist nichts einzuwenden, außer dass wir zu wenig wissen und zu sehr auf Spekulation angewiesen sind. Ich möchte mich vor allem deshalb nicht dazu äußern, weil ich von Anfang sehr konkrete Vermutungen hatte, die auf eine Vorverurteilung des Vaters hinauslaufen. Ich kann warten, bis Fakten bekannt sind. Andere wiederum sind sich sicher, dass wir es hier nicht mit individueller Gewalttätigkeit zu tun haben, sondern mit struktureller Gewalt, die in unserer Gesellschaft liegt. Das liefe dann darauf hinaus, dass jeder ein Amok-Motiv gehabt hätte, die meisten merken das nur nicht. Ich will die Gewalt in dieser Welt keineswegs leugnen. Nur lässt sich deren Weg bis in den Kopf des Täters nicht abstrakt korrekt nachzeichnen. Und dieser Weg verläuft nur selten an konkreten Personen vorbei. Aber das ist alles, wie gesagt, Spekulation - nichts Konkretes weiß man nicht, jedenfalls nicht genug, um mehr als fantasieren oder spekulieren zu können.

Was man schon immer dachte und auch bisher schon zu sagen wagte, kann man dennoch bei dieser Gelegenheit noch mal ausbreiten - warum nicht. Es trägt aber kaum zur Aufklärung bei und schon gar nicht zu einer sicheren Prophylaxe - obwohl es immer unterstützenswert ist, *unnötige Gewalt zu thematisieren und abbauen zu wollen, wo es nur geht.

*(Mit "nötiger" Gewalt ist das Gewaltmonopol des Staates und das Notwehr/Nothilferecht gemeint, das durch dasselbe Prinzip des "kleineren Übels" legitimiert ist: Gewalt nur in dem Maße, wie sie unumgänglich ist, um exzessive Gewalt abzuwenden)
pandoria schrieb am 15.03.2009 um 02:35
Der These, dass männliches Dominanzgebaren sich mit der gesellschaftlichen „Feminisierung“ noch verstärkt habe, kann ich nicht unbedingt zustimmen. Ich erlebe eher im Gegenteil: dass männliche Kollegen heute kollegial und respektvoll sind. Aber das mag von Umfeld zu Umfeld unterschiedlich sein.
Der These, dass gerade die Zurückgewiesenen, Sensiblen, Verschreckten die seien, die austicken, stimme ich 100% zu. Denn dieser Persönlichkeitstyp wird in der Regel von der Umwelt, zumal unter Jugendlichen, vollkommen missverstanden: Die Feinfühligen sind in der Regel ruhige Naturen, gehen also in Gesellschaft von tendenziell lauten Jugendlichen leicht unter. Sie müssen sich dann schon anderweitig hervorstechen, um wahrgenommen zu werden: durch überdurchschnittliche Intelligenz, überdurchschnittliche Attraktivität, überdurchschnittlichen Witz, überdurchschnittliche Sportlichkeit... wenn aber nichts davon der Fall ist, wenn sie nirgendwo über dem Durchschnitt liegen außer in der Wahrnehmung ihrer Umwelt (wenn sie also alles spüren, aber nichts davon verarbeiten können, keine Kanäle haben für ihre Wut) bleibt ihnen nur: überdurchschnittliche Gewalt. Und schon werden sie wahrgenommen! Und wie!
Ulrike Baureithel schrieb am 16.03.2009 um 09:43
Nun doch noch ein paar Anmerkungen zu euren Kommentaren:
Zu mcmac und Lorz: Ich wollte keineswegs verharmlosen, dass erst der Zugang zu Schusswaffen einen Amoklauf wie in Winnenden und anderswo möglich macht. Insofern sind hier vor allem Erwachsene aufgerufen, ihre Schusswaffen - wenn sie denn meinen, sie zuhause halten zu müssen, was ich ohnehin fragwürdig finde - so unter Verschluss zu halten, dass Jugendliche absolut keinen Zugang dazu haben. Aber mir ging es in meinem Kommentar ja um etwas anderes: Ich glaube, es geht an der eigentlichen Problematik vorbei, über ein technisches Detail wie die Verschärfung der Waffengesetze zu diskutieren. Wir müssen uns doch fragen, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist, in der sich Jugendliche nicht nur virtuell in Gewaltszenarien verstricken, was in einem bestimmten Alter vielleicht zur Individuation gehört, ob lesend oder per Computerspiel, sondern sie dann auch ausleben.
Zu siggi: Ja, das ist richtig; L. nimmt dabei Bezug auf Plessner, der wiederum von Gehlen popularisiert wurde. Die Analysen des Letzteren - nicht seine Schlussfolgerungen! - geben reichlich Anhaltspunkte für die sozialpsychologische Konstitution moderner Menschen.
mcmac schrieb am 16.03.2009 um 22:22
Liebe Ulrike Baureithel,
vielen Dank für Ihre Reaktion.
Sie schreiben u.a.: „Ich glaube, es geht an der eigentlichen Problematik vorbei, über ein technisches Detail wie die Verschärfung der Waffengesetze zu diskutieren.“
Ich meine, dass der Teufel an dieser Stelle ganz besonders in besagtem Detail steckt und dass es leider bis dato an politischem Willen mangelt, diese Gesetzeslücke zu schließen: Es geht auch und vor allem um eine nicht unerhebliche Anzahl (konservativer) Wählerstimmen, die man befürchtet zu verlieren. Dieser sich an diesem Punkt -wieder einmal- offenbarende, abgrundtiefe Zynismus der politisch Verantwortlichen ist aber Teil der Problematik, die Ihnen wichtig ist! (mir auch!) Die weite Teile des politischen Handelns durchziehende zynische Grundhaltung (die dann ja auch etwas macht mit einer Gesellschaft), kristallisiert in diesem kleinen technischen Detail sehr deutlich und konkret. Deshalb ist ein Verbot nicht nur eine kleine, aber wesentliche Detaillösung, sondern auch eine große politische Nagelprobe: Am Verhalten der Politik in dieser scheinbaren Detailfrage wird möglicherweise auch sehr deutlich, wie und warum es so um eine Gesellschaft wie die unsere bestellt ist.
Um erst gar keine Missverständnisse an dieser Stelle aufkommen zu lassen: Es geht mir nicht darum, ein solches Verbot zu instrumentalisieren. Es geht mir ganz konkret um dieses Verbot, weil -ich wiederhole mich, ich weiß- es nach dem Kleine-Ursache-große-Wirkung-Prinzip ein Detailrisiko -aber im Falle eines Falles ein über Leben und Tod entscheidendes- weitestgehend beseitigt.
Beste Grüße.
mcamc
ChristianBerlin schrieb am 16.03.2009 um 15:44
@Ulrike Baureithel

[Zitat Ulrike Baureithel]Insofern sind hier vor allem Erwachsene aufgerufen, ihre Schusswaffen - wenn sie denn meinen, sie zuhause halten zu müssen, was ich ohnehin fragwürdig finde - so unter Verschluss zu halten, dass Jugendliche absolut keinen Zugang dazu haben. [/Zitatende]

Dur wirst nicht müde, Dich zu wiederholen - ich aber auch nicht.

Einen solchen Aufruf gab es schon vor Emsdetten und Winnenden. Er genügte offensichtlich nicht. Ich kann deshalb nicht verstehen, dass dieses untaugliche Rezept immer noch als Lösung angeboten wird. LG CB
m 1 schrieb am 16.03.2009 um 22:03
Freitag-Autorin Ulrike Baureithel: "Dass „jeder von uns heftige Hassanfälle“ kennt und sich in Racheszenarien reinsteigern könnte, glaubt auch m1"

Durch dieses unsauber aus dem kurzen Zusammenhang (der bei mir folgenden Schlussfolgerung) gerissene und mehr als dezent verfälschte Zitat fühle ich mich benutzt. Technisch schlimm finde ich desweiteren, dass es keinerlei Verlinkung gibt, um dem Leser wenigstens die Chance auf eine Nachprüfung zu geben. Mir ging es um eine aufeinander aufbauende Kausalkette, deren Eskalation unterbunden werden muss, und nicht um 'heftige Hassanfälle'. Unterlassen Sie bitte derartige Instrumentalisierungen.

"Die Kausalkette bricht an ihrer schwächsten Stelle und dieses schwache Glied ist das Herankommen an die für die Tatausführung nötigen Mittel/Waffen.

Ich unterstelle mal jeder von uns hatte bereits heftige Hassanfälle gegen eine oder mehrere Personen. Ich unterstelle ebenfalls, dass jeder von uns schon konkrete Bilder vor Augen hatte, wie er/sie die Agression durchführen wollte. Aber am Ende scheitert es am Organisatorischen und man schläft eine Nacht drüber, beruhigt sich wieder und wägt die Hassanfälle gegen die wieder an die Oberfläche kommenden Vernunftsgründe ab. Der Grund für das Hineinsteigern? Ohnmacht.

Wenn aber die zur Tatausführung nötigen Waffen und Mittel zur Verfügung stehen, dann wird es auch zu Taten kommen."
Magda schrieb am 18.03.2009 um 10:05
Zitat:Die „Wahrheit“ einer Gesellschaft war schon immer an ihren Randbereichen und Grenzen auffindbar. Zitatende

Der Satz hat es mir angetan. Heute habe ich über Elfriede Jelineks Stück "Die Kontrakte des Kaufmannes" gelesen und gefunden: "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Amoklauf schweigen". Sehr prägnant, a bisserl verkürzt, aber Fragen aufwerfend, wie die folgende: Läuft nicht auch die Minderheit der privilegierten Geldvermehrer seit geraumer Zeit Amok? Immer verrückter, immer mehr Opfer fordernd.
Magda
mcmac schrieb am 19.03.2009 um 12:56
Was wir in Winnenden sahen, war -wieder einmal und ganz nah- die unverstellte, mörderische, dämonische Fratze des real existierenden Kapitalismus. Und darüber ist vor allem zu reden! Richtig! -Die amoklaufenden Geldvermehrer, die amoklaufenden Politiker, die amoklaufenden Medien; alles Steigbügelhalter einer verschwindend kleinen Minderheit unvorstellbar Reicher, die sich in dieser geschundenen Welt ihr Himmelreich auf Erden errichten und während dessen im Innersten zynisch grinsen über unsere Aufgeregtheiten. Und deshalb muss man, neben aller notwendigen Reflexion, auch beginnen, etwas zu tun! Um es mit mit unserem Mitblogger m1 auszudrücken: „Die Kausalkette bricht an ihrer schwächsten Stelle und dieses schwache Glied ist das Herankommen an die für die Tatausführung nötigen Mittel/Waffen. [...]Wenn aber die zur Tatausführung nötigen Waffen und Mittel zur Verfügung stehen, dann wird es auch zu Taten kommen. “
Axel Garbelmann schrieb am 19.03.2009 um 23:45
Zu ddem Thema des Amoklaufes in unserer Gesellschaft fällt mir eine gewisse Unschärfe auf. Als Tim Kretzschmer "durchdrehte", war das Ergebnis ein gewaltiges Medienecho von allen Seiten. Und genau, aber ganz genau, wie nach Erfurt schlagen die selben Mechanismen an, es sind fast genau die selben Fragen und Reaktionen. Und sie werden wahrscheinlich ebenso ergebnislos verlaufen, da nur in der Betrachtung dieses einen Falles keine allgemeingültigen Antworten zu finden sein werden. Tatsächlich geht dabei nur der Blick für das verloren, was sich noch alles an Gewalt, tödlicher Gewalt, in Deutschland abspielt.

Wieso, frage ich mich, ist jeder gebannt von der Tat des Tim K., der bei näherer Betrachtung nicht sehr viel anders als tausende anderer Realschüler zu sein schien - und in der heutigen Zeitung lese ich von dem Familienmassaker in Lamspringe, was nicht viel mehr als eine kleine Meldung war. Nur, diese Meldung steht nicht allein: Wenn ich richtig sehe, sind Meldungen über Familienmassaker wie in Lampsringe alle drei Wochen in den Zeitungen. Aber hier exisitert offenbar kein näherer Erklärungsbedarf, warum Familienväter in ihren eigenen Familien Amok laufen, und zwar in diesem Jahr, nur, dass ich etwas erfahren habe, ca. 5 Mal in Deutschland.

Ein Mann erschiesst seinen achtjährigen Sohn. Ein anderer tötet sein kleines Kind, ebenfalls mit einer Schusswaffe. Beide waren um die 40 Jahre alt.

Tim K. war ein Teenager. Die meisten Teenager vollziehen ihren Selbstmord ohne Einbeziehung von anderen - aber sie tun es. Immer noch sind Teenager die am meisten von Suizid bedrohte Altersgruppe.
Und das Medienecho schreibt ÜBER die Jugendlichen, aber sie redet mit ihnen nur als Zaungäste der Katastrophe. Wo aber ist die Wahrnehmung der Ängste und stillen Verzweiflungen, und die Frage, woher ein Druck kommt, der Menschen zu Mördern werden lässt.

Jugendliche Verzweiflung kann für die mordenden (und selbstmordenden) Familienväter nicht gelten.

Ich muss Fragen: Sieht niemand einen Zusammenhang zwischen diesen Taten? Ist der einzige Unterschied, das Tim K. die Öffentlichkeit in seine Tat blutig mit einbezog, aber die anderen Massaker sich sozusagen im Privaten, in den Reihenhaushöllen der Vorstädte, abgespielt haben?

Ich möchte, dass dieser Zusammenhang hergestellt wird. Tim K.s Tat war ein besonders krasser Auswuchs, seine Brutalität und Konsequenz stellen eine besondere Qualität dar - aber, unter Einbeziehung der Familienmorde in der letzten Zeit, nur von einem Einzelfall zu sprechen, einer einzigartigen Katastrophe, wird weder den gesellschaftlichen Realitäten, noch den Opfern gerecht.
Ulrike Baureithel schrieb am 20.03.2009 um 09:47
Dieser Gedanke, lieber Axel Garbelmann - nämlich nach dem Zusammenhang zwischen der Tat von Tim K. und den durchdrehenden Familienvätern, die ihre Kinder und Frauen in den Tod nehmen -, ist mir auch spontan gekommen, als ich von der Nachricht aus Lamspringe hörte. Aber vielleicht empfinden wir die Jugendlichen, wie ich es in meinem Kommentar beschrieben habe, tatsächlich als die vulnerabelste Stelle in der Gesellschaft und reagieren deshalb anders. Oder evt. gibt es diese noch ganz archaisch verankterte Vorstellung des Patriarchats, der "Herr im Haus" könne nach Belieben über die Seinen bestimmen.
ChristianBerlin schrieb am 20.03.2009 um 16:55
Verstehe ich das absichtlich falsch? Die Ausgangsfrage war doch:

[Zitat Axel Garbelmann]Als Tim Kretzschmer "durchdrehte", war das Ergebnis ein gewaltiges Medienecho von allen Seiten.[...]und in der heutigen Zeitung lese ich von dem Familienmassaker in Lamspringe, was nicht viel mehr als eine kleine Meldung war[/Zitatende]

Diese Relation trifft ja auch auf den Freitag zu: Zu Tim K. ein halbes Dutzend redaktioneller Beiträge (wenn auch z.T. "über Bande", z.B. das Medienecho UND die Tat thematisierend), zu Lamspringe dagegen: ???? - nicht zu finden.

Will die Redaktion nunmehr zwei Erklärungen anbieten, aus welchen Motiven heraus sie selbst das eine Thema so viel stärker gewichtet als das andere, oder was damit soll erklärt werden?
wurstwasser schrieb am 20.03.2009 um 17:27
Eine öffentliche Diskussion über Zusammenhänge würde an das unbequeme Thema unserer Gesellschaftsordnung rühren. Der jugendliche Amokläufer lässt sich dagegen isoliert betrachtet leicht auf "enthemmt durch Killerspiele" und "fahrlässige Eltern" reduzieren.
Warum aber diese Zunahme solcher Gewalttaten erst in den letzten 15 Jahren? In meiner Kindheit und Jugend auf dem Land war das TV-Kinderprogramm dank Tom & Jerry mindestens so gewalttätig wie heute, im Erwachsenenprogramm liefen die ganze Zeit Western und Dokumentationen über WK II, es gab die ersten wegen Gewaltverherrlichung verbotenen und damit umso beliebteren Tele- und Computerspiele (die zugegeben heute sehr lachhaft wirken), im Spielwarenhandel konnte man funktionsfähige Steinschleudern kaufen, wir haben mit viel realistischer als heute wirkenden Spielzeugrevolvern (wenig Plastik, viel Metall) trotz der besorgten Mahnungen von Lehrern etc. ("Man zielt nicht auf Menschen.") herum- und aufeinander geballert, mit den damals noch ganzjährig erhältlichen Silvesterböllern unser Lego etc. in die Luft gesprengt, Luftgewehre und Schreckschusswaffen gab es jede Menge - und obwohl wir also nach heutiger Lesart wie künftige Psychopathen aufgewachsen sind, ist aus unseren Jahrgängen meines Wissens bisher niemand zum gestörten Gewalttäter geworden. Das alte Lied von den verrohenden Videos und Spielen halte ich daher für Quatsch.
Bezeichnender finde ich da eher, dass vor kurzem (womöglich sogar in derselben Woche wie Winnenden) eine Statistik veröffentlich wurde, nach der psychische Probleme inzwischen an zweiter Stelle bei den Gründen für Krankmeldungen stehen. Nach meiner Meinung das Ergebnis des neoliberalen Terrors gegen Arbeitnehmer (und die es gerne sein würden) mit all den Ängsten vor Jobverlust, sozialem Abstieg, Altersarmut etc. Dieser Leistungsdruck kommt natürlich auch in den Schulen an - wer dort versagt, sollte sich schon mal im BIZ über Hartz-IV informieren. Und die Gleichung "Mehr psychisch Kranke = mehr Gewalt" ist zwar simpel, aber logisch.
Zufällig stieß ich vor kurzem auf das Buch "Der Kollaps der Modernisierung" von Robert Kurz. In einem Kapitel war sinngemäß die Voraussage zu lesen, dass die massenweise Erkrankung psychisch Erkrankter ein systemisches Problem des kapitalischen Konkurrenzdrucks sei. Da es scheinbar auf keine moderne gesellschaftliche Alternative mehr zu hoffen gäbe und die durch marktwirtschaftliche Notwendigkeiten begründeten Leistungsanforderungen zunähmen, würde dies in der islamischen Welt zu einer Mobilisierung der "Märtyrer" mitsamt spektakulärem Angriff auf ein internationales Finanzzentrum Gegenbild und Ursache der eigenen Misere führen, während in den westlichen Ländern der Amoklauf zu einem wachsenden Phänomen würde.
Ich fand die Argumentation recht schlüssig, insbesondere weil das ganze schon 1993 (!) zu Papier gebracht wurde, also keine dieser "Hinterher-sind-wir-alle-schlauer"-Interpretationen ist.
ChristianBerlin schrieb am 20.03.2009 um 19:53
[Zitat wurstwasser]Zufällig stieß ich vor kurzem auf das Buch "Der Kollaps der Modernisierung" von Robert Kurz. In einem Kapitel war sinngemäß die Voraussage zu lesen, dass[...]Ich fand die Argumentation recht schlüssig, insbesondere weil das ganze schon 1993 (!) zu Papier gebracht wurde[/Zitatende]

Hab ich da was verpasst? Nach meinem Kenntnisstand wurde Robert Kurz am Heiligen Abend 1943 geboren. Wie kann er da 1933 schon publiziert haben? Oder hast Du Dich mitten im Referat [=Inhal der Auslassungsklammer] auf eine andere Quelle bezogen? Genannt hast Du keine, auch der Punkt, ab dem ggf. nicht mehr Kurz, sondern eine andere Quelle referiert wird, ist mir unklar.

Kannst Du das nachholen?

Wäre u.U. interessant, nachzuprüfen, ob der Anschlag auf die Twintowers tatsächlich schon 1933 als islamisische Attacke vorhergesagt wurde (wenn auch nicht von Freitagsautor R.K). Ohne Quelle geht das leider nicht.
Axel Garbelmann schrieb am 20.03.2009 um 10:20
Liebe Ulrike,

vielleicht. Sicher ist das Bild von Männlichkeit ein wesentlicher Mitauslöser für die Explosionen von Gewalt, deren medialer Zeuge wir werden. Und ich denke, jeder von uns kann nachvollziehen, was für eine, mit Verlaub, beschissene Zeit die späte Pubertät war. Einige von uns haben Nazis gejagt, andere Steine geschmissen, andere an sich herum geschnippelt oder Drogen konsumiert. Die meisten haben überlebt - aber nicht alle. Jeder kennt in seinem Bekanntenkreis mindestens einen Selbstmörder.

Dem Suizid und dem Amokmord (im Gegesatz zum "Mord aus niederen Beweggründen) ist dieses verstörende Element der Auslöschung von etwas gemeinsam. Wenn Väter ihre Familien und sich selbst töten, dann scheint es, als wollten sie etwas vernichten, dessen Existenz sie nicht mehr ertragen konnten.

Warum gerade die Schule als Tatort von Amokläufen? Woher dieses "Hinrichtungshafte" von Erfurt - dort hat der Junge gezielt nur Lehrer erschossen, förmlich exekutiert! Was wollte er vernichten? Was wollte Tim K. vernichten?

Und am Ende vernichten sie das Zentrum des Leidens - sich selbst. Das ist das Narzisstische an diesen Taten, das "Wenn ich gehe, dann nehme ich Euch mit". Übrigens ein Zitat aus jeden drittklassigen Action-Film.

Daher möchte ich diesen Zusammenhang hergestellt wissen: Es gibt etwas, das bei einigen Menschen, die über die Vulnerabilität, Sensibilität, verfügen, kalten Hass und Vernichtlungswillen auslöst - und in einigen Fällen zur Tat führt. Überforderung, Überschuldung, es wird sich etwas finden. Auch der Aspekt einer fehlgeleiteten "Rache an der Welt", eine gewisse Selbstwahrnehmung als Opfer und die damit verbundene Kränkung, sind wichtige Elemente.

Hier kann ein Amoklauf mit einer "männlich" verstandenen "einsamen Entscheidung" in Verbindung gebracht werden. Columbine war mit zwei Tätern die Ausnahme.

Es sind eben nicht nur Jugendliche. Vielleicht ist es eine Frage des Ortes: Die Jugendlichen "rächen" sich am Ort ihres Leidens - Der Schule. Die Familienväter in ihrem Reihenhaus.
Ulrike Baureithel schrieb am 24.03.2009 um 10:21
Lieber Axel,
was du im letzten Absatz schreibst, scheint mir sehr bedenkenswert: Die Rache am Ort des Leidens. Man wünschte sich nur, diese enorme negative Energie irgendwie "umlenken" zu können.


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