Wenn man folgende Sätze auf eine Postkarte drucken würde, hätten sie gute Chancen auf reißenden Absatz:
„Macht für die, die auf sie scheißen!
Freiheit für die, die darum kämpfen!“
Sex für die, die dafür zahlen!“
Sie stehen allerdings auf keiner Postkarte, sondern in Dylan Klebolds Schulkalender von 1997/98. Dylan Klebold ist vor 10 Jahren gemeinsam mit seinem Freund Eric Harris in die „Columbine Highschool“ in der amerikanischen Stadt Littleton eingedrungen. Gemeinsam haben sie zwölf Schüler und einen Lehrer getötet – danach sich selbst.
Der Satz über die Macht, die Freiheit und den Sex stammt aus einem Buch, das dieser Tage im „Eichborn“-Verlag erscheint. Es trägt den Titel Ich bin voller Hass – und das liebe ich! Joachim Gaertner hat darin alle Aufzeichnungen der Attentäter versammelt: Schulaufsätze, Tagebucheinträge, Internetpostings und Videoszenen.
Auf Kommentierungen hat er verzichtet. Weil sie nicht nötig sind. Die Schriften der beiden Schüler, die über Jahre hinweg verfolgt werden, kommentieren sich selbst: Dylan Klebold und Eric Harris haben immer wieder versucht, ihre Unzufriedenheit mit ihrem Leben, mit ihren Freunden, mit den Lehrern, später mit dem politischen System, mit der Lüge des „amerikanischen Traumes“ und am Ende mit jedem und allem zum Ausdruck zu bringen. Eric Harris schrieb in sein Journal: „Ich hasse die verfickte Welt, zu viele gottverdammte Ficker drin. Zu viele Gedanken über Gesellschaften, alle zusammengepackt an diesem Ort namens AMERIKA.“
Als sie mit Sticheleien von Freunden und mit Schulverweisen von Lehrern auf Distanz gehalten wurden, flohen sie in eine virtuelle Welt. Sie erfanden neue Level im Computerspiel „Doom“, richteten sich ihr Leben in einem blutigen Kosmos ein und probierten die virtuellen Gewaltphantasien zunächst in Nachbargärten und dann in der „Columbine Highschool“ aus.
Noch am Tag des Attentates von Winnenden haben deutsche Medien (und viele private Beobachter in Internet) versucht, mehr über den Täter Tim K. herauszufinden. Sie wurden getrieben vom voyeuristischen Interesse eines Hobby-Detektivs, der Puzzleteile für das zusammensucht, was er nicht versteht – und oft auch gar nicht verstehen will. Es wurden Indizien, aber keine Erklärungen gesucht.
Über die Suche der Hobby-Detekive und die Twitter-Flut lesen Sie mehr im Beitrag Wenn Nachrichten Amok laufen
Schnell waren seine Wunschlisten von Amazon gefunden, Fotos, die Tim K. bei seinen Tischtennissiegen zeigten und ein Schnappschuss von der Schulabschlussfeier. So entstand das Bild eines ganz normalen Kindes. Und der schaudernd schöne Horror stieg: Wie konnte dieses Milchgesicht so etwas anrichten?
Deutschland tat so, als wolle es die Beweggründe des Amokläufers kennenlernen und blieb dabei so desinteressiert an dem Jungen wie seine Mitschüler und Lehrer es stets waren. Das öffentliche Interesse galt kaum dem Menschen Tim K., sondern dem Monster, zu dem er wurde. Heraus kamen lediglich Klischees: Eine gespaltene Persönlichkeit, ein zurückgezogener Junge, ein Waffennarr, ein merkwürdiger Kerl, ein überhebliches Einzelkind.
Innerhalb eines Tages wurde Tim K. medial als ein unrettbarer Irrläufer verortet, als jemand, den man nicht stoppen konnte, dessen Gewaltbereitschaft nicht abzusehen war, als ein unberechenbarer Störfaktor der Gesellschaft. Sogenannte Experten erklärten lakonisch: „Das gibt es immer wieder, daran können wir nichts ändern. Es wird nicht der letzte Amoklauf gewesen sein.“
Es verwundert kaum, dass zahlreiche Twitter-Teilnehmer im Internetforum jubelten, als die Nachricht eintraf, dass der Tim K. tot sei („Zum Glück ist der nun tot.“, „Der Spuk hat ein Ende.“ „Wenigstens hat er sich selbst weggeballert.“). Dass RTL nun auch das Amateurvideo vom Parkplatz zeigt, auf dem Tim K. von einem Polizisten angeschossen wird, ist schon fast ein archaisches Ritual: das gehetzte Tier wird in der Arena beim Sterben bejubelt. Tim K. wird zum Monster, zur Kreatur, zum Märtyrer – aber nicht mehr zum Menschen.
In der medialen Berichterstattung scheint er durch seine Taten sein Recht verwirkt zu haben, als Mensch behandelt zu werden. Aber vielleicht hat genau dieser Umgang mit dem Unverstehbaren erst dazu beigetragen, dass Tim K. sich seine eigenen Wege gesucht hat.
Bei der Lektüre der Aufzeichnungen von Dylan Klebold und Eric Harris wird deutlich, dass sich der Wunsch ihrer Mitmenschen, ihnen aus dem Weg zu gehen, durch ihr Leben gezogen haben. Sie waren zu kompliziert, zu gewaltbereit, zu anders als dass sich Lehrer, Schulleitung, Mitschüler, Eltern oder Psychologen auf sie einlassen wollten.
Wenn sich die Amokläufer still und leise einen Strick auf dem Dachboden genommen hätten, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass ihre Freunde am nächsten Tag gesagt hätten: „Das hat man sich ja denken können.“ Wenn sie mit Gewehren in eine Schule gehen, um andere und dann sich selbst zu töten, bleibt ihr Vorgehen unverständlich – wir beginnen, sie zu hassen.
Metalldetektoren statt psychologischer Hilfe
In diesen Momenten fordern Politiker gern radikale Maßnahmen wie Metalldetektoren an Schulen, statt sich ernsthaft um eine systematische Veränderung sozialer und psychologischer Hilfen zu kümmern. Andere fordern ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen, ohne zu merken, dass sie nicht am Anfang der Gewalt stehen, sondern ein Ort der Flucht sind.
Wir haben uns angewöhnt, die Ursachen für Gewalt zu unterbinden, statt uns um die Anlässe zu kümmern. Langfristig wird das die Gewalt kaum verhindern. Im Gegenteil: Es wird uns immer schwerer fallen, sie zu verstehen.
Wenn Täter im Vorfeld eines Amoklaufes in Blogs oder Briefen Gewalt verherrlichen, nennen Kriminalpsychologen dieses Vorgehen „Leaking“. Über das „Leaking“ von Tim K. ist noch wenig bekannt – er soll einen Brief an seine Eltern geschrieben haben. Im Internet-Chat krautchan.net soll er laut Staatsanwaltschaft wenige Stunden vor seiner Tat an seinen Freund: „Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt. Immer dasselbe. Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potential. Ich meine es ernst. Ich habe Waffen hier. Ich werde morgen an meine Schule gehen und so richtig gepflegt grillen. Ihr werdet morgen von mir hören. Merkt euch den Namen des Ortes Winnenden.“ Sein Gesprächpartner reagierte nur mit einem „LOL“. Der Betreiber des Chats behauptet nun, dass dieser Dialog eine Fälschung sei.
Wer trägt Mischuld an dem Amoklauf in Winnenden? Beteiligen Sie sich an der aktuellen Freitag-Debatte
Es lohnt sich, 10 Jahre nach dem Littleton-Amoklauf, die Aufzeichnungen von Dylan Klebold und Eric Harris anzusehen – und die Reaktionen jener Menschen, die mit ihnen konfrontiert wurden. Sie zeigen, wie die beiden Schüler Stück für Stück in eine Welt rutschen, in der sie ihre eigenen Gesetze gestalten konnten – um irgendwann aus ihr aufzutauchen und Ernst zu machen.
Die beiden waren keine dummen Schüler. Sie brauchten auch keine Computerspiele, um sich mit ihren Gewaltphantasien zu identifizieren. In einem Aufsatz über „Medea“ schrieb Eric Harris: „Das Zitat, das ich aus dem Stück gewählt habe, ist: ‚Nein, wie ein gelbäugiges Raubtier, das seine Jäger getötet hat, will ich mich niederlegen auf die Leichen der Jagdhunde und die zerbrochenen Speere.’ Dieses Zitat zeigt, dass Medea kämpfend sterben will, tapfer und mutig, ihre Jäger sollen sie nicht kampflos fangen. (…) Heute sind Leute wie Medea selten oder schwer zu finden.“
Kämpfend sterben wie Medea, zornig strafen wie Zeus
In einem anderen Aufsatz sollte Eric die Figur Zeus’ definieren und zog Parallelen zu sich selbst: „Der griechische Gott Zeus ist mir aus vielen Gründen ähnlich. (…) Zeus und ich haben gern Macht und Kontrolle über das, was geschieht. Wir sind beide gern Anführer einer großen Gruppe von Menschen. Zeus und ich werden leicht zornig und bestrafen Menschen auf außergewöhnliche Weise.“
Eric wird für viele seiner Aufsätze gelobt. Anders ergeht es Dylan, als er eine Kurzgeschichte schreibt, in der ein Mann einen anderen abschießen will: „’Los Mann, schieß auf mich!’, sagte der Kleinste der Gruppe, offensichtlich ein eingebildetes machthungriges Arschloch. ‚Ich will, dass du auf mich schießt! – Hey, du willst nicht? Verdammte Pussy!“ An dieser Stelle schreibt die Lehrerin unter den Aufsatz: „Ich fühle mich beleidigt von Deiner vulgären Ausdrucksweise! Im Unterricht hatten wir über deinen Sprachgebrauch diskutiert. Nimm zur Kenntnis, dass ich ab hier aufgehört habe zu korrigieren.“
Ein anderes Mal sollte Eric für einige Tage von der Schule verwiesen werden. Die Lehrerin besuchte seine Eltern. Besonders der Vater soll sehr gebildet gewesen sein. Er hielt nichts von Schulverweisen, forderte, dass die Lehrer andere Maßnahmen in Erwägung ziehen. Aber Eric wurde suspendiert. Die beiden zogen sich immer weiter in ihre eigenen Welten zurück: „Doom“, böse Streiche in Nachbargärten, erste Experimente mit Bomben, Besuche von Waffenmessen.
Erics Schulkalender von 1998 zeigt das Auseinanderdriften von Schule und dem eigenem Leben:
„Montag, 21. September: Shakespeare lesen
Donnerstag 24. September ‚Erlkönig’ auswendig lernen
Samstag 26. September C.U. football game
Dienstag 29.September Rohrbombe ausprobieren
Problem mit Rauch lösen
2. Bunker finden
Nine Inch Nails Video
Mittwoch 30. September Donuts backen für Oktoberfest.“
Der Hass der Ausgeschlossenen
Über dem Eingang der „Columbia Highschool“ stand der Sinnspruch: „Die besten Kinder Amerikas gehen durch diese Hallen.“ Eric und Dylan wurde ziemlich schnell klar gemacht, dass sie mit diesen Worten nicht gemeint waren. Sie hatten keine Cheerleaderinnen als Freundinnen, waren nicht erfolgreich im Sport – sie waren Außenseiter. Und niemand hatte ein Interesse daran, sie für das Schulleben zu begeistern.
In seinem Journal notierte Eric Harris: „Ich hasse euch dafür, dass ihr mich von so vielem, was Spaß macht, ausgeschlossen habt. Und, nein, sagt jetzt nicht: ‚Naja, das ist dein Fehler’ – denn das ist nicht wahr. Ihr hattet meine Telefonnummer, und ich habe euch gefragt und alles. Aber nein, nein, nein. Lasst diesen gestört aussehenden Eric nicht mitkommen, oh Scheiße, nein.“
Einmal sorgten die beiden für Aufsehen in der Schule. Sie hatten ein Video gedreht, das in allen Klassen zu sehen war. Darin stellen sie eine Szene nach, in der sie einen arroganten Sportlertypen, der einen kleinen Jungen ausnahm, kurzerhand erschossen. Die „Columbia Highschool“ fand dieses Video lustig.
Natürlich wurden auch Harris und Dylan psychologisch betreut und irgendwann mit Antidepressiva vollgestopft. In Umerziehungscamps stellten Erzieher Zeugnisse aus, in denen ihnen „eine gute Zukunft“ prognostiziert wurde. Die beiden haben sich in ihren Tagebüchern darüber lustig gemacht, wie leicht die sozialen Berater auszutricksen sein.
Schulaufsatz über "Waffen an der Schule"
Sie haben das Spiel ihres Lebens gespielt. Sie kannten die Regeln der Menschen, bei denen sie abgeschrieben waren – und spielten mit. In einem Schulaufsatz über „Waffen an der Schule“ schrieb Eric: „Waffen an der Schule sind ein wachsendes, gesellschaftliches Problem. Die Schule ist kein Ort für eine Waffe. Schüler können nicht lernen und sich für den Unterricht motivieren, wenn sie wissen, dass jemand in ihrem Klassenzimmer eine Waffe dabei hat. Metalldetektoren und mehr Polizeibeamte wären ein guter Anfang für den Kampf gegen Waffen in der Schule.“
Der Kommentar des Lehrers: „Gründlich und logisch. Gute Arbeit!“
Unter dem Namen „NBK.doc“ hat Eric Harris im passwortgeschützen Schülerbereich des Schulservers allerdings einen ganz anderen Brief abgelegt: „Ich würde Euch Scheißköpfe gerne alle sterben sehen. Natural Born Killers! Ich liebe es. Irgendwann im April werden ich und Vodka Rache nehmen und die natürlich Selektion ein bisschen beschleunigen. Wir werden ganz schwarz angezogen sein. (…) Wir fangen an, laut Musik zu spielen, eine 50-Dollar-Zigarre anzünden, die ersten Kracher zu werfen, und wenn dann das Chaos ausbricht, eröffnet V das Feuer und ich zünde die ersten Bomben. Wir werden alles einsetzen, was wir können, um zu töten und zu zerstören, so viel wir können. (…) Und wenn wir durch irgendeinen scheiß verrückten Zufall überleben und fliehen können, dann werden wir ein Flugzeug entführen und es über New York abstürzen lassen.“
Eric und Dylan sind nicht geflohen – sie haben sich selbst gerichtet. Und zwölf Schüler mit in den Tod genommen. Nach ihrem Amoklauf hat Amerika die Welt nicht mehr verstanden. Bis heute gelten die beiden als krank, als wahnsinnig, als verrückt.
Ein blasser, verrückter Einzelgänger, den man nicht ernst genommen hat
In Deutschland hat man sich lange Zeit zurück gelehnt und ist davon ausgegangen, dass derartige Taten nur in Amerika passieren können: Wegen des Schulsystems, wegen der sozialen Schieflage, wegen der Waffengesetze – weil die USA eben anders ticken. Dann kam Erfurt. Und spätestens gestern hat Deutschland den Amoklauf von Winnenden live am Fernseher und im Internet verfolgt. Heute ist das Todesvideo des Mörders überall zu sehen, seine letzten Mails sind nachzulesen: ein blasser, verrückter Einzelgänger, den man nicht ernst genommen hat.
Experten in den Talkrunden sind sich einig: Dieses war nicht der letzte Amoklauf an deutschen Schulen.
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>>>Bitte kein Mitleid mit den Tätern!<<<
Wieso eigentlich lautet die Frage stets: "Warum erkennen wir Amokläufer immer erst, wenn es zu spät ist?". Wieso fragt keiner, wie viele Amokläufe vielleicht tatsächlich verhindert werden? Verhindert, weil es die Maßnahmen, die jetzt wieder so reflexhaft eingefordert werden, in Wirklichkeit bereits gibt und weil sie greifen. Wer weiß, wie vielen Amok-gefährdeten Jugendlichen eine gute Therapie, die sie wegen ihrer psychischen Auffälligkeiten bekommen, hilft aus dem zerstörerischen Teufelskreis auszubrechen? Wenn man sich mal die Mühe macht, an die eigene Jugend zurück zu denken, dann erscheint sie so manchem als Gang durch eine (innere) Finsternis. Sehr viele machen in diesen Jahren Erfahrungen mit Zurückweisung, Ausgrenzung, Kränkung bis hin zu Selbstmordgedanken. So gesehen ist es eher verwunderlich, dass nicht noch mehr passiert. Aber die allermeisten haben ein Korrektiv, sei es rein psychischer, familiärer oder sonstiger Natur. Die Amoktäter scheinen darüber nicht zu verfügen, und man muss annehmen, sie wollen das auch gar nicht. Vergleicht man die Psychogramme der jugendlichen Amokläufer, dann scheint sich die gewalttätige Entwicklung unaufhaltsam zu einer willentlichen Konsequenz zuzuspitzen. Das heißt, sie wollen leiden und sie wollen töten. Wie gesagt, es gibt die Möglichkeit, dass der ein oder andere potentielle Amokläufer in gute therapeutische Hände gerät – aber wahrscheinlich ist es so, dass die meisten ganz einfach nicht an Waffen herankommen. Wenn man allerdings gefährdet ist, schwer depressiv und in psychiatrischer Behandlung und Daddy trotzdem seine Beretta in der Kommode aufbewahrt – ja dann! Die Amoktaten der Gesellschaft anzulasten, halte ich für bigott. Wir können uns nicht alle lieb haben, das ist ein uneinlösbarer christlicher Ethos. Und verkennt die Arbeit der vielen Seelsorger, Psychotherapeuten, Streetworker, Sozialarbeiter, Lehrer, Politiker, Eltern und und und. Wer Hilfe wirklich sucht, der wird sie finden. Die, die durchs Raster fallen sind verloren. Und das liegt vielleicht zu allererst an ihnen selbst. (Oder am Ende gar am Schicksal.) Deshalb protestiere ich auch gegen Behauptungen wie "Und niemand hatte ein Interesse daran, sie für das Schulleben zu begeistern." Nein, es ist umgekehrt: Die späteren Attentäter hatten kein Interesse, sich für das Schulleben zu begeistern. Vermutlich waren sie wirklich unausstehliche und zutiefst beleidigte Freaks. Dass sie diejenigen, die sich um sie bemühten manipulierten, wie im Falle von Harris und Dylan, bestätigt meinen Verdacht, dass sie es gar nicht anders wollten. Also bitte kein Mitleid mit den Tätern! Es kostet schon genug Kraft mit all den Opfern zu fühlen. |
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Liebe Anousch O.,
vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar zu meinem Text. Ich glaube, dass die Pole unserer entgegen gesetzten Einschätzungen der tatsächliche Kern der Frage sind, die wir nach einem Amoklauf stellen können und müssen. Ihre These und die meine sind genau jene Positionen, um die wir ringen sollten – um die wir ringen müssen!. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist ein Amokläufer für Sie ein Mensch, bei dem es fast zu spät ist, ihn in eine Gesellschaft zu integrieren. Und, ja, ich kenne das natürlich genau so, wie Sie es beschreiben: Es gibt diese Idioten, mit denen man nichts zu tun haben will. Wir kennen sie alle, diese – wie Sie sagen – „unausstehlichen und zutiefst beleidigte Freaks“. Und, ja, auch ich mache um diese Menschen lieber einen Bogen. Was soll ich mir mein Leben, meine Freiheit, meine Sehnsucht nach Schönheit von solchen Menschen kaputt machen lassen, wenn ich besser ohne sie leben kann? Diese Argumentation scheint so selbstverständlich wie logisch. Denn hat nicht jeder Mensch das Recht, die Freiheit, sein Leben mit den Menschen zu leben, mit denen er gern leben möchte? Doch so verständlich dieser Wunsch ist, glaube ich, dass er zu einem gigantischen Problem werden kann! Kann sich eine Gesellschaft wirklich leisten, einzelne Menschen abzuschreiben? Sie könnte es, natürlich! Man sagt einfach: Wir haben versucht, diesem Menschen zu helfen, er hat die Hilfe nicht angenommen – selber Schuld. Und dann würden wir so argumentieren wie Sie: Er ist eben ein Idiot. Er ist der Täter. Und wir wollen nichts mit ihm zu tun haben. Oft geht diese Haltung ja auch „gut“. Dann nimmt sich ein solcher Mensch irgendwann still und heimlich das Leben. Auch das ist seine Entscheidung – und meist respektieren wir sie. Um es sarkastisch zu sagen, wir halten das „Problem“ dann für gelöst. Ein Amoklauf führt uns aber vor Augen, dass wir so nicht denken können! Allein dadurch, dass wir einen Menschen auf Grund seines Verhaltens aus dem gesellschaftlichen Miteinander ausschließen, bedeutet ja nicht, dass die Gesellschaft ihn los ist. Im Fall von Tim K. zeigt sich, dass er für einige Zeit in irgendwelche Welten fliehen kann, dass er sich alleingelassen in einen Wahn lebt, der ihn noch weiter von einem Miteinander entfernt – dass dieser Wahn aber früher oder später wieder zum gesellschaftlichen Problem wird. In dem Moment, in dem ein solcher Mensch seinen Hass nicht gegen sich selbst, sondern gegen unschuldige Opfer richtet. Die Rollen von Täter und Opfer lassen sich in solchen Fällen (leider) nicht trennen! Die kaltblütig ermordeten Kinder, die Lehrer und Passanten sind Teil der gleichen Gesellschaft wie Tim K. Ob wir das wollen oder nicht. |
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(Teil 2 meiner Antwort)
Ist den Familien der Opfer tatsächlich dadurch geholfen, dass wir „Mitleid“ mit ihnen empfinden und den Mörder als „Freak“ darstellen? Ich befürchte, dass wir trotz berechtigter Wut über die Tat so nicht argumentieren können. Denn damit würden wir akzeptieren, dass derartige Amokläufe immer wieder passieren – und in Kauf nehmen, dass es schon bald wieder Opfer geben wird, mit denen wir leiden. Nur nebenbei: Ich halte das Wort „Mitleid“ in diesem Zusammenhang auch für sehr problematisch. Können wir tatsächlich „mit leiden“? Können wir „mit fühlen“ was in den Familien der Opfer vorgeht? Oder leiden wir nicht nur bei – an ihrer Seite. Das mag Wortklauberei sein, aber ich befürchte, dass es gar kein „Mitleid“ geben kann für die Größe des Leides der betroffenen Menschen. Und wie ist das denn genau? Haben wir nur Beileid mit den Opfern und ihren Familien, oder auch mit der Familie des Täters – und vielleicht sogar mit dem Täter selbst? Sie argumentieren, dass er es nicht anders gewollt hat. Dass er nicht über die Möglichkeiten verfügt, das gesellschaftliche Miteinander zu respektieren – und dass er das auch gar nicht will. Gehirnforscher sind sich weitgehend einig, dass es einen Willen in solchen Fragen gar nicht gibt. Ein Mensch wie Tim K. hat sein „Ich“ verloren, hat gar keine Kategorien mehr, was er bewusst will – und was nicht. Es gibt Studien über Kinder mit „adhs“. Dabei handelt es sich um eine Disfunktion des Gehirnes – wenn diese Kinder nicht behandelt werden, ist die Chance sehr groß, dass sie zu Gewalt neigen, dass sie nicht abzuschätzen lernen, das Gegenüber zu respektieren, dass sie die Trennschärfe ihres eigenen Handelns und seiner Wirkungen verlieren. Ich gebe Ihnen Recht: Tausende von Psychiatern und Therapeuten, aber auch Millionen von Familen und Freunden leisten tagtäglich große Arbeit, um Menschen aufzufangen, versuchen, sie für die Gesellschaft zu begeistern, geben nicht auf. Im Fall von Tim K. haben all diese Versuche nicht geholfen. Ist das die Schuld der Psychologen, wenn der Patient sich gegen eine weitere Therapie entscheidet? Ist es die Schuld der Eltern, dass sie ihren Sohn nicht im Griff haben? Oder ist es wirklich die Schuld des Patienten, dass er „es nicht anders will“? Ich glaube, dass es darauf keine Antworten gibt. Und ich bleibe dabei: Eine Gesellschaft darf es sich nicht leisten, auch nur eines ihrer Mitglieder fallen zu lassen. Denn es funktioniert nicht – diese Haltung fordert unschuldige Opfer! Wir können es uns nicht so leicht machen und einen Menschen – selbst wenn er ein Freak ist – aufzugeben. In unserem eigenen Interesse. Weil eine Trennung zwischen Tätern und Opfern in diesen Momenten zwar angenehm ist, weil man damit ein moralisches Recht definiert – aber gleichzeitig aufgibt, weitere Opfer zu verhindern. |
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(Teil 3 meiner Antwort)
Ich glaube, dass es in meinem Text nicht darum geht, Beileid mit den „Tätern“ zu haben. Und es geht auch nicht darum, ihre Existenz wichtiger zu nehmen als jene der Opfer. Diese Kategorien funktionieren einfach nicht. Mir geht es darum, dass wir uns klar darüber werden, dass es die Aufgabe eine Gesellschaft ist, nicht aufzugeben, um scheinbar unintegrierbare Menschen zu kämpfen. Denn das würde ja die nächste Frage aufwerfen: Ab wann geben wir einen Menschen auf? Wenn bei ihm früh Störungen festgestellt werden? Wenn er eine Therapie abbricht? Und was tun wir dann? Zwingen wir ihn, sich zu bessern? Sperren wir ihn weg? Warten wir, bis er sich selbst umbringt? All das kann nicht gehen. Wenn wir als zivilisierte Gesellschaft überleben wollen, müssen wir darin investieren, dass wir um jeden Menschen – um jeden! – kämpfen, dass wir versuchen Zugang zu finden. Dass wir es schaffen, Familien, Lehrern und Psychologen, die keine Kraft mehr haben, die mit ihren Versuchen am Ende sind andere Menschen, Lehrer und Psychologen an die Seite stellen, um „den Fall“ zu übernehmen. Wir haben keine andere Chance, als darum zu kämpfen. Die Frage um Waffengesetze, Spielvideogesetze und Metalldetektoren an Schulen sind nachgeordnete Diskussionen. Sie werden die Spirale von Ausgrenzung und Rache an der Gesellschaft nicht lösen. Das alles hat nichts mit Bigotterie oder christlichem Ethos zu tun – sondern mit der logischen Möglichkeit, wie ein Gesellschaft sich selbst erhalten kann. Vielleicht liege ich vollkommen falsch mit meiner Einschätzung. Vielleicht ist sie naiv – oder zu idealistisch. Aber ich glaube, dass unsere Meinungen wirklich die Positionen sind, um die wir zu streiten haben. Dürfen wir einzelne Menschen aufgeben? Wenn ja ab wann? Können wir einfach sagen, dass sie sich nicht integrieren wollen – und das so hinnehmen? Oder ist unser Miteinander stark genug, um alles zu versuchen, dass niemand aus der Gemeinschaft fällt – weil wir wissen, dass dieses zum Schaden der Gemeinschaft ist? Auch ich habe keine letzten Antworten auf die Frage. Und mehr noch: Genau wie Sie kenne ich aus meinem eigenen Leben viele Menschen, dich ich für mich selbst abgeschrieben habe – einfach weil sie Idioten, Freaks sind, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Und ich finde, dass es auch mein gutes Recht ist, das zu denken. Und so zu handeln. Wenn es aber am ende niemanden mehr gibt und die Sicherungen bei diesem Freak durchbrennen ist es mir zu wenig, nur „Mitleid“ mit den Opfern zu haben. Ich kann dann nicht mehr eindeutig beantworten, wer Täter, wer Opfer ist. Das wäre mir zu leicht. |
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Zum Thema: Nachruf auf einen Mörder (Funny Games) Siehe Blog. |
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(Teil 1 - hat den ganzen Tag gedauert, bis ich kapiert habe, dass man längere Texte portionieren muss...)
Lieber Axel Brüggemann, auch Ihnen vielen Dank für die Replik. Ich möchte abschließend noch einige Zitate aus Ihrem Text aufgreifen, um meine Position, die auch nicht mehr sein kann als Spekulation, zu verdeutlichen. Es ist insofern nicht einfach, Ihren Plädoyers widersprechend zu begegnen, als das sie zutiefst ethisch motiviert sind und ich dies hoch anerkenne. Aber sie beschreiben eine Modell-Situation, eine Art von absolutem Gemeinschaftssinn, der der Wirklichkeit nicht standhalten kann und vice versa. 1.) „Kann sich eine Gesellschaft wirklich leisten, einzelne Menschen abzuschreiben?“ fragen Sie zu recht. - Wir sind 82 Millionen in Deutschland. Eine Zahl, die zu ambivalenten Einschätzungen verleitet – zum einen kann man angesichts dessen erleichtert sein, dass nicht wöchentlich einer derart durchdreht und zum anderen verdeutlicht die Zahl die Unmöglichkeit, auch noch den letzten Ausgeschlossenen aufzufangen. Ihrem Idealismus, wie Sie es selbst bezeichnen, kann ich (diesbezüglich) nur meinen Defätismus zur Seite stellen. |
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(Teil 2)
2.) „(…) dass er sich alleingelassen in einen Wahn lebt, der ihn noch weiter von einem Miteinander entfernt“. Das Wort Wahn benennt den Kern des Problems. In allen Debatten nach einem Amoklauf zerfleischt sich 'die Gesellschaft' wieder und wieder an der Frage, wer versagt hat. Ich denke, (Jugend)-Gewalt-, Kriminalität, Mobbing etc. sind Probleme, die von enormer gesellschaftlicher Relevanz sind, die Ihre Ursachen im Versagen von institutionellen oder privaten Mechanismen haben. Bei Amokläufern verhält es sich mutmaßlich anders. Da gibt es eine psychopathologische Dimension, die sich in der mörderischen Konsequenz komplett dem Verständnis und dem Zugang entzieht. 3) „Weil eine Trennung zwischen Tätern und Opfern in diesen Momenten zwar angenehm ist, weil man damit ein moralisches Recht definiert – aber gleichzeitig aufgibt, weitere Opfer zu verhindern.“ Wir haben immer eine Scheu vor dem Begriff 'Moral', da er leider mit Sittlichkeits-Dogmatismen kontaminiert ist. Dabei ist dieses durch Trennung zwischen Täter und Opfer so formulierte 'moralische Recht' nur eine Kehrseite Ihrer ethischen Konstruktion. Es ist gilt nur, sich zu entscheiden, wem man die Ökonomie der Aufmerksamkeit angedeihen lässt. Hier punktet der Täter. Und die Opfer-Erinnerungsarbeit leistet dann der Boulevard, ungefragt. 4.) „Ich kann dann nicht mehr eindeutig beantworten, wer Täter, wer Opfer ist. Das wäre mir zu leicht.“ Und mir ist das zu 'unentschieden'. Es braucht eine Art Tribunal. Amokläufer sind im mehrfachen Wortsinn 'unfassbar'. Sie entziehen sich durch Suizid einer Verurteilung. Und es ist gut, dass sie sich selbst richten, denn dann brauchen wir uns nicht mehr die durchaus moralische Frage zu stellen, ob so jemand sein Recht auf Leben verwirkt hat. Ich bin gegen Todesstrafe, aber nicht wegen des Verbrechers, sondern wegen des Henkers. Was nun den Amoktäter betrifft, so verstehe ich, dass es die Pflicht eines jeden Pastors ist, ihn in die Gebete mit einzuschließen. Ich jedoch erlaube mir, dem Täter jegliche Absolution, und sei es durch Namensnennung, zu versagen. 5.) „Das alles hat nichts mit Bigotterie oder christlichem Ethos zu tun – sondern mit der logischen Möglichkeit, wie ein Gesellschaft sich selbst erhalten kann.“ Leider werden unsere ehrliche Betroffenheit und unser ernsthaftes Nachdenken über Ursachen und Folgen von Amoktaten von einer ganz spezifischen Realität konterkariert: Von der Legalität des Waffen-Besitzes. Genauer: Von der schieren Existenz von Schusswaffen. (By the way: Es bringt auch gar nichts, Sportschützen zu verpflichten Ihre Waffen im Verein zu bunkern. Wir hätten dann überall in der Republik gigantische Waffenlager. Wer soll die bewachen? Und nicht auszudenken, wenn die gekapert würden!) Waffen. Die Frage wie Amokläufe zu verhindern sind, ist dann plötzlich ganz einfach zu beantworten. So einfach wie die nach Weltfrieden. Bleiben wir realistisch. |
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Ich hab den Artikel gar nicht erst gelesen, weil dies ewige Hin und Her auf die Nerven geht. Nur zwei Dinge: Ja, wir müssen hinschauen (bin selber Lehrerin!!!!!) und wenn Metalldektektoren Waffen ausfiltern, dann sollen sie bitteschön installiert werden!
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Ausgabe 06/12
09.02.2012
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