Politik

Linkspartei | 14.05.2009 18:30 | Tom Strohschneider

Der linke Kitt wird brüchig

Eine zerstrittene Linke verliert binnen 24 Stunden zwei Parlamentarier als Mitglieder. Die Parteispitze ist bemüht, die Scherben aufzukehren. Und die SPD frohlockt

Den Genossen im Karl-Liebknecht-Haus muss es langsam mulmig werden: Binnen 24 Stunden haben nun schon zwei Parlamentarier des Realo-Lagers die Partei verlassen. Erst gab der Berliner Haushaltsexperte Carl Wechselberg sein Mitgliedsbuch zurück. Und nun kehrt auch die Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann der Linken den Rücken.

Zur Begründung erklärte Kaufmann am Donnerstag in Berlin, mit dem Versuch, der Partei ein pro-europäisches Profil zu verleihen, „völlig gescheitert“ zu sein. Sie wolle, so die 54-Jährige, „nicht länger für die europapolitische Geisterfahrt“ der Linken in Haftung genommen werden. Auch die Rede vom „Haufen von Sektierern“ machte im Zusammenhang mit Kaufmanns Abgang abermals die Runde. Ähnlich hatte zuvor schon Wechselberg argumentiert. In der Linkspartei hätten im Zuge der Fusion „weitgehend marginalisierte“ linke Grüppchen die Chance für neue Bündnisse mit den im Westen neu hinzukommenden „Linkssektierern“ gesehen - und seien damit mehr und mehr erfolgreich. „Gelähmt“ stehe die Linke „als bloße Protestpartei im gesellschaftlichen Abseits“.

Streit ums Wahlprogramm

Der Zeitpunkt der Rücktritte von Kaufmann und Wechselberg verleitet dazu, die Angelegenheit als besonders markantes Ergebnis des Streits um das Bundestagswahlprogramm zu interpretieren. Auf Druck aus den eigenen Reihen hatte die Linke ihr Wahlprogramm vor wenigen Tagen verschärft. Das neue Papier kommt in der Tat antikapitalistischer daher, als der erste Entwurf. Auch wurde bei der einen oder anderen Forderung noch eine Schippe drauf gelegt. Wer daraus aber gleich den Schluss einer Radikalisierung der gesamten Partei zieht, verkennt das komplizierte Geflecht von Kompromissen, Koalitionen und Kamalitäten, dass sich seit der Fusion von PDS und Wahlalternative in der Partei ausgebreitet hat.

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Der Doppelrückzug ist eher ein neuerlicher Beleg dafür, dass die Linke mehr als Bündnis denn als Partei agiert. Zwischen den verschiedenen Strömungen haben sich nicht nur politische Differenzen aufgetürmt – die Art und Weise der Richtungsdebatte hat auch jede Menge persönliche Verärgerung hervorgerufen. Dennoch werden bisweilen Zweckbündnisse zwischen Fraktionen erkennbar, die man nicht für möglich halten würde, wenn man die Partei bloß durch die Brille von Realos und Fundis betrachtet.

Abgesehen davon fällt es schwer, private Gründe für völlig ausgeschlossen zu halten. Kaufmann zum Beispiel, die zweifellos eine europapolitische Expertin ist, kam wegen ihrer zustimmenden Haltung zum Lissabon-Vertrag nicht mehr auf die Liste zur Europawahl Anfang Juni. Zuvor hatte es harsche gegenseitige Vorwürfe der Strömungen gegeben. Selbst wenn man ihre jetzige Entscheidung als letzten Schritt einer sich lang abzeichnenden Entwicklung ansieht, bleibt die Frage, warum ihr Rücktritt erst nach der Abstimmungsniederlage erfolgte. Wechselberg wiederum war zuletzt mit seinen Parteifreunden in Berlin immer wieder aneinandergeraten – und die Hauptstadt keineswegs eine Bastion der antikapitalistischen Radikalos. Hinter vorgehaltener Hand wird darauf verwiesen, dass Wechselberg wohl gerne Staatssekretär hätte werden wollen – was dieser allerdings dementiert.

Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung

Die Parteispitze ist nun darum bemüht, die Scherben aufzukehren – und versucht ihr Heil in einem Angriff auf die Sozialdemokraten. Dass Kaufmann ihren Wechsel am Donnerstag im Beisein von SPD-Chef Franz Müntefering der Presse erläuterte – und dieser den Auftritt natürlich genoss –, darin sieht der Bundesgeschäftsführer der Linken „kein Zeichen von Souveränität, sondern eher ein Zeichen für mangelndes Selbstbewusstsein“.

Dietmar Bartsch wirft hierbei mit Steinen aus dem Glashaus. Wenn in der Vergangenheit ein vom Schröder-Kurs enttäuschter Sozialdemokrat in die Linke eintrat, wurde auch selten darauf verzichtet, das Ereignis entsprechend zu inszenieren. Man fühlt sich als Zuschauer eines Wettlaufs um enttäuschte Mitglieder der anderen Seite. Bartsch sagt, dass selbst selbst am Tag des Kaufmann-Übertritts „mehr Sozialdemokraten zur Linken als umgekehrt“ kommen würden. Auch Linken-Chef Oskar Lafontaine sieht seine Partei in dieser Konkurrenz „im Vorteil“.

Weitere Austritte nicht ausgeschlossen

Aber was ist das für ein Vorteil? Für die Linkspartei sind zwei Abgänge aus der Mitgliederkartei rein zahlenmäßig sicher kein großes Problem. Dass es sich dabei um zwei einigermaßen prominente Vertreter des Reformflügels handelt und ihr Schritt nun von einem vorhersehbaren Medienecho begleitet wird, könnte sich als verhängnisvoll herausstellen. Wie sehr sich eine auf innerparteiliche Konflikte orientierte Berichterstattung auf Umfragewerte auswirken kann, deren Fall dann selbst wieder die öffentliche Wahrnehmung einer Partei bestimmt, kann die Linkspartei beim früheren SPD-Chef Kurt Beck erfragen.

Abgesehen davon könnten sich nun weitere Enttäuschte in der Linkspartei aufgefordert fühlen, es Kaufmann gleich zu machen. Die Selbstbeschränkung, seiner bisherigen Partei wenigstens in einer wichtigen Wahlkampfphase nicht zu schaden, dürfte nach dem Doppelrücktritt kaum mehr gelten. Selbst wenn man Münteferings Ankündigung, dass es „noch weitere Mitglieder der Linken“ gebe, die bei den Sozialdemokraten angeklopft hätten, als reines Manöver versteht – ganz so ausgeschlossen sind Nachahmungstäter nicht.

Post scriptum

Wer geglaubt hatte, dass der Austritt zweier Mitglieder den Eintritt von zwei anderen begünstigt, hat sich getäuscht: Der langwierige Streit um den Eintrittswunsch der Berliner WASG-Frontfrau Lucy Redler und ihres Mitstreiters Sascha Stanicic ist im Schatten der Kaufmann-Nachricht entschieden worden. Die beiden Aktivisten der trotzkistischen SAV dürfen nach einer Entscheidung der Bundesschiedskommission der Linken nicht in die Partei eintreten.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 18:50
So ist das in der Demokratie nun mal. Die einen treten ein, die anderen treten aus. Die einen aus Überzeugung, andere, weil sie beleidigt sind und noch andere mit freundlicher Unterstützung.

Es wird der SPD nicht helfen und der Linken nicht schaden.

Traurig ist nur, wie sehr in diesem Artikel Sachargumente hinter personelle Kamellen zurücktreten und das in einem "linksliberalen" Blatt mit Ambitionen.
Jörn Kabisch schrieb am 14.05.2009 um 19:53
Hallo, Streifzug,
mit der genauen Trennung von Sach- und Personalfragen würden wir es uns sehr einfach machen, meinen Sie nicht? Wenn in kurzer Zeit zwei Politiker ihrer Partei den Rücken kehren, dann ist das doch eine bemerkenswerte Geschichte. Vor allem, weil es nicht an der Tagesordnung ist. Dass Politiker die Partei wechseln, kommt nicht täglich und nicht wöchentlich vor. Politik, auch in einer Partei, bedeutet Streit und Diskurs um die beste Lösung. Ich kann mir kaum etwas drastischeres vorstellen, als dass ein Politiker diesen Diskurs so aprupt verlässt, indem er die Partei so wechselt, wie Frau Kaufmann es jetzt getan hat. Hätte Sie die Politik ganz verlassen, wäre das sogar noch die mildere Maßnahme gewesen.
Ob das der Linken am Ende nicht doch ein wenig schadet, ist noch lange nicht ausgemacht?
ebertus schrieb am 14.05.2009 um 22:08
Ob das den Linken schadet, ist nicht ausgemacht, aber auch eher sekundär. Was da in den letzten Tagen von bzw. über Wechselberg zu lesen war, klang eher nach Seeheimer denn nach Realo und mit einer "zustimmenden Haltung zum Lissabon-Vertrag" ist der Mainstream nur folgerichtig.

Auf jeden Fall ist es klärend und vermindert damit a) den Ypsilanti-Effekt, falls die Linke in absehbarer Zeit "irgendwo" mitregieren dürfte bzw. sollte und b) haben wir doch schon genug GroKo bis hin zu den Grünen. Die zehn bis fünfzehn Prozent Sektierer (als ein Haufen Schafe, dumme Wähler etc.) sollten doch für unsere Demokratie keine Gefahr bedeuten; eher den Beweis eben für Toleranz gegenüber Minderheiten; gute demokratische Kultur.
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 22:38
Hallo Jörn Kabisch,
nun habe ich ja nicht von einer genauen Trennung von Sach- und Personalfragen geschrieben sondern davon, dass Sachargumente hinter personelle Kamellen zurücktreten.

Sylvia-Yvonne Kaufmann hat in der Legislaturperiode 2004 - 2009 die Beschlüsse der damaligen PDS als auch der Partei DIE LINKE missachtet und sich als einzige Abgeordnete der europäischen Linksfraktion GUE/NGL für den Lissabonvertrag ausgesprochen. Ein solches Verhalten mit einer Wiederaufstellung zu belohnen, wäre schon recht eigenartig. Sonst würde eine potenzielle Wahlversprechen Brecherin in der Partei belohnt. Ihr Übertritt zur SPD ist da nur folgerichtig. Dort sind gebrochene Wahlversprechen ja nicht außergewöhnlich. Darum wird Müntefering sie wohl persönlich vorgestellt haben. Somit helfen solche Klarstellungen der Partei DIE LINKE.

Dieser Hintergrund wird im Artikel nicht angesprochen.
Engelbecken schrieb am 15.05.2009 um 06:30
Dieser Hintergrund wird im Artikel nicht angesprochen? "Kaufmann (...) kam wegen ihrer zustimmenden Haltung zum Lissabon-Vertrag nicht mehr auf die Liste zur Europawahl Anfang Juni."
Streifzug schrieb am 15.05.2009 um 08:59
Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive es besprochen wird. Ist es ein Zeichen von Gradlinigkeit und Konsequenz oder von Sektierertum? Von Zersplitterung oder Konstanz?

Warum lehnt die Linke den Vertrag von Lissabon ab? Warum lehnen sehr viele Bürger den Vertrag von Lissabon ab sind aber grundsätzlich für Europa?

Je nach Hintergrund bekommt der Austritt ein anderes Muster. Genau diese sachlich-kritische Hintergrundanalyse fehlt mir.

Jeder kann natürlich gerne aus dem Artikel lesen, was er möchte. Das sei ihm nicht genommen.
ebsw schrieb am 14.05.2009 um 20:01
Man beachte die Wortwahl.

Da ist das Wahlprogramm der Linken geschärft worden, gegen den Willen der Minderheit. Und schon spricht man bei Vertretern dieser Minderheit von den Realos. Waren bei den Grünen nicht gerade die Realos die Befürworter des Krieges in Jugoslawien? Wer legt eigentlich fest, wer hier real und wer unreal ist? Der Freitag??? Na dann Mahlzeit!
Johnnie Foxtrott schrieb am 14.05.2009 um 22:47
Naja Hauptsache "twittern" und 200 Pixel weiter unten Werbung für private Krankenkassen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.05.2009 um 01:16
Mehrheit vs. Minderheit, schreibt ein Kommentator:

5,6,7 Mio. und mehr Arbeitslose sind keine Mehrheit. Was ist eine "Mehrheit"?
Was macht eine Minderheit in Ihren Augen rechtlos? Die Partei der Linken verletzt fundamentale Prinzipien des pluralistischen Umgangs miteinander, die sie selbst vehement gefordert hat. Wen also kann es verwundern, daß linke Linke und "rechte" Linke, d.h. also die streitenden Pole als Motoren der Mitte sich abwenden? Sie werden einfach nicht mehr benötigt und suchen sich nun neue politische Ebenen. Und sehr wohl wird es der Linken schaden, sofern ihre Politik Ursprung eines nützlichen Antriebes ist. Doch das scheint leider weniger und weniger der Fall zu sein. Zentralismus und Strukturalismus wird keinen Inhalt dahin transportieren, wo er (unterhalb) benötigt wird.
Ofrahim schrieb am 15.05.2009 um 07:30
Ein sozialdemokratischer Flügel in der LINKEN ist eigentlich überflüssig, denn eine sozialdemokratische Partei gibt es ja. Eine LINKE, die sozialdemokratische Positionen vertritt ist aus dem gleichen Grund überflüssig. Es ist deshalb sinnvoll, dass Sozialdemokraten sich dort organisieren, wo sie hingehören. In diesem Sinn kann ich Klärungsprozesse nur begrüßen. Als früher zeitweise in der SPD organisierte Sozialistin sehe ich den Knackpunkt in der Frage: Willst du dich mit dem Kapitalismus abfinden oder nicht? Wer diese Frage bejaht ist - von mir aus auch auf dem linken Flügel - in der SPD sicher besser aufgehoben. Wer diese Frage verneint, findet in der LINKEN genug Spielraum um die inhaltliche Debatte über politische Forderungen zu führen, die sich aus der grundlegenden Kritik am Kapitalismus ergeben - ohne sich in Schubläden wie "Realos", "Fundis" o.ä. stecken zu lassen oder sich in Strömungskriege zu verbeißen.
Lago schrieb am 16.05.2009 um 11:19
Diese Haltung erscheint mir sowohl etwas zu arrogant als auch zu weltfremd. Der weitaus größte Teil der Wähler der LINKEN sieht in ihr vermutlich eine sozialdemokratische Partei, in der SPD dagegen nicht (mehr?). Nun kann man natürlich nicht immer auf die Befindlichkeiten und Illusionen der Wähler Rücksicht nehmen, das ist klar.

Die Heterogenität der "politischen" Ansichten innerhalb der LINKEN wird nun wahrlich nicht dadurch reduziert, eine Grenzlinie zwischen Sozialdemokratie und Antikapitalismus einzuführen (bzw. nur insofern als dann die Partei um den größeren Teil der Mitglieder und die meisten Wähler erleichtert wäre).
Giuseppe Navetta schrieb am 15.05.2009 um 08:39
Was für ein Presse-Szenario! Es wird der SPD nicht helfen, denn seit dem Schröder-Blair Papier hat sich nicht allzuviel getan! "Die Linke" ist selbst mit allen linken Splittergruppierungen intern programmatisch inhaltsvoller als die von Anthony Giddens Ideen verkorkste SPD!
jfricke schrieb am 15.05.2009 um 13:30
"Ein sozialdemokratischer Flügel in der LINKEN ist eigentlich überflüssig, denn eine sozialdemokratische Partei gibt es ja. Eine LINKE, die sozialdemokratische Positionen vertritt ist aus dem gleichen Grund überflüssig."

Diese brillante Zusammenfassung hätte ich mir eigentlich in dem Artikel selbst und nicht in einem Kommentar eines Lesers erhofft.
Herr Wichmann von der SPD schrieb am 15.05.2009 um 21:26
So isses halt. Jede Bewegung löst eine Gegenbewegung aus, was nicht zwingend die gleiche Dynamik oder statistische Größe abbilden muss. Und mal ehrlich: Haben nicht alle Parteien kleine "Do-it-yourself" Werkzeugkästen für den Hausgebrauch und große "Profi-Tools" für den Baustellengebrauch, wenn es darum geht zu disziplinieren, oder dezent Richtungen freundlich vorzuverschalen, damit der Einzelne weiss, wohin der Beton zu fließen hat. Ich unterstelle da weder der einen Seite gekränkte Eitelkeit, noch der anderen den strategischen Ansatz. Aber wer die Klimarelevanz ignoriert, braucht sich über steigenden Druck im Kessel nicht zu wundern.

Und zur Parteikultur: Die Kunst besteht schon darin, divergierende Kräfte in der Balance zu halten. Mir hat das in meiner Jugend am meisten Spass gemacht, genau dieses austarierte Ungleichgewicht ab und an zu stören. Essentiell bleibt jedoch, dass man sich auf gemeinsame Spielregeln verständigt und sie dann auch einhält und es scheint so, als ob weder die Spielregeln, noch die Anwendung derselben eine Rolle gespielt hätte.

Ein Stück weit erinnert mich das an Monty Pytthons Leben des Brian, die Judäische Volksfront und die Volksfront zur Befreiung Judäas...

Wer gern und mit vollem Einsatz parlamentarische Politik macht und gegangen wird, der leidet schon an einem emotionalen Schleudertrauma, wenn sein Engagement vorzeitig geendet wird, es spielt auch keine Rolle, wenn man Musterdemokrat ist und das Votum der Basis akzeptiert, das sitzt wie ein Leberhaken zeitverzögert, aber umso heftiger. Die Frage ist, wieviele Unterschiede verträgt die Linkspartei - die SPD fährt immer dann am Besten, wenn sie Heterogenität nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung lebt und da ist noch reichlich Potential zu heben.
JoachimZ schrieb am 16.05.2009 um 10:35
Sylvia-Yvonne Kaufmann hat ihren Wechsel zur SPD begründet mit der Ablehnung des Lissabonvertrages durch DIE LINKE. Dies sei „Sektierertum“.

DIE LINKE ist genauso sektiererisch wie die Mehrheit der französischen,
niederländischen und irischen Bevölkerung, die den Lissabonvertrag, bzw den
weitgehend inhaltsgleichen Verfassungsvertrag, in Volksabstimmungen
abgelehnt hatten. Eine linke Partei kann einem Vertrag nicht zustimmen, der
eine Aufrüstungsverpflichtung beinhaltet (Art. 42,3) und der den
wirtschaftspolitischen Grundsatz einer „offenen Marktwirtschaft mit freiem
Wettbewerb“ (Art. 119, 120, 127) beinhaltet.

Sylvia-Yvonne Kaufmann hat in der gesamten Legislaturperiode 2004 - 2009
sowohl die Beschlüsse der damaligen PDS als auch der Partei DIE LINKE
missachtet und sich als einzige Abgeordnete der Europäischen Linksfraktion
GUE/NGL für den Lissabonvertrag ausgesprochen. Eine Mitgliedschaft, die ein
solches Verhalten mit einer Wiederaufstellung belohnt, würde sich selbst
nicht ernst nehmen. Deshalb wurde Frau Kaufmann nicht wieder aufgestellt.

Der Übertritt zur SPD ist somit nur folgerichtig. Es gibt in dieser Partei
eine lange Tradition der Missachtung der eigenen Mitgliedschaft und der
gebrochenen Wahlversprechen. Ich bin sicher, dass Frau Kaufmann sich in
dieser Partei wohler fühlen wird, als in der LINKEN.
denoc schrieb am 16.05.2009 um 13:39
Der Lissabon-Vertrag führt die Todesstrafe wieder ein, und zwar im Falle eines Krieges, Aufstand oder Aufruhr.
Erläuterungen zur EU-Grundrechtecharta:

3. Die Bestimmungen des Artikels 2 der Charta entsprechen den Bestimmungen der genannten Artikel der EMRK und des Zusatzprotokolls. Sie haben gemäß Artikel 52 Absatz 3 der Charta die gleiche Bedeutung und Tragweite. So müssen die in der EMRK enthaltenen "Negativdefinitionen" auch als Teil der Charta betrachtet werden:

a) Artikel 2 Absatz 2 EMRK:

"Eine Tötung wird nicht als Verletzung dieses Artikels betrachtet, wenn sie durch eine Gewaltanwendung verursacht wird, die unbedingt erforderlich ist, um

a) jemanden gegen rechtswidrige Gewalt zu verteidigen;

b) jemanden rechtmäßig festzunehmen oder jemanden, dem die Freiheit rechtmäßig entzogen ist, an der Flucht zu hindern;

*c) einen Aufruhr oder Aufstand rechtmäßig niederzuschlagen"*.

b) Artikel 2 des Protokolls Nr. 6 zur EMRK:

"*Ein Staat kann in seinem Recht die Todesstrafe für Taten vorsehen, die in
Kriegszeiten oder bei unmittelbarer Kriegsgefahr begangen werden*; diese Strafe
darf nur in den Fällen, die im Recht vorgesehen sind, und in Übereinstimmung mit
dessen Bestimmungen angewendet werden ...".
Siehe www.eu-vertrag-stoppen.de/rechtsstaat/recht.html#2
denoc schrieb am 16.05.2009 um 13:48
denoc schrieb am 16.05.2009 um 15:02
Lieber Tom Strohschneider!
Sie geben die Polemik der Medien über angebliche "Sekten" unkritisch wieder, wenn auch auf geschickter Weise im Konjunktiv.Ich erwarte von einem gut recherchierten Artikel, dass es der Sache auf den Grund geht. Ist an den Vorwürfen etwas dran oder ist es Wahlkampfrhetorik? Nätürlich müssten sie erstmal definieren was eine Sekte ist. Man kann doch als Leser eine gründliche Recherche erwarten. Sonst setzen Sie sich dem Verdacht aus, auf einer subtilen und perfiden Art und Weise an der medialen Stimmungsmache gegen "die Linke" sich zu beteiligen. Also kann ich in den nächsten Wochen einen gut recherchierten Artikel über "Sektierertum" in der Partei "die Linke" erwarten oder nicht?
Gruß Denoc
Tom Strohschneider schrieb am 17.05.2009 um 17:47
Lieber Denoc, ich bin kein Freund von Schlagworten wie „Sektierertum“. Mehr als einmal in der linken Geschichte wurden damit innerparteiliche Konkurrenten markiert - um ihre Argumente zu entwerten, sie aus der Diskussion zu drängen usw. Zitieren muss man aber trotzdem dürfen, was andere gesagt haben. Es geht Kaufmann, Wechselberg et. al. nicht um „Sekten“ im bekannten Sinne des Wortes. Sondern ihre Kritik richtet sich gegen eine Politik, von der sie meinen, diese sei zwar radikal, bringe aber der Mehrheit gar nichts, weil sie nicht mehr bündnis- und kompromissfähig ist. In der linken Geschichte gibt es gefühlte 347 Definitionen von „Sektierertum“. Karl Marx - um Ihnen eine zu nennen - hat mal mit Blick auf diverse Strömungen in der damaligen Linken geschrieben: „Die Sekte sieht die Berechtigung für ihre Existenz und ihren Stolz nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemeinsam hat, sondern in der besonderen Gepflogenheit, die sie von der Bewegung unterscheidet.“
born2bmild schrieb am 17.05.2009 um 20:37
@ Tom Strohschneider Wären nicht nach dieser und "gefühlte(n) 347 Definitionen von „Sektierertum“" Kaufmann, Wechselberg et.al Sektierer? Unterscheiden nicht sie sich , aus welchen Gründen auch immer, von der Mehrheit in ihrer jetzt ehemaligen Partei?
born2bmild schrieb am 16.05.2009 um 22:02
Wenn in Hessen eine SPD-Vorsitzende sich mit Stimmen der Linken – dort größtenteils Gewerkschafter, WASG-, und ehemalige enttäuschte SPD-Mitglieder – zur Ministerpräsidentin wählen lassen will, entdecken dort Parteifreunde ihr Gewissen und halluzinieren eine Zusammenarbeit mit Mauerbauern, Müntefering mahnt Frau Y und lässt sie gewissenhaft scheitern. Wenn aber eine 1976 in die SED eingetretene Genossin der Linken nun zur SPD übertritt, herrscht dort eitel Freude und Müntefering überreicht strahlend Blumen. Verkehrte Welt.
Streifzug schrieb am 16.05.2009 um 22:22
Man könnte auch sagen: charakterlich defizitäres Verhalten.
I.D.A. Liszt schrieb am 16.05.2009 um 22:39
Man könnte es auch noch einfacher sagen: typisch SPDler, die alten Lampenputzer - Erich Mühsam hatte ja so recht, und das schon vor ewa hundert Jahren!
Streifzug schrieb am 16.05.2009 um 22:50
Bingo :-)

Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

...
Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.
...

www.muehsam.de/cp/emt/emt45.html
Titta schrieb am 16.05.2009 um 23:15
An der Stelle noch was noch Erich Mühsam
(weil ich ne Frau bin und es romantisch liebe und weil grad Frühling ist und es noch was andres als Politik gibt)

FRÜHLINGSERWACHEN

Wieder hat sich die Natur verjüngt,
wieder sich mit frischem Stoff gedüngt,
und dem Moder wie den jungen Keimen
hat die Kunst zu malen und zu reimen.
Die Gebeine harren der Bestattung,
währenddem die Früchte der Begattung
fröhlich ins Bereich des Lebens ziehn,-
insoferne sie soweit gediehn.
Viech- und Menschern heben sich die Büsen;
in den Bäumen quillt's und den Gemüsen.
Tief im Kern der Erde hat's gekracht:
Ja, der Früh-, der Frühling ist erwacht.
Streifzug schrieb am 16.05.2009 um 23:27
Titta du untreue Tomate. Du wolltest mir doch sagen wo Kommata fehlen ;-)
I.D.A. Liszt schrieb am 16.05.2009 um 23:45
Na, hast Du's endlich aufgetrieben? ;-)

Relevanter finde ich im Zusammenhang mit vorliegendem Artikel die Strophe:

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Und der fehlenden Kommata sind in deinem letzten Kommentar zwei. Ich füge sie hier an, damit Du sie setzen kannst: ,,

:-D
born2bmild schrieb am 17.05.2009 um 10:04
Um wieder auf SPD und LINKE, brüchigen Kitt, Aus- und Übertritt samt Kommentierung im Artikel zurückzukommen, noch etwas passendes von Mühsam:

Dass man mir doch den Käse nenne,
den ich nicht mit der Neese kenne.
Titta schrieb am 17.05.2009 um 23:21
@Streifzug

Tschuldigung! War vom Kommasaufen etwas malträtrier..maltreti..etwas mitgenommen!
Mag mich nicht bei Knol oder wie das heißt anmelden (kenn ich nicht, grüß ich nicht). Sag mir, wie ich's machen soll, dann setz ich die fehlenden ,,,, an die entsprechenden Stellen. Dafür krieg ich dann ein Glas Maibowle von dir.

LG
Titta
res heiligensee schrieb am 20.05.2009 um 17:03
Diesem Artikel ist nicht vorzuwerfen, er sei nicht mit einer gewissen Sympathie für die LINKE geschrieben. Ihm ist vorzuwerfen, dass in ihm nicht versucht wird, die inhaltlichen Widersprüche in den Haltungen der Protagonisten zu beschreiben und verständlich zu machen.

Da ist einerseits der Protest von Sylvia-Yvonne Kaufmann auf dem Münsteraner PT der PDS gegen den Versuch, die Partei von ihrer entschiedenen Haltung gegen militärische Gewalt als Mittel der Politik abzubringen. Und nun andererseits ihre positive Bewertung des Lissabonner Vertrages als ob eine EU-Militärpolitik (oder: Außen- und Sicherheitspolitik) besser sei als die des UN-Sicherheitsrates. Ich gebe zu, ich verstehe das nicht.

Da ist einerseits die Verankerung des Carl Wechselberg im strategischen Zentrum der Berliner PDS bzw. LINKEN und nun andererseits die Anpassung dieses Zentrums an die Linie der Bundespartei, um die Partei (so vermute ich) nicht in einen unnötigen Konflikt zu treiben, der von der veröffentlichten Meinung höhnisch kommentiert würde. Wo glaubt Wechselberg in dieser Situation eines pragmatischen Umgangs sich persönlich unglaubwürdig zu machen? Auch hier wieder: ich verstehe es nicht!

Und dieser Artikel hat zu meinem Verständnis nichts beigetragen!
Claas Fock schrieb am 09.06.2009 um 18:38
Spät, aber herzlich:

Seit Kaufmanns und Wechselbergs Austritt aus der Linkspartei wird ihnen zuerst aus der verlassenen Partei hinterhergegeifert und seitdem fast unisono von den Berichterstattern nachgesagt, sie hätten ja wohl "persönliche Gründe" für ihren Aus- bzw. Übertritt gehabt. Der schrille Ton deutet darauf hin, dass "persönliche Gründe" bei Linken verwerflich wären.

Nehmen wir nur Kaufmann. Ihre langjährigen Leistungen* für Europa (und dessen Linkshäuflein) - die man inhaltlich nicht uneingeschränkt befürworten muss - sind von ihren Genossen unter hämischem Gelächter mal eben in die Tonne getreten worden. (Die Gehässigkeit, nicht die Abwahl, sei ihnen unvergessen.) Damit ineins ist ihr, Kaufmann, sowohl die Arbeitsstelle genommen, als auch jede Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer europapolitischen Arbeit versperrt worden (die ja aus mehr als aus störrischem Festhalten am links verhassten Lissabonvertrag bestand). Oskars Fanclub hat wie üblich weitergejohlt, sie solle doch austreten, wenn ihr was nicht passt.

Der Übertritt zur SPD hat ihr eine Arbeitsstelle verschafft, und sie kann dort an ihre bisherige Arbeit anknüpfen und ihren Sachverstand nutzen. Wie unanständig!

Fazit 1: Was die aus der Linkspartei wieder und wieder Nachtretenden eigentlich verdammen, ist, dass hier jemand seinem innerparteilichen Erschießungskommando nicht kurz vor dem Ableben noch seine unverbrüchliche Treue zur Partei zuruft, sondern sich aus der Schusslinie trollt. Wie schmählich!

Fazit 2: In die eine Waagschale lege ich, was Kaufmann ihrer bisherigen Partei an Schaden zugefügt haben soll/mag, und in die andere Waagschale lege ich, was die Partei mit ihr angestellt hat, und wie die Partei seither kaltschnäuzig darüber und abschätzig über die Abtrünnige redet. (Nicht zu vergessen: Die hirnlos nachplappernden Medien.) Das Ergebnis erscheint mir eindeutig: Die geistig-moralische Verwahrlosung, dank der schon mittelgroße Schweinereien nicht mehr als solche erkannt, geschweige denn angeprangert werden, ist weit fortgeschritten und hat vor der Linkspartei nicht Halt gemacht. Ankommen in der Gesellschaft.

*Tut mir leid, dass der ewige Portokassenjüngling Westerwelle den Begiff "Leistung" missbrauchen darf. Hier jedenfalls ist er ernst gemeint und angebracht.


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