Politik

Deutschland-Ägypten | 08.07.2009 17:45 | Kate Connolly/Jack Shenker, The Guardian

„Deutsche sind die Feinde Gottes“

Der rassistisch motivierte Mord an einer Ägypterin in einem Dresdener Gerichtssaal löst in ihrem Heimatland große Empörung aus – auch weil es hier kein Thema ist

Marwa el-Sherbini war gerade dabei auszusagen, wie der Angeklagte Alex W. sie wegen ihres Kopftuchs beschimpft hatte, als dieser den Dresdener Gerichtssaal durchquerte und mit einem Messer 18 Mal auf sie einstach. Der dreijährige Mustafa musste mit ansehen, wie seine Mutter auf dem Boden des Gerichtssaals in sich zusammensackte. Auch ihr Ehemann Elvi Ali Okaz konnte den Mord des 28-jährigen russischen Lagerkontrolleurs an seiner schwangeren Frau nicht verhindern. Als Okaz zu ihr rannte, um ihr beizustehen, wurde er von einem Polizisten niedergeschossen, da dieser ihn mit dem Angreifer verwechselte. Er befindet sich nun auf der Intensivstation eines Dresdener Krankenhauses.

Während dieser schreckliche Vorfall, der sich heute vor einer Woche ereignete, in Europa wenig Aufmerksamkeit erfuhr und in Deutschland lediglich unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten diskutiert, die rassistische Motivation der Tat aber so gut wie gar nicht zur thematisiert wurde, erhielt die 32 Jahre alte Pharmazeutin in ihrem Heimatland Ägypten den Titel „Kopftuch-Märtyrerin“ . Für viele Ägypter wurde sie zum nationalen Symbol von Verfolgung und Diskriminierung. Sie gingen auf die Straße, um auf die ihrer Wahrnehmung nach zunehmende Islamophobie des Westens zu protestieren. Tausende nahmen am Montag am Begräbnis in Frau el-Sherbinis Heimatstadt Alexandria teil, darunter führende ägyptische Politiker. Es gibt Pläne, eine Straße nach ihr zu benennen.

Die ehemalige Handball-Nationalspielerin Sherbini und der Gentechniker Okaz, der gerade dabei war, seine Doktorarbeit einzureichen, lebten seit 2003 in Deutschland und hatten offenbar geplant, gegen Ende des Jahres wieder nach Ägypten zurückzukehren. Im Januar erwarteten sie ein zweites Kind.

Das Messer im Gerichtssaal

Der arbeitslose Deutschrusse Alex W. wurde im vergangenen November für schuldig befunden, Sherbini auf einem Spielplatz als „Terroristin“ und „Islamisten-Schlampe“ beleidigt zu haben, nachdem diese ihn gebeten hatte, eine Schaukel für ihren dreijährigen Sohn zu räumen. Er wurde zu einer Geldstrafe von 780 Euro verurteilt, legte aber Berufung ein, weshalb sich die beiden vor einer Woche erneut vor Gericht gegenüber standen. Obwohl er seine anti-muslimische Haltung offen zum Ausdruck gebracht hatte, gab es vor Gericht keine verschärften Sicherheitsvorkehrungen und die Frage, wie es ihm möglich war, ein Messer mit in den Gerichtssaal zu bringen, bleibt nach wie vor ungeklärt.

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Beim Begräbnis in Alexandria beschuldigten wütende Trauergäste Deutschland des Rassismus und riefen Parolen wie „Deutsche sind die Feinde Gottes“. Ägyptens Großmufti Mohammed Sajjid Tantawi forderte von den deutschen Gerichten eine harte Strafe für Alex W. „Die Wut ist groß“, sagt Joseph Mayton, Redakteur der englischsprachigen Website Bikya Masr. „So viele Menschen sind nicht mehr wegen eines gemeinsamen Anliegens zusammengekommen, seit Ägypten den Afrika-Cup gewonnen hat.“

Spärliche Reaktionen aus Deutschland

In Deutschland wurde die Regierung Angela Merkels scharf für ihre späte und zurückhaltende Reaktion auf den ersten anti-islamischen Mordfall des Landes kritisiert. Die Vorsitzenden des Zentralrats der Juden und der Muslime, Stephan Kramer und Aiman Mazyek, besuchten am Montag den verletzten Ehemann der Ermordeten im Krankenhaus. Sie sprachen von einer „unerklärlich dürftigen“ Reaktion von Medien und Politik. Trotz der ganz offensichtlich rassistischen Motivation habe man sich in Deutschland mehr mit der Frage nach mangelnder Sicherheit in Gerichtsräumen beschäftigt als mit dem rassistischen Hintergrund der Tat.

Vizeregierungssprecher Thomas Steg wies die Vorwürfe mit dem Hinweis zurück, es sei noch nicht genug über den Vorfall bekannt. "In diesem konkreten Fall haben wir uns mit einer Stellungnahme zurückgehalten, weil die Umstände nicht hinreichend klar gewesen sind, um eine so weitreichende politische Erklärung abzugeben. Sollte in diesem Fall ein fremdenfeindlicher, ein rassistischer Hintergrund gegeben sein", sei es keine Frage, dass die Bundesregierung dies "natürlich aufs Schärfste verurteilt."

Ägypten vermutet Trend

Während hunderte Araber und Muslime in Deutschland an Demonstrationen teilnahmen und Beobachter schon Vergleiche zum dänischen Karikaturenstreit zogen, wiesen ägyptische Regierungsvertreter in Berlin darauf hin, dass man den Fall im Zusammenhang sehen müsse. „Es handelte sich um eine kriminelle Tat, die nicht bedeutet, dass Muslime allgemein verfolgt werden würden“, sagte Magdi el-Sayed, der Sprecher der ägyptischen Botschaft in Berlin. Da sich der Mord aber nur wenige Tage nach Nicola Sarkozys Anti-Burka-Rede ereignet hat, sehen ihn viele Ägypter als Teil eines breiteren Trends der Diskriminierung von Muslimen in Europa.

Die deutsche Botschaft in Kairo bemühte sich darum, die Situation zu beruhigen, organisierte einen Kondolenzbesuch des Botschafters bei der Familie des Opfers und veröffentlichte eine Erklärung, wonach der Angriff nicht die grundsätzliche deutsche Haltung gegenüber Ägyptern widerspiegele. Demonstranten forderten wiederholt, eine Mahnwache vor der Botschaft abzuhalten. Die Gewerkschaft der ägyptischen Pharmazeuten erklärte, sie erwäge einen einwöchigen Boykott deutscher Medikamente.

Der Bruder des Opfers, Tarek el-Sherbini sagte in einer beliebten Talksendung Deutschland sei „kalt“. Medienexperten erklärten das Desinteresse der deutschen Medien mit einer rassistischen Haltung und argumentierten, dass der Fall bestimmt mehr Aufmerksamkeit erhalten hätte, wäre Sherbini Jüdin gewesen.
In Ägypten bemühten sich die Politiker nach Kräften, auf der Welle der öffentlichen Entrüstung mit zu schwimmen. Einige Kommentatoren kritisierten die Reaktionen allerdings als willkommene Ablenkung für das unbeliebte Regime von Präsident Hosni Mubarak, das gerade mit einer Reihe landesweiter Streiks und Besetzungen zu kämpfen hat.

„Die Tragödie um Marwla el-Sherbini ist ebenso real wie der anti-arabische Rassismus in Europa und anderswo, aber .... ihr Tod wurde dazu instrumentalisiert, im Stile der Cartoons in dänischen Zeitungen anti-westliche Stimmungen anzuheizen“, schrieb der populäre Blogger The Arabist.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Artikelaktionen
Kommentare
rolfmueller schrieb am 08.07.2009 um 19:42
Deutsche sind vor allem Feinde der Menschen anderer Herkunft und Kultur. Ein Volk, das sich etwas so Monströses wie eine "Residenzpflicht" für Ausländer leistet, also eine Art Hausarrest für Menschen anderer Rasse oder Kultur, ist dermaßen moralisch und rassistisch verrottet, dass dieser Mord im Gerichtssaal etwas ganz Normales darstellt.
Baszlo schrieb am 08.07.2009 um 19:55
"Deutsche sind vor allem Feinde der Menschen anderer Herkunft und Kultur."

Hm, da sprechen sie nur für sich selbst. Ich als Deutscher habe nix gegen Menschen anderer Herkunft und Kultur und ich halte auch so einen Mord für nichts "Normales".
Ein Feind Gottes, bzw. der hetzerischen religiösen Kreise, die solch eine schreckliche Tat instrumentalisieren, um im Kampf der Kulturen zu punkten, bin ich aber wirklich!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.07.2009 um 23:01
Die Empörung der Ägypter ist schon irgendwie verständlich. Und ich finde es gut, dank diesem Artikel über die rassistischen Hintergründe der Tat aufgeklärt zu werden. Es wäre aber sicher nicht schlecht, wenn die Ägypter, die jetzt Krokodilstränen vergießen, mal ebenso intensiv über die Zustände in ihrem eigenen Land nachdenken würden.
Was den pauschalen Vorwurf betrifft, alle Deutschen seien Rassisten: Wie sieht es denn aus, wenn beispielsweise in Ägypten mal wieder ein islamistischer Anschlag auf westliche Touristen verübt wird. Geht dann die Öffentlichkeit hier davon aus, dass alle Ägypter Islamisten sind und gerne Christen umbringen? Wohl kaum, sonst würden nicht immer noch so viele Leute dorthin fahren, um Urlaub zu machen.
Matthias Dell schrieb am 09.07.2009 um 13:26
die empörung ist kein einzelfall. www.freitag.de/2007/14/07140602.php
Titta schrieb am 09.07.2009 um 23:23
"Deutsche sind vor allem Feinde der Menschen anderer Herkunft und Kultur."

Der Satz ist Rassismus pur.
Matthias Dell schrieb am 10.07.2009 um 10:59
würde den satz polemisch verstehen, um aufs elend der residenzpflicht zu verweisen
Der große Wirsing schrieb am 11.07.2009 um 17:03
Deutsche sind Rassisten und auch nicht. Dänen wahrscheinlich auch. Sogar ich bin Rassist und auch nicht. Wenn das alles mal so klar und eindeutig wäre. Ist es aber nicht. Ein bischen Xenophobie steckt in jedem von uns. Die Frage ist eher, wie damit umzugehen ist und wie Klischees zu vermeiden sind. Deutschland war lange Zeit ein Durchgangsland, in dem so einiges hängen blieb. Das war zwischen 45 und 90 nicht ganz so, ist es jetzt aber wieder. Ein Deutscher ohne Ahnen anderer Herkunft dürfte nur schwer zu finden sein. Das wird allerdings nicht das Problem sein, sondern es sind Teile kulturell bedingten "abweichenden" Verhaltens unserer "Gäste", dass wir nicht verstehen können oder sogar wollen.
chengo schrieb am 08.07.2009 um 20:27
Weiter so, super! Gratulation an die TrittbrettfahrerInnen von der
Mehrheitsgesellschaft und Mainstream-Anheizer wie Kelek&Co.
Diese abschäuliche Tat ist die militante Version und Nebenprodukt von
der Haltung dieser "aufgeklärten" pseudo-sozialen Gutmenschen,
die sich mit ihrer "Islamkritik" an den herrschenden medialen Zeitgeist
anbiedern.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.07.2009 um 22:51
Ach so, Necla Kelek ist schuld. Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie also, man darf die Unterdrückung von Frauen im Islam nicht kritisieren, da sonst die Gefahr bestimmt, dass irgendein durchgeknallter Rechter das missversteht und Amok läuft.
Mit derselben Logik könnte man auch argumentieren, man darf den Papst und die katholische Kirche nicht kritisieren, weil sonst womöglich irgendein Evangeliker den Papst umbringt. Wird wahrscheinlich nicht passieren, also darf man doch?
Solche Erwägungen können aber in einer Demokratie nicht über die Rahmenbedingungen von Meinungsfreiheit bestimmen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.07.2009 um 22:52
Korrektur: "... die Gefahr besteht ..."
Sibelius schrieb am 09.07.2009 um 09:11
Das es in Deutschland bei mehr Menschen rassistische und antiislamische Ressentiment gibt als Schußwaffen in deutschen Nachttischschubladen ist ja leider nichts neues. Das antiislamisches Gepöbel und dumpfe Angstmache a la Hendrik M. Broder inzwischen selbst unter sogenannten Linken salonfähig sind ist allerdings schon eine jüngere Entwicklung, die mir echt angst macht - da passt der ausbleibende Aufschrei über die Hintergründe der Tat ganz gut rein. Ich Wette die Reaktion wäre etwas anders gewesen wären die Rollen vertauscht gewesen: der Mann das Opfer und die Frau die Täterin.
goch schrieb am 11.07.2009 um 16:56
Ich denke diese Tat ist durchaus Ausdruck der Ideologie des Kriegs gegen den Terror. In diesem Zusammenhang wird bewußt der Islam , die Islamisten, die religiösen islamischen Terroristen und ihre Lebensweise hier zusammengemengt und zu einem Bild verdichtet das da heißt: die hier lebenden Menschen islamischen Glaubens mit Migrationshintergrund sind etwas zurückgeblieben. Sie
sind unfähig , sich in diese Gesellschaft zu integrieren und leben in ihren Parallelgesellschaften. Sie unterdrücken ihre Frauen (Kopftuch) etc.
Aus der tatsächlich notwendigen Auseinandersetzung mit den hier lebenden Migranten und Islamgläubigen wird durch die ihnen entgegengebrachte Abwertung ihrer Kultur ein Klima geschaffen , indem sie zum Freiwild erklärt werden.
Dies kann der herablassende Blick auf die vermumten koptuchtragenden Mütter mit ihren vielen Kindern (Achtung Überfremdung) sein , es kann auch im Überlegenheitsgefühl der Eingeborenen gegenüber dem Macho-Gehabe junger Migranten zum Ausdruck kommen. Diese Missachtung und Respektlosigkeit dieser Kultur gegenüber ist der Nährboden für rassischte Bemerkungen, Übergriffe und in diesem Fall Mord. Wie kann es eine kopftuchtragende ? Migrantenfrau wagen, sich zu wehren gleiches Recht für sich zu beanspruchen?


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