Politik

Tschetschenien | 12.08.2009 16:10 | Irena Brežná

Die Mörder kamen am Nachmittag

In Grosny ist zum zweiten Mal innerhalb eines Monats eine Menschenrechtlerin ermordet worden. Sarema Sadulajewa war keine Aktivistin, sie kümmerte sich um Kriegsinvalide

Wie soll man sich den jüngsten grausamen Mord in Tschetschenien erklären? Fünf Männer, davon zwei in Zivil und drei in schwarzen Uniformen, kamen am 10. August ins Büro der humanitären Jugendorganisation "Retten wir die Generation" und entführten deren Leiterin Sarema Sadulajewa und ihren Mann Alik Djabrailow. Die Maskierten kamen nicht wie üblich im Morgengrauen, sondern am frühen Nachmittag und entführten das Ehepaar samt Wagen. In dessen Kofferraum wurden beide am nächsten Morgen in einem Vorort von Grosny erschossen aufgefunden.

Der Fall Natalja Estemirowa

Wen störte die junge gläubige Frau, die stets ein Kopftuch trug und sich liebevoll um invalide Kinder und Jugendliche kümmerte? Sie beschuldigte weder die russischen Militärs noch die tschetschenischen Untergrundkämpfer, Minen gelegt und später nicht geräumt zu haben, durch die Zehntausende Kinder verstümmelt worden sind. Sadulajewa nannte auch keine Namen von Kriegsverbrechern wie dies die tschetschenisch-russische Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa tat, die am 15. Juli ermordet wurde. Die Organisation "Retten wir die Generation" ist vernetzt mit ausländischen, vorrangig deutschen Ärztevereinigungen, die Kriegsinvaliden kostenlos operieren und ihnen Prothesen anpassen. Gilt auch dies schon als eine gefährliche politische Tätigkeit? Sind die deutschen Ärzte, die verbrannten Kindergesichtern wieder ein menschliches Antlitz geben, imperialistische Feinde? Gegen wen ist dieser Mord gerichtet?

Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, der vom russischen Premier Wladimir Putin persönlich als Herrscher über das kriegsgebeutelte Land eingesetzt wurde, dankt dies seinem Wohltäter dadurch, dass er den Schein eines prosperierendes Landes erzeugt. Sein fieberhafter Wiederaufbau soll die Spuren der beiden Kolonialkriege tilgen. Grosny ist aus den Ruinen auferstanden. Kadyrow ließ Kinderheime schließen, denn er behauptet, es gebe keine Kriegswaisen. Die Öffentlichkeit erfährt nichts über die ökologische Katastrophe, die in Tschetschenien herrscht. Die Bevölkerung leidet an Krankheiten, aber Gründe dafür darf es nicht geben. Nach Tausenden von Verschwundenen wird nicht gesucht, Familienangehörigen ein öffentliches Forum verweigert, ihr Leid zu beklagen – Kriegsverbrechen bleiben ungesühnt.

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In einem gespenstischen Land

Die so genannte innere Befriedung Tschetscheniens ist aus Moskauer Sicht geglückt. Doch es gibt Störenfriede in diesem gespenstischen Land – Menschenrechtler und vor allem Menschenrechtlerinnen, die daran erinnern, was es zu tun gibt in Kadyrows Happy New World. Der junge und ungebildete Präsident wacht eifersüchtig darüber, dass sämtliche Menschenrechtsaktivitäten über ihn abgewickelt und finanziert werden.

Wieso gibt es Kriegsinvaliden, wenn Kadyrow doch beteuert, er würde für Wladimir Putin sein Leben hergeben, da dieser seinem Volk nur Gutes gebracht habe? Es ist der selbe Putin, der vor genau zehn Jahren dank flächendeckender Bombardierungen der Kaukasusrepublik und der Unterjochung eines nach Unabhängigkeit strebenden Volkes an die Macht kam. Eine Tschetschenin, die nicht gehorsam zu Hause sitzt, sondern sich mit den Schattenseiten des Moskauer "Kampfes gegen den Terrorismus" beschäftigt, ist eine Feindin. Sadulajewa hatte dank ihrer jahrelangen selbstlosen Arbeit mit Kriegsversehrten Einsicht in eine schreckliche Realität. Der Mord ist ein Signal an die schrumpfende Schar von Aufrechten in Tschetschenien – und nicht nur dort. Der Einschüchterungsterror betrifft auch die russische Menschenrechtsszene.

 

 
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