Politik : Zwei Brüder im Geist

Das Abkommen zwischen Hitler und Stalin traf die Welt völlig unvorbereitet. Die UdSSR hatte ihre Rolle als Bollwerk gegen den Faschismus von heute auf morgen verloren

Zum Kommentar-Bereich

Das Unwetter, das sich am 1. September 1939 über Europa entlud, hatte sich angekündigt. Sein Wetterleuchten hielt über Monate an. Der erste Blitzeinschlag aber, die Nachricht vom deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, traf dennoch viele unvorbereitet. Er traf vor allem jene westeuropäischen Intellektuellen, die in der Sowjetunion ein Bollwerk des Antifaschismus sahen und in ihrem Glauben einen sicheren Unterstand gefunden zu haben glaubten.

Walter Benjamin etwa habe die Nachricht vom deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt einen „unheilbaren Stoß“ versetzt, berichtet der österreichische Schriftsteller Soma Morgenstern: „Er rief mich nicht gleich an. Es dauerte eine Woche, bis er zu mir kam, um mit mir darüber zu sprechen. Wir gingen in den Jardin du Luxembourg ... Benjamin sah schlecht aus. Er hatte wahrscheinlich diese Woche keine Nacht ohne Schlafmittel verbracht ... Im Gegensatz zu den meisten Kommunisten – und ich kannte viele, mit einigen war ich sogar befreundet –, die vom Fleck weg Stalin verteidigten oder gar der Ansicht waren, dass der schlaue Georgier Hitler hereingelegt hat, um noch ein paar Jahre für weitere Kriegsrüstung zu gewinnen, glaubte Benjamin, dass die kommunistische Idee zuschanden gekommen war und sich nicht bald erholen wird.“

Selbst der Terror, der mit den Säuberungen der Jahre 1937 und 1938 die Sowjetunion überzog, hatte vielen nicht als Menetekel getaugt. Der faustische Handel zwischen Hitler und Stalin war aber ein Schock. Für viele wurde er zur Zäsur. Manes Sperber spricht vom „letzten Sprung in dieser Kristallvase“, Louis Fischer vom „Grabstein“ , der mit dem Pakt gesetzt worden sei. Der amerikanische Journalist und Kenner der Sowjetunion spürte „die hereinbrechende Nacht“ in Moskau. Wolfgang Leonhard war „wie vom Donner gerührt“ und Margarete Buber-Neumann traf die Nachricht wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“.

Molotow verteidigt Abkommen

Dies dürfte eine Erfahrung gewesen sein, die beide mit der überwiegenden Mehrheit der sowjetischen Bürger teilten. Den Lesern der Prawda etwa, die mit außenpolitischen Nachrichten im Jahr des Paktes ausschließlich in kurzen Übersichtsartikeln auf der fünften Seite des Parteiorgans behelligt worden waren, vermittelte sich der Furor des Handels zwischen Hitler und Stalin schon durch die Tatsache, dass statt der üblichen Meldung von Ernteerfolgen und Flugschauen der Wortlaut des Nichtangriffspaktes auf der ersten Seite abgedruckt worden war.

Jeder einzelne Punkt des Abkommens diene, wie die Übereinkunft in ihrer Gesamtheit, der Vermeidung des Konflikts und der Stärkung der friedlichen Beziehung beider Länder, hieß es im begleitenden Aufmachertext. Dass dem Frieden, der hier gestärkt werden sollte, nicht zu trauen war, durften die Leser der Prawda indes einer Bekanntmachung entnehmen, die nur wenige Tage später an ebenso prominenter Stelle erschien. Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen, wurden sie über die eben erst beschlossene allgemeine Wehrpflicht informiert.

Dem Informationsbedarf ihrer Leser entsprach die Prawda am 1. September 1939 mit einer über mehrere Seiten abgedruckten Rede des sowjetischen Außenministers Molotow. Während einer außenordentlichen Sitzung des Obersten Sowjets sprach Molotow am 31. August über die Ratifizierung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts.
Die Zeiten seien schlecht, erklärte Molotow den Genossen, und die internationale Lage habe sich während der dritten Sitzungsperiode des Obersten Sowjets nicht zum Guten gewendet, im Gegenteil, die Lage in Europa und Asien sei spannungsgeladener als je zuvor. In dieser Situation, so der sowjetische Außenminister, komme dem Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Deutschland eine „enorme praktische Bedeutung“ zu. Um sie erfassen zu können, müsse man die Gründe für das vorausgegangene Scheitern der Verhandlungen mit England und Frankreich begreifen.

Kritik an London und Paris

Vier Monate, klagte Molotow, habe man erfolglos verhandelt. „Wie Sie wissen“, hob er an, „haben die englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen bereits im April begonnen ...“ England und Frankreich hätten die Wichtigkeit eines Vertrages mit der Sowjetunion für die Erhaltung des Friedens in Europa immer wieder betont. Beide hätten die sowjetischen Verhandlungspartner zu „ernsthaften“ Gesprächen und „einem schnellen Abschluss“ gedrängt. Tatsächlich aber habe die Gegenseite es an Ernsthaftigkeit mangeln lassen und einen Abschluss immer wieder verzögert.

„Auf der einen Seite verlangten England und Frankreich von der UdSSR militärischen Beistand für Polen im Fall einer Aggression gegen das Land. Wie bekannt ist, war die UdSSR dazu bereit, unter der Bedingung, dass sie im Gegenzug militärische Hilfe von England und Frankreich erhalten würde.“ Eben diese militärische Hilfe der Sowjetunion aber habe Polen „entschieden abgelehnt“.

Paraphrasiert findet sich diese Rede Molotows am darauf folgenden 2. September 1939 im Völkischen Beobachter. Auch hier wird die Weigerung Polens, sowjetischen Beistand zu akzeptieren, als „unübersteigbares Hindernis“ dargestellt. Die Vorbehalte Polens auszuräumen sei nicht möglich gewesen. Vielmehr hätten die Besprechungen bewiesen, „dass England nicht versuchte, diese Bedenken Polens auszuräumen“.

Polens vom Misstrauen gegen Stalin getragene Weigerung, einer Durchmarschgenehmigung für die Rote Armee zuzustimmen, erwies sich im Nachhinein als berechtigt. Die Katastrophe, die Polen in der Folge des deutsch-sowjetischen Paktes traf, ließ sich hingegen nicht mehr aufhalten.

Mit Wjatscheslaw Molotow und seinem Gegenpart, dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop, hatten sich zwei gleichgestimmte Verhandlungspartner gefunden, die keinerlei Bedenken hatten, ihre Nachbarn über die tatsächlichen Motive des Bündnisses im Unklaren zu lassen.

Gemeinsames Führerprinzip

Der Hitler-Stalin-Pakt sei als „Molotow-Ribbentrop-Pakt“ nicht trotz der verschiedenen Systeme, sondern vielmehr aufgrund der Gemeinsamkeiten der beiden, vom Führerprinzip getragenen Staaten zustande gekommen, schreibt die Historikerin Susanne Schattenberg in ihrem Aufsatz „Diplomatie der Diktatoren“. Beide Außenminister hätten einen neuen diplomatischen Stil etabliert, der sich in Symbolik, Ton und Tempo entsprochen habe. Beide Männer, soziale Aufsteiger, seien berauscht von der ihnen verliehenen Macht nicht nur Erfüllungsgehilfen ihrer Herren gewesen, sondern hätten deren ähnliche Symbolik und Rhetorik als gemeinsame Verständigungsebene genutzt.

Molotow war erst im Verlauf der Verhandlungen mit England und Frankreich am 3. Mai 1939 ins Amt des Außenministers aufgerückt. Stalin hatte dessen erfahrenen Vorgänger Maksim Litwinow gegen Molotow ausgetauscht, der sein enger Vertrauter war. Während Litwinow seinen britischen und französischen Verhandlungspartnern als Kenner der westlichen Welt und Mentalität galt und „in Geschäftssachen immer bereit zu diskutieren“, wie der britische Diplomat Lord William Strang ihm bescheinigte, beschreibt der damalige deutsche Botschaftsrat Gustav Hilger Wjatscheslaw Molotow als Mann ohne Eigenschaften: „Als erstes beseitigte Molotow aus dem Außenkommissariat den letzten Rest der Intellektuellen, die dem Gesicht dieser Behörde einst das Gepräge gaben, und umringte sich fast ausschließlich mit jungen Großrussen, die dazu erzogen waren, auch die überraschendste Wendung der Stalinschen Außenpolitik widerspruchslos mitzumachen.“

Über das deutsche Außenministerium unter Joachim von Ribbentrop erklärte Joachim Fest, es sei der sichtbarste Ort gewesen, „an dem der Dämmerschoppen dröhnend in die große Politik einstieg, alle Figuren umwarf und unter den Augen einer fassungslosen Welt seine verblasenen Redensarten, sein Renommiergehabe und seine Imponiersucht in des Wortes Doppeldeutung ‚erschütternd‘ demonstrierte. Der Repräsentant dieses Typus war der Außenminister des Dritten Reiches, Joachim von Ribbentrop.“

Ähnlich aber waren nicht nur die Charaktere der beiden Parvenüs, gemeinsam war ihnen überdies ihre Abneigung gegen Großbritannien. Allen ideologischen Widersprüchen zum Trotz, in der gemeinsamen Haltung gegen die westlichen Demokratien wusste man sich einig. Ribbentrop ließ sich, wie Susanne Schattenberg anführt, beim Festbankett nach der Unterzeichnung des Paktes schließlich selbst zu gewagten Scherzen hinreißen. Der Antikomintern-Pakt, den das Deutsche Reich 1936 mit dem japanischen Kaiserreich zur Abwehr der Kommunistischen Internationalen abgeschlossen hatte, sei im Grunde nicht gegen die Sowjetunion, sondern gegen die westlichen Demokratien gerichtet gewesen. In Berlin beliebe man zu scherzen, dass Stalin schließlich noch selbst dem Pakt beitreten werde.

In ihrem Resümee kommt Schattenberg zu dem Schluss: „So kurz das Intermezzo des Paktes war – August 1939 bis Juni 1941 –, so deutlich traten die Parallelen und Gemeinsamkeiten der beiden Führersysteme in ihrer Formensprache, aber auch in ihren Großmachtphantasien und in ihrer Ablehnung des Westens in dieser Zeit hervor.“

Propagandisten in Erklärungsnot

Deutlich wird dies auch in der Reaktion der Propagandisten beider Systeme auf den erfolgreichen Vertragsabschluss in Moskau. Sie waren zu raschen Wendemanövern gezwungen. Im Völkischen Beobachter hatte mancher Leitartikler selbst noch Aufklärungsbedarf. So meldet sich am Tag des Vertragsabschlusses ein offenbar völlig konsternierter Theodor Seibert zu Wort: „Noch in völliger Unkenntnis der bevorstehenden Unterzeichnung des deutsch-sowjetrussischen Nichtangriffspaktes schrieben wir gestern in dieser Zeitung ...“, beginnt er seinen Kommentar, kommt dann jedoch rasch zu dem Schluss: „Es ist einer der elementaren Grundsätze der Politik, gute Beziehungen zu Staaten und Völkern zu unterhalten, von denen man durch keine natürlichen Gegensätze getrennt wird. ... Wir haben wieder und wieder in diesen Spalten darauf hingewiesen, dass die heutige Politik der britischen Regierung, die Einkreisungspolitik, zum Scheitern verurteilt ist, weil sie diesen Grundsatz verleugnet, sich in Dinge einmischt, von denen sie nichts versteht und die sie nichts angehen, und in einem auf dem Papier ausgeklügelten Allianz-System völlig verschiedenartige Interessen zusammenzuschweißen versucht.“

Dass ein Leitartikler des Völkischen Beobachters innerhalb kürzester Zeit und in wenigen Absätzen zu der Auffassung gelangt, dass das nationalsozialistische Deutschland und die kommunistische Sowjetunion Staaten seien, die „durch keine natürlichen Gegensätze getrennt“ sind, kommt einer Schubumkehr bei vollem Tempo gleich. Ein gemeinsamer Gegner ist da hilfreich. Nicht Deutschland und die Sowjetunion versuchen mit ihrem Pakt die Verschmelzung „völlig verschiedenartiger Interessen“, sondern Großbritannien.

Das unbedingte Vertrauen in den Führer ermöglicht auch das riskanteste Manöver. „Denn so sagten wir gestern“, schreibt die Stimme seines Herrn, Theodor Seibert, „unser ist das Recht und unser ein Regierungssystem, das dem allein verantwortlichen Manne die volle, unbedingte Rückendeckung eines 80-Millionen-Volkes gibt.“



Katja Tichomirowa ist Redakteurin im Parlamentsbüro der Berliner Zeitung. Von 2003 bis 2008 war sie Korrespondentin der Zeitung in Moskau.