Politik

Mahnmal | 09.09.2009 18:45 | Lutz Herden

Ehrenmal auf Zuwachs

Da sie gegen den Afghanistan-Krieg protestiert, wird die Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen (Linke) bei einer Zeremonie im Bundesverteidigungsministerium abgeführt

Freitag: Sie waren gestern als Bundestagsabgeordnete zur Einweihung eines Mahnmals für gefallene Bundeswehrsoldaten auf dem Gelände des Bundesverteidigungsministeriums im Berliner Bendler-Blocl geladen, wurden dann aber von Feldjägern abgeführt – wie kam es dazu?
Luc Jochimsen. Ich trug während der Zeremonie einen Schal, auf dem zu lesen war: "Jetzt erst recht. Raus aus diesem Krieg". Als ich nach der Einweihung zu einem Empfang des Ministers gehen wollte, wurde mit der Zutritt mit der Begründung verwehrt – mit diesem Schal sei ich unerwünscht. Ich hätte die Wahl, den Schal abzulegen oder das Gelände unverzüglich zu verlassen. Da ich mich weigerte, dies zu tun, kamen Feldjäger, die mir begreiflich machten, sie würden den Platzverweis unter allen Umständen durchsetzen, mich also notfalls auch gewaltsam entfernen. Ich wurde schließlich – rechts und links eskortiert – der Polizei übergeben. Die schien dann recht freundlich, hat fast verdeckt sympathisiert und wollte meinen Bundestagsausweis und die Einladungskarte sehen. 

Und die Feldjäger zogen sich zurück?
Keineswegs. Die Polizei wollte von deren Kommandeur wissen, ob denn die Bundeswehr Strafanzeige gegen mich stellen wolle. Doch der sah sich außerstande, diese Frage zu beantworten. Ich habe ihn dann gefragt, was stört Sie eigentlich an dieser Inschrift: "Jetzt erst recht. Raus aus diesem Krieg". Antwort: In Afghanistan gäbe es keinen Krieg, außerdem sei mein Verhalten unangemessen. Dann hieß es, „polizei-seitig“ sei alles geklärt, ich dürfe gehen.“

Rechnen Sie noch mit einer Anzeige des Bundeswehr?
Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich habe mir aber überlegt, ob ich Minister Jung nicht einen Brief schreibe. Der soll mir diesen Vorgang doch bitte einmal erklären.

Sie haben Ihren Schal während der ganzen Zeremonie getragen. Wie waren da die Reaktionen?
Die Leute haben mich natürlich zum Teil mit Abscheu und Empörung gemustert. Nur der CDU-Abgeordnete Willy Wimmer hat mich freundlich eingeladen, neben ihm zu sitzen.

Das gestrige Ehrenmal suggeriert in gewisser Weise so etwas wie einen neuen Heldenmythos.
Es suggeriert vor allem: Es ist süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben, wie es der römische Dichter Horaz ausgedrückt hat. Was da eingeweiht wurde, ist ein Ehrenmal auf Zuwachs. Für mich ein Platz, der für künftige Gedenkfälle vorgesehen ist. Nur wer denkt an die Ehre der Männer, Frauen und Kinder, die in diesen Kriegen, um die es dann geht, von deutschen Soldaten oder ihren Verbündeten getötet worden sind?

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Nun kann man andererseits nicht völlig darüber hinweg sehen, dass bisher 70 Bundeswehrsoldaten bei Auslandseinsätzen ihr Leben gelassen haben. Sollte an die nicht erinnert werden? Welches wäre aus Ihrer Sicht die angemessene Form, dies zu tun?
Aber natürlich muss es eine solche Erinnerung geben. Die Linkspartei hat deshalb auch im Bundestag einen eigenen Vorschlag eingebracht. Und der besteht darin, ein Mahnmal gegen Krieg zu errichten, das ein Gedenken an die gefallenen Soldaten und an die zivilen Opfer ermöglicht. Aber das wollen wir nicht auf dem Boden der Verteidigungsministeriums haben – das sollte im Reichstag errichtet werden. Gedacht als Mahnmal auch für die Abgeordneten, von denen die Beschlüsse zu solchen Einsätzen gefasst werden.

Des Gespräch führte Lutz Herden
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.09.2009 um 19:52
> Die Leute haben mich natürlich zum Teil mit Abscheu und Empörung gemustert. <

Ich kenne mich etwas mehr als mir lieb ist mit der Psychologie von politischen "Beamten" der NSDAP aus und bin froh das ich nicht mehr in Deutschland lebe. Hoffentlich geht das gut, hoffichma
Mittelstandskind Ost schrieb am 09.09.2009 um 23:23
Die Helden, dass sind jene die ohne Zweifel oder Fragen Befehle bis zur letzten Konsequenz durchführen.
Diese Ideologie hinter diesem Mahnmal verschafft mir einen Würgreiz.

Die Bundeswehr ist an einem Angriffskrieg beteiligt, der nur einen Vorgeschmack auf bald folgende weitere Kriege sein wird. Des Weiteren ist die Bundeswehr in geostrategische Aufgaben eingebunden, die offenbaren wessen Heer diese Truppe ist. Nichts von wegen Verteidigungsarmee, Armee zur Verteidigung der industiellen, energiepolitischen und geostrategischen Interessen Deutschlands der EU und der USA, das ist die Bundeswehr.

Aber es stimmt - wir sollten mahnen - Diese toten Soldaten führen uns die Menschenverachtung des Imperialsmuses vor Augen
ChristianBerlin schrieb am 11.09.2009 um 10:02
Der Vorfall tut mir leid für die Abgeordnete und Ex-Kollegin Jochimsen. Aber wenn sie in ihrer Journalistenzeit ein wenig aufgepasst hätte, müsste sie wissen, dass es in der Bundesrepublik schon immer eine einseitig designte Gedenkkultur gab. In der DDR übrigens auch, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Schon immer gab es in Kriegen und KZs die "guten" und die "schlechten" Opfer - wohlgemerkt, für beide Republiken. Als Helmut Kohl irgendwann in den 80ern in Bergen-Belsen gedachte, waren die in der VVN organisierten Opfer dieses KZ nicht zugelassen kamen dann aber trotzdem, in ihren Ex-Häftlingsuniformen und drängten aufs Gelände. Zum Glück waren es damals zivile Beamte, die sie wegzudrängen versuchten - das Militär wäre nämlich angesichts ihres Widerstandes gegen sie noch etwas unziviler vorgegangen als gegen Frau Jochimsen (aber die hätten das zumindest schon gekannt).

Jedenfalls, wer nicht ins Bild passt, darf anderweitig gern protestieren, aber nicht zu staatlich designten Gedenkveranstaltungen, die nicht mit politischen Appellen zu störende Trauer von Angehörigen dürfte - wenn diese selbst nicht ausnahmslos und ausdrücklich gefragt wurden - eher ein Vorwand sein, der jedenfalls in Bergen-Belsen logisch nicht zutraf. Es ging um Meinungszensur im politisch kontrollierten offiziellen Feierraum.

Aber, das muss fairerweise bei einer Vertreterin der Linken ergänzt werden, in der DDR wäre es Luc Jochimsen bei einem politisch unerwünschten Outfit Auftritt auf einer offiziellen Gedenkveranstaltung nicht anders ergangen, nur dass sich dort statt der Feldjäger dann die Stasi um sie gekümmert hätte.
Coroner schrieb am 11.09.2009 um 14:31
Eine mutige Aktion der Abgeordeneten Luc Jochimsen!
Das bestärkt mich, Die Linke zu wählen.

Dem wachsenden Militarismus und dem schleichend wieder auftauchenden fschistischen Gedankengut (dazu gehört auch eine menschverachtende Kriegführung) in den etablierten Parteien muss entgegengetreten werden.
bobhajime schrieb am 17.09.2009 um 12:32
Es ist so einfach "Raus aus Afghanistan" zu rufen. Vor allem vor der sicheren Haustür im sicheren Deutschland, wo man sich höchstens unter widrigsten Umständen vor einer Anzeige fürchten muss.

War Jochimsen in Afghanistan? Hat sie die Menschen dort gefragt, wollen diese überhaupt, dass die Bundeswehr geht? Was passiert wenn die Bundeswehr von heut' auf morgen nach Hause kommt?
Mord und Totschlag? Ein stabiles Regime aufgebaut auf Drogengelder und Gewalt?
Jeder der heute Ruft "Bundeswehr raus", könnte er guten Herzens schlafen und das Morden gutheißen?
Ich war nicht in Afghanistan, aber ich weiß gewiss, ein sicherer Rückzug für die Armee und die Zivilbevölkehrung ist mit provokativen Sprüchlein nicht getan. Es ist höchstens Selbstbeweihreucherung. Die Linke braucht Stimmen und dies ist ein gefundenes Fressen.

Ich will nur erinnern, dass vor 64 Jahren es Soldaten, unter anderen Amerikanische Soldaten! es waren die Deutschland befreit haben! Es waren keine Uniformierten Politiker oder gar Friedensaktivisten. Hätten die Amis vor der eigenen Tür kehren sollen? "Ach, die Europäer werden es schon selbst wieder hin bekommen, was geht uns das an...".


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