Als am 11. September 1973 General Pinochet den sozialistischen Präsidenten Allende stürzte, retteten sich hunderte Chilenen vor den Todesschwadronen der Junta in die Botschaften skandinavischer Länder. Mit Ausnahme Mexikos kamen die Missionen südamerikanischer Staaten für keinen als Refugium in Frage. Zu groß war die Gefahr, an die Putschisten ausgeliefert zu werden.
Wenn nun der seines Amtes beraubte Manuel Zelaya beim brasilianischen Botschafter in Honduras Gastrecht genießt, um seine Rückkehr ins Amt durchzusetzen, ist das eine harte Niederlage für die Obristen von Tegucigalpa. Dieser Botschaftsflüchtling bringt ihnen zu Bewusstsein: Für das Lateinamerika des 21. Jahrhunderts sind sie Mumien und verkörpern eine Oligarchie, deren Machtwillen wie ein Anachronismus daher kommt. Das wird dem illegitimen Staatschef Roberto Micheletti nicht durch irgendwen verdeutlicht, sondern durch die Regionalmacht Brasilien – dem Sprecher Lateinamerikas beim anstehenden G20-Gipfel von Pittsburgh. Insofern hat sich Manuel Zelaya zu einem günstigen Zeitpunkt dafür entschieden, zurückzukehren und in einem Botschaftsasyl Station zu machen. Brasiliens Staatschef Lula da Silva kann in Pittsburgh Präsident Obama für eine Lösung gewinnen, die dem halbherzigen Lavieren der US-Regierung ein Ende macht. Außenministerin Clinton hat die Verschwörer zwar mehrfach verurteilt, kann aber einem wieder mit präsidialer Macht ausgestatteten Reformer Zelaya nicht viel abgewinnen. Die vergangenen Wochen haben unverkennbar gezeigt, dessen Sympathisanten sitzen in den Linksregierungen Nicaraguas, Venezuelas und Boliviens – nicht unbedingt bevorzugte Partner der USA.
Wenn es zutrifft, dass die Regierung Lula über die Ankunft dieses prominenten Botschaftsflüchtlings unterrichtet war und ihre Zustimmung gab, wird damit – indirekt zwar, aber unübersehbar – auch die Vermittlung durch Kostarikas Staatschef Arias für gescheitert erklärt. Dessen im Juli angebotener Kompromiss verlangte von Zelaya für den Fall einer befristeten Rückkehr ins Amt den kategorischen Verzicht auf jedwede erneute Kandidatur bei anstehenden Wahlen. Dies lief auf ein Patt zwischen den Obristen und ihrem Opfer hinaus. Zelaya wollte das im Unterschied zu seinen Gegnern hinnehmen.