Puritaner und Moralisten bezeichnen den Konsumismus, die Bonus-Kultur, die Erwerbsgesellschaft, die Jetzt-leben-später-zahlen-Philosophie oft als „Gier“. Doch haben diese – wie andere Laster auch – durch einen Wandel unserer moralischen Ordnung einen neuen Stellenwert erhalten. Vieles, was man in der Vergangenheit als menschliche Schwäche empfand, gilt heute als ökonomische Tugend. Habgier ist zu Ehrgeiz geworden, Neid erscheint als Manifestation eines gesunden Wettbewerbsgeistes, Unersättlichkeit ist bloß ein natürliches Streben nach mehr. Lust gilt als notwendiger Ausdruck unserer tiefsten menschlichen Realität. Versuchung ist kein Impuls mehr, dem es zu widerstehen gilt: Es ist unsere Pflicht, uns ihr zu ergeben. Im Namen des erhabensten aller Zwecke: Dem Verbrauchervertrauen. Denn die kapitalistische Ideologie besteht nicht mehr nur als abstrakte Theorie, sondern wird in jedem Objekt unserer Begierde dinglich. Zugleich birgt dieser bunte Überfluss der Güter ein ganzes moralisches Universum.
Der gefallene Mensch
Wenn in primitiveren Zeitaltern als negativ betrachtete Eigenschaften inzwischen als Tugenden erscheinen, fällt uns die Überzeugung leicht, dass sie die Natur des Menschen repräsentieren. Somit ist uns quasi gestattet, unmäßig, zügellos und gierig zu sein. Die Moral des ökonomischen Wachstums dringt in die Psyche ein. Dort regiert sie nun als ultimative Offenbarung dessen, was Menschsein heute bedeutet.
Der Erfolg der industrialisierten Gesellschaft hängt entscheidend von dieser düsteren Sicht auf die Wirklichkeit ab. „Die menschliche Natur kann man nicht ändern“, lautet Artikel I der kapitalistischen Glaubenssätze. Eine schwermütige Anerkennung des Umstandes, dass der Mensch „seinem Wesen nach“ selbstsüchtig, ja, unabänderlich „gefallen“ sei.
Wenn der erste Glaubenssatz des Kapitalismus in der Unveränderlichkeit der menschlichen Natur besteht, dann besteht der zweite in der Annahme, die übrige Natur, damit auch das Klima, könne immer weiter unterworfen werden. Die Natur an sich gilt als endlos formbar, kann zu jedem der „Menschheit“ vorschwebenden Zweck genutzt und gestaltet werden. Ganze Kontinente lassen sich unterjochen, ganze Wälder roden, Wasserläufe umleiten, Meere überfischen und ganze Fischarten ausrotten – bis die Erde ausgelaugt ist, bis die menschliche Natur triumphieren kann und als unbezwingbar erscheint.
Die ikonografische Wucht der kapitalistischen Warenwelt und die Umwandlung von Lastern zu Tugenden lassen keinen Raum für andere, im Schatten stehende Visionen einer besseren Welt. Wenn die westliche Weltsicht sich gegen alle anderen durchgesetzt hat, dann ist dies nicht so sehr ihrer Wahrheit, als vielmehr ihrer physischen Stärke zuzuschreiben.
Zurückhaltung und Mäßigung
Es ist nicht zu leugnen, dass die Menschen schon immer nach Besitztümern verlangt haben, die ihnen Bollwerk gegen die existentielle Trostlosigkeit sein sollten, sie suchten nach Illusionen gegen die Unendlichkeit. Die Grabmäler weit zurückliegender geschichtlicher Epochen sind überhäuft mit kostbaren Objekten, die den Dahingeschiedenen auch noch im Jenseits zugute kommen sollten. Es wurde eben nie ernsthaft daran geglaubt, dass sich vollkommene Glückseligkeit in diesem kurzen Leben erreichen ließe. Noch nicht einmal von denen, die den totalen Glauben an das Streben nach dem Glück bekundeten.
Die Religion hat immer die Notwendigkeit von Zurückhaltung und Mäßigung sowie die Unmöglichkeit von Transzendenz in dieser Welt gelehrt. Die Ideologie des grenzenlosen Wachstums stellt dies freilich auf den Kopf: Sie überträgt eine jenseitige Kosmologie in einen augenscheinlich säkularen Kontext. Statt Glück im Jenseits zu versprechen, bietet sie eine glückliche Ewigkeit im Hier und Jetzt. Die Erfüllung dieser Doktrin ist aber um einiges unmöglicher, als dies bei den Dogmen jedes religiösen Glaubens der Fall ist. Denn während nicht zu beweisen ist, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, ist offensichtlich: Nach dem ewigen Glück in einem von Unsicherheit, Schmerz und Verlust beschränkten Leben zu streben, erweist sich als vergebliches Bemühen. Daher kommt nicht zufällig ein großer Teil des Widerstands gegen den Kapitalismus aus religiöser Richtung. Priester, Prediger und Imame sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass es ihr Territorium ist, auf dem da herumgetrampelt wird.
Umkehrung der Ideologie
Die Überzeugung, dass wir uns die Natur zu eigen machen sollen, die menschliche Natur aber für Veränderungen nicht zugänglich ist, hat unmittelbar zu mehreren globalen Krisen geführt – zum Klimawandel, der wachsenden Ungleichheit und – zwar weniger wahrgenommen, vielleicht aber noch bedeutsamer – zu einem um sich greifenden morbiden Verlangen nach dem Unerreichbaren. Es hat inzwischen Anerkennung gefunden, dass die Störung der Biosphäre und die Sucht nach Fortschritt direkt zum Klimawandel geführt haben. Auch wenn es nicht widerstandslos hingenommen und die Verantwortung einer mumaßlich unveränderlichen menschlichen Natur für diesen traurigen Zustand anerkannt wird.
Wer die Bedrohung der Natur und des Klimas durch die Globalisierung auflösen will, der verlangt genau genommen eine Umkehrung der Ideologie: Der verlangt das genaue Gegenteil eines mit zynischer Selbstverständlichkeit daher kommenden Fatalismus, der die Natur des Menschen als unabänderlich betrachtet. Denn dieser Fatalismus hat zu Immobilität, vor allem aber zu einem Gefühl der Ohnmacht im Umgang mit schwindenden natürlichen Ressourcen geführt.
Die heimlichen Tresore
Deshalb ist es so überaus dringend, sich mit dieser Mär von der menschlichen Natur als dem einzigen Fixpunkt im ständigen Wogen des fieberhaften Wandels und Wachstums zu befassen. Die menschliche Natur entspricht nicht dem Bild, das die selbst referentiellen Propheten der ökonomischen Ideologie von ihr gezeichnet haben. Sie versuchen, die Menschen soweit zu bringen, sich auf eine gewisse Art und Weise zu verhalten und die Folgen ihres Tun dann als Offenbarung oder Entäußerung der menschlichen Natur zu begreifen
Wenn es keinen öffentlichen Raum für andere Attribute des Menschseins gibt, wird dies unvermeidlich unsere Fähigkeit zu Großzügigkeit, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft und Güte verdrängen. Wir wissen, dass diese Werte existieren: Nur sind sie ausgeschlossene, überaus geächtete Gäste eines tristen ökonomischen Banketts, auf dem man sich mit den philanthropischen Restkrumen zu begnügen hat. Rücksichtslos, egozentrisch, individualistisch, selbstherrlich – wenn diese Eigenschaften in unserem ökonomischen Dasein doch belohnt werden, wer wollte Letztere dann nicht kultivieren und menschliche Tugenden verbannen? Wer wollte sie nicht in die heimlichen Tresore des Privatlebens schließen in die sie gesperrt werden, weil sie das ökonomische Spiel verderben?
„Wir müssen die Natur verändern, aber wir können nicht die menschliche Natur ändern,“ lautet der Ruf jener, die das herrschende ungerechte Paradigma aufrecht erhalten wollen. Sogar um die bescheidenen Anliegen der britischen Umweltkampagne Zehn zu Zehn effektiv umsetzen zu können, werden andere menschliche Möglichkeiten aus dem Gemeinschaftsgrab alternativer Ideen gehoben werden müssen. Darunter ein neu erwachter menschlicher Einfallsreichtum, Kreativität und Flexibilität. Allein diese Eigenschaften werden unser unseliges Zerstörungswerk des Planeten aufhalten und wenigstens mildern können.
Radikale Fragen
Vielleicht gibt es für die Reichen andere Arten des Wohlstandes und für die Armen andere Wege aus der Armut als all jene, die uns bekannt sind. Doch sie werden blockiert von der stoischen Überzeugung, dass die Disziplinen der Marktwirtschaft – Zerstörung der Natur und Unveränderlichkeit unserer menschlichen Natur – noch immer als einziger Pfad erscheinen, unsere sehnlichsten Träume zu verwirklichen und schlimmsten Albträume zu verhindern.
Es wird inzwischen allgemein anerkannt, dass die Ausbeutung der Natur beendet werden muss. Vor dem Kopenhagener Klima-Gipfel häufen sich verständlicherweise die Appelle. Doch wenn wir uns nicht der Ursprünge dieses räuberischen Verhaltens annehmen, werden unsere Überlebenschancen mit jedem Tag kleiner. Radikale Fragen stellen sich. Nicht zuletzt die, warum es so schwierig geworden ist, zwischen der Natur des Industrialismus und der Industrialisierung unserer eigenen Natur zu unterscheiden.
Übersetzung: Zilla Hofman
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Wie viele diesen Artikel lesen oder kommentieren werden, kann man kaum vorhersagen. Interessant über ihn hinaus fand ich das englische Original und die dort befindlichen Kommentare. Letztere sagen uns etwas über die Sichtweise des dortigen Lesers. Mir fiel dabei besonders eine Stellungnahme auf, nachdem etliche davor in den reinen Reflex „Kapitalismus vs. Sozialismus“ eingestimmt hatten. User William Ashbless schrieb: „superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira, acedia. At least capitalists, christians and communists can agree on one thing. "Acedia" is bad, normally translated simply as "sloth", it actually means: uncaring, sloth, despair. It's facinating to see how far christianity has moved in the last 2000 years (6 of its original cardinal sins are now near universal virtues). However I fail to see how one can criticise capitalism from the POV of archaic christianity when even modern christians reject those original values. perpetualcynic: I feel obliged to point out that he's not advocating "socialism". It seems to me that today, the majority of those believing that the 7 cardinal sins are evil are likely to be environmentalists; certainly not socialists.”
In dem Zusammenhang fiel mir die Enzyklika Caritas in veritate ein. Dort ging das geistige Oberhaupt von rund 1,3 Milliarden Menschen einen ähnlichen argumentativen Weg, wenn auch unter einem anderen Vorzeichen: „Zu übersehen, dass der Mensch eine zum Bösen geneigte Natur hat, führt zu schlimmen Irrtümern“. Dazu Seabrook: „Die Religion hat immer die Notwendigkeit von Zurückhaltung und Mäßigung sowie die Unmöglichkeit von Transzendenz in dieser Welt gelehrt“, im englischen Original mit Fundstelle verlinkt. Wenn aber Skeptik gegenüber Lehren, Modellen und ihren Institutionen herrscht, was soll dann der Inhalt von „Zivilgesellschaften“ werden, wer ihre Auffassungen (glaubhaft) vertreten, wie sollen die unvermeidlichen Zielkonflikte gelöst werden? In den 80ern war ich längere Zeit bei einem Rückversicherer, (übrigens einer der Mitinitiatoren von Desertec), der aufgrund seiner Geschäftsausrichtung bereits damals begann, sich intensiv mit „Klima“ zu beschäftigen. Die größten Schäden waren damals schon die wetterbedingten, weit vor der Industriehaftpflicht. Einer der Verantwortlichen sagte mir, nicht einmal zynisch gemeint: Nicht durch das Wetter gibt es Schäden, sondern weil immer mehr Menschen dem Wetter ausgesetzt sind. Die Geschäftsmäßigkeit dieser Feststellung hat sein Faszinosum für mich behalten. Die Klimadebatte offenbart die Paradigmen, die heute mehr als je zuvor, offen aufeinander prallen. Noch ist es ein Gespräch unter Tauben, ich meine, Seabrook stellt zumindest einen Hörapparat zur Verfügung. |
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Wie kommt man überhaupt darauf, dass der Verwertung der Natur zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse irgendeine Form von Menschenbild zugrunde liegen müsste?
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So gesehen, reihen wir uns ein in die Liste der erfolgreichsten Lebensformen: Knapp zweite nach den Viren. Schade, nicht wahr, dass nur manchmal das Gewissen plagt.
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schrieb am
26.11.2009 um 17:15
Ein schlechtes Gewissen gegenüber Menschen, zu denen keine persönliche, emotionale Bindung besteht?
Klappt halt selten. |
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Stimmt, die Erde läßt das auch völlig kalt. Also auf zum Essenfassen, die nächsten Lebensformen warten bereits auf Zulassung.
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Zitat:
Wenn in primitiveren Zeitaltern als negativ betrachtete Eigenschaften inzwischen als Tugenden erscheinen, fällt uns die Überzeugung leicht, dass sie die Natur des Menschen repräsentieren. Somit ist uns quasi gestattet, unmäßig, zügellos und gierig zu sein. Die Moral des ökonomischen Wachstums dringt in die Psyche ein. Zitat Ende Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit der Sicht des Autors übereinstimme - es scheint, daß Unmäßigkeit, Gier und Zügellosigkeit in einigen Lebensbereichen erwünscht ("Konsumentenrolle") bzw. gefordert sind ("Arbeitnehmerrolle"), im Privaten aber nach wie vor als unangebracht gelten. Die Reduzierung des Menschen auf ein eher unangenehmes und unsolidarisches Spektrum seiner psychischen Leistungsfähigkeit korreliert übrigens mit einer steigenden Rate psychischer Erkrankungen, ist somit sicher nicht "die menschliche Natur". Ergänzend könnte man hier anfügen, daß der Autor die Reproduktionsfunktion der Familie (wieder fit machen für den nächsten Tag im Dschungelkampf), unerwähnt läßt. Gesellschaftliche Arbeitsteilung funktionierte lange nach dem Motto: "... der Mann muß hinaus ins feindliche Leben, ... drinnen aber waltet die züchtige Hausfrau" mehr schlecht als recht. Seit Frauen, die diese Arbeit traditionell leiste(te)n, in immer stärkerem Maße erwerbstätig sind, entfallen gesundende Prozesse und die schädlichen Wirkungen eines kurzfristigen, einseitig an Gewinnmaximierung orientierten Handelns werden umso sichtbarer. Die problematische Spaltung des Menschen in ein Erwerbswesen und einen Privatmenschen thematisiert der Autor leider nicht. Ebenso vermisse ich in diesem lesenswerten Artikel einen Hinweis auf die Kapitalismuskritik aus - wie sage ich es am besten? - Ökologie- und Tierschutz-/Tierrechtskreisen. (Danke, ed2murrow, für den Verweis auf die Guardian-Diskussion und den Beitrag von perpetualcynic!) Es mag meiner selektiv verteilten Aufmerksamkeit geschuldet sein, daß mir die bedeutenden Beiträge zur Kapitalismuskritik von christlicher Seite bisher entgangen sind. Im Gegenteil müssen sich Religionsgemeinschaften mit Vorwürfen der Tierschützer/-rechtler auseinandersetzen, die ihnen eine aktive Unterstützung der Tierausbeutung vorwerfen (Schächten, Jagd). In der ökologisch motivierten Diskussion werden die Zusammenhänge zwischen der Lebensweise in der entwickelten Welt und ihre Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem beleuchtet. Die Folgen des Fleischkonsums, die Ausbeutung von (Gen-)Ressourcen der Dritten Welt, Auswirkungen von Rohstoffspekulationen sind nur einige wichtige Themen, deren Beleuchtung hier zu weit führen würde. Der von Le monde diplomatique herausgegebene Atlas zur Globalisierung, und einige Beiträge der Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (www.vegetarismus.ch) bieten Interessierten einen guten Einstieg ins Thema. Persönlich hätte ich mir gewünscht, der Autor hätte es nicht bei der Problembeschreibung belassen, sondern einen Ausblick auf (s)eine bessere Welt gegeben - so bleibt das Ganze zwar sehr schön, aber irgendwie unverbindlich. |
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Sorry für die sprachlichen Stolpersteine im vorletzten Absatz...
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Sehr geehrte Eselsmöhre,
von einem Artikel in einer Zeitung, die keine Fachzeitschrift ist, dürfte mehr nicht zu erwarten gewesen sein. Immerhin befand ihn die Redaktion des Freitag für so wichtig, dass er über- und hierher versetzt wurde. Sie sprechen selbst letztlich "nur einige" der Zielkonflikte an und ergeben sich der partikularen Sicht der offensichtlich praktizierenden Vegetarierin. Sie nennen es für sich "selektiv verteilte Aufmerksamkeit". Dass "Kapitalismuskritik" weit verbreitet ist und dabei völlig unabhängig von irgendwelcher Couleur erstaunliche weil bis vor Kurzem undenkbare Allianzen schmiedet, ist eine der Chancen der Gloablisierung. Ob und inwieweit sie genutzt wird oder wie so vieles zuvor in Sektiererei versandet, wird sich weisen. Sicher werden auch Sie demnächst beitragen und nicht nur kommentieren. Mit freundlichen Grüssen, e2m |
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Guten Tag, ed2murrow,
danke für Ihren Kommentar. Ihnen scheint das Thema am Herzen zu liegen, deshalb möchte ich Sie jetzt auf die Metaebene der Diskussion einladen: 1. die Reflexion eigener Subjektivität und Grenzen tragen zu einer offenen Atmosphäre bei und leisten dadurch einen Beitrag zum Gelingen der Diskussion bei. 2. Diskussionsbeiträge verstehe ich als ein offenes Angebot an den geschätzten Leser, seine Standpunkte zu prüfen, ggfs. seinen Horizont zu erweitern und dadurch selbst wieder zur weiteren Diskussion beitragen zu können. Natürlich habe ich als Diskussionsteilnehmerin keinen Einfluß auf das Gelingen dieses Prozesses, sondern kann ihn nur durch Einhaltung einiger Spielregeln erleichtern. 3. Ihr Beitrag hat mir zu einer wichtigen Einsicht verholfen: nicht nur ist die Verständigung über Textnachrichten schwierig wegen fehlender Redundanzen, usw... - alter Hut. Ebenso erscheint mir interessant, was passiert, wenn die "Sendefrequenz" der Diskussionsteilnehmer stark differiert: die Schnelleren werden evtl. ausgebremst, Langsamere finden unter Umständen den Einstieg nicht mehr. Es fehlen vielleicht Verfahren zur Synchronisation... In diesem Sinne grüßt freundlich Eselsmöhre |
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Sehr geehrte Eselsmöhre,
komme leider erst jetzt dazu, Ihnen zu antworten. Mit "Metaebene" kann ich nichts anfangen, weiß also wahrscheinlich Ihre Einladung nicht richtig zu würdigen. Das mit den "zwei Geschwindigkeiten" hingegen leuchtet mir vom Prinzip her ein, sollte aber nicht daran hindern, dass beide das gleiche Gespräch führen. Das "schnelle, impulsive" liefert womöglich das Stichwort, das "wägend gemächliche" mag eine breitere Basis herstellen. Durch das Bookmarken von Artikeln hier können die Tempi sehr wohl ihren jeweiligen "Einstieg" finden, wenn denn das Thema interessiert. Ich stelle allerdings fest, dass Seabrook nicht in den Begriffen schreibt, die Systemdiskussionen der letzten Jahrzehnte verwendet haben. Das dürfte seiner Popularität, auch hier, Abbruch tun. Dogmen waren allerdings mein Ding nie, das macht ihn mir so lesenswert. Mit freundlichen Grüssen, e2m |
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Guten Tag, ed2murrow,
danke für Ihren Kommentar und den Hinweis auf die praktische Merkliste - die hatte ich noch gar nicht entdeckt! Kurz zur Metaebene - sorry, daß ich in Rätseln gesprochen habe. Damit ist in bestimmten Kreisen:-), z. B. Pädagogen, Psychologen, Kommunikationsfachleute, Therapeuten u. ä., gemeint, daß jetzt nicht der Inhalt - was wird besprochen? -, sondern die Art der Kommunikation - wie wird etwas besprochen? -, betrachtet wird. Dieses Mittel wird gern dann eingesetzt, um (vermutete) Kommunikationsstörungen zu klären. Sie haben mir die Einsicht ermöglicht, daß diese Verfahren nicht allgemein gebräuchliches Kommunikationswerkzeug sind, wie ich fälschlich - deformation professionelle - annahm. Ich muß Sie bitten, auf ausführlichere Ausführungen wenigstens bis Donnerstag zu verzichten - ich bin sehr unter Arbeitsdruck, wollte aber schon einmal eine Rückmeldung geben. Mit freundlichen Grüßen Eselsmöhre |
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Was ich jetzt gern nochmal anmerken würde, ist, das der Grossteil der angeführten diesseitigen Besitztümer ohne irgendeinen wirtschaftlichen Wert bleibt, also etwa Dinge wie die antiken Grabmäler, goldene Uhren, 1-Million-Euro-Autos, ein kleiner Salat im Restaurant für einen Hunderter oder ein Appartment in Manhattan für eine halbe Milliarde sind doch wohl Atraktoren des Kapitalismus, die das Ende der volkswirtschaftlichen Wertschöpfungkette darstellen und für nichts anderes mehr gut sind, als gestohlene Werte anzulegen.
Anders gesagt: Es sind doch die Fürsten, nicht das Fussvolk, die den Planeten abwirtschaften, und von daher lösen alle Predigt-Versuche mit dem Ansatz "Wir alle müssten usw." bei mir eigentlich nur eine ganz schlimme Allergie aus. Wenn schon, dann müssten wir alle den Reichen in den Arsch treten und ihnen die Spielchen und Spekulationen mit den volkswirtschaftlichen Werten, die wir alle schaffen, verbieten oder durch eine 99 Prozentige Steuer vermiesen, ganz real und kein bisschen religiös. |
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Sehr geehrter SteinMain,
in irgendeiner Form haben Sie sicher eine Versicherung, vielleicht für den Fall der Krankheit. Konsequenterweise müssten Sie sie sofort kündigen. Denn die gebildeten Rücklagen sind solche sog. "institutioneller Anleger", die sich samt und sonders auf der im Tagesspiegel veröffentlichten Liste der Kunden einer süddeutschen Bank befinden und das Geld verzockt haben. Statussymbole als Unterscheider für "systemrelevante" Personen oder deren Kreise halte ich für eine unwürdige Veranstaltung von Mißgunst, die kein Jota am Kreislauf selbst ändert. Natürlich läßt sich trefflich ein Feindbild aufbauen, wenn man den nächsten Ferrari-Besitzer anprangert, obwohl gleich um die Ecke sein Pendant lauert, der seine Pferdchen nicht nur unter der Haube hat, sondern sie auf die Strasse zum Anschaffen schickt. Interessant wäre da schon eher, den Zusammenhang im Geschmack für Exlusivität zwischen Vorstandssessel und Zuhälter-Terassenwohnung zu untersuchen. Mit freundlichen Grüssen, e2m |
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schrieb am
27.11.2009 um 14:35
@SteinMain
Wenn so ein Geldsack nicht gerade Autorennen zu seinem Hobby erkoren hat, jede Woche in eine andere Metropole jettet oder aber eine 20-Zimmer Villa sein eigen nennt, dann dürfte sein Ressourcenverbrauch nicht deutlich über dem des Durchschnittsbürger der westlichen Industriestaaten liegen. |
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wie sehr der Mensch sich die Natur untertan machte, zeigt sich immer dann, wenn die Natur tatsächlich einmal rülpst, etwa in Form eines kleinen Tsunamis im Indischen Ozean zur Weihnachtszeit.
Das einzig Tolle, zu dem Menschen anscheinend wirklich in der Lage sind, ist die Beschneidung ihrer Lebensgrundlagen - was im übrigen durchaus im Sinne der Natur sein dürfte, denn je eher es mit dieser Pest des Planeten vorbei ist, desto besser für den gesamten Rest, bis sich eines Tages eine neue "sapiente" Spezies daran machen wird, ihre Gottgleichheit in unzähligen Ausrottungskampagnen zu erweisen. Dabei könnte es recht einfach sein, es ist dem Menschen nicht grundsätzlich verboten, Zusammenhänge zu erkennen, und auch nicht, ihnen gemäß zu handeln. An der schieren Intelligenz scheint es nicht wirklich zu liegen, also vielleicht an einem Anwendungsmodus? Das Religiöse ist gewiss kein Korrektiv, "Gehet hin und machet euch die Erde untertan" weist schon seit dreitausend Jahren und länger auf das Primat der Krämerseele innerhalb der menschlichen Psyche hin. Von der Verbandelung von Religion und Kommerz ganz zu schweigen. Jacques Derrida hat einmal eine wundervolle kleine Auslassung über die Notwendigkeit der Psychoanalyse angesichts ihres ureigentlichsten Themas, des Bösen, gegeben (Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse! Suhrkamp, Frankfurt 1998). Auch wenn ich das Böse für einen ideologischen Begriff halte, dem keinerlei Faktizität zugrundeliegt, treffen Derridas Feststellungen doch den Kern der Sache. Wenn wir es nicht schaffen, effektive Heilung für das in uns lauernde Verlangen nach dem Abgrund zu entwickeln, enden wir als Lemminge^^ Ich würde es hassen, wenn an meinem Grabstein "Gestorben an eigener Dummheit" stünde. Das alte, feudalistische Japan war für die meisten seiner Bewohner viele Jahrhunderte lang kein angenehmer Ort, die übliche Problematik des Machtmissbrauchs durch Politiker und Mächtige eben. Eine Sache allerdings hatten sie richtig verstanden. Die Schicht der Krämer galt als unterste gesellschaftliche Schicht, ihr Renommee lag noch unter dem der Bauern. Es ist zwar bedauerlich, dass sie die Bauern so gering achteten, aber hinsichtlich der Krämerseelen bin ich völlig einverstanden. |
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Guten Tag, Lethe,
es war mir ein Vergnügen, Ihren Kommentar zu lesen. Sehr amüsant. Mit freundlichen Grüßen Eselsmöhre |
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schrieb am
01.12.2009 um 15:57
@Lethe
--------------------------------------------------- Dabei könnte es recht einfach sein, es ist dem Menschen nicht grundsätzlich verboten, Zusammenhänge zu erkennen, und auch nicht, ihnen gemäß zu handeln. An der schieren Intelligenz scheint es nicht wirklich zu liegen, also vielleicht an einem Anwendungsmodus? --------------------------------------------------- Jared Diamond hat die Logik des Raubbaus an natürlichen Ressourcen in "Kollaps" und "Arm und Reich" meines Erachtens sehr treffend dargelegt. Kurz gefasst: Diejenigen, die die Übernutzung zu verantworten haben und davon profitieren, sind die allerletzten, bei denen etwaige negative Folgen ankommen. Oder aber, die Übernutzung ist der einzige Weg, das eigene Überleben zumindest kurzfristig zu sichern. |
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Jared Diamond ist mir unbekannt; die erste der beiden genannten Thesen erscheint mir als Teil einer Erklärung jedoch plausibel - als Alleinerklärung allerdings zu schwach, weil sie ignoriert, dass diese Übernutzung auf allen Ebenen, in jeder Dimension zwischen Vorstadtgärten und Ozeanen stattfindet. Über die zweite These muss ich erst nachdenken. Instinktiv wollte ich antworten "das ist zu einfach gedacht", allerdings fiel mir dann ein, dass ich Beispiele en masse kenne, in denen es tatsächlich nach Maßgabe dieser Kurzsichtigkeit geht. Tragisch für die Menschheit, dieses "kurzfristig" wird uns allen noch viel Freude bereiten, spätestens aber unseren Enkeln.
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schrieb am
02.12.2009 um 10:13
Jared Diamond "Kollaps" sehr empfehlenswertes Buch.
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