Politik

Klimagipfel | 17.12.2009 13:30 | Christian Mihatsch

Zähe Demokratie im globalen Dorf

Die Verhandlungen um einen neuen Weltklimavertrag stehen vor dem Höhepunkt. Ob sie zum Erfolg führen? Bei so einem "partizipativen Prozess" kann das niemand sagen

"Am Dienstag" beginnt Thomas Kolly, der Leiter der Schweizer Verhandlungsdelegation, einen Satz und es scheint, als erinnere er sich an einen fernen Tag in seiner Kindheit. Dabei spricht er von gestern. Aber der Tag-Nacht-Rythmus der Welt da draußen, vor dem Kopenhagener Bella Center, spielt hier keine Rolle. Hier drin zählt der Prozess, ein unendlich komplexer Prozess mit Tausenden von Teilnehmern. Tage und Nächte fließen ineinander. Das offizielle Gipfelprogramm listet auch Veranstaltungen nach Mitternacht auf. Die Welt außerhalb ist höchstens auf Monitoren zu sehen. Demonstranten, Polizei, Verhaftungen in einer europäischen Stadt. Ist das 10 oder 1.000 Kilometer weit weg?

Die Delegationen treffen sich in Bangkok, Barcelona, Bali und Bonn. Es sind immer die gleichen Konferenzzentren, immer die gleichen Leute. Sie sprechen alle die gleiche Sprache: gebrochenes Englisch gespickt mit Abkürzungen. Seit zwei Jahren arbeiten sie nun den BAP ab, den „Bali Action Plan“. Der Prozess verläuft plangemäß. Es war von Anfang an klar, dass er schließlich im Bella Center, in einer Stadt namens Kopenhagen, einen Höhepunkt finden würde. Und so sind sie alle da: Diplomaten und Journalisten, Umweltverbände und Wirtschaftslobbyisten, Weltstars und Wasserträger.

"Wir haben hier das das globale Dorf. Dies ist eine partizipative Demokratie." sagt Jose Romero, der Vizechef der Schweizer Delegation. Und tatsächlich: Hier sind alle Anliegen legitim und a priori gleichberechtigt. Der Bauer in Bolivien zählt soviel wie der Ingenieur in Baden-Württemberg. Im Prinzip jedenfalls. Es ist nicht nur ein globales Dorf, es ist auch eine globale Perspektive.

Bottom-up: Keine Weltformel in Sicht

Diese globale Perspektive bedeutet allerdings nicht, dass in Kopenhagen eine Weltformel gesucht würde, mit der sich die Reduktionsziele der einzelnen Länder ermitteln ließe. Eigentlich wäre das die einfachste und eleganteste Lösung. Basierend auf dem Zwei-Grad-Ziel kann man berechnen, wieviel Kohlendioxid die Menschheit noch emittieren darf. Dieses "Budget" könnte man dann auf die einzelnen Länder gemäß ihrer Bevölkerung verteilen. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung hat im Vorfeld des Gipfels ein solches Modell sogar en detail durchgerechnet. Doch die Verhandlungen folgen nicht einem derartigen "Top-Down" Ansatz, sondern folgen einer "Bottom-Up" Logik.

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Im Verhandlungsprozess werden nationale (Selbst-) Verpflichtungen aufeinander abgestimmt und in zähem Ringen aggregiert. Diese Vorgehensweise gilt nicht nur für die Verhandlungen im Weltmaßstab, sondern auch für die EU und selbst innerhalb einzelner Länder, erklärt Till Pistorius, der Leiter des Instituts für Forst- und Umweltpolitik an der Universität Freiburg. So wird beispielsweise die Verhandlungsposition Deutschlands nicht vom Kanzleramt vorgegeben, sondern unter Beteiligung aller betroffenen Ministerien ausgehandelt. "Die große Gefahr dabei ist natürlich, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt und damit das übergeordnete Ziel verfehlt", sagt Pistorius. Außerdem kompliziert und verlangsamt der Bottom-Up Ansatz den gesamten Prozess.

Dass dennoch alle internationalen Verhandlungen vom Welthandel bis zum Klimawandel diesem Muster folgen, hat einen einfachen Grund: Souveräne Staaten lassen sich ungern Vorschriften machen. Das beste Beispiel sind hier die USA. Die Supermacht ist allergisch gegen internationale Verpflichtungen und möchte sich auch in Kopenhagen höchstens zu Maßnahmen verpflichten, die national bereits beschlossen sind. Kurz, es geht nicht darum eine einheitliche Lösung für alle zu finden, sondern um maßgeschneiderte Lösungen für jeden einzelnen der 194 Staaten.

Gruppen und Untergruppen – und eine Neuformierung der Entwicklungsländer

Dazu gibt es verschiedene Stellschrauben. Die wichtigsten sind die Reduktionsziele und die Zahlungsverpflichtungen respektive die Unterstützungszahlungen für die einzelnen Länder. Darüber hinaus gibt es Sonderregeln für waldreiche Länder, technische und administrative Unterstützung für Entwicklungsländer und die Möglichkeit für die Industriestaaten, einen Teil der Emissionsreduktionen im Ausland vorzunehmen. Damit der Verhandlungsprozess trotz der vielen Beteiligten und der vielen Elemente dennoch handhabbar bleibt, schließen sich die verschiedenen Länder zu Gruppen zusammen. So gehören die gut 130 Entwicklungsländer einer Gruppe namens G77 an. Und diese besteht wieder aus mehreren Untergruppen: Die kleinen Inselstaaten firmieren bei den Klimaverhandlungen unter dem Akronym AOSIS, die ärmsten Länder der Erde heißen LDCs etc. Auf Seiten der Industriestaaten gibt es derweil zwei große Gruppen: Die EU und die "Umbrella Group" - wie unter einem Regenschirm versammeln sich darin die meisten anderen Industrieländer.

Während der zwei Jahre, die nun bereits auf Grundlage des Bali Action Plans verhandelt wird, waren die Gruppen stabil. Der Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern hat alle anderen Differenzen überdeckt. Hier in Kopenhagen sei nun aber ein "Neustrukturierungsprozess" zu beobachten, analysiert ein Vertreter der deutschen Delegation. So fordern die Inselstaaten sehr viel strengere Klimaziele als die großen Schwellenländer, etwa Indien oder China. Dies ist einer der Gründe für die zunehmende Unübersichtlichkeit bei den Verhandlungen. Aber erfahrene Unterhändler schreckt das nicht: "Es ist ein Naturgesetz, dass es am Anfang der zweiten Woche so aussieht, als fiele alles auseinander", sagt der Schweizer Kolly. "Am Ende kommt aber dennoch immer etwas heraus.“

In Kopenhagen ist dies allerdings noch lange nicht sicher. Noch ist nicht klar, wie die verschiedenen Puzzlestücke zusammengefügt werden können, damit jedes Land einen Anreiz hat, das Gesamtresultat mitzutragen. Noch scheinen die Gegensätze unüberwindlich, und Fortschritte lassen trotz nächtelanger Verhandlungen auf sich warten. "Das Nervenspiel und der Zeitdruck" gehörten aber zu den Verhandlungen, erklärt Norbert Röttgen, der deutsche Umweltminister. "Jetzt wird durchverhandelt", vergattert er seine Leute. "Die EU wird alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen, um zu einem Resultat zu kommen", verspricht er. Ob das reicht, wird sich bald zeigen.

 
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Kommentare
Reimers schrieb am 17.12.2009 um 14:37
Es ist erstaunlich, weltweit beschäftigen sich fast alle nur noch mit Fragen des wann, wer, wieviel und niemals mit der Frage warum. Das nennt man wohl die Eigendynamik der Klimakonferenz.

Interessant ist auch, dass irgendwie nicht klar wird, was eigentlich die Demonstranten inhaltlich fordern.
Es wird immer gesagt, dass sie substantielle Ergebnisse jetzt fordern, aber was meint das? Keine Antwort in den Medien. Wollen sie noch höhere Energiesteuern und noch mehr Emissionsgeschäft? Ich kann es nicht ergründen, aber dies macht mich umso mehr nachdenklich.

Wollen Sie auch Cap&Trade und CO2-Steuern? Falls dies so ist (was man ihren Transparenten nicht entnehmen kann), für wen fordern sie dies - in wessen Namen also?

Was machen eigentlich die tausende NGO's auf diesen Konferenzen. Mir ist bekannt, dass sie über entsprechende Vereinbarungen zumindest im Plenum anwesend sein dürfen, aber zu welchem Zweck - sind sie vielleicht nur medienwirksame Staffage und Kampagnenträger?

Insgesamt habe ich ein sehr ambivalentes und immer verschwommeneres Bild von dieser Konferenz und allem, was drum herum noch passiert.

Die Klimawissenschaft wird wohl erst nach der Konferenz zu Wort kommen, interessanterweise tut sich hier - gerade auch außerhalb von ClimateGate - ein ganze Menge.

Ich stelle mir folgende hypothetische Frage: Was würde wohl beim IPCC und bei den Regierungen passieren, wenn sich der postulierte monokausale Zusammenhang zwischen Erderwärmung und CO2 in Zukunft nicht mehr aufrecht erhalten ließe?

Würden dann die Cap&tRade-Börsen weltweit mit ihren gerade aufgelegten, wie bei der Immobilienblase völlig unregulierten Derivaten und sogar Futures im Umfang von Billionen von Dollar wieder geschlossen?

Ich weiß, solche Fragen stellt man heute nicht, aber in Kopenhagen hängt gerade diese Summe und das damit erwartete Geschäft über den Verhandlungen. Keiner möchte, dass es ihm auf den Kopf fällt.

Ich weiss nicht recht, mir kommt das ganze immer fremdartiger vor und vor allem vermisse ich den wirklichen Bezug zum Klima, denn mein Eindruck ist: Es ging immer und es geht jetzt am Konferenzende und danach erst recht nur um eines, ums Geld - genauer, um unser Geld.

In Holstein ist das Wetter schön, aber dennoch betrübliche Aussichten.

D.R.
Onkel Wanja schrieb am 17.12.2009 um 22:16
>> Was kann ein politisches System mit systemisch produzierten Problemen überhaupt machen? Ich sage es mit Absicht knall hart ( …), es verwaltet sie nur, beseitigen kann es sie nicht. Und jeder weiß das! Verwalten heißt zuallererst, die Gefahr bewältigen, für das politische System, die darin liegt, dass es sich die ökonomisch-systemisch entwickelten Probleme gegen das gesellschaftliche System selbst richtet. (….)
Die von der Ökonomie produzierten Probleme, zB. unsere Umweltprobleme, systemisch erzeugte Probleme sind, dass heißt die Ökonomie fährt, unendlich fort, die gleichen Probleme (zu) produzieren, die der Staat lösen soll. Wachstum heißt ja Steigerung der Ressourcen (des Verbrauchs).
Und die Ökonomie ist darauf festgelegt. Jeder Tag bringt uns die gleiche Versicherung, die Ökonomie ist darauf festgelegt, Wachstum aufzuweisen.<<

Professor Günter Dux, aus: „Pluralismus und strukturelle Gewalt“,  Vortrag vor der katholischen Akademie Freiburg, 1987. Als MP4-Datei hörbar: www3.ub.uni-freiburg.de/?id=148

Niemand wird unser Klima retten, sie nicht, ich nicht und Politiker schon gar nicht! Zeigt diese Konferenz das nicht besonders anschaulich? Jedenfalls nicht so lange, wie man die „schöne Maschine“ anbetet und man dieses Wirtschaftssystem huldigt und seine Glaubensgrundsätze nicht infrage stellt: Wachstum, wir brauchen mehr Wachstum! Um die Krise zu bewältigen, die Staatshaushalte zu sanieren, den Wohlstand zu sichern. Damit der Kaffee schmeckt, und die Sonne nicht vom Himmel fällt. Wir brauchen exponentielles Wachstum wie der Junki seinen Druck! Selbst die Partei DIE LINKE, stellt diesen irrsinnigen Glaubensgrundsatz nicht wirklich infrage. Setzen wir dem Wachstumsbegriff einfach einen anderen Begriff vor: NACHHALTIG. Schon funktioniert dieses -mit Tabus ummantelte- Lug und Trugbild wieder!
Wir können ja nicht mal uns selbst retten, als Menschheit. Will das Klima überhaupt von uns gerettet werden? Gibt es nichts mehr anderes zu retten? Sind unsere Flüsse jetzt so sauber, dass man in ihnen baden kann? Gibt es keine Meeresverschmutzung mehr? Kommt aus den Schornsteinen unserer Fabriken nur CO2 raus? Hat man die Abholzung der großen Wälder gestoppt? Mir kommt dieses ganze Brimborium, Konferenzen, Diskussionen, die endlose Berichterstattung in den Medien, wie ein einziges großes Gehirnwäscheprogramm vor.
Bin ich der Einzige, den es stört, dass der Schutz unserer bedrohten Umwelt, auf die Treibhausdebatte reduziert wird? Gibt es diese Erderwärmung überhaupt? Wenn ja, sind wir dafür als Menschheit verantwortlich? Sicher, wer es schafft die Weltmeere leer zu fischen, die großen Waldbestände zu ruinieren usw., dem ist als Spezies alles zuzutrauen. Sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse aber gesichert, genau genug? Führen wir vielleicht nur eine Scheindebatte, die uns vor den wahren Problemen ablenkt, ablenken soll?
Was wissen wir den als Laien? Oder glauben wir nicht viel mehr, was wir sollen?
bernd.005 schrieb am 18.12.2009 um 14:06
Nennen wir doch das Kind beim Namen , wie es Morales und Chavez taten, deren Reden auf dem Klimagipfel uns geflissentlich durch einheimische Medien vorenthalten werden, das es eigentlich das kapitalistische Wirtschaftssystem ist , das diesen Raubbau an Ressourcen und dem damit folgenden Klimawandel (wenn dem wirklich so ist) verursacht . Und damit ist auch das ehemals sog. sozialistische System gemeint, es war ja keines. Aber gezielt Produktion in Billiglohnländer zu verlagern , die auch natürlich keine Umweltgesetze haben ,und diese dann anzuschwärzen auf solchen KLIMAVERSAMMLUNGEN, ist schon dreist. Und da kann man China verstehen , wenn es aus der Abschlusskommission zur Formulierung der Ziele dieser Konferenz aussteigt. Auch dieser Hintergrund wird hier geflissentlich übersehen von den Mainstreammedien. Aber dafürgibt es ja den Freitag !
zelotti schrieb am 19.12.2009 um 03:04
Ist doch total schnurz, ob wirklich CO2 der Klimakiller ist (was machen eigentlich FCKW und Ozonloch?). Wichtig ist, dass wir unseren Energieverbrauch reduzieren.


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