Politik

Frühlingserwachen | 27.12.2009 09:50 | Karsten Laske

50 Jahre LPG

Zum Jahreswechsel 1959/60 stand die DDR an der Schwelle zu einem ­„sozialistischen Frühling“ auf dem Lande. Unerbittlich schlug die Stunde der Genossenschaften

Ernst ist das Leben. Heiter ist die Kunst. Auch auf dem Lande. Unter der Losung Junkerland in Bauernhand waren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) Grundbesitzer, die mehr als 100 Hektar Land besaßen, enteignet worden. Die Großagrarier galten als Helfer Hitlers, vor allem aber ging es um die Entmachtung einer besitzenden Klasse. Die Eigentumsformen, lehrt der Marxismus, bestimmen die ökonomischen, letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese sollten nun andere werden. Bis Anfang 1950 wurden in der SBZ mehr als 14.000 landwirtschaftliche Güter aufgeteilt und der Besitz unter die Leute gestreut. Zu je acht Hektar gingen die Äcker vor allem an landarme Bauern und zugezogene Vertriebene. Ein jeder werkelte fortan auf seinem Flecken, so gut er eben konnte. Mancher, der es nie gelernt hatte, konnte es gar nicht. Milch und Butter blieben rar. Es zeigte sich, so ging das nicht.

Nach sowjetischem Vorbild sollten nun Kolchosen gebildet werden. Lenin hatte die Kollektivwirtschaft (auf Russisch abgekürzt: kolchos) als beste Grundlage für die Beteiligung der Bauern am Aufbau des Sozialismus ausgemacht. Das DDR-Pendant hieß LPG.

Ein halbe Millionen Bauern

1952 ging es los. Agitatoren schwärmten bienengleich übers Land und setzen alles daran, die Bauern mit der sozialistischen Idee zu befruchten. Es galt, sie zu überreden, zunächst ihre Äcker, später auch Vieh und Gerät in genossenschaftliches Eigentum zu geben. Aber störrisch wie seine grauen Esel war das Landvolk. Es stellte sich taub, klebte an der eigenen Scholle und wollte nichts Neues. Bis Ende 1959 wurde noch nicht einmal die Hälfte der ostdeutschen Ackerflächen von Produktionsgenossenschaften bewirtschaftet. Parteichef Walter Ulbricht entschied, die Zukunft müsse sich auf dem Lande nun endlich Bahn brechen, und zwar mit aller Macht. Ab Januar 1960 blies man zur finalen Kampagne. FDJler, SED-Genossen, Agitatoren aller Couleur fielen jetzt in Truppenstärke in die Dörfer ein. Die Bauern wurden bedrängt, belagert, man sang ihnen Lieder, drohte, lockte oder stellte den Strom ab. Über Nacht verließen viele Haus und Hof gen Westen. Einige wurden verhaftet. Manche hängten sich in ihrer Scheune auf.

Trotzdem, die Sache gelang. Am 5. März 1960 schon erklärte Karl Meves, SED-Bezirkschef in Rostock, sein Bezirk sei „vollgenossenschaftlich“. Karl-Marx-Stadt konnte sechs Wochen später als letzter Bezirk Vollzug melden. Innerhalb eines Vierteljahres waren über eine halbe Million Bauern den LPGen beigetreten, es waren 2,5 Millionen Hektar Nutzfläche kollektiviert worden – so viel wie nicht seit Beginn der Kampagne vor siebeneinhalb Jahren. Die Aktion ging in die Geschichtsbücher ein als „sozialistischer Frühling auf dem Lande“.

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„Sind wir im Himmel oder in der Hölle?“, fragt die Bäuerin Treiber in Heiner Müllers Stück Die Umsiedlerin. Ihr Mann antwortet: „Fürs erste sind wir in der LPG.“ Da weiß die gute Frau, was sie zu tun hat: „Gleich geh zum Vorstand, Treiber, hol mir einen Krankenschein. Das Herz macht nicht mehr mit.“ Und ihr Mann spürt: „Mein Rheuma wird auch schlimmer.“

Der sozialistische Frühling brachte frischen Wind, Desorganisation und Schlendrian. Es folgten Direktiven ohne Sinn und Verstand. Die Schnapsidee vom großflächigen Maisanbau zum Beispiel, Chruschtschows „Wurst am Stängel“. Es wurden Rinderoffenställe gebaut, in denen das Vieh erfror. Wer schlau war, hatte heimlich Tore dran gebaut. Doch nach und nach lernten auch die neuen Entscheidungsträger, dass die Kuh kein Eisbär ist und wie man ein Feld bestellt.

Es zeigte sich, dass die LPG gar keine schlechte Erfindung war. Eine systemische Einheit, nicht zu groß, um sie steuern zu können, nicht zu klein, um Synergien freizusetzen. Im Vergleich zum Nachbarland Polen etwa, wo die Bauern einzeln hinter ihrem vom Pferd gezogenen Pflug trabten, war die ostdeutsche LPG eine ganze Klasse besser. In den sechziger und siebziger Jahren entstand in der DDR eine neuartige, von der Partei gelenkte Großraumwirtschaft.

Mitte der Siebziger machte man die gute Idee allerdings teilweise wieder kaputt. LPGen wurden zu noch größeren Einheiten zusammengefasst. Es gab Kuhherden wie in Argentinien, und die Ackerflächen der Genossenschaften waren schließlich weitläufiger als vormals die Besitzungen der Großbauern. Diese gigantischen Betriebszusammenschlüsse erwiesen sich als nicht beherrschbar. Die Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion sollte mehr Effizienz bringen und „industriemäßige Produktionsmethoden“ auf dem Lande ermöglichen – eine ideologisch geprägte Entscheidung, die im Laufe der achtziger Jahre teilweise wieder zurückgenommen wurde.

Dennoch, der Schritt vom Ich zum Wir war getan. Über die Ernte wurde berichtet wie von der Front: Jede eingebrachte Tonne Korn ein Sieg, jeder gerodete Kartoffelacker eine Eroberung, jeder Mähdrescherfahrer der Kapitän eines Schlachtschiffs. Die LPGen waren zum ökonomischen, sozialen und kulturellen Zentrum der Dörfer geworden, sie hatten die Rolle der Kirche und des Gutsherrn übernommen. DDR-Bauern hatten geregelte Arbeitszeiten, konnten in Urlaub fahren, die Frauen hatten einen „Haushaltstag“ pro Monat, an dem sie nicht zur Arbeit mussten. Bauernkinder machten, wenn sie wollten und ihre Leistungen es erlaubten, Abitur. Der Marxismus hatte Recht behalten: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Konzertwinter auf dem Lande

Es fanden sich im Folgenden Zeit und Gelegenheiten, Kultur zu genießen. Und falls der Bauer nicht zur Kultur kam, kam die Kultur zu ihm. Vor allem im Winter. Verkleidet als Mandolinenorchester oder in Form einer Akkordeontruppe tingelte sie munter über die Dörfer. „Konzertwinter auf dem Lande“ hieß das. In den siebziger Jahren war ich als Klavierschüler selbst an solchen Heimsuchungen beteiligt.

Das Dorf war verschneit. Man hatte die Öfen im Wirtshaussaal kräftig geheizt. Zuvor hatte darin tagelang Frost geherrscht. Entsprechend verstimmt war das Klavier. Aber nicht nur verstimmt, es schien auch von Motten befallen und die Dämpfer klemmten. Wenn man einen Ton anschlug, klang er weiter, auch wenn man die Taste losließ. Die Musik ertrank im eigenen Saft. Der Musikschullehrer, der uns Kinder auf der Fahrt begleitete, nahm die Rückwand vom Instrument ab, hockte sich dahinter und zupfte und drückte und fingerte die Hämmerchen zurück auf die Saiten. Eine neue Form des vierhändigen Klavierspiels war erfunden. Und ich glaube, es wurde deshalb kräftig applaudiert. Der Musik wegen kann es nicht gewesen sein.

30 Jahre nach dem sozialistischen kam ein anderer Frühling übers Land. Im Frühjahr 1990 verhandelten ost- und westdeutsche Politiker über Währungsunion und deutsche Einheit. Am 1. Juli, dem Tag des DM-Empfangs, waren DDR-Getreide und Kartoffeln plötzlich nur mehr die Hälfte, Fleisch und Milch noch weniger wert. Die osteuropäischen Märkte fielen weg. Und die Ossis ließen ihre Bauern auch im Stich, sie kauften lieber Müllermilch und Holland-Tomaten. Es bricht einem noch heute das Herz, wenn man die Bilder von damals sieht: Geflügel, Ferkel, Kälber wurden zu Tausenden geschlachtet, ihr Fleisch landete auf dem Müll.

Die Treuhand übernahm und verhökerte die Volkseigenen Güter, die LPGen durften hingegen ihre Zukunft selbst bestimmen. Die Bodenreform wurde glücklicherweise nicht in Frage gestellt. In der gemeinsamen Erklärung der beiden deutschen Regierungen vom 15. Juni 1990 hieß es: „Die Enteignungen auf besatzungsrechtlicher bzw. besatzungshoheitlicher Grundlage sind nicht mehr rückgängig zu machen. Die Regierungen der Sowjetunion und der Deutschen Demokratischen Republik sehen keine Möglichkeit, die damals getroffenen Entscheidungen zu revidieren. Die Regierung der Bundesrepublik nimmt dies im Hinblick auf die historische Entwicklung zur Kenntnis.“

Im Einigungsvertrag wurde es entsprechend festgeschrieben: DDR-Bürger behielten ihr Bodenreformland. Staatsbesitz an Land und Forst jedoch wurde von der Treuhand verkauft. Und natürlich kaum an Ostdeutsche. Mehr als 800.000 Menschen hatten 1989 in der DDR-Landwirtschaft gearbeitet, zehn Jahre später waren es noch 135.000. Trotzdem ist die „ostelbische“ Landwirtschaft heute leistungsstark und wettbewerbsfähig. Nicht zuletzt, weil viele Bauern weiter in LPG-ähnlichen Strukturen arbeiten.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Magda schrieb am 28.12.2009 um 12:46
Ein sehr interessanter Beitrag, der - neben allem anderen - auch mal wieder deutlich macht, dass die Herrschenden in der DDR immer wieder gute Ideen ins Negative kippten, weil sie in der Wahl der Mittel zur Überzeugung der Bauern nicht kleinlich waren und immer alles mit Druck, Drohung, Parolen erreicht werden sollte. Inkompetenz wohin man blickte. Und auch Menschenmissachtung. Ich erinnere mich noch an Filme, die das auch in Ansätzen zeigte. "Daniel Druskat" zum Beispiel.

Und dann - diese falschen Vorbilder wie die Sache mit den Rinderoffenställen und dem Mais.

An vielen Beispielen - auch dem der LPG - wurde immer wieder diskutiert, ob man Menschen so brachal zu ihrem "Glück" zwingen darf.

Ganz schlimm dann wieder, die Folgen der Einheit. Bauernland in Junkerhand, vereinfacht gesagt.

Danke also für den Rückblick
Lutz Herden schrieb am 28.12.2009 um 13:32
Das klingt ja alles ganz schön und richtig, was Sie schreiben, aber im historischen Rückblick und im Wissen um das Ende der Geschichte, fällt solcherart Urteil zu wohlfeil aus. Das Gros der Bauern hätte sich bei der Fixierung auf die eigene Scholle und den eigenen Besitz nie davon überzeugen lassen, den genossenschaftlichen Weg zu gehen - so sehr die Landwirte im Osten auch später und genau genommen bis heute davon profitiert haben bzw. profitieren. Ein staatliche Exekutive ist auch dazu das, das als richtig Erkannte durchzusetzen (s. Bertolt Brecht, Lob des Revolutionäre: "...Und als eng wird erkannt die Kammer"). Die naive Vorstellung, eine solche Produktions- und Kulturrevolution auf dem Landen erledige sich quasi im Selbstlauf hat mit den Realitäten der Jahre 1960/61 und den existenziellen Fragen, vor denen die DDR immer stand, nichts zu tun. Ganz zu schweigen von der Feindseligkeit des zweiten deutschen Staates, der eine bessere Versorgung der DDR-Bevölkerung mit Lebensmitteln, wie sie dank der Genossenschaften letzten Endes zustande kam, zu verhindern suchte.
Magda schrieb am 28.12.2009 um 14:42
"Die naive Vorstellung, eine solche Produktions- und Kulturrevolution auf dem Landen erledige sich quasi im Selbstlauf hat mit den Realitäten der Jahre 1960/61 und den existenziellen Fragen, vor denen die DDR immer stand, nichts zu tun. "

Nee, das sicherlich nicht, aber die Art, wie Zwänge ausgeübt wurden, das hat dann auch den Ausgang der Geschichte mit beeinflusst. Schon damals war zu sehen, dass damit die Menschen nicht gewonnen werden können. Ich denke, dieser Gedanke ist nicht wohlfeil und voom Ende her gedacht. Das dachte man halt schon in den 60ern.

Und - kaum gelang etwas, wie Karsten Laske ja auch schreibt - hatten sie neue, unsachgemäße Ideen, wie sie die Landwirtschaft befördern wollen. Wenn also Maßnahmen durchgesetzt werden müssen, warum dann dieser Machtmissbrauch, diese Dummheit.
K. Laske schrieb am 28.12.2009 um 18:20
Soll man den Mensch zu seinem Glück zwingen? Eine große Frage. Natürlich wird man im konkreten Fall der LPGen das Gefühl nicht los, die DDR-Oberen hatten Glück, dass ihnen die Größe der Genossenschaften zufällig so gut geriet. Trotzdem herrschte im Jahr 61 dann doch entscheidender Mangel, den Ulbricht übrigens auch offen zugab – und zugleich erklärte, es sei auch gar nicht gesund, viel Butter zu essen, er selbst esse extra wenig, denn er wolle ja noch die Adenauer- und nachfolgende westdeutsche Regierungen überleben. Dieser Mangel führte wohl auch zu der finalen „Abstimmung mit den Füßen“, die den Mauerbau schließlich immer nötiger machte. Kommunisten sind Missionare, übrigens auch in Brechts „Mutter“, lieber Lutz Herden. Nun haben wir keine kommunistische Idee mehr. Die Heilsbringer sind wir auch glücklich los. Wir sind ernüchtert und wunschlos, manchmal denke ich: das haben wir nun davon.
Nos Nibor schrieb am 28.12.2009 um 20:01
Aus meiner Sicht ein guter Beitrag, da er die Widersprüchlichkeit des ganzen Prozesses der Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR vom Anfang bis zum gar nicht so bitteren Ende redlich und kenntnisreich darstellt. Damit hebt er sich wohltuend von solchen der letzten Wochen ab, die nur ein Ziel kannten, >Delegitimierung< dieses zweiten deutschen Staates auf allen Gebieten.

Ich selbst erlebte als Student 1960 die im Artikel beschriebene Phase der unter Druck erfolgten Vergenossenschaftlichung der letzten selbständigen Bauern.
Wir wurden als Architekturstudenten in Gruppen aufgeteilt und als >Agitatoren< in Dörfer in der Umgebung von Weimar geschickt. Unsere Gruppe hatte Glück und kam nach Hetschburg, einem kleinen Nest, in dem es wenig größere Bauern gab. Zu unserer Ausbildung gehörte zwar ländliches Bauwesen und so wussten wir z.B. wie lang und hoch eine Kuh ist und wie viel Mist sie pro Tag produziert, aber was Großvieh- und Getreideeinheiten usw. sind, davon hatten wir wenig Ahnung. In einer Art Crashkurs brachten wir uns die wichtigsten Begriffe aus der Landwirtschaft selbst bei, was natürlich im Nachhinein zu den komischen Seiten dieser Geschichte gehört. Wie schon gesagt, wir hatten Glück und trafen vorwiegend auf kleinere Bauern, deren wirtschaftliche Situation nicht besonders rosig war und die uns deshalb aufgeschlossen zuhörten. Unsere Aufgabe bestand eigentlich nur darin, teilweise lange zurückliegende Missverständnisse zwischen den einzelnen Familien auszuräumen, die neuen Gesetze zu erläutern, eine Busfahrt zu einer schon länger existierenden und gut funktionierenden LPG zu organisieren und immer wieder zu moderieren, wenn es etwas zwischen den Beitrittswilligen, und das waren am Ende fast alle, zu besprechen gab. Voller Stolz und Freude betranken wir uns zusammen mit den Bauern anlässlich der Gründung >unserer< Genossenschaft und hatten das Gefühl, (bis heute!) mit Erfolg bei etwas Wichtigem mitgewirkt zu haben.
Ich weiß, dass es auch diesen massiven Druck mit Lautsprecherwagen vor den Toren und manch anderer mehr oder weniger subtiler Gewalt gegenüber Unwilligen auf anderen Dörfern gegeben hat. Aber es gab eben auch eine große Bereitschaft, wie ich sie in unserem Falle erleben konnte.
Dass es nach der Wende viele LPG vorzogen in ähnlichen Strukturen weiter zu wirtschaften, sich in sogenannte Agrargenossenschaften umwandelten und erfolgreich, trotz der Steine, die ihnen von staatlicher Seite auf ihren ohnehin schwierigen Weg geschüttet wurden, auf dem Markt behaupten konnten, zeigt die prinzipielle Richtigkeit der damaligen Entscheidungen.
Wären der ostdeutschen Industrie ähnliche Chancen eingeräumt worden, stünde dieser Landstrich heute wahrscheinlich besser da.

Bleibt das Thema: kann ein Staat, darf er solche Entwicklungen, und die Landwirtschaft steht ja nur für einen Zweig, notfalls mit Gewalt gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen? Für mich habe ich die Antwort gefunden und sehe darin die Hauptursache für das Scheitern der sozialistischen Idee insgesamt.
(Wobei ich das bisschen sanften verbalen Druck, den wir damals auf dem Dorf angewandt haben, nicht dazu rechne.)
Auch Lutz Herden, den ich schätze, sollte zur Kenntnis nehmen, dass nicht ein zu wenig sondern ein viel zu viel an staatlicher Repression gegenüber einer Mehrheit Andersdenkender Umbruch und >Wende<, auch in der Landwirtschaft, zur Folge hatten.
Magda schrieb am 28.12.2009 um 20:11
Interessante weitere Ergänzungen sind das. Und eigenes Erleben. ich war in den 60ern im Ernteeinsatz, da hatte sich einiges schon beruhigt, aber die Stimmung war immer skeptisch, feindselig, misstrauisch bei vielen. Und es gab eiserne Einzelbauern - zwei noch im Dorf.

"Wären der ostdeutschen Industrie ähnliche Chancen eingeräumt worden, stünde dieser Landstrich heute wahrscheinlich besser da."

Noch ein sehr bedenkenswerter Aspekt.
luggi schrieb am 28.12.2009 um 20:33
@Magda

die Ergebnisse der polnischen Landwirtschaft, die bekanntlich den nichtgenossenschaftlichen Weg beschritt, waren ja so frappierend, dass die Läden in den Grenzregionen der DDR zu Polen nicht "geplündert" wurden. Als Berlinerin müsstest du die Auswirkungen mitbekommen haben. Die Landwirtschaft der DDR in seiner genosenschaftlichen und VEG-Form war so effektiv, dass sie der BRD Billigimporte an Lebensmitteln ermöglichte. Das war dann z.B. die Mangelwirtschaft, Spargel aus der DDR zu Billigstpreisen bei EDEKA u.a..und bei uns gab es das Gemüse selten über Beziehungen. Oder "Blaue Fliesen".

Die Entscheidung damals war keine ideologische sondern eine ökonomische; Farmwirtschaft wie in den USA,Kanada oder preußischer Weg mit "kleinflächiger Einzelwirtschaft".
zelotti schrieb am 06.01.2010 um 17:53
Was hast du denn gegen die Preussen?
gweberbv schrieb am 29.12.2009 um 12:48
Bauern sind generell misstrauisch, konservativ und auf ihre Unabhängigkeit bedacht. Den eigenen Betrieb in einer Genossenschaft aufzugehen sehen, ist da für manchen fast so schlimm wie den Hof gänzlich zu verlieren. Auch heute noch steht diese Eigenart der meisten Bauern in Regionen mit kleinteiliger Landwirtschaft einer effektiveren, "industriellen" Organisationsform entgegen.

Die DDR war insoweit durchaus Vorreiter einer zwangsläufigen Entwicklung - dem "Bauernsterben". Heutzutage wird dies aber von unpersönlichen Marktmechanismen vorangetrieben, also ohne direkten staatlichen Eingriff, ohne Agitatoren, ohne physische Gewalt, ohne Aufstand des Landvolks, ohne dass der urbane Teil der Bevölkerung davon etwas mitbekommt und ohne "Zwang" für die Bauern. Funktioniert einfach besser so.
zelotti schrieb am 06.01.2010 um 17:54
Im marxistischen Sinne bewirkten die LPGs eine Entfremdung von der Arbeit, vor allem wenn Landwirtschaft nur vor dem Gesichtspunkt der Produktion gedacht wird.
Asberg schrieb am 30.12.2009 um 14:56
Meine Großeltern sind schon 1957 in die LPG eingetreten und kamen dadurch in den Genuss einer Rente, die die LPG zahlte, als sie 65 waren.

Der Vater meiner besten Freundin hingegen weigerte sich standhaft und trat, um vor der Agitation Ruhe zu haben, in eine LPG Typ I oder II ein. In diesem Typ wurden nur größere Maschinen gemeinsam angeschafft und genutzt.

Für meine Freundin und ihre Geschwister bedeutete dies vor der Schule Stallarbeit, nach Schulschluß auf das Feld und Schularbeiten kurz am späten Abend, wenn alle Arbeit erledigt war. Wollten wir mal ins Kino oder zum Tanzen gehen, musste ich ihr vorher bei der Arbeit helfen. Sie hat es ihrem Vater lange nicht verziehen, dass er nicht der LPG beigetreten war.

In der DDR gab es sicher viel verdammenswertes, die Gründung der LPGn gehört aber sicher nicht dazu.

Es ist schon eigenartig, dass die meisten Menschen den Zwang, den eine von den Regeln der Ökonomie beherrschte Gesellschaft auf sie ausübt, als eine Art Naturgesetz hinnehmen, während ein Zwang zu ihrem Besten als so furchtbar empfunden wird, dass sich manche sogar das Leben nehmen. Dabei hätten die meisten Kleinbauern ihr Land sowieso irgendwann aufgeben müssen.

Wahrscheinlich wird es mit der Klimakatastrophe nicht anders sein. Lieber geht der größte Teil der Menschheit unter, als dass es die Menschen fertigbringen, ihre Einzelinteressen dem Gesamtinteresse unterzuordnen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.12.2009 um 15:04
@ Asberg

Haben da nicht viele einen Balken im Auge - (und ich nehme mich da nicht aus)?

" Lieber geht der größte Teil der Menschheit unter, als dass es die Menschen fertigbringen, ihre Einzelinteressen dem Gesamtinteresse unterzuordnen."

Wenn der größte Teil der Menschheit unterginge, läge das nicht eher daran, dass nicht erkannt wird, dass die Einzelinteressen ohne Zusammenhang (also Gesamtinteresse) auf Dauer nicht lebensfähig sind?
gweberbv schrieb am 30.12.2009 um 15:47
@Asberg

Vielleicht steckte bei manchen Bauern auch die Hoffnung dahinter, dass man in schweren Zeiten als selbständig wirtschaftender Bauer eher etwas für den Eigenbedarf bzw. als Tauschmittel abzweigen könnte als in einer LPG. Die Nachkriegszeit, in der Bauern kurzzeitig wie kleine Könige gegenüber den hungernden Städtern auftreten konnten, war ja noch lebendig.
Inwiefern dazu noch Angst vor eine Entwicklung ähnlich der in der Sovietunion Anfang der 30er Jahre zur Skepsis gegenüber den LPGs beitrug, kann ich nicht einschätzen.
luggi schrieb am 30.12.2009 um 22:19
Also, mal um den Rahmen möglicher Betrachtungen zu erweitern würde mich einmal generell die Entwicklung von Genossenschaften in der DDR interessieren. Das Thema wird zu oft auf LPG reduziert. Es gab aber noch andere Formen: z.B. PGH, Wohnungsbaugenossenschaften, Handelsgenossenschaften (nicht nur KONSUM), und bei Finanzierung gab's bestimmt auch Genossenschaften usw..
zelotti schrieb am 06.01.2010 um 17:47
"Dennoch, der Schritt vom Ich zum Wir war getan. Über die Ernte wurde berichtet wie von der Front: Jede eingebrachte Tonne Korn ein Sieg, jeder gerodete Kartoffelacker eine Eroberung, jeder Mähdrescherfahrer der Kapitän eines Schlachtschiffs."

Was sind das denn für Phrasen.

Ich glaube man muss immer Angst haben vor allem, was von oben nach unten diktiert wird. Irgendwie ist es besser, wenn Verhältniss organisch wachsen, und wo es Missverhältnisse gibt, nehmen wir mal die Landjunker, da lösen sie sich mit der Zeit, wenn man nicht mit der Brechstange vorgeht.

Man denke zum Beispiel an die Effekte des Erneuerbare Energien - Gesetzes. Da wurde den Gemeinden ja auch nicht vorgeschrieben, eine bestimmte "Windquote" zu erreichen etc. Dirigismus ist total gefährlich. Dort hat man vielleicht gedacht, die rot-grüne Regierung kriegt nichts auf die Reihe, aber sieht den Effekt in der Statistik.

Eine gute Landwirtschaft oder Gesellschaft ist immer eine der strukturellen Vielfalt. Wenn es keinen Punkt gibt durch den alles bricht.
K. Laske schrieb am 07.01.2010 um 12:42
@ zelotti
"Was sind das denn für Phrasen." - Falls Sie das als Frage formulieren wollten: Haben Sie jemals eine "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens gesehen, ein "Neues Deutschland" gelesen? Es wurde von den Ernte- als Schlachtfeldern berichtet. Da geb ich Ihnen mein Wort drauf.


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