Politik

Regulierung | 28.01.2010 11:10 | Julian Heißler

Ein guter Tag

Die SPD fordert die Finanztransaktionssteuer und verbindet so das Nützliche mit dem Praktischen. Sie schärft ihr linkes Profil und sorgt für Streit in der Koalition

Die SPD fordert die Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer. Ein entsprechender Antrag der Partei steht am morgigen Freitag im Bundestag auf der Tagesordnung. Der Entwurf fordert die Bundesregierung auf, die „europäischen Partner, die G20 und die OECD“ von der wirtschaftlichen Nützlichkeit einer solchen Steuer zu überzeugen. Sollte die Regierung dabei scheitern, fordert der Entwurf, eine Börsenumsatzsteuer im Alleingang in Deutschland einzuführen.

Dabei legen die Sozialdemokraten ein sehr weit gefasstes Konzept vor. Sie fordern eine Steuer auf „alle börslichen und außerbörslichen Transaktionen von Wertpapieren, Anleihen und Derivaten und alle Devisentransaktionen“. Damit geht die Forderung weit über die so genannte Tobin-Steuer hinaus. Deren Konzept, entwickelt bereits 1972 von dem Wirtschaftswissenschaftler James Tobin, sieht nur eine Abgabe auf Devisenspekulationen vor. Ausgenommen sind im SPD-Konzept lediglich Banküberweisungen und Geldabheben am Automaten.

"Die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ist ökonomisch sinnvoll, weil sie Finanzspekulationen verhindert. Sie ist technisch problemlos möglich und wird von der Wissenschaft gefordert", sagt der SPD-Abgeordnete Carsten Sieling, einer der Initiatoren des Antrags. Die Menschen seien nicht mehr bereit die Lasten der Krise alleine zu tragen. "Die Verursacher der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise müssen an den Kosten beteiligt werden", so Sieling.

Der SPD-Politiker weiß die Öffentlichkeit auf seiner Seite. Die Idee einer Finanztransaktionssteuer ist populär. Eine entsprechende Online-Petition beim Deutschen Bundestag haben bereits rund 40.000 Menschen unterzeichnet. Und sogar US-Präsident Barack Obama forderte kürzlich eine „Financial Stability Fee“, damit in Zukunft „Wall Street die Rechnung bezahlt – und nicht der amerikanische Steuerzahler“.

Der Antrag der Sozialdemokraten konnte zudem einen weiteren für sie positiven Nebeneffekt haben: nämlich den Streit in der schwarz-gelben Bundesregierung über das Thema weiter anfachen. In weiten Teilen der CDU gibt es Sympathien für eine Finanztransaktionssteuer. Unionsfraktionschef Volker Kauder fordert eine solche Abgabe. „Es kann nicht sein, dass Banken weitermachen wie bisher. Sie müssen ihrer Verantwortung für die von ihnen angerichteten Schäden gerecht werden“, sagte er kürzlich in einem Interview. Auch der Bundeskanzlerin werden Sympathien für das Projekt nachgesagt.

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Die FDP hingegen hat sich bereits klar gegen eine solche Steuer positioniert. „Die Börsenumsatzsteuer führt dazu, dass alle an der Börse gehandelten Produkte teurer werden“, sagte Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel noch im vergangenen Jahr. Eine solche Steuer brauche man nicht. Die Kanzlerin pfiff den Liberalen daraufhin zurück. Es sei noch zu früh für definitive Festlegungen, lies sie ihm öffentlich durch ihren Pressesprecher ausrichten.

Diese Vielstimmigkeit der Koalition dürfte die SPD in ihrer Entscheidung bekräftigt haben einen entsprechenden Antrag einzubringen. Für sie ist es eine Win-Win-Situation: Sie verknüpft ihren Namen mit einer populären Initiative und schaut dabei zu, wie die Koalition sich bei den Beratungen entweder selbst widerspricht, oder ein großer Teil der Abgeordneten aus politischen Gründen gegen ihr Gewissen abstimmen muss. Freitag dürfte – nach langer Zeit – wieder ein guter Tag für die Sozialdemokraten werden.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
oca schrieb am 28.01.2010 um 15:35
"schärft ihr linkes Profil"

Sollte man das nicht ersetzen durch "scheint sich nach über zehn Jahren wieder linken Positionen anzunähern"? Oder hab ich da was verpasst mit dem linken Profil, das man jetzt schärfen kann?

Und sieh an, die SPD wäre dann immerhin schon so links wie Volker Kauder von der CDU. Gratulation, es geht aufwärts!
Fritz Teich schrieb am 29.01.2010 um 13:55
Jeder will die Tobinsteuer, jeder! Das ist auch ohne Attac so, Attac braucht sich das nicht auf die Fahren zu malen, Attac rennt damit ueberall offene Tueren ein. Gegen die Wall Street ist diese Steuer aber ganz sicher nicht zu realisieren. Wall Street ist stark! Dass Obama das Thema angefasst hat, kann man auch sicher nicht sagen. Er kriegt nicht einmal eine Gesundheitsreform, also Bismark, Steinzeit, hin. An der Staerke der Wall Street wird er nichts aendern. Die Groesse der Banken, die er ausserdem auch nicht wird aendern koennen, hat damit nichts zu tun. Es geht um die Boerse, den Handelsplatz. Die Freiheit des Aktienhandels. Was bringt es also, sich zur Tobin Steuer zu bekennen? Macht es ein gutes Gewissen? Für das Gute, gegen das Boese? Die Kapitalisten, die Ausbeuter. Gibt es ein klareres Gefuehl fuer das, was zu tun ist? Ist es gar ein Programm? Es ist ein Programm gegen die Wand. Es ist der Ersatz von Handlungen durch vermeindlich gute Gefuehle, die schnell schal werden. Sowas will auf die Dauer keiner.
Fro schrieb am 29.01.2010 um 17:40
Da sind doch populistische Peanuts um die es da geht.

„Die Commerzbank hat auch die Zahlen für Deutschland errechnet: Demnach gehen der hiesigen Volkswirtschaft 237 Milliarden Dollar verloren: Auf 104 Milliarden belaufen sich die Abschreibungen deutscher Banken. Das niedrigere Wirtschaftswachstum 2008 und 2009 wird 133 Milliarden Dollar an Bruttoinlandsprodukt (BIP 2008: rund 3600 Milliarden Dollar) kosten, wie die Commerzbank prognostiziert. „Die Einkommensverluste, die wir am BIP messen, sind viel stärker als in normalen Krisen“, sagt Krämer.
Die Kosten der Finanzkrise dürften in Zukunft noch steigen.“ FAZ

Ich wünsche mir wie alle Bürger auch, ein Krisenkostenfinanzierungsgesetz, dass die obersten Einkommensbezieher und Vermögenden – die in den letzten Jahrzehnten stets bevorzugt wurden - und natürlich in erster Linie die Verursacher der Krise, zur Begleichung der Kosten heranzieht. Unter dem ist m.E. nichts akzeptabel.
André Rebentisch schrieb am 29.01.2010 um 22:38
Fragt sich, ob die Tobinsteuer eine gute Idee ist. Schon als nur die Leitwölfe der Globalisierungskritiker plakativ sich hinter dieser Forderung versammelten, gab es viel Kritik.

Ausprobieren ist eine Option, denn ein finanzwirtschaftliches Panazee gibt es nicht.
gweberbv schrieb am 30.01.2010 um 12:44
Eine Finanztransaktionssteuer würde die Transaktionskosten leicht erhöhen - nachdem diese in den letzten Jahrzehnten massiv gefallen sind. Geschäfe, bei denen es um meist kurzfristige Renditen im Promillebereich geht, würden damit unrenatbel. Und vom Rest könnte der Staat ein wenig in den Steuersäckel umleiten. Natürlich nur dann, wenn es keine Ausweichmöglichkeiten gibt


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