der Freitag: Frau Karim, Sie sind gerade aus Afghanistan zurückgekehrt. Welche Eindrücke haben Sie mitgebracht?
Nadia Karim: Es gab eine positive Stimmung, weil die Afghanen ein wichtiges Cricketspiel gewonnen haben. Ich habe einen sehr großen Stolz auf die Nationalmannschaft gespürt. Endlich durften die Menschen mal wieder stolz auf Afghanistan sein. Das war das Gute, das Positive. Andererseits ist natürlich immer noch Krieg. Man hört die Bomben, hat Angst, ist besorgt. Ich war in sieben Provinzen und in den Flüchtlingslagern in Peschawar und Pakistan, in denen über zwei Millionen Afghanen leben. Dort war die Stimmung eher bedrückt, da viele Flüchtlinge wegen der angespannten Sicherheitslage immer noch nicht in die Südostprovinzen Afghanistans zurückkehren können.
Wie stehen die Afghanen mittlerweile zum Bundeswehreinsatz? Hat sich das Bild in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, man sieht die Bundeswehr inzwischen als Besatzer. In den Jahren 2002 bis 2005 waren die Deutschen noch sehr beliebt in Afghanistan. Die Stimmung hat sich jedoch erheblich verschlechtert. Die Menschen können nicht mehr zwischen Enduring Freedom und dem ISAF-Einsatz unterscheiden. Die Linien zwischen Kampfeinsatz und friedenserhaltenden Maßnahmen verschwimmen immer mehr. Dennoch macht die Bevölkerung immer noch einen Unterschied zwischen den Amerikanern und den Deutschen – gerade in Kunduz. Die Deutschen gelten als nicht so aggressiv, schießen nicht gleich wie die Amerikaner. Die Deutschen verhalten sich eher zurückhaltend, während die Amerikaner sofort losballern, das höre ich immer wieder von der Bevölkerung.
In Deutschland fordern immer mehr Menschen den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Was halten Sie davon?
Meine persönliche Meinung ist: je eher, desto besser. Allerdings wäre auch ein sofortiger Abzug keine Lösung. Es darf kein machtpolitisches Vakuum entstehen. Vorher müsste man das afghanische Militär, die Polizei und das Justizwesen noch erheblich stärken. Außerdem sollte man die Nachbarländer Pakistan und Iran noch vielmehr in den Friedensprozess miteinbeziehen. Aber nochmals: Meine Meinung ist, dass die Bundeswehr so schnell wie möglich aus Afghanistan abziehen sollte.
Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der deutschen Medien über Afghanistan?
Man berichtet immer nur über Militarisierung, den Krieg, den Terrorismus. Die ganze Berichterstattung ist zu kriegslastig und zu sehr auf sich selbst bezogen. Kaum jemand berichtet über den Alltag, niemand interessiert sich dafür, was die Menschen fühlen, denken und hoffen. Es geht nur um Krisen und Sensationen. Die Afghanen werden als Statisten missbraucht. Es wird zum Beispiel immer behauptet, dass viele Intellektuelle das Land verlassen hätten. Aber das stimmt überhaupt nicht. Es gibt eine wahnsinnige Kapazität an eigenen Gedanken und eigenen intellektuellen und praktischen Lösungsvorschlägen. Die Leute haben die Schnauze voll, sie sind kriegsmüde, sie wollen den Frieden, sie setzen sich für eine bessere Zukunft ein und haben Hoffnung! Das habe ich im ganzen Land gespürt. Aber in Deutschland geht es immer nur um das Militär, den Krieg, die Taliban und darüber hinaus: Gar nichts. Man weiß in Deutschland viel zu wenig über Afghanistan.
Was macht die Bundesregierung falsch?
Es müsste vielmehr Geld in den zivilen Wiederaufbau statt in das Militär gesteckt werden. Außerdem muss man Arbeit schaffen, damit die Leute Geld haben. Viele gehen zu den Taliban, weil sie arm und verzweifelt sind. Es müssen Perspektiven geschaffen werden, das ist das Allerwichtigste.
Nadia Karim ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Hilfsorganisation Afghanischer Frauenverein. Der Verein kümmert sich um den Bau von Brunnen, Krankenhäusern und Schulen und setzt sich insbesondere für die Ausbildung junger Mädchen und Frauen ein.
Am 9. Juni um 19 Uhr findet im Rahmenprogramm der Ausstellung "Kunduz, 4. September 2009" (noch bis 13.Juni) im Kunstraum Potsdam in der Schiffbauergasse 4 ein Gesprächsabend mit Nadia Karim statt (mehr dazu unter www.kunstraumpotsdam.de).
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Fakt ist, dass dort ein Krieg stattfindet, an dem wir beteiligt sind und diese Beteiligung muss gerechtfertigt werden. Es geht nicht an, dies auszublenden. Die Entwicklung einer staedtischen Zivilgesellschaft ist fein, geht uns aber nichts an. Beides zu vermischen ergibt nur Brei.
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Zwei Fragen hätte ich noch:
1. Warum berichtet die Bundesregierung nicht regelmäßig über den Fortgang des gesamten Afghanistan-Engagements, wie es beispielsweise die Kanadier tun? 2. Warum berichten die deutschen Medien nicht über eine Petition, die genau das fordert und die bislang bereits mehr als 400 Menschen mitgezeichnet haben? https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=11678 "Der Deutsche Bundestag möge beschließen, die Bundesregierung zu verpflichten, Parlament und Öffentlichkeit vierteljährlich sowohl in öffentlicher Sitzung des Bundestages als auch schriftlich in Form eines Afghanistan-Reports über die Ziele, Erfolge und Misserfolge des deutschen Engagements in Afghanistan zu informieren." |
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schrieb am
10.06.2010 um 23:00
Ich will ja nicht als "rude" gelten, aber das ist nun wirklich Wunschdenken. Eine Teutsche Regierung wird niemals, aber wirklich NIEMALS !!!, die Karten auf den Tisch legen. Die sind doch nicht suizidal.
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Meine Logik dazu: Wenn die Bundesregierung in Bezug auf Afghanistan schon gegen den Mehrheitswillen des eigenen Volkes handelt, wie gleichgültig muß ihr dann erst der mehrheitliche Wille der afghanischen Bevölkerung sein !
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