Politik

Im Gespräch | 09.06.2010 10:18 | Alem Grabovac

"Man sieht die Bundeswehr inzwischen als Besatzer"

Interview mit der Afghanistan-Expertin Nadia Karim über die Sicherheitslage am Hindukusch, den Bundeswehreinsatz und die Berichterstattung in den deutschen Medien

 der Freitag: Frau Karim, Sie sind gerade aus Afghanistan zurückgekehrt. Welche Eindrücke haben Sie mitgebracht?

Nadia Karim: Es gab eine positive Stimmung, weil die Afghanen ein wichtiges Cricketspiel gewonnen haben. Ich habe einen sehr großen Stolz auf die Nationalmannschaft gespürt. Endlich durften die Menschen mal wieder stolz auf Afghanistan sein. Das war das Gute, das Positive. Andererseits ist natürlich immer noch Krieg. Man hört die Bomben, hat Angst, ist besorgt. Ich war in sieben Provinzen und in den Flüchtlingslagern in Peschawar und Pakistan, in denen über zwei Millionen Afghanen leben. Dort war die Stimmung eher bedrückt, da viele Flüchtlinge wegen der angespannten Sicherheitslage immer noch nicht in die Südostprovinzen Afghanistans zurückkehren können.

Wie stehen die Afghanen mittlerweile zum Bundeswehreinsatz? Hat sich das Bild in den vergangenen Jahren verändert?

Ja, man sieht die Bundeswehr inzwischen als Besatzer. In den Jahren 2002 bis 2005 waren die Deutschen noch sehr beliebt in Afghanistan. Die Stimmung hat sich jedoch erheblich verschlechtert. Die Menschen können nicht mehr zwischen Enduring Freedom und dem ISAF-Einsatz unterscheiden. Die Linien zwischen Kampfeinsatz und friedenserhaltenden Maßnahmen verschwimmen immer mehr. Dennoch macht die Bevölkerung immer noch einen Unterschied zwischen den Amerikanern und den Deutschen – gerade in Kunduz. Die Deutschen gelten als nicht so aggressiv, schießen nicht gleich wie die Amerikaner. Die Deutschen verhalten sich eher zurückhaltend, während die Amerikaner sofort losballern, das höre ich immer wieder von der Bevölkerung.

In Deutschland fordern immer mehr Menschen den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Was halten Sie davon?

Meine persönliche Meinung ist: je eher, desto besser. Allerdings wäre auch ein sofortiger Abzug keine Lösung. Es darf kein machtpolitisches Vakuum entstehen. Vorher müsste man das afghanische Militär, die Polizei und das Justizwesen noch erheblich stärken. Außerdem sollte man die Nachbarländer Pakistan und Iran noch vielmehr in den Friedensprozess miteinbeziehen. Aber nochmals: Meine Meinung ist, dass die Bundeswehr so schnell wie möglich aus Afghanistan abziehen sollte.

Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der deutschen Medien über Afghanistan?

ANZEIGE

Man berichtet immer nur über Militarisierung, den Krieg, den Terrorismus. Die ganze Berichterstattung ist zu kriegslastig und zu sehr auf sich selbst bezogen. Kaum jemand berichtet über den Alltag, niemand interessiert sich dafür, was die Menschen fühlen, denken und hoffen. Es geht nur um Krisen und Sensationen. Die Afghanen werden als Statisten missbraucht. Es wird zum Beispiel immer behauptet, dass viele Intellektuelle das Land verlassen hätten. Aber das stimmt überhaupt nicht. Es gibt eine wahnsinnige Kapazität an eigenen Gedanken und eigenen intellektuellen und praktischen Lösungsvorschlägen. Die Leute haben die Schnauze voll, sie sind kriegsmüde, sie wollen den Frieden, sie setzen sich für eine bessere Zukunft ein und haben Hoffnung! Das habe ich im ganzen Land gespürt. Aber in Deutschland geht es immer nur um das Militär, den Krieg, die Taliban und darüber hinaus: Gar nichts. Man weiß in Deutschland viel zu wenig über Afghanistan.

Was macht die Bundesregierung falsch?

Es müsste vielmehr Geld in den zivilen Wiederaufbau statt in das Militär gesteckt werden. Außerdem muss man Arbeit schaffen, damit die Leute Geld haben. Viele gehen zu den Taliban, weil sie arm und verzweifelt sind. Es müssen Perspektiven geschaffen werden, das ist das Allerwichtigste.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Fritz Teich schrieb am 09.06.2010 um 10:58
Fakt ist, dass dort ein Krieg stattfindet, an dem wir beteiligt sind und diese Beteiligung muss gerechtfertigt werden. Es geht nicht an, dies auszublenden. Die Entwicklung einer staedtischen Zivilgesellschaft ist fein, geht uns aber nichts an. Beides zu vermischen ergibt nur Brei.
BendlerBlogger schrieb am 09.06.2010 um 15:23
Zwei Fragen hätte ich noch:
1. Warum berichtet die Bundesregierung nicht regelmäßig über den Fortgang des gesamten Afghanistan-Engagements, wie es beispielsweise die Kanadier tun?

2. Warum berichten die deutschen Medien nicht über eine Petition, die genau das fordert und die bislang bereits mehr als 400 Menschen mitgezeichnet haben?
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=11678

"Der Deutsche Bundestag möge beschließen, die Bundesregierung zu verpflichten, Parlament und Öffentlichkeit vierteljährlich sowohl in öffentlicher Sitzung des Bundestages als auch schriftlich in Form eines Afghanistan-Reports über die Ziele, Erfolge und Misserfolge des deutschen Engagements in Afghanistan zu informieren."
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.06.2010 um 23:00
Ich will ja nicht als "rude" gelten, aber das ist nun wirklich Wunschdenken. Eine Teutsche Regierung wird niemals, aber wirklich NIEMALS !!!, die Karten auf den Tisch legen. Die sind doch nicht suizidal.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.06.2010 um 09:48
Meine Logik dazu: Wenn die Bundesregierung in Bezug auf Afghanistan schon gegen den Mehrheitswillen des eigenen Volkes handelt, wie gleichgültig muß ihr dann erst der mehrheitliche Wille der afghanischen Bevölkerung sein !


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Tilman Jens Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild Herder 2012

180 Seiten. 20 Abbildungen. Gebunden.

16,99
 
Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute. Auf Springer-Seite hingegen wird gerne jede Kritik ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens untersucht in seinem Porträt vor allem, welche Rolle das Feindbild Springer für die Identitätsbildung der 68er wie ihrer Gegner spielte >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG