Politik

Pakistan | 26.08.2010 17:50 | Ulrike Winkelmann

"400 US-Hubschrauber sofort"

Afghanistan-Experte und Pakistan-Nothelfer Reinhard Erös verlangt, dass die Nato Fluggerät aus Afghanistan für die Menschen im überfluteten Pakistan zur Verfügung stellt

Der Freitag: Herr Erös, was läuft bei der Hilfe für das überflutete Pakistan schief?

Reinhard Erös: Mein Hauptvorwurf geht an die Nato und damit im Prinzip an die westliche Staatengemeinschaft: Die Nato verfügt weltweit über insgesamt 2.000 Transporthubschrauber, davon sind derzeit etwa 400 in Afghanistan. Die müssten sofort nach Pakistan abgestellt werden. Sie sind teilweise kaum 200 Kilometer weiter stationiert, die haben Sprit, die sollen Richtung Osten abheben, sofort.

Die Auseinandersetzung mit den Taliban...

… führt doch ohnehin derzeit niemanden weiter. Warum nicht für zwei Wochen einen Waffenstillstand mit den Taliban versuchen, um den übrigens vorwiegend paschtunischen Betroffenen im pakistanischen Norden zu helfen? Es würde die Taliban in die Enge treiben, darauf nicht einzugehen. Die Politiker gefallen sich doch inzwischen darin, von AFPAK zu reden, weil Afghanistan und Pakistan zusammen gedacht werden müssen: Bitte schön, hier wäre es nötig.

Das Wasser ist mittlerweile allerdings im Süden angekommen.

Genau, dort leben weniger Paschtunen, sondern Angehörige der pakistanischen Eliten: Plötzlich interessiert sich deshalb auch die pakistanische Regierung erst wirklich für die Katastrophe. Die pakistanischen Bemühungen werden sich eher auf den Süden, den Sindh, richten. Im Norden aber, im Swat-Tal, ist das Wasser ja noch nicht weg, die Welle vielleicht, aber das Wasser steht dort, und wo es nicht steht, haben die Menschen nichts mehr, gar nichts. Die Ernte ist weg, das Saatgut ist weg, die Vorräte sind weg – und die Menschen sind doch schon geschwächt. Wenn nicht sofort wesentlich mehr passiert, erwarte ich in den kommenden vier bis fünf Wochen eine sechsstellige Zahl von Todesopfern.

Ein erstes AWACS-Flugzeug der Nato ist am Sonntag vom Stützpunkt Geilenkirchen mit Hilfsgütern gestartet, ist das nichts?

Nein, das ist nichts, denn bislang habe ich erstens von keinem einzigen weiteren Flugzeug gehört. In Aussicht gestellt wurde der Transport von 500 Tonnen Material pro Woche, das ist lächerlich! Das ist an Gewicht die Hälfte davon, was die Bundeswehr jährlich allein an Alkohol für die Soldaten nach Afghanistan fliegt.

Es hat mehr als ein Geschmäckle, wenn jetzt die Notwendigkeit der westlichen Hilfe damit begründet wird, dass man den islamistischen Parteien zuvorkommen müsse, die sonst mit ihrer Hilfe auch die Herzen der Menschen gewännen.

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Und doch ist es das Wichtigste, Naheliegendste und Drängendste, jetzt eine ganz große Katastrophe zu vermeiden, indem man den Menschen zeigt, was Nato-Hubschrauber auch noch alles können. Lufttransport ist nun einmal die entscheidende Fähigkeit, die die Nato den Islamisten und übrigens auch allen anderen Institutionen voraus hat, und wenn damit am wirksamsten geholfen werden kann, umso besser. Und warum nicht die Tornados zur Aufklärung einsetzen, wo überall noch Menschen von der Außenwelt abgeschnitten sind?

Wo, denken Sie, liegt die Hauptblockade?

Jedenfalls nicht bei den Soldaten. Ich wette, dass von 100 Bundeswehrsoldaten 95 glücklich wären, ihr Lager in Afghanistan sofort zu verlassen und in Pakistan mit anzupacken. Katastrophenhilfe mit der Nato hat in den vergangenen Jahrzehnten immer auch daran gehangen, welches Interesse die Spitzenmilitärs dafür mitbrachten. Das schwankt daher mit der enormen Personal-Fluktuation im Apparat.

Das Gespräch führte Ulrike Winkelmann

 
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Kommentare
Brücke schrieb am 26.08.2010 um 23:36
Die Frage die sich stellt :

Wieso hat die Kriegsorganisation NATO
2000 Hubschrauber in Afghanistan
und Hilfsorganisation keine ?

Hier zeigt sich die ungeheure Schieflage
unserer Politik
Ulrike Winkelmann schrieb am 27.08.2010 um 09:16
Zu den Zahlen: Habe den Text soeben korrigiert, es lag ein Missverständnis zwischen Herrn Erös und mir am Telefon vor. Die Nato hat INSGESAMT 2.000 Hubschrauber, davon sind 400 in AFG, von denen er verlangt, dass sie sofort nach PAK geschickt würden. Was in der Sache aber weder an seiner Aussage noch an dem Inhalt Ihrer Frage etwas ändert, klar. U.W.
Fritz Teich schrieb am 28.08.2010 um 21:46
<<
PAK
>>

Warum denn solch ein NATO-Lingo. Sollen wir jetzt auch schon an die Sprache gewoehnt werden?
Gustlik schrieb am 27.08.2010 um 07:15
Kriegsgerät gehört entwaffnet und in Katastrophenhilfsgerät umfunktioniert. Das sichert Arbeitsplätze, sinnvolle!
Fritz Teich schrieb am 28.08.2010 um 21:45
Also eine military show, schon mal an Hubschrauber gewoehnen. Zu dumm, dass die Taliban es auch ohne koennen.
Fritz Teich schrieb am 28.08.2010 um 21:52
Zu dem Ausschluss der Taliban sagt er nichts, wenn man sein "wir" nicht als beredtes Uebergehen auslegt. Und

<<
Und warum nicht die Tornados zur Aufklärung einsetzen, wo überall noch Menschen von der Außenwelt abgeschnitten sind?
>>

erinnert un einen Streit beim G8 Gipfel an der Ostsee. Oder wurden die Flugzeuge damals als Waffe eingesetzt? Zum Nerven mit Motorgeraeusch?

Alberner Artikel und albernes Hilfswerk.
Joachim Petrick schrieb am 30.08.2010 um 09:48
Weniger alberner Artikel denn alberner Afghanistan Krieg mit alltäglich ziviler wie miltärischer Todesfolge.
Joachim Petrick schrieb am 29.08.2010 um 19:48
das wäre doch einmal ein allseitig vermittelbares Afghanistan- mitlitärisches Ausstiegsszenario für die NATO, voran die Bundeswehr, eine Luftbrücke in die Flut Krisengebiete nach Pakistan.

siehe dazu:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/luftbruecke-fuer-flut--katastrophen-opfer-in-pakistan
18.08.2010 | 17:17
Luftbrücke für Flut- Katastrophen Opfer in Pakistan
außenpolitik


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