Politik

Nahost-Gespräche | 01.09.2010 14:45 | Harriet Sherwood

Roadmap zur Unabhängigkeit

Premier Netanjahu wird bei den Verhandlungen mit Präsident Abbas erklären müssen, was er unter einem Palästinenser-Staat versteht und wie schnell es den geben soll

Bei der letzten Pressekonferenz vor Beginn der israelisch-palästinensischen Verhandlungen in Washington warnt Palästinenser-Premier Salam Fayyad in Ramallah, der „Augenblick der Abrechnung“ stehe bevor. Israels Premier Netanjahu müsse erklären, welche Art von Staat für die Palästinenser ihm vorschwebe. Er werde dies nicht irgendwo tun müssen, sondern während der jetzigen Verhandlungen, die von Präsident Obama anberaumt wurden.

Fayyad weiß, wovon er spricht. Er verfolgt einen Jahresplan zum Aufbau der Institutionen und des äußeren Rahmens eines künftigen Staates. Dies solle innerhalb der kommenden zwölf Monate abgeschlossen sein. Deshalb gelte für die Washington-Verhandlungen, die Gespräche „können und müssen“ Erfolg haben oder die Perspektive für eine Zwei-Staaten-Lösung werde weiter schwinden. „Jeden Tag, den dieser Konflikt fortbesteht, werden vor Ort Fakten geschaffen, die eine Zwei-Staaten-Lösung unwahrscheinlicher machen.“ Die internationale Gemeinschaft habe ein Interesse an diesem Erfolg: „Sie hat sehr viel investiert, nicht nur finanziell, auch moralisch und politisch.“

Fayyad bleibt skeptisch

Die Gespräche zwischen Netanjahu und Fayyad sollen nach einem Essen mit König Abdullah von Jordanien, Ägyptens Präsident Mubarak und Tony Blair, dem Gesandten des Nahostquartetts, beginnen. Die Erwartungen auf beiden Seiten sind freilich gering, obwohl die Amerikaner für eine umfassende Übereinkunft bei allen Themen, einschließlich der Grenzen, Flüchtlinge und der Zukunft Jerusalems, ein Ultimatum von zwölf Monaten festgelegt haben.

Doch Fayyad ist skeptisch, ob Netanjahu bereit sei, einen eigenen Staat zu für die Palästinenser akzeptablen Bedingungen zu ermöglichen: „An welchen Staat denkt Herr Netanjahu, wenn er von einem 'palästinensischen Staat' spricht? Ohne vorab ein Urteil abgeben zu wollen, so bin ich der Überzeugung, dass dieser Augenblick der Abrechnung in den kommenden Tagen oder Wochen kommt.“

Die palästinensische Autonomiebehörde hat einen Bericht mit dem optimistischen Titel Stretch to Freedom (Der Weg zur Freiheit) vorgelegt, in dem sie im Einzelnen ausführt, was in den vergangenen zwölf Monate für die Vorbereitung der staatlichen Souveränität erreicht wurde. Zugleich werden detaillierte Ziele benannt für die kommenden zwölf. „Ungefähr Mitte 2011 wird die Autonomiebehörde eine kritische Masse an positiven Veränderungen vor Ort erreicht haben. Das ist unser Ziel“, so der Premierminister.

ANZEIGE

Das Jahr 2011

Die Pläne für das nächste Jahr umfassen die Stärkung des Justizsystems, den Bau eines Netzwerks von Gefängnissen, mehr Anti-Korruptionsmaßnahmen, eine Modernisierung der Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, die Ermächtigung von Frauen sowie den Wiederaufbau oder Bau von Flughäfen in der West Bank und im Gaza-Streifen. Die Autonomiebehörde zeigt sich gleichfalls entschlossen, „den Weg einer fiskalischen Konsolidierung mit dem Ziel einzuschlagen, unsere Abhängigkeit von fremder Hilfe substanziell zu reduzieren“, sagt Fayyad. Aber ein palästinensischer Staat hänge von politischem Fortschritt ab, „der das hervorbringt, was erforderlich ist – nämlich die Beendigung der israelischen Besatzung, die 1967 ihren Anfang nahm. Unsere Maßnahmen vor Ort tragen zur Untermauerung des politischen Prozesses bei. Wir werden Zweifeln entgegenwirken, ob das palästinensische Volk in der Lage ist, sich selbst zu regieren. Wir werden bereit sein, für die Bedürfnisse unserer Leute zu sorgen, wenn die Besatzung zu einem Ende kommt.“

Fayyad wollte sich nicht zu der Frage äußern, ob die Palästinenser unilateral einen Staat ausrufen werden, sollten die Verhandlungen scheitern. „ich bin nicht bereit, darüber zu spekulieren, was geschehen wird, wenn es nicht funktioniert – denn es kann funktionieren.“

Übersetzung: Holger Hutt
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Tilman Jens Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild Herder 2012

180 Seiten. 20 Abbildungen. Gebunden.

16,99
 
Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute. Auf Springer-Seite hingegen wird gerne jede Kritik ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens untersucht in seinem Porträt vor allem, welche Rolle das Feindbild Springer für die Identitätsbildung der 68er wie ihrer Gegner spielte >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG