Kürzlich erst, Anfang Februar, gab Hans-Peter Friedrich Auskunft darüber, wie sein Weltbild aufgebaut ist. Am Rande einer kleinen CSU-Ortsgruppensitzung in Kaufbeuren im Allgäu erklärte Friedrich: „Da ist China“, welches unter anderem einen ganz anderen Begriff von Menschenwürde habe. „Da ist die islamische Welt, die sicher hunderte von Jahren in der zivilisatorischen Entwicklung zurück ist.“ Dann seien da noch ein paar andere, aber „in diesem Kampf der Systeme“ müsse die christlich-abendländische Kultur „alles daran setzen, um an der Spitze zu bleiben“.
Dafür freilich müsse Deutschland die anderen, speziell die südeuropäischen Euro-Länder, dazu zwingen, ordentlich zu haushalten und ihre Staaten „auf Vordermann zu bringen“. Das Wort „zwingen“ beziehungsweise „abzwingen“ kam in dem auf Youtube zu findenden Interview dann gleich noch einmal.
Nun ist Friedrich nicht der erste Spitzenpolitiker von der CSU, der die Republik damit überrascht, dass er erstrangige Qualifikationsnachweise – jedenfalls wurde die Güte von Friedrichs Jura-Doktortitel bislang nicht beanstandet – mit mutigen Bekenntnissen zu einer schlichten Weltsicht mischt. Doch galt Friedrich bislang gerade nicht als bajuwarisches Raubein, sondern pflegte vielmehr das weniger schollenverbundene Image des wirtschaftsliberalen Modernisierers. So wurde auch erklärt, dass Friedrich sich gern mit CSU-Chef Horst Seehofer überwarf und stattdessen beste Beziehungen zu Karl-Theodor zu Guttenberg pflegte.
Verbindlich, marktliberal, chauvinistisch
Letzteren verteidigte Friedrich noch als CSU-Landesgruppenchef mit besonderer Verve gegen die Anwürfe aus der Opposition. In der Bundestagsdebatte über Guttenbergs plagiierte Doktorarbeit rief er erzürnt zum Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann: Das sei „keine ordnungsgemäße parlamentarische Opposition“, die dieser betreibe! Der Sozialdemokrat sah nicht aus, als wäre er ins Mark getroffen. Wenn CSU-Landesgruppenchefs wie Peter Ramsauer oder noch vor diesem etwa Michael Glos die Roten oder Grünen angriffen, hatte das irgendwie anders geklungen.
Doch offensichtlich verbinden sich im Politikertypus Friedrich die verbindlichen Umgangsformen und die marktliberale Glätte mit einer Politik, die stets das eigene Bessere vom anderen Schlechteren zu trennen sucht und daher auch chauvinistisch genannt werden kann. Außerhalb des blauweißen CSU-Kosmos sind Beobachter oft geneigt, darin reine Wählerbefriedigungstaktik zu erkennen: Ein vernünftiger Mensch denke heutzutage ja so nicht mehr, aber solange sich damit in Bayern Mehrheiten schmieden ließen... und so weiter. Doch das könnte wiederum eine zu schlichte Erklärung sein. Friedrich schien eine echte Überzeugung zu vertreten, als er auf eine klar als sanfte Provokation erkennbare Frage in der Berliner Bundespressekonferenz antwortete: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“
Das war mal ein Entree für einen neuen Bundesinnenminister im Jahr eins nach Sarrazin. Nun war die Berufung in der Tat recht fix gegangen: Am 1. März trat Karl-Theodor zu Guttenberg wegen seiner gefälschten Doktorarbeit vom Amt des Verteidigungsministers zurück, einen Tag später schon übernahm Thomas de Maizière diesen Job, und als neuer Franke von der CSU rückte Hans-Peter Friedrich ins Kabinett. Immerhin hatte dieser dann aber ein paar Stunden Zeit, darüber nachzudenken, welches die Fettnäpfe sein könnten, die das Innenministerium bereithält.
Die muslimischen Verbände Deutschlands verstanden sofort, dass Friedrich es ernst meinte und dem Bundespräsidenten Christian Wulff („Der Islam gehört zu Deutschland“) auch widersprechen wollte: Muslime gehören zur bundesdeutschen Wirklichkeit, soviel Zugeständnis muss sein, aber der Islam bleibt ein Alien. „Wie können die hier lebenden Muslime denn zur deutschen Gesellschaft gehören, aber ihre Religion, die sie hier praktizieren und die ein Teil ihrer Identität ist, nicht?“, fragte folgerichtig Erol Pürlü, Sprecher des Koordinationsrats der Muslime. Der Satz mit der Tatsache – gemeint war sicherlich die „Tatsachenbehauptung“ – hing dann auch wie in düsteren Stein gemeißelt über der Islamkonferenz am Dienstag dieser Woche, Friedrichs erstem großen Termin als Innenminister.
Böse Ahnungen erfüllt
Und siehe da, es gelang ihm, böse Ahnungen auch zu erfüllen. Die Islamkonferenz, die seit ihrer Einrichtung 2006 durch Wolfgang Schäuble von einer symbolischen Veranstaltung zu einer selbst noch vom symbolischen Wert entleerten Veranstaltung degenerierte, eröffnete der Minister mit einem Aufruf an die Muslime, der Polizei bei der Suche nach Extremisten in ihren Reihen zu helfen. Nicht Integration, nicht Bildung, schon gar nicht Gleichberechtigung war sein Thema, sondern Terrorismus. „Wir alle sind gefordert, jetzt gemeinsam aktiv zu werden“, sagte Friedrich mit Bezug auf den Anschlag Anfang März am Frankfurter Flughafen, bei dem zwei US-Amerikaner starben. Bei Predigten, bei Gesprächen über den Islam könnten radikale Ansichten in einem Frühstadium entdeckt werden.
Aiman Mazyek, der mit seinem Zentralrat der Muslime schon vergangenes Jahr wegen Ergebnislosigkeit aus der Islamkonferenz ausgezogen war, äußerte sich sofort: „Die Islamkonferenz sollte nicht zur sicherheitspolitischen Konferenz werden.“ Doch auch von den Teilnehmern kam nach der vierstündigen Veranstaltung Kritik. Friedrichs Aufruf fördere „eine zweifelhafte Kultur des Denunziantentums unter den Muslimen“ und sei nicht integrationsförderlich, sagte die Islamwissenschaftlerin Armina Omerika. Es sieht aus, als müsste die Integrationspolitk in Deutschland eine Weile ohne Bundesinnenminister auskommen.
|
|
Vielleicht bin ich Friedrich bis zu einem gewissen Punkt sogar dankbar. Meine muslimischen Geschwister - oder doch ein Teil von ihnen - machten bei mir nur allzu oft den Eindruck, sich von der Schönrednerei mancher Politiker einlullen zu lassen und diese mit eigentlich untragbaren Kompromissen zu belohnen.
Gegenüber der Diktion eines Friedrich jedoch wird es für mich und andere einfacher werden, die innermuslimische Debatte zu führen und hoffentlich auch ein paar der so gerne in der Presse zitierten - wie Mazyek - dazu überreden zu können, Rückgrat zu beweisen. Friedrich scheint auch keine Vorstellung davon zu haben, in welchen Fettnapf er trat, vielleicht weil er eben so sehr deutsch ist: Denunziation eines Muslim bei einer nichtmuslimischen Behörde ist ein sehr ekliges Ansinnen. Tja, und so ist der Islam als "Alien" in Deutschland zu betrachten - diese Formulierung brachte mich verständlicherweise zum Schmunzeln. |
|
|
"Friedrich scheint auch keine Vorstellung davon zu haben, in welchen Fettnapf er trat, vielleicht weil er eben so sehr deutsch ist: Denunziation eines Muslim bei einer nichtmuslimischen Behörde ist ein sehr ekliges Ansinnen. "
Oder es war gezieltes Handeln. Die Islamkonferenz an sich mutet schon einer Klassenkonferenz für delinquente Schüler an, denen bei weiterem Fehlverhalten der Schulverweis droht. Friedrich hat nichts zu verlieren. Indem er Islam mit Islamismus gleichsetzt fischt er erfolgreich am rechtskonservativen Rand. Ein Gros der Deutschen kennt den Unterschied sowieso nicht. Der Generalverdacht kommt an und ist wahrscheinlich in Wählerstimmen meßbar. Seine Kritiker werden in die MultiKulti Ecke gestellt und dort lächerlich gemacht. Und Friedrich weiß, dass er diesen Job noch nicht einmal selbst machen muss. Die Muslime hingegen können nichts mehr richtig machen. Wenn sie das vergiftete Angebot annehmen, stimmen sie zu, dass Terrorismus ein Problem des Islam sei und kein gesamtgesellschaftliches bzw. globalisiertes. (mich würde interessieren wem Friedrich zu RAF Zeiten dieses Angebot gemacht hätte). Wenn sie ablehnen werden die Muslime noch mehr in die radikale Ecke des Islamismus oder besser Fundamentalismus gestellt. So oder so, das Ende vom Lied wird sein, dass Muslime nicht gesellschaftfähig sind. Und das ist doch, wenn ich die Äußerungen Friedrichs im Artikel richtig deute, sein Ziel. Auch ich habe mit mancherlei Auslegung des Islam meine Probleme. Aber es ist die Auslegung, nicht der Islam an sich. Zwangsehen, das Verhältnis zur Homosexualität, die Unterdrückung der Frau, das stört mich massiv und ich in nicht bereit dies zu tolerieren. Aer ich sehe es als ideologisches Problem. Ich verurteile ja auch nicht das gesamte Christentum und die Bibel für den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, die Stellung der Frau in ihr, die gewaltorientierte Erziehung bei den Zeugen Jehovas, den Ausschluss der Frauen aus allen Ämtern bei vielen Freievangelen, die Bücherverbrennung bzw. Koranverbrennung in den USA durch Evangelikale, den Kreationismus, die Schwulenfeindlichkeit der katholischen wie freievangelischen Kirche, den Massenmord durch Kondomverbot in Afrika etc.. Terrorismus ist immer ein ideologisches Problem und Fanatiker, ob nun religiöser oder politscher Natur, haen nur dann eine Chance junge Menschen zu rekrutieren, wenn diese mit ihren Anliegen und Fragen allein gelassen werden. Das weiß die NPD, die genau dort hingeht, wo der Staat sich zurückgezogen hat und das wissen auch Islamisten. Ich wünsche mir einen Staat, in dem Staat und Kirche wirklich getrennt sind. Diesen Zustand haben wir in Deutschland nicht. Soll Herr Friedrich doch eine Konferenz zur Frage der Religion in unserer Gesellschaft machen und dazu bitte Vertreter der Religionen zu Tisch bitten und sie daran erinnern, dass Religion innerhalb den Grenzen des Rechtsstaats stattfindet. Und das bezieht sich auf ALLE Religionen. |
|
|
WELTANSCHAUUNGS-Konferenz!
Bei der "Islam-Konferenz" wurden folgende grundlegende Tatsachen nicht berücksichtigt: 1. Nach Bevölkerungsumfragen gibt es jeweils nur kleine Minderheiten in Deutschland, welche bekennen, "Christen" oder "Muslime" zu sein. 2. Es gibt hier noch sehr viele andere der insgesamt ca. 4000 religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen. 3. Nach den Menschenrechten sind alle Weltanschauungen untereinander völlig gleichberechtigt; keine Weltanschauung darf bevorzugt oder benachteiligt werden. 4. Dem entsprechend nennt(!) sich Deutschland "weltanschauungsneutral". 5. Das Christentum wird jedoch sogar extrem bevorzugt (z.B. Gottesbezug im Grundgesetz, Kirchensteuer, evang. und kath. Religionsunterricht an staatlichen Schulen, sehr viele staatliche christliche Feiertage). 6. Konferenzen zwischen Teilnehmern verschiedener Weltanschauungen können nur sinnvoll sein, wenn auf gleicher Augenhöhe verhandelt wird. 7. Eine Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Weltanschauungen kann nur dann friedlich miteinander leben, wenn von allen die Menschenrechte voll akzeptiert werden. Sinnvoll ist daher alleine eine stark erweiterte Konferenz mit den Vertretern wenigstens der wichtigsten religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen ("Weltanschauungs-Konferenz"). Dabei sollten friedensverhindernde Elemente deutlich benannt und abgebaut werden, z.B. jegliche Bevorzugungen und Absolutheitsansprüche (z.B. der drei monotheistischen religiösen Weltanschauungen Islam, Christen- und Judentum). |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellenCarta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie
Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de
annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"
Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb
Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net
Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika
politik.de
Portal für Politik und Demokratie
Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng
Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei
Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link