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Politik : Nationale Reservearmee

Das vergemeinschaftete Europa hat begonnen, sich selbst zu zerlegen. Dänemark schreddert den grenzenlosen Grenzverkehr und die Vision von der EU-Bürgergesellschaft

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Was dem Arbeitsmarkt die industrielle, ist der EU die nationale Reservearmee. Sie darf in Dänemark, Frankreich, Italien, Ungarn, Finnland – auch in Deutschland – dann aufmarschieren, wann immer die Gemeinschaft der 27 über ihre Verhältnisse lebt und in ihre Schranken gewiesen werden soll. Die Späh-, Stoß- und Vortrupps dieser Armee marschieren derzeit mit solch kräftigem Stiefeltritt, dass es beängstigend klingt. Mitgliedstaaten der EU, die ohne EU nicht wären, was sie sind, ziehen gegen die EU zu Felde. Die Rückkehr Dänemarks zu Grenzkontrollen gegenüber Deutschland und Schweden ausgerechnet in einem Augenblick, da die Eurozone als Referenzprojekt der Integration in einem riesengroßen Subventionsfass ohne Boden zu verschwinden droht, ist mehr als der sagenhafte Schlag ins Kontor.

Was bleibt von der Europäischen Gemeinschaft? Wenigstens die Idee? Zweifel sind angebracht. Wer könnte ernsthaft die Erfahrung bestreiten, mehr Europa ist nicht mit immer mehr Geld zu haben. Stattdessen gilt – mit immer mehr Geld lässt sich immer weniger Europa machen, siehe Griechenland. Und nun werden mit Schengen und dem grenzenlosen Grenzverkehr auch noch die "acquis communautaire" (gemeinschaftliche Besitzstände) zur Disposition gestellt, als sollte die Vision von der grenzenlosen europäischen Bürgergesellschaft im Schredder landen. Dagegen wirkt die 2005 gescheiterte EU-Verfassung wie eine Fußnote der Geschichte.

Aber der europäische Staatenbund ist auch selber schuld und Opfer seiner Unersättlichkeit. Wie ächzt doch gleich der fresswütige Herr Jakob Schmidt in Bertolt Brechts Mahagonny? Jener Netze-Stadt, in der sich die Glücksritter verfangen sollten und auch planmäßig verfingen? „Jetzt hab ich gegessen zwei Kälber, und jetzt esse ich noch ein Kalb.“ Und wie viele Kälber hat die EU in den vergangenen 20 Jahren im guten Glauben verschluckt, nichts bekäme ihr besser: Maastricht, die Osterweiterung, Schengen, die Euro-Zone, die Euro-Rettung.

„Bruder, ist das für die Glück?“, fragen die Freunde des Kälber verschlingenden Herrn Jakob Schmidt und bleiben skeptisch. Auch in der EU hat sich diese Grundgefühl eingeschlichen. Völlerei gehört zu den sieben Todsünden. Man wusste es und stößt nun auf Länder wie Dänemark, die jäh ausscheren und die Souveränität des eigenen Staates nicht nur behaupten, sondern auskosten. Und das mit Verweis auf die erkennbar europamüden, mindestens aber EU-skeptischen Franzosen und Italiener, die sich Europa lieber ohne Schengen und die entgrenzte Grenzenlosigkeit vorstellen wollen.

Herr Jakob Schmidt sticht mit seiner Gabel schon ins nächste Kalb und frisst weiter, bis er endlich erlöst – endlich gestorben ist. „Sehet, welch glückseliger – welch unersättlicher Ausdruck auf seinem Gesicht ist“, singen seine Freunde und ahnen nicht, wie sehr auch sie die Netze-Stadt noch wird straucheln lassen.

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