Politik

Dauerstreit | 31.08.2011 17:15 | Steffen Kraft

Vorwürfe gegen Openleaks-Gründer

Julian Assanges deutscher Anwalt wirft Daniel Domscheit-Berg "Niedertracht" vor: Der Openleaks-Aktivist wolle auf Kosten von Unbeteiligten den Ruf von Wikileaks schädigen

Julian Assanges Rechtsanwalt Johannes Eisenberg hat einen Brief an Openleaks-Mitgründer Daniel Domscheit-Berg geschrieben. So meldete heute morgen die Deutsche Presseagentur dpa, der das Dokument zugeschickt worden war und die es inzwischen auch im Originaltext verbreitet. Obwohl von einem Anwalt verfasst, enthält das Dokument keine konkrete juristische Drohung, wirft Domscheit-Berg aber ein "gesteigertes Maß an Niedertracht" vor: "Mit ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter."

Gemeint ist damit der Vorwurf, Domscheit-Berg habe "operationale Details" an mehrere Journalisten weitergegeben, die zur Entdeckung einer leicht entschlüsselbaren, im Internet kursierenden Datei mit unredigierten Botschaftsdepeschen geführt haben. Über das Leck bei Wikileaks hatte zunächst der Freitag berichtet, dann der Spiegel - und schließlich Medien weltweit (z.B. New York Times, Washington Post, Wired, Jerusalem Post).

Kurz nach Erscheinen hatte Wikileaks den Bericht über Twitter noch als "weitgehend falsch" bezeichnet und Domscheit-Berg als Quelle verdächtigt. Eisenberg wirft in dem Brief Domscheit-Berg dagegen nun vor, er verbreite "Informationen, um damit die Reputation von Wikileaks zu schädigen" und seine "Behauptung 'belegen' zu können, Wikileaks sei nicht zum Quellen- und Betroffenenschutz bereit oder in der Lage". Die Folgen für die in den Kabelnachrichten genannten Personen nehme Domscheit-Berg "sehenden Auges in Kauf".

Der Freitag begleitet die Testphase von Openleaks offen als Partner. Der dpa bestätigte Domscheit-Berg, dass er mit einem Journalisten seines Vertrauens über das Problem der öffentlich verfügbaren Originaltexte gesprochen habe. Zum Brief Eisenbergs schrieb er: "Aus meiner Sicht ist das Schreiben ein klassisches Ablenkungsmanöver". Im Umgang mit den Botschaftsdepeschen habe Wikileaks nun mehrfach Fehler gemacht, zum Teil wegen "des fahrlässigen Handelns von Herrn Assange".

 
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Artikelaktionen
Kommentare
shalako schrieb am 31.08.2011 um 17:34
"Julian Assanges Rechtsanwalt Johannes Eisenberg hat einen Brief an Openleaks-Mitgründer Daniel Domscheit-Berg geschrieben."

Der Brief im Wortlaut.
docs.dpaq.de/49-eisenberg_ddb.pdf
ed2murrow schrieb am 31.08.2011 um 17:53
Im Schreiben steht u.a.: "Sie wissen, daß WikiLeaks die Cables nur redigiert veröffentlicht hat ..." Dass das, wenn ich mich recht erinnere, auf die Redaktion durch die Kooperationspartner zurückgeht, unterschlägt das Schreiben. Oder war das ein anderer Zusammenhang, als Assange öffentlich beklagte, WikiLeaks sei hierzu sächlich und personell nicht in der Lage?

Die Schlammschlacht ist nun (mit der reinen Spiegelung der früheren Argumente von Domscheid-Berg) defintiv eröffnet. Und mit dem Schreiben (man achte im letzten Absatz auf die Formulierung "widerspricht allen Absprachen und Selbstverpflichtungen") ist die Richtung eventueller weiterer Auseinandersetzung zwischen den ehemaligen Sozien der BGB-Gesellschaft WikiLeaks vorgegeben.
Calvani schrieb am 31.08.2011 um 18:18
"Der dpa bestätigte Domscheit-Berg, dass er mit einem Journalisten seines Vertrauens über das Problem der öffentlich verfügbaren Originaltexte gesprochen habe."

Zu welchem Zweck? Um seine Behauptung zu "belegen", dass Dokumente bei Wikileaks nicht sicher sind? Das scheint ihm ja gelungen zu sein. Und die identifizierbaren Personen in den Originaltexten? Sind diese jetzt etwa weniger gefährdet als zuvor?
Meine Nerven, meine Nerven!
Dabularasa schrieb am 31.08.2011 um 18:19
Unser Herr Kraft,da möchte einer etwas Öl ins Feuer gießen.

Kein Problem.
Dann lassen Sie uns zündeln.

Warum sollte ein Schreiben eines Anwalt immer mit einer juristischen Drohung enden ?
Im Schreiben ist die Sichtweise von WL und Julian übermittelt worden.
Und das Fehlverhalten und Illoyalitäten des Domscheit-Berg bemängelt worden.
Auf das Verhalten von Domscheit-Berg trifft der Begriff "Niedertracht" genau zu.
Sie reden/schreiben von einer OL Testphase.
Was für eine Testphase ?
Bisher ist hier nur eine Verbal-Blase zu finden.
Und eine Bitte:
Ihnen ist
das Schreiben von Herrn Eisenberg doch bereits über Stunden bekannt.Dann verlinken Sie doch auf das von Ihnen zitierte Schreiben.Und picken sich nicht wieder Ihnen genehme Bausteine heraus.
Nur das gesamte Schreiben lässt die richtige Interpretation zu.
shalako schrieb am 31.08.2011 um 18:29
ed2murrow schrieb am 31.08.2011 um 17:53
"Im Schreiben steht u.a.: "Sie wissen, daß WikiLeaks die Cables nur redigiert veröffentlicht hat ..." Dass das, wenn ich mich recht erinnere, auf die Redaktion durch die Kooperationspartner zurückgeht, unterschlägt das Schreiben. Oder war das ein anderer Zusammenhang, als Assange öffentlich beklagte, WikiLeaks sei hierzu sächlich und personell nicht in der Lage?"

Wenn Sie die von Ihnen anzitierte Passage weiter verfolgen, werden Sie feststellen, dass der von Ihnen angemerkte Sachzusammenhang nicht "unterschlagen" wird; im Gegenteil: er ist sorgfältig ausformuliert - und Sie bekommen auch eine Antwort auf Ihre Frage.
DOKTOR schrieb am 31.08.2011 um 18:38
Na endlich. So, nun ists gut, die Menschen glauben, es erkannt zu haben, wie das so ist. Man DDB seiner Wege ziehen lassen, dass er was Neues anfangen kann. Man muß ja nicht noch immer nachtreten.
Calvani schrieb am 31.08.2011 um 19:04
Es sieht für mich aber ganz so aus, als trete DDB nach.
Rosa Sconto schrieb am 02.09.2011 um 13:56
...und der Freitag gerät gleich mit auf Abwege.
ed2murrow schrieb am 31.08.2011 um 19:28
shalako schrieb am 31.08.2011 um 18:29

" im Gegenteil: er ist sorgfältig ausformuliert ..." In der Tat, er enthält alle Hinweise zu den Umständen, wie und unter welchen Bedingungen Herr Assange sich seine bevorzugten Publikationspartner ausgesucht und zurecht zu stutzen versucht hat.

Mit diesem Ergebnis: www.gulli.com/news/15043-cablegate-assange-drohte-guardian-wegen-nicht-autorisierter-artikel-mit-klage-2011-01-06

John Young hatte recht, alles andere ist wiederholter nonsens.
Streifzug schrieb am 31.08.2011 um 19:32
Timeline: Daniel Domscheit-Berg
An history of Daniel Schmitt/Domscheit-Berg and WikiLeaks.

...

August 2011

Domscheit-Berg does an interview with his intended media partner German Freitag 10 August where he again reverts to the 'I took nothing' tack on his theft of WikiLeaks funds, computer hardware, computer software, and whistleblower submissions. And he does this with a turn of phrase that's bound to go down in history.
'Nein, ich habe keine Dokumente von WikiLeaks mitgenommen.'
- Daniel Domscheit-Berg 10 August 2011 to 'Der Freitag'
Wir fordern kein Vertrauen
weinsztein schrieb am 01.09.2011 um 04:12
Sehr hilfreich, Streifzug.
Danke.
Columbus schrieb am 31.08.2011 um 20:41
Jeder mit Verstand für fünf Cent konnte vorher ahnen, was aus der nun unendlichen Geschichte DOM.-B. versus Assange werden würde.

Im Grunde bleibt vom Leaken ein Dr. Strangelove- Projekt der deutschen Aufklärung und des tiefschürfenden, gefühlten Sicherheitbedürfnisses, schwarz-rot-goldener Provenienz übrig.
Die gebastelte Medien-Bombe wurde so gebaut, dass sie unweigerlich funktioniert und zündet, auch wenn sie das eigene Territorium ebenfalls unbrauchbar macht.

Der Wahnsinnstrick besteht darin, sich gegenseitig zu leaken, womit man theoretisch und in foro bis zum jüngsten Gericht intenisiv beschäftigt bleiben kann und Anlässe für tausende Artikel liefert. - Eine bessere Idee, sich gegenseitig außer Gefecht zu setzen und trotzdem irgendwie verwurstbaren Inhalt zu liefern, ist kaum denkbar.

Es liegt vermutlich nicht einmal an den Hauptpersonen selbst, so sehr die auch glauben mögen, es läge am Charakter des je Anderen.

Hier bei uns, in den so geordneten, medialen Verhältnissen ist nur noch die Soap ungefährlich erfolgreich und damit endet dann jede weiterführende Hoffnung, es werde a) für Assange bald die Freiheit geben, um sein Werk fortzusetzen, und b) für Wikileaks und Openleaks, jemals noch einmal etwas sehr Wesentliches zu leaken.

Auf lange Sicht macht das nichts. Andere werden einspringen. Aber die kleinen Karos mit denen hier die Webgemeinden der jeweiligen Anhänger arbeiten, sie sind zu nanotechnologisch! Da müssen sich Menschen mit Verstand fremdschämen und abwenden.

Zumindest ist die deutsche Presse nun entlastet, unter Umständen wirklich brisante Materialien noch aufarbeiten zu müssen. Man kann wieder zur Meinungsforschung und -Verkündung und zum Boulevard übergehen und überall "Siehste!" dran schreiben.

Ich muss sagen, ich bin einfach tief enttäuscht. -Darf man das noch sein?- Hoffentlich kann sich der dF wenigstens aus dem nun ewig währenden Selbstdarstellungsclinch der Reziprokleaker heraus halten. Ich bin gespannt und komme nicht umhin, langsam ein wenig an meinem dF-Abo zu zweifeln.

Christoph Leusch
Calvani schrieb am 31.08.2011 um 20:56
Ja, Sie dürfen enttäuscht sein, lieber Christoph, und Sie sind nicht allein mit Ihrer Enttäuschung, vielleicht tröstet Sie das ein wenig, auch wenn ich zugeben muss, dass ich - anders als Sie vermutlich - nicht allzu sehr überrascht bin.
weinsztein schrieb am 01.09.2011 um 04:09
Warum wurde in obigem Blog nicht auf den Wortlaut des Assange-Anwalts Johannes Eisenberg verlinkt?

Auf: docs.dpaq.de/49-eisenberg_ddb.pdf ?

Danke shalako.
LeakingFriday schrieb am 01.09.2011 um 05:05
Nehmt doch gleich die Gesamtstellungnahme von Wikileaks, zumindest für die Englischversteher:
www.wikileaks.org/Guardian-journalist-negligently.html

Und um es noch einmal festzuhalten:
Ohne den Freitagartikel hätten nur echte Insider von den unzensierten Depeschen erfahren, so können wir sie alle bei ausreichend Interesse nachlesen...

Aber ein Trost: Beim Guardian sitzen analog zum Freitag die Besten der Besten der Besten, hier ihre Antwort zum Schlamassel:
www.guardian.co.uk/world/2011/sep/01/unredacted-us-embassy-cables-online

A statement from the Guardian said: "It's nonsense to suggest the Guardian's WikiLeaks book has compromised security in any way.

"Our book about WikiLeaks was published last February. It contained a password, but no details of the location of the files, and we were told it was a temporary password which would expire and be deleted in a matter of hours.
[...]
"No concerns were expressed when the book was published and if anyone at WikiLeaks had thought this compromised security they have had seven months to remove the files. That they didn't do so clearly shows the problem was not caused by the Guardian's book."

Einmal "freigesetzte" Dateien lassen sich im Internet bekanntlich schwer wieder beseitigen, die fragliche Datei befand sich unbewussterweise bereits seit Dezember 2010 auf meinem PC...
Dabularasa schrieb am 01.09.2011 um 07:14
Hier fällt öfters der Begriff Insider.
Insider im Zusammenhang mit WikiLeaks sind in der Lage ihr handeln genauesten zu überprüfen .
Und nach Abwägung aller Fakten zu agieren.
Und nicht wie der Freitag.
Ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen.
Freitag und Guardian(UK) sind ja bekanntermaßen Kooperationspartner.
Von daher ergibt sich mittlerweile ein bestimmtes Schema.
ursula keller schrieb am 01.09.2011 um 09:25
Meine Herren vom Freitag, Sie haben sich instrumentalisieren lassen.
DDBs Absicht war von Anfang an erkennbar die, nicht nur WL und Assange zu sabotieren, sondern das Vertrauen von Whistleblowern und Supportern in die Idee als solche zu
zerstören.
JEDER seiner Schritte hatte diese Intention und ganz offensichtlich war er erfolgreich damit.
Mission Completed, die Medien haben perfekt mitgespielt.
Rosa Sconto schrieb am 02.09.2011 um 14:22
Das entwehrt sich nicht einer gewissen Ironie das ein demokratisches Kontrollelement ausgerechnet durch diejenigen abgeschafft wird, die es eingeführt haben. Trotzdem, gerade angesichts zunehmend totalitärer werdender Staaten ist dies denn doch nicht witzig. Selbst CIA, NSA und wie all diese Geheimnisskrämer alle heissen, sie hätten es nicht besser schaffen können, Plattformen auf denen Mauscheleien bekanntgemacht werden, auf Dauer so zu beschädigen das auch nur eine einzige Gesetzesnovelle in Erwägung gezogen werden musste.
Hellie Bu schrieb am 06.09.2011 um 13:49
Allerdings hat sich der Freitag instrumentalisieren lassen! Eine Zusammenarbeit mit einer deutschsprachigen Plattform ist schön und gut. Aber ein bisschen Abstand zum bla-bla von DDB wäre hilfreich.
Immerhin sind viele Freitag-Fans auch Wikileaks-Fans und haben keine Lust mit wehenden Fahnen überzulaufen, nur weil Herr Kraft und Herr Augstein das so beschlossen haben...
Hellie Bu schrieb am 06.09.2011 um 13:49
Allerdings hat sich der Freitag instrumentalisieren lassen! Eine Zusammenarbeit mit einer deutschsprachigen Plattform ist schön und gut. Aber ein bisschen Abstand zum bla-bla von DDB wäre hilfreich.
Immerhin sind viele Freitag-Fans auch Wikileaks-Fans und haben keine Lust mit wehenden Fahnen überzulaufen, nur weil Herr Kraft und Herr Augstein das so beschlossen haben...
Hellie Bu schrieb am 06.09.2011 um 13:49
Allerdings hat sich der Freitag instrumentalisieren lassen! Eine Zusammenarbeit mit einer deutschsprachigen Plattform ist schön und gut. Aber ein bisschen Abstand zum bla-bla von DDB wäre hilfreich.
Immerhin sind viele Freitag-Fans auch Wikileaks-Fans und haben keine Lust mit wehenden Fahnen überzulaufen, nur weil Herr Kraft und Herr Augstein das so beschlossen haben...
Hellie Bu schrieb am 06.09.2011 um 13:50
Sorry für die Dopplungen
Mein Internet oder die Kommentarfunktion beim Fraitag war sooooooooooooooooo langsam...
Streifzug schrieb am 02.09.2011 um 13:03
Wikileaks: Alles muss raus
Wikileaks hat die kompletten Datensätze aller unredigierten US-Botschaftsberichte veröffentlicht. Kurz vor Mitternacht amerikanischer Ostküstenzeit wurde ein 60 GByte großes Torrent freigegeben, zusammen mit einem Passwort und der Aufforderung an Wikileaks-Aktivisten, Mirror-Dateien anzulegen und diese per Twitter mit dem Hashtag #mlmir zu melden.
...
Im Guardian meldete sich der OpenLeaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg zu Wort und sprach davon, dass das vor sieben Monaten im Buch abgedruckte Passwort das Master Password von Wikileaks gewesen sei, das er erkannt habe. Welche Datenbestände mit diesem Hauptpasswort noch verschlüsselt sind, ließ Domscheit-Berg offen.


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