Als in den 1830er Jahren die ersten Schlafwagen in den USA zum Einsatz kamen, war das ein großer Fortschritt: Das Industrielle und das Technologische, also die Bahn, gingen mit dem Angenehmen und Vernünftigen, also liegender Mobilität ohne Wachzeitverlust, eine gepolsterte Liaison ein. Jahrzehnte später, die Sozialdemokratie war inzwischen auf dem historischen Gleis erschienen, kamen auch Passagiere unterhalb der ersten Klasse in den Genuss des schlafenden Reisens – der Fortschritt schien nun auch noch das ihm zugesprochene Versprechen von Gerechtigkeit zu erfüllen.
Von der heiligen Dreifaltigkeit des immerwährenden Vorwärtsschreitens ist längst nicht mehr die Rede. Die Hoffnungen, die in Erfindungen der Wissenschaft und Technik gesetzt wurden, sind der skeptischen Erkenntnis von einer Dialektik des Fortschritts gewichen. Was eben noch den schon erreichten Stand der Entwicklung zeigte – Höher! – und die Verheißung einer besseren Welt gegenständlich werden ließ – Weiter! –, hatte genauso Barbarei, Armut und Naturzerstörung hervorgebracht.
Die Sozialdemokraten sagten, das liege nicht an der Idee selbst, sondern an ihrer falschen, weil von den Interessen einiger Besitzender ausgehenden Verwirklichung. Als sie an die Regierung kamen, taten sie dagegen jedoch nichts. Seit ein paar Jahrzehnten steht der Fortschritt nun endgültig in Verdacht – und es ist kein Zufall, dass gleichzeitig auch die These vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters in die Welt kam. Der Glaube, eine Vervollkommnung des Menschen habe im ökonomischen Wachstum eine nie versiegende Quelle gefunden, versank erst in Ölteppichen und später in einem unternehmensfreundlichen Pragmatismus: Nur wenn es „der Wirtschaft“ gutgeht, sollte sich auch etwas an „die Menschen“ verteilen lassen. „Der Wirtschaft“ ging es aber angeblich nie richtig gut genug, und so blieb die Verteilung aus. Die SPD verlor die Wahlen.
Ambivalenz der Fortschrittsidee
Seit Herbst 2009 redet die Partei über Erneuerung. Man gründete Arbeitsgruppen, befragte die Basis. Sigmar Gabriel versprach, „am Schlafwagen mancher Gewissheiten“ zu rütteln, weil in der SPD nicht alles bleiben dürfe, wie es war. Das zielte auch auf den Fortschrittsbegriff, doch viele Sozialdemokraten blieben lieber liegen.
Es ist fast ein Jahr her, dass der SPD-Vorstand den Entwurf eines „Fortschrittsprogramms“ in die Welt setzte, es ging angesichts der „unübersehbaren ökologischen Grenzen einer auf Natur- und Rohstoffverbrauch ausgerichteten Industrialisierung“ um eine „Modernisierung unseres Fortschrittsverständnisses“. Eine gesellschaftliche Debatte, wie sie sich die nach einer „großen Erzählung“ lechzende SPD gewünscht hatte, blieb aus.
Das mag an der Ambivalenz des Fortschritts liegen, auch an einer Öffentlichkeit, welche die Lust an solchen Debatten verloren hat. Wer will schon reden über Utopien in einer Zeit, über welcher der Schleier des Anti-Gedankens liegt, demzufolge sich ja letztlich doch nichts ändern werde.
Vor allem aber: Die Sozialdemokraten, die am Wochenende ihren Parteitag in Berlin beginnen, haben sich nicht als Leuchtturm empfohlen, der den Weg in eine bessere Zukunft weist. Sie blieb Taschenlampe für den Parcours der herrschenden Verhältnisse. Was soll man von einer „Modernisierung“ halten, die sich im Voranstellen des Wörtchens „neu“ erschöpft? Was über SPD-Politiker denken, denen der kleine Raumgewinn gegen die hass-geliebte „Nein-Sager-Partei“ Grüne oder die angeblich so irrigen Linken wichtiger ist, als die Suche nach Partnern für einen echten Wandel?
Zugegeben: Die SPD hat sich an einer Debatte versucht, die man ihr kaum noch zugetraut hätte. Das kann das Symptom einer noch stockenden Revitalisierung sein. Die aber wird misslingen, wenn die Sozialdemokraten nicht wenigstens über ihren Erhard Eppler hinausgehen, der schon Ende der 1980er Jahre meinte, gesellschaftlichen Fortschritt verspreche nur noch eine politisch gesteuerte Doppelbewegung aus Wachsen und Schrumpfen.
Umkehr und großer Sprung nach vorn
Das verlangt heute nach anderen Fragen als die, ob angeblich saubere Energie der offensichtlich schmutzigen vorgezogen wird. Es geht um Lebensentwürfe, Konsumgewohnheiten, um das hinderliche Selbstverständnis der eigenen Wähler, darum, dass demokratischer Zugriff auf ökonomische Entscheidungen nur möglich ist, wenn das Eigentum ebenso demokratisiert wird. Es geht um technologische Innovationen, die Befreiung stiften – nicht noch mehr Überwachung befördern oder bloß dem Kostenrechner gefallen. Es geht um eine neue Dialektik aus Umkehr und dem großen Sprung nach vorn, um Transition und Transformation. Und um die Überwindung der Selbstgefälligkeit einer politischen Klasse, in der sich die SPD bewegt wie all die anderen Fische im Wasser, die vom Kopf her zu stinken anfangen.
Inzwischen ist so viel Zeit, den Pfad zu wechseln, ungenutzt verstrichen, dass ohne Notoperation sich bald womöglich jederart Fortschritt erledigt haben könnte. Dabei brauchen wir ihn dringend – aus der vernünftigen Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergeht, und aus der Lust auf eine Zukunft, in der vieles anders und vor allem besser sein könnte.
Solange die SPD nur vom Schlafwagen redet und ihn nicht verlässt, ziehen draußen die Dörfer vorbei und niemand kommt auf den Bahnsteig, um zu winken.
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Das Bild von der im Schlafwagen fahrenden SPD - wunderbar. Umso mehr, weil der SPD-Vorsitzende diese Metapher selber in die Diskussion eingebracht hat.
Offenbar haben Sie, lieber TS, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass unsere Sozis sich den Schlaf aus den Augen reiben, irgendwann einmal. Ich habe diese Hoffnung schon lange aufgegeben, was nicht heissen soll, es sei falsch, sie zu haben. Ich frage mich jedoch, von welchem Zug sprechen wir hier eigentlich? In welchem Schlafwagen liegen sie denn? In Suedafrika, wo ich mich gerade aufhalte, sprach man nach 1994, dem Zeitpunkt des verkuendeten Endes der Apartheid, vom "gravy train", auf den nun viele ehemalige Freiheitskaempfer aufsprangen - und noch mehr Trittbrettfahrer. (Gravy = die Sosse zum Braten; im Deutschen wuerde man eher vom "Sahnezug" sprechen, frei nach Udo Juergens' "Aber bitte mit Sahne"). Ist es nicht auch so, dass viele Sozialdemokraten in der jungen BRD im "gravy train" des angeblichen Wirtschaftswunders mitfahren wollten? Um dann, sattgefressen, im Schlafwagen der Selbstgefaelligkeit haengen zu bleiben. Ich fuerchte, so mancher ist dort ins Koma geraten. |
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Eine kleine Ergänzung Ihres trefflichen Arguments "Solange die SPD nur vom Schlafwagen redet und ihn nicht verlässt, ziehen draußen die Dörfer vorbei und niemand kommt auf den Bahnsteig, um zu winken",
erlaube ich mir: Es ist ja nicht nur der Schlafwagen an sich, den die SPD nicht verlässt, sie teilt ihn mit den "Mächtigen", wie es am Verhalten der SPD in Baden Württemberg sichtbar wird: Die dortige SPD ist dermassen pro S21, dass es fast schon peinlich ist. Für mich ist es leicht nachvollziehbar, dass es "altgedienten" SPD-Wählern zunehmend schwer fällt, diese Partei zu wählen. |
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"Als in den 1830er Jahren die ersten Schlafwagen in den USA zum Einsatz kamen, war das ein großer Fortschritt (...)"
1836 ganz genau; und Fortschritt war das auch nicht, es war ziemlich primitiv - aber ein Statussymbol. Ich verweise da einfach mal auf Siegfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung; Hamburg 1994, S. 482 ff Man sollte nicht immer nur Wikipedia lesen. |
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Ich empfehle, diesen Artikel als Sonderdruck an die Delegierten zu verteilen.
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Ich muss meinen Vorredner/inn/en widersprechen. Die Metapher des Schlafwagens finden ich als Analysekategorie unzutreffend. Ein Schlafwagen ist für mich eine bequeme Art zu Reise, mit der ohne großen Aufwand ein Ziel erreicht wird. Und da noch kein Ziel erreicht ist, eignet sich die Kategorie des Schlafwagens meines Erachtens nur für eine ex-post Analyse. Außerdem ist der Begriff schon besetzt. So wird zum Beispiel der Wahlkreis Paderborn als Schlafwagenwahlkreis bezeichnet, weil hier traditionell und ohne großen Aufwand jeder Kandidat, der von der CDU aufgestellt wird, gewählt. Daraus ergeben sich dann über 50 Jahre CDU Regierung mit einer komfortablen Mehrheit. Als im Schlafwagen könnte sich die SPD nur befinden, wenn sie sich auf einer sicheren Mehrheit ausruhen könnte und der Sie bei der nächsten Wahl nicht gefährdet wäre, was ich aber zurzeit nicht sehe.
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