Politik

Überwachung | 20.01.2012 13:00 | Steffen Kraft

Verdächtig früh

Die Berliner Polizei hat die Handydaten eines halben Stadtteils ausspioniert, aber damit nur bewiesen: Wo es Vorratsdaten gibt, reicht ein Telefonat, um verdächtig zu wirken

Wie Dokumente zeigen, die dem Blog netzpolitik.org zugespielt wurden, hat die Berliner Polizei Ende 2009, Anfang 2010 immer wieder Handydaten aus dem Stadtteil Friedrichshain angefordert und ausgewertet, wer wann mit wem telefoniert hat. Der richterlich genehmigte Datencheck sollte bei der Suche nach Zündlern weiterhelfen, die damals mehrere Autos in der Gegend angesteckt haben.

Um es kurz zu machen: Die Brandstifter schnappten die Polizisten so nicht. Dafür machten sie die Bevölkerung eines halben Stadtteils zu Verdächtigen. Man kann nun wie der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele spekulieren, ob das Interesse der Polizei an den Telefondaten auch mit den Bewohnern des besetzten Hauses in der Liebigstraße 14 zu tun hat. Sicher ist, dass die Polizei die Schnüffelei erst stoppte, als das Bundesverfassungsgericht die deutsche Vorratsdatenspeicherung stoppte.

Der Berliner Fall ist ein sprechendes Beispiel dafür, was passiert, wenn Daten auf Vorrat gespeichert werden: Sind solche Datenbestände erst einmal vorhanden, braucht es nicht viel, um aus nackten Daten einen Verdacht zu kreieren, der völlig Unbeteiligte treffen kann. Da hilft weder, dass ein Richter jede Auswertung genehmigen muss, noch dass eine Abfrage nur bei so genannten "schweren Straftaten" geschehen darf. In diese Kategorie fällt nämlich - anders als oft behauptet - viel mehr als Mord, Vergewaltigung und Terror.

So ist der nun entdeckte Fall auch eine Erinnerung daran, nicht zu vergessen, dass das Ungeheuer "Vorratsdatenspeicherung" höchstens betäubt, aber immer noch nicht tot ist. Erst kürzlich hat Deutschland einen blauen Brief von der Europäischen Union bekommen, weil es nach dem Verfassungsgerichtsurteil kein neues Gesetz auf den Weg gebracht hat, dass die Vorgaben aus Brüssel umsetzt. Bisher hat Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger jede Forderung dieser Art abgeschmettert. So lange die Leitlinie in der bisherigen Form jedoch weiterbesteht, können die Vorratsdaten-Gegner nicht ruhen. Sonst reicht bald wieder einfach nur ein Telefonat zur falschen Zeit und am falschen Ort, um ins Visier von Ermittlern zu gelangen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Horsti schrieb am 21.01.2012 um 00:39
Da hilft nur noch, daß möglichst jeder zu jeder Zeit am falschen Ort telefoniert.

Diesen Blöd- und Wahnsinn wird man wohl kaum bremsen können.

Da die Datensammelwut wohl vor nichts halt macht, sollte man jede Mail und jeden Kommentar oder Blog mit mindestens einem "Reizwort" garnieren.

Da mache ich mal den Anfang und grüße mit einem fröhlichen, atheistischen und pazifistischen "Allahu Akbar"! Wobei ich auch alle möglichen anderssprachigen Götter für groß halte.

Jetzt fällt mir grad nix ein, wie ich noch das Wort "Bombe" unterbringe, zumal meine arabischen Sprachkenntnisse noch sehr ausbaufähig sind.
Upps :-)) Hoffentlich war für morgen keine Terrorwarnung geplant. Das könnte man jetzt mir in die Pantoffeln schieben.

Rot Front, Genossen! Der Letzte macht das Licht aus.
hancat schrieb am 24.01.2012 um 16:55
salam aleikum horsti, ich halte deine meinung für naiv, dazu sind die elektronischen möglichkeiten der datenauswertung zu weit fortgeschritten, habe aber viel sympathie für deine haltung.
Horsti schrieb am 25.01.2012 um 18:49
Merhaba, hancat,

natürlich ist das relativ naiv. Ich erhalte mir aber ganz bewusst diese Naivität. Die benötige ich als Selbstschutz.

So ganz ernst und erwachsen, egal wie alt man ist, kann und darf man doch diesem Irrsinn nicht begegnen. Das könnte doch ernsthafte Folgen haben, die das Spitzeltum dann tragisch bestätigen würden.

Die Datenverarbeitung und -Auswertung kann sicher viel. Vorhersehen kann sie aber immernoch nicht. Sie taugt nur zum nachträglichen Abstrafen und damit zur Bedrohung, was ja auch meist ausreicht, damit der "Pöbel" die Fresse hält.

Ein Überfluß an Daten kann wenigstens den Aufwand erhöhen.

Salut!
antares56 schrieb am 22.01.2012 um 20:24
Wieso wundere ich mich nicht mehr, wenn solche Sachen im Zusammenhang mit der Polizei auftauchen?
Egal, welche Gesetze es gibt, die Polizei wird machen, was sie will. Und sie wird dafür meistens Rückendeckung aus den "höheren Etagen" bekommen!
hancat schrieb am 24.01.2012 um 17:14
ZIVILER UNGEHORSAM!
es passt doch zusammen: nachdem "sie" (die (i)m-bande) es nicht geschafft haben, kinderpronografie und angeblich linke brandstiftung für den ausbau ihrer überwachungsinfrastruktur zu instrumentalisieren, muss nun der selbstgezüchtete nazimob dafür herhalten, ein zentrales register zu etablieren. dieses wird dann garantiert auch so missbrächlich benutzt, wie in ähnlichem fall im artikel beschrieben. finanzieller nutzniesser ist die contentmafia tinyurl.com/7n9z4da.

ich meine, seit SOPA (www.freitag.de/politik/1203-das-netz-wehrt-sich) und den im artikel genannten verfehlungen ist jede form zivilen ungehorsams dagegen viel stärker legitimiert: also immer kräftig musik und filme tauschen, bis es quietscht!


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG