Politik

Großprojekte | 02.02.2012 13:03 | Gerd Rosenkranz

Jenseits der Wut

Wollen wir Mutbürger oder Wutbürger? Am Streit über Flugrouten, Stromtrassen und Bahnhöfe entscheidet sich die Zukunft der repräsentativen Demokratie

Einen Airport ohne Lärm gibt es nicht. Auch für Autobahnen, Stromtrassen oder Großbaustellen wie Stuttgart 21 gilt: Infrastrukturvorhaben, die niemanden belasten oder stören, sind in einem Land mit einer Bevölkerungsdichte von 231 Einwohnern pro Quadratkilometer nicht zu haben. Solange wir uns nicht mit dem bescheiden, was wir haben, kann es also nicht darum gehen, solche Projekte generell zu verhindern.

In München, Frankfurt und Berlin laufen Proteste von Flughafengegnern. Doch ist es denkbar, den Lärmterror innerstädtischer Airports wie Berlin-Tegel und Tempelhof zu beenden, ohne Ersatz vor den Toren der Metropole zu schaffen? Eben. Man kann auch jahrelang über Genügsamkeit oder „Suffizienz“ diskutieren – für die Komplett­umstellung unserer Versorgung auf erneuerbare Energien werden wir um die Aufrüstung der Stromnetze nicht herumkommen. Auch nicht um einige tausend Windräder, jedes einzelne höher als der Kölner Dom.

Bei der Frage des Ob von Großprojekten geht es zudem immer seltener um soziale Fragen. Nicht einmal mehr Flughäfen sind heute Einrichtungen nur für Reiche, unter denen Schwache leiden. Wäre es so, wäre die Gefechtslage übersichtlich: Weg mit …! Aber Fliegen ist längst ein Massenvergnügen. Ganz zu schweigen von den Waren, die auf dem Luftweg und vornehmlich nachts einschweben und auf die nicht nur Reiche ungern verzichten.

Exekutoren des Sankt-Florian-Prinzips?

Also alles in Ordnung? Bürgerinitiativen als provinzielle Exekutoren eines überholten Sankt-Florian-Prinzips, die notfalls niedergerungen werden müssen? Auch das wäre grundfalsch. Denn tatsächlich liegen ja viele Bürgerinitiativen richtig. Nicht, weil wir neue Infrastruktur nicht brauchen, sondern weil Projekte meist schlecht geplant und ohne Bürgervoten durchgezogen werden. Heute ist es so: Die Bürgerbeteiligung setzt im Genehmigungsverfahren erst ein, wenn sich die Flughafengesellschaft, der Stromnetzbetreiber oder die Deutsche Bahn mit den Behörden mühevoll bis ins Detail verständigt haben. Was die Beteiligten dann für die „beste Lösung“ halten, wird mit Zähnen und Klauen verteidigt, in der Regel durch alle Instanzen – und gegen den Widerstand der „Querulanten“.

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An der Frage, ob das so bleibt, entscheidet sich mehr als die Verlegung der einen oder anderen Höchstspannungsleitung unter die Erde. Das zeigt das Lehrstück Stuttgart 21. Es geht um einen Bahnhof, sicherlich. Aber noch vielmehr geht es um die Frage, ob die repräsentative Demokratie an ihre Grenzen stößt, weil immer mehr Menschen sich von ihr und ihren Repräsentanten abwenden. Oder ob sie ihre Grenzen verschiebt und der einst schweigenden Mehrheit mehr anbietet als ein Kreuz auf dem Wahlzettel alle vier Jahre. Wir debattieren in diesen Monaten nicht nur Flugrouten, Bahnhöfe oder Stromtrassen, sondern ein neues Gleichgewicht zwischen repräsentativer Demokratie und direkter Teilhabe. Daran entscheidet sich letztlich der künftige Charakter unseres Gemeinwesens. Wollen wir Mutbürger oder Wutbürger, Interessierte oder Frustrierte?

Ganz praktisch geht es darum, den Sachverstand und die Intelligenz der Bürger rechtzeitig einzubeziehen. Es geht darum anzuerkennen, dass Fehlplanungen vermieden und bessere Lösungen gefunden werden, wenn man Betroffene frühzeitig hört. Es kommt seltener zu jahrelangen Auseinandersetzungen vor Gericht. Denn in dieser Gesellschaft schlummert viel mehr konstruktiver Beteiligungswille als gemeinhin angenommen. Er muss gepflegt werden, damit die wirklichen Querulanten nicht zum Zuge kommen. Wir brauchen eine neue Beteiligungskultur: Es genügt nicht, einmal darüber geredet zu haben.

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es in Artikel 20 Grundgesetz. Niemand soll glauben, eine Rückverlegung der Demokratie dorthin, wo sie nach dem Wortlaut unserer Verfassung herkommt, sei einfach zu haben. Wie verbindlich sollen die neuen Beteiligungsformen sein? Wie feinziseliert dürfen sie in Gesetzen und Verordnungen geregelt werden, um tatsächlich mehr Teilhabe zu schaffen und nicht nur neue Ausschlusstatbestände? Und wichtiger als alles: Wie verbindlich ist das, worauf sich Behörden, Bauherren und Betroffene verständigen?

In Berlin hat der Aufstand der Bürger nach jahrelanger Geheimhaltung und Fehlinformation spät zu einer ernsthaften Suche nach besseren Lösungen für die Flugrouten geführt – immerhin. In Frankfurt gab es – die Erinnerung an bürgerkriegsähnliche Szenen an der Startbahn 18 West im Nacken – ein langes und vorbildliches Mediationsverfahren um die neue Landebahn. Das Ergebnis versprach den Anwohnern täglich zwischen 23 und 5 Uhr einige Stunden der Ruhe und nahm den Protesten die Spitze. „Keine neue Landebahn ohne Nachtflugverbot, kein Nachtflugverbot ohne neue Landebahn“, tönte der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch – ehe er mit Bedauern feststellte, leider lasse sich nicht realisieren, was ausgehandelt wurde. Die Empörung darüber hält bis heute an. Zu Recht. Denn wenn das Beispiel Schule macht, ist das Ansinnen, die repräsentative Demokratie weiterzuentwickeln und attraktiver zu machen, gescheitert. Zurück bleiben die Wutbürger.

 
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Kommentare
Free World schrieb am 02.02.2012 um 14:05
flugrouten kann man schlecht unterirdisch einrichten - bei einigen anderen grossprojekten geht das.

wie zum beispiel stromleitungen, strassenverkehr oder warum nicht auch die bahn. ob es immer in summe teurer wird bleibt generell wie im einzelfall die frage. überlandleitungen müssen auch ständig überwacht werden - gerne auch mit helikopterflügen. auch nicht eine zwingend preiswerte überwachung - schon gar nicht wenn wir mehr statt weniger leitungen benötigen durch eine energiewende hin zu viel wind an dezentralen orten.

ein anderer punkt ist krankheit durch lärm und die folgekosten. der lärm der strasse und besonders der lärm der bahnen ist bekannt und bekannt gesundheitsgefährdend für jene, die diesem tag und insbesondere nacht ausgesetzt sind.

der punkt ist also eine niemals pauschale gesamtbelastung vor ort und die wird höchst selten weder in neuen grossprojekten noch in alten gegenheiten mit wachstumspotential (autobahnausbau / mehr züge) berücksichtigt. die vertreter - politik wie wirtschaft - denken ihre projekte i.d.r recht monokausal, was auch daran liegen dürfte, dass ebenso langlährige wie krankmachende folgekosten nie bestandteil einer gesamtkostenrechnung sind. auch der wertverlust für anwohner - ihre häuser und wohnungen - sind so gut wie nie bestandteil einer kostenrechnung, die real die anwohner/eigentümer entschädigt und/oder arztrechnungen bezahlt.

so "entscheidet sich die Zukunft der repräsentativen Demokratie" aus meiner sicht nicht wirklich am mut.- oder wutbürger, nicht an mangelnder transparenz oder dem heiligen st. florian, sondern daran, ob wir es als gesellschaft hinbekommen grossprojekte systemisch zu denken, deren gesamtkosten zu ermitteln durch die projektbeteiligten zu bezahlen sind und diese dann in relation zur dann vielleicht vermeintlichen wirtschaftlichkeit zu sehen.

auf der anderen seite braucht es eine sehr grundsätzliche debatte wohin wir in diesem land steuern wollen, was wir als lebensqualität ansehen und welche einschränkung wir jede/jeder für sich bereit ist zu ertragen oder zu bezahlen, weil es teurer wird. hier ist dann transparenz und zeitige beteiligung an den grundsatzentscheidungen ganz wesentlich, bei dem ich mir auch sehr grundsätzliche bürgerentscheide vorstellen kann. das diese dann wiederum die "repräsentativen Demokratie" grundsätzlich in Frage stellen, würde ich bezweifeln. ein entscheid pro / conta überlandleitungen und ggf. alles unter die erde bauen wäre eben nur eine grundsätzliche entscheidung über ein zukünftiges einzelthema.
rolf netzmann schrieb am 02.02.2012 um 14:26
Geht es letzlich nicht um eine Verzahnung von für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft notwendigen Technologien und der Einbeziehung aller Bürger in die dafür notwendigen Baumassnahmen? Das eine ist ohne das andere nicht machbar. Auch der größte Querulant braucht Strom, braucht Wasser und möchte in den Urlaub fliegen.
Letztendlich geht es doch darum, dass keiner in der Gesellschaft auf die längst Alltag gewordenen Bequemlichkeiten verzichten möchte. Nur sind diese, Beispiel Energieversorgung, nicht mehr lange mit den bisherigen Methoden lieferbar. Irgendwann sind fossile Energieträger schlichtweg vollständig abgebaut.
Was wir brauchen, ist ein gesellschaftlicher Konsens, dass es ein weiter so! nicht mehr gibt, weil es nicht mehr realisierbar ist. Und hier muss die Diskussion ansetzen. Wenn die Bürger erst einbezogen werden, wenn zwischen dem Staat und den Unternehmen alles bereits geklärt ist, dann ist es zu spät. Wer aber hat Angst davor, vor den Planungen für ein notwendiges Großprojekt wie den BBI oder Stuttgart 21 die Betroffenen mit einzubeziehen? Wer mündige Bürger möchte, darf ihnen nichts vorsetzen, er muss sie von Beginn an ernst nehmen.
Und noch ein Aspekt. Eine Beteiligung der Bürger schon in der Planungs- und Entstehungsphase bringt auch mehr externen Sachverstand mit ein. Die Bewohner kennen ihr Gebiet, sie können ihre berechtigten Bedürfnisse sehr wohl allein artikulieren. Und sie verstehen auch, dass Großprojekte wie in der künftigen Umgestaltung der Energieversorgung unumgänglich sind. Ein Miteinander von Investoren, Unternehmen, Behörden und betroffenen Bürgern, und zwar schon mit Beginn der Planungen, würde eine direkte Demokratie darstellen und nach Geist und Buchstaben dem Artikel 20 GG entsprechen.
Weil aber sowohl beim BBI als auch bei Stuttgart 21 genau diese Einbindung der Betroffenen versäumt wurde, entstand eine Protestbewegung, gab es Klagen von Bürgerinitiativen, die unsere ohnehin chronisch überlastete Justiz beschäftigen mussten und gab es eben auch gewalttätige Proteste.
Daraus lernen, den Bürger als Souverän zu achten, das würde bei den unumgänglichen Baumassnahmen im Zuge der Umgestaltung der Energieversorgung in den nächsten Jahren bedeuten, dass von Beginn an betroffene Gemeinden und Städte sowie deren Bevölkerung mit einbezogen werden und ihre Vorschläge in die Bauprojekte mit einfließen.
Wer davor Angst hat, wer in Kungelrunden an den Bürgern, und Wählern!!!, vorbei plant und entscheidet, der handelt wider einer direkten Demokratie. Und er muss sich nicht wundern, wenn er Wutbürger bekommt, statt Partner, die konstruktiv mitarbeiten.
Gustlik schrieb am 02.02.2012 um 14:57
Wenn es um die Verteidigung des eigenen Gartenzauns geht, muss man dies nicht unterstützen. Initiativen, die über den "Tellerrand" schauen, umso mehr.
Free World schrieb am 02.02.2012 um 15:50
und wenn wenn die initative ein aneinandereihung von vielen "eigenen Gartenzäunen" ist?
seriousguy47 schrieb am 02.02.2012 um 17:57
Lieber Herr Rosenkranz,
Leider sind Sie bei Stuttgart21 dem Kurbjuweitschen Speckgeruch des Populismus gefolgt und prompt in die Wutbürgerfalle getappt. Nochmals und zum xten Mal: S21 hat mit Einzelegoismen und Gartenzäunen nichts, aber auch gar nichts zu tun. Ein paar prominenten Sprechern des Widerstandes hier mag man solches Wutbürgertum unterstellen. 80 Prozent Minimum der Demonstranten taugen weder für eine solche Unterstellung noch für die, der Vergangenheit verhaftete Zukunftsverweigerer zu sein. Viele wohnen gar nicht in der Stadt, und falls doch, so wie ich selbst, am (ruhigen) Stadtrand.

Was den Widerstand gegen S21 besonders auszeichnet ist, dass ein Teil der Bürgerschaft sich im Sinne des Gemeinwohls gegen die Enteignung der Allgemeinheit zugunsten von Einzelegoismen wehrt - die im Übrigen auch noch ohne Sinn und Verstand agieren. Die nämlich, die das Projekt anstießen (Teufel, Rommel, Dürr usw.), waren und sind, bahntechnisch betrachtet, Idioten.

Anders als bei den anderen Beispielen, die sie nennen, hat die Allgemeinheit bei S21 nach menschlichem Ermessen keinerlei Nutzen, sondern nur vielfältigen Schaden zu erwarten:
- der einzige Parkteil im Zentrum der Stadt, der in der warmen Jahreszeit von ALLEN Generationen und von Singles und Familien vielfältig als Erholungsraum genutzt wird,
- den täglich tausende Fußgänger und Radfahrer durchqueren - teilweise auch, um Schatten und Kühlung zu finden ,
- und dessen Bäume zumindest versuchen, den deutschlandweit mit am höchsten durch Luftverschmutzung belasteten innerstädtischen Ort zu reinigen
soll für eine Schnappsidee von Teufel und Dürr unwiderbringlich zerstört werden und von Allgemeinbesitz in Privatbesitz überführt werden. Das ist Krieg.

Der Abbau der oberirdischen Gleisanlagen, das Versiegeln des Bodens dort und das Zubetonieren der jetzt vorhandenen Frischluftschneise zerstört einen ganz zentralen Abkühlungsraum für die Innenstadt und unverzichtbare Infrastruktur für den öffentlichen Personenverkehr. Vom zweitgrößten Mineralwasservorkommen Europas und dem international bedeutenden Kulkturdenkmal Bonatzbau ganz zu schweigen.

Was hier passieren soll, ist eine Barbarei, die nahtlos an das Nazireich und den II. Weltkrieg anschließt - und wohl nicht zufällig von einem Herrschaftspersonal betrieben wird, das dort seine Wurzeln und frühe Sozialisation hat (Dürr, Heimerl, Stihl, Teufel).

Dieses Personal hat es nicht nur verstanden, mit allerlei Winkeladvokatentum den Rechtsstaat ad absurdum zu führen und in eine Formelsammlung für die Herrschaft der Kapitalinteressen ÜBER das Volk zu verwandeln. Sie rühmt sich dessen auch noch. Auf die Gehirnwäsche und Betrügerei nicht nur in Zusammenhang mit der "Volksabstimmung" will ich hier gar nicht erst eingehen. Entscheidend ist auch hier die Motivation des Protestes: die Verteidigung der Demokratie. Genauer: der bürgerlichen Demokratie.

Nicht zuletzt aber geht es hier um den Kampf des Bürgertums um das eigene Überleben als (mit)bestimmende Klasse. Um das Überleben einer bürgerlichen Kultur gegenüber dem Herrschaftsanspruch eines sich gerade mächtig erhebenden Technik-Faschismus und einer sich willig prostituierenden Besserverdiener-Arbeiterschaft nebst Kleinbürgertum.
mcmac schrieb am 02.02.2012 um 23:09
Mit den verschiedenen Protesten gegen verschiedene Groß-Projekte ist es auch ein bisschen wie mit den verschiedenen Schiffskatastrophen in verschiedenen Seegebieten: Es ist durchaus ein nicht unerheblicher Unterschied – jetzt maritim – ob eine völlig überladene Flüchtlingsschaluppe vor Lampedusa kentert oder ob eine schwimmende Bettenburg mit angeschlossenem Freizeitpark auf die Seite kippt. Zumindest S21 ist, so gesehen, nicht die Costa Concordia.

Und es geht hier auch nicht, wie der Autor meint, lediglich um einen Bahnhof, ein (Verkehrs)Infrastrukturprojekt; es geht um ein unvergleichlich einträglicheres IMMOBILIENGESCHÄFT samt dazugehöriger Spekulation, dessen Finanzvolumen nach vorsichtigen Schätzungen das 20-fache des „Lediglich-Bahnhofs“ übersteigt. Bitte das endlich mal zur Kenntnis nehmen. Danke.

Diese Dimensionen und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Verschuldung kommunaler und regionaler Haushalte (eine Art der Verteilung von unten nach oben), die massiven Eingriffe in gewachsene Strukturen, die unwiderbringliche und wie zum Hohn obendrein sauteure Zerstörung von Stadt und funktionierender Verkehrsinfrastruktur – wichtiger sozialer Räume also – spielen innerhalb der Protestbewegung gegen S21 eine große Rolle; diese etwas tiefer liegenden Ursachen und Triebkräfte sind dem größten Teil der S21-Kritiker sehr wohl bewusst.

Einführung/Anschauungs-Beispiel






  • Stuttgarter Erklärung (openpetiton.de; eine Stellungnahme Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger, die weiter Widerstand gegen das Projekt S21 leisten wollen und um Unterstützung bitten)


mcmac schrieb am 03.02.2012 um 09:15
profunde Meinung/Ergänzung:

"[...]Und noch einmal: Der Widerstand gegen Stuttgart 21 ist nicht nur ein Kampf gegen Stadtzerstörung und eine gigantische Steuergeldverschwendung. Es ist auch eine Bürgerbewegung gegen Behördenwillkür, den erkennbaren und stellenweise ganz gut nachweisbaren Filz zwischen Politik, Wirtschaft, Justiz und Kriminellen und einer Pseudodemokratie, in der nur noch der wirtschaftliche Stärkere und der gut Vernetzte seine individuellen Interessen durchsetzen kann. Im Zweifel zu Lasten des Bürgers und Steuerzahlers. Stuttgart als Kern dieser neuen Bewegung zu erkennen, die sich auch gegen die Laienschar in Berlin richtet, wäre eine Aufgabe gewesen.[...]"

Friedhelm Weidelich, Fachjournalist, railomotive, 29. Januar 2012
mklingma schrieb am 03.02.2012 um 14:51
Sehr geehrter Herr Rosenkranz,

wenn Sie sich noch deutlicher ausgedrückt hätten, hätte ich Ihnen wahrscheinlich zugestimmt. In der Tat, es ist an der Zeit, dass wir vielfältige neue Beteiligungsformen auf allen politischen Ebenen in praktikabler Form einführen. Nicht in erster Linie das Gedeihen der repräsentativen Demokratie hängt davon ab, das ist eher ein Nebenprodukt, sondern der Fortbestand der Demokratie. Die Demokratie kann nur weiter existieren, wenn sie sich entwickelt - und diese Entwicklung ist überfällig - zu einer Demokratie, die diesen Namen verdient.

Der Entscheid über Stuttgart 21 ist dafür kein klug gewähltes Beispiel, das führen die unten stehenden Kommentare aus und, wenn Sie es anführen, sollten Sie sich darüber informieren. Die Gegner von Stuttgart 21 waren keine Befürworter des landesweiten Volksentscheids, denn dieser Volksentscheid wurde eben nicht unter den Bedingungen praktikabler direktdemokratischer Beteiligungsformen auf allen Ebenen durchgeführt. Wäre dem so gewesen, so hätte es schon vor Jahren - ohne die zum Zeitpunkt des landesweiten Entscheids aufgebaute finanzielle Drohkulisse - einen kommunalen Bürgerentscheid über die finanzielle Beteiligung der Stadt Stuttgart gegeben. Der Volksentscheid fand unter Bedingungen statt, unter denen aus Sicht der Gegner kein Erfolg möglich war. Er wurde heuchlerisch inszeniert als direktdemokratisches Feigenblatt.

Alle Formen von Bürgerbeteiligung im Vorfeld von Entscheidungen - seien es offene Beratungen, Bürgerhaushalt, Schlichtungen oder was auch immer - funktionieren nur unter dem Vorbehalt, dass praktikable direktdemokratische Entscheidungen auf allen Ebenen möglich sind.

Im Übrigen ist es demokratietheoretisch, dieser Punkt wird frappierender Weise nur selten gesehen, überhaupt nicht möglich zu begründen, warum in einer Demokratie die direkte Beteiligung der Bürger eingeschränkt werden sollte. Das einzige was dafür spricht, sein Stimmrecht zu delegieren, ist die Praktikabilität bei einer Vielzahl von Entscheidungen. Warum es aber gar nicht möglich sein sollte, im Einzelfall das Entscheidungsrecht auch direkt auszuüben ist damit nicht zu rechtfertigen.

Der Alleinentscheidungsanspruch der Repräsentanten lässt sich sich nur aus den sich verselbständigenden Eigeninteressen des Staatsapparats und aus den egoistischen Interessen von Interessenvertretern verstehen, die in diesem System bevorzugt behandelt werden. Im Rahmen dieser Apparate sind es die durch die Mehrheitsfraktionen bestimmten Regierungen, die die Entscheidungsgewalt an sich ziehen, damit wird unser demokratisches System von jeher ausgehöhlt.

Die von Ihnen angeführten Infrastrukturprojekte liefern, recht betrachtet, beispielhafte Anwendungsfälle für neue Formen der Bürgerbeteiligung, allerdings drehen wir im Speziellen mit direktdemokratischen Entscheiden noch an weitaus größeren Rädern. Hier geht es langfristig um die Möglichkeiten unserer Gesellschaft, das marktkapitalistische Modell zu reformieren und vom Kopf auf die Füße, Staat und Wirtschaft in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.
Mochinho schrieb am 05.02.2012 um 12:51
Im Einzelfall sollte man Selbstgerechtigkeit oder Egoismus nicht mit der konkludenten Aufforderung zur Reform der repräsentativen Demokratie missverstehen.


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