Politik

Aufruhr | 22.02.2012 11:55 | John Holloway

Wir alle sind Griechen

Der Zorn, der sich in Athen gegen die Kürzungsprogramme entlädt, ist ermutigend. Wir dürfen nicht einfach zusehen, wie über die Zukunft von Menschen verhandelt wird

Ich mag keine Gewalt und glaube nicht, dass durch brennende Banken und zerstörte Fenster viel gewonnen ist. Und dennoch steigt ein Gefühl von Freude in mir auf, wenn ich die Reaktionen in Athen und anderen griechischen Städten auf die von der EU durchgesetzten Maßnahmen sehe. Mehr noch: wäre es zu keinem Ausbruch der Wut gekommen, hätte ich das Gefühl gehabt, verlassen in einem Meer der Depression zu treiben.

Wie können wir von den Menschen erwarten, dass sie grausame Einschnitte in ihren Lebensstandard widerspruchslos hinnehmen? Wollen wir, dass sie einfach zustimmen, wenn das kreative Potenzial vieler junger Menschen, deren Talente bei der Aussicht auf lebenslange Erwerbslosigkeit ungenutzt bleiben, vernichtet wird? All dies nur, damit die Banken ausbezahlt werden können? All dies nur, um ein kapitalistisches System aufrechtzuerhalten, dessen Haltbarkeitsdatum lange überschritten ist? Es hieße Depression mit Depression multiplizieren, die Depression eines gescheiterten Systems durch die Depression verlorener Würde zu verschlimmern, würden die Griechen widerspruchslos hinnehmen, was ihnen geschieht. Die Proteste sind ein Schrei, der in die Welt hinausgeht. Wie lange werden wir noch daneben stehen und zusehen, wie Unrecht zunimmt, ein Gesundheitswesen aufgelöst und ein Bildungswesen auf kritiklosen Unsinn reduziert wird, Wasserressourcen privatisiert und Gemeinden ausgelöscht werden?

Wer stürzte Berlusconi?

Wenn Experten die jüngsten Entscheidungen über die Eurozone erklären, vergessen sie zu erwähnen, dass hier ungeniert über die Zukunft von Menschen verhandelt wird. Wir alle sind Griechen. Wir alle sind Subjekte, deren Subjektivität einfach durch die Dampfwalze einer von den Bewegungen der Geldmärkte bestimmten Geschichte flachgewalzt wird. Millionen Italiener haben immer wieder gegen Berlusconi demonstriert, aber es waren die Geldmärkte, die ihn gestürzt haben. Das Gleiche passierte in Griechenland: eine Demonstration gegen Ex-Premier Papandreou folgte auf die andere, aber am Ende haben ihn andere entlassen. In beiden Fällen wurden erwiesenermaßen loyale Diener des Geldes berufen, den Platz der gefallenen Politiker einzunehmen, ohne auch nur vorzugeben, dass die Bevölkerung dabei in irgendeiner Weise gehört wurde.

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Die Flammen in Athen sind Flammen des Zorns. Aber Zorn ist gefährlich. Wenn er personalisiert wird oder sich gegen bestimmte Menschengruppen (in diesem Fall die Deutschen) richtet, kann er ganz leicht nur noch zerstörerisch wirken. Es ist kein Zufall, dass der erste Minister, der aus Protest gegen die jetzige Runde der Einschnitte in Griechenland sein Amt aufgab, Giorgos Karatzaferis und damitder Führer der extrem rechten LAOS-Partei war. Das heißt, der Zorn kann ganz leicht nationalistisch oder gar faschistisch imprägniert sein und nichts zu einer besseren Welt beitragen. Es bleibt wichtig, eindeutig klarzumachen, dass der Zorn von Athen nicht einmal ein Zorn gegen Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy ist. Beide sind arrogante und bedauernswerte Symbole dessen, was unseren Zorn hervorruft – die Unterwerfung allen Lebens unter die Logik des Profits.

Spektakulärer Flammen

Liebe und Zorn – Zorn und Liebe? Die Liebe war in den Kämpfen, die zuletzt die Bedeutung von Politik neu definiert haben, ein wichtiges Thema – man denke an die Occupy-Bewegung, die nicht hinnehmen will, dass sie es wagen, uns wie Gegenstände zu behandeln. Hinter dem Spektakel brennender Banken in Griechenland verbirgt sich insofern eine leisere Bewegung von Menschen, die sich weigern, Busfahrkarten, Stromrechnungen, Autobahngebühren und Bankschulden zu zahlen. Eine Bewegung aus Not und der Überzeugung geboren, dass Menschen ihr Leben auf andere Weise organisieren, Gemeinschaften des gegenseitigen Beistandes und Versorgungsnetze schaffen können. Dass sie leere Gebäude und ungenutztes Land besetzen, Community-Gärten unterhalten, wieder auf das Land ziehen, sich von Politikern abwenden und auf eine direkte Demokratie in der Gesellschaft wert legen. Mit den spektakulären Flammen von Athen hat die Suche nach einer anderen Form des Lebens begonnen, die Griechenlands Zukunft und die der Welt bestimmen wird. Wir alle sind Griechen.
 

Übersetzung: Lars Stubbe
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Kurt Seifert schrieb am 22.02.2012 um 12:16
Wenn man den jüngsten Meinungsumfragen Glauben schenken darf, so führt der Zorn des griechischen Volkes nicht nach rechts, sondern stärkt die linken Kräfte jenseits der PASOK. Diese verfügen allerdings noch nicht über ein gemeinsames Aktionsprogramm, sondern vertreten in zentralen Fragen diametral entgegengesetzte Positionen. Es wäre interessant, im "Freitag" mehr über Programmatik und Forderungen der verschiedenen linken Parteien zu erfahren und Einblicke in den nun beginnenden Wahlkampf zu erhalten.

Der Nationalismus wird eher in den so genannten Geberländern, insbesondere in Deutschland, geschürt. Dort wollen viele, eingelullt durch die Propaganda von Mainstream-Medien und -Parteien, noch längst nicht begreifen, dass wir alle in Europa (die berühmten "99 Prozent") über kurz oder lang in die Lage des griechischen Volkes geraten können, dessen Lebensbedingungen jetzt auf dem Altar der neoliberalen Spar-Doktrin geopfert werden sollen.
Laetus schrieb am 22.02.2012 um 12:48
Die Solidaritätsbekundungen des Autors mit Griechenland in allen Ehren, aber seine Analyse der Krisenursachen greift zu kurz. Neben reflexhaften Banken-Bashing (die natürlich auch eine gewichtige Rolle bei der Krise gespielt haben) und Neoliberalismuskritik ist da wenig substanzielles zu finden. Es ist zu einfach, immer nur zu behaupten, die Politik wäre nur eine Marionette des Kapitals und das wars dann schon mit der Kritik. Da sind noch ganz andere Dynamiken am Werk. Ich empfehle dazu z.B. diesen Artikel über die Rolle der EU-Strukturen für die Verschärfung der Krise: www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001067
Giuseppe Navetta schrieb am 22.02.2012 um 14:37
@Laetus

Neoliberalismus-Kritik ist weiterhin richtig und notwendig, denn neoliberale Strömungen argumentieren ja gerade mit TINA und schaffen im gleichen Atemzug weitere Voraussetzungen für ihre nur vermeintliche Alternativlosigkeit die eine klare Tendenz in Richtung eines autoritären Etatismus', der vorallendingen der Protektion mächtiger ökonomischer Eliten dient... ...Naomi Klein hat dies hervorragend recherchiert in ihrem Buch "The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism" beschrieben - ein Buch, dass ebenfalls keine Theorie beschreibt, aber ein aussergewöhnlich hohen journalistischen Wert aufweist...
Giuseppe Navetta schrieb am 22.02.2012 um 14:40
Korrektur:
"...die eine klare Tendenz in Richtung eines autoritären Etatismus' aufweist, die vorallendingen der Protektion mächtiger ökonomischer Eliten dient..."
antares56 schrieb am 22.02.2012 um 13:53
"Es bleibt wichtig, eindeutig klarzumachen, dass der Zorn von Athen nicht einmal ein Zorn gegen Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy ist. Beide sind arrogante und bedauernswerte Symbole dessen, was unseren Zorn hervorruft – die Unterwerfung allen Lebens unter die Logik des Profits."

Allein das ist es Wert den Artikel zu lesen! Auch dem ersten Absatz kann ich nur zustimmen, mir ergeht es ähnlich.
Wenn doch bloss mal mehr Menschen merken würden, was hier eigentlich abläuft.
Aber die Presse erzählt leider nicht, dass das viele Geld nicht für die Griechen ist, sondern für Banken und auch Versicherungen!
SchmidtH. schrieb am 22.02.2012 um 17:15
Ach wäre es nicht auch befriedigend solch Einschätzung der Personen hier zu lesen. In den deutschen Medien, aber auch von manchem Forsitinnen, die sich für die Merkel in die Bresche werfen?
:-)
SchmidtH. schrieb am 22.02.2012 um 17:15
Ach wäre es nicht auch befriedigend solch Einschätzung der Personen hier zu lesen. In den deutschen Medien, aber auch von manchem Foristinnen, die sich für die Merkel in die Bresche werfen?
:-)
fahrwax schrieb am 22.02.2012 um 14:14
Was sich derzeit in Europa für Elite oder gar kompetent hält, hat weder mit den elementaren Lebensinteressen „der Griechen“, noch mit denen „der Deutschen“ Berührungspunkte.
Aufrecht erhalten werden politische und wirtschaftliche Systeme die Menschenfeindlichkeit pausenlos beweisen.
Die Erhaltung dieser Systeme ist und wird kein Anliegen der „Europäer“ sein.
Scheintote Zauberlehrlinge versuchen derzeit ein erwiesen schädliches, mit Menschen nicht kompatibles Denkmodel mit Kunstgriffen vor dem Absterben zu bewahren.
Täglich werden neue Erfolge verkündet die den Aasgeruch nicht vertreiben können. Eine Lüge folgt der anderen, keine überlebt den folgenden Tag.
Auch hier werden die Menschen dieser Geruchsbelästigung bald durch viel Bewegung an der frischen Luft entkommen wollen.
dadaunlimited schrieb am 23.02.2012 um 12:51
...
"die Depression eines gescheiterten Systems durch die Depression verlorener Würde zu verschlimmern, würden die Griechen widerspruchslos hinnehmen, was ihnen geschieht"
...

schön formuliert, gar poetisch. vielen dank für diesen artikel!

grüße
liebersamstags schrieb am 25.02.2012 um 15:32
Einige scheinen die Fakten zu verdrängen:

Griechenland ist durch schwersten Betrug in den Euroraum hinein gekommen.
Der Lebensstandard der Griechen, auch der kleinen Leute, hat sich seit dem Euro überdurchschnittlich erhöht, ohne dass eine entsprechende Leistung dahinter stand.
Die Griechen haben sich hemmungslos Geld bei den "bösen" Banken geliehen.
Der "normale" Grieche wusste um die Machenschaften der eigenen verbrecherischen Politiker und hat sie aus Eigennutz trotzdem gewählt.
Fuchs Pelz schrieb am 27.02.2012 um 23:48
Meine Güte, dass immer noch Menschen diesen Unsinn wiederholen. Erstmal sollte man wissen, dass Griechenland mithilfe von Goldman Sachs ihre Bilanzen geschönt hat. Griechische Politiker berichteten, dass man immer wieder darauf gedrängt wurde, Kredite aufzunehmen.

Desweiteren haben deutsche Firmen (vor allem Rüstungsbetriebe) mithilfe von Schmiergeldern für Griechenland vollkomen unnötige Verkäufe abgewickelt. Man bedenke allein das Panzerheer, das Griechenland jetzt hat.

Sie verkennen total das System, das dahinter steckt und lassen sich von der medialen Propaganda einwickeln.

Ich will Ihnen das auch gern erläutern.

Griechenland war vor den Einmischungen durch IWF und Co. zwar hoch verschuldet, das ist aber in der heutigen Zeit nichts Besonderes mehr. Entscheidend ist, ob man dem Schuldner die Fähigkeit zuspricht, seine Schulden ausreichend bedienen zu können. Ist das der Fall, werden alte Schulden durch neue Schulden abgelöst. Zurückgezahlt in dem Sinne, dass man Schulden reduziert wird schon lange nichts mehr.

Kritisch für Griechenland wurde die Situation erst, als Ratingagenturen Griechland herabstuften. Deren Maßstäbe sind allerdings mehr als zweifelhaft und sind sicherlich weder neutral noch objektiv. Die Einleitung in die extreme Schieflage in der jetzigen Form war erst damit geschaffen worden - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die Gewinner dieses Prozesses sind Banken und Hedgefonds. Nur durch die Herabstufung und den damit verbundenen Zinsanstieg waren exorbitante Renditen möglich, abgedeckt durch das Wissen, dass mögliche Verluste sozialisiert werden würden. Ein todsicheres, angeblich risikoreiches Geschäft mit hohen Profiten.

Dass immer neue Rettungspakete nachgereicht werden ist klar. Das Geld fließt in den Schuldendienst. Kein Euro kommt wirklich in Griechenland an. Ein besseres Geschäft können Banken und Hedgefonds kaum machen und haben ein Interesse daran, dass diese Kuh noch lange gemolken wird. Das Geld kommt vom Steuerzahler - und zwar sowohl vom Deutschen als auch vom Griechischen - quasi vom Europäischen.

Mit Eigennutz des "normalen Griechen" hat das wenig zu tun. Auch in Deutschland hat man wenig Einfluss auf die Maßnahmen der Politiker. Außerdem bezweifel ich, dass "der normale Grieche" die wirtschaftlichen Zusammenhänge verstanden hatte. In Deutschland ist das doch kein Stück besser, was mir auch einige Kommentare recht deutlich zeigen.
liebersamstags schrieb am 25.02.2012 um 15:32
Einige scheinen die Fakten zu verdrängen:

Griechenland ist durch schwersten Betrug in den Euroraum hinein gekommen.
Der Lebensstandard der Griechen, auch der kleinen Leute, hat sich seit dem Euro überdurchschnittlich erhöht, ohne dass eine entsprechende Leistung dahinter stand.
Die Griechen haben sich hemmungslos Geld bei den "bösen" Banken geliehen.
Der "normale" Grieche wusste um die Machenschaften der eigenen verbrecherischen Politiker und hat sie aus Eigennutz trotzdem gewählt.


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