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Grundeinkommen | 19.02.2009 18:10 | Wolfgang Ratzel

Logik des Gabentauschs

Das bedingungslose Grundeinkommen erweist sich so als Mogelpackung. Es ist dreifach nicht drin, was draufsteht. Eine Kritik – und ein Vorschlag zu einer Alternative

Das Weltsystem des Kapitalismus gerät derzeit heftig außer Balance. Im Gefolge marschiert das Gespenst der anschwellenden Massenerwerbslosigkeit, die unerbittlich die Lösung einer alten Frage auf die Tagesordnung setzt: „Was tun mit den für den Produktionsprozess überflüssigen Menschen?“ In China oder Indien werden sie einfach ihrem Schicksal überlassen, aber hierzulande fängt sie immer noch ein Sozialstaat auf. „Viel zu teuer!“ sagen Die-da-oben. Ihre Alternative: Entweder den Sozialstaat zu Tode deformieren oder ihn durch ein karges bedingungsloses Grundeinkommen ersetzen, das durch ausreichende Ernährung und betäubende Unterhaltung die „Überflüssigen“ bei Laune hält.

Wirklich bedingungslos?

Die Befürworter eines bedingungsloses Grundeinkommen sagen, ihr Modell garantiere ein Menschenrecht. Ob stinkreich oder bettelarm – alle müssten ein Grundeinkommen erhalten, einzig deshalb, weil sie Menschen sind. Aber wann ist der Mensch ein Mensch? In der bürgerlichen Gesellschaft wird er Mensch, wenn er Staatsbürger wird. In Wirklichkeit bekommt das bedingungslose Grundeinkommen also nicht jeder Mensch, sondern nur jeder Deutsche.

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Erste Bedingung also: Man muss Deutscher sein! Zweite Bedingung: Es muss Mitbürger geben, die das bedingungslose Grundeinkommen finanzieren – wie auch heute schon: Mein Arbeitslosengeld II beträgt netto 680 Euro; es wird zu 80 Prozent aus Lohn- und Konsumsteuern und zu 20 Prozent aus Kapitalsteuern bezahlt. Da letztere aus dem Mehrwert kommt, bezahlen die Erwerbstätigen letztlich alles, und so wird es bleiben. Und drittens: Die Anderen müssen gegen Lohn arbeiten! Mit dem Geld muss man Lebensmittel kaufen können, und die müssen Erwerbstätige herstellen und anbieten.

Der Urgrund von Kultur

Das bedingungslose Grundeinkommen erweist sich so als Mogelpackung. Es ist dreifach nicht drin, was draufsteht. Die Bedingungslosigkeit gebiert aber noch ein größeres Übel: Sie hilft mit bei der Zerstörung von Gesellschaft und Gemeinschaft.

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Denn worauf beruhen soziale und persönliche Beziehungen? Doch auf Bedingungen! Auf Geben und Nehmen, auf Gabentausch. Genauer: Wenn der Urgrund von Kultur immer schon in der Herstellung sozialer Bindungen zu suchen ist, dann ist der Gabentausch ihr operatives Prinzip. Und das funktioniert als ewiger Kreislauf dreier Verpflichtungen: Geben – Nehmen – Erwidern.

Getauscht werden Arbeitskraft, Güter und Symbole; die einen nach Gleichwertigkeit, das andere nach Zuneigung. Wer seinem Unternehmer seine Arbeitskraft gibt, will dafür Lohn; wer seiner Liebsten eine Rose gibt, will ja keine Rose zurück, sondern liebevolle Zuneigung. Wer aber gibt, fordert den Anderen riskant heraus, erkennt den Anderen in dieser Herausforderung an; jener bedeutet plötzlich etwas. Und ohne Herausforderung, Respekt und Anerkennung kann niemand leben.

Geben und Nehmen

Was besagt die Logik der Gegenseitigkeit des Gabentauschs? Wir werden in den Gabentausch hineingeboren. Anfangs wird uns viel gegeben: Zuneigung durch Mütter und Väter, Erziehung und Zurichtung „für das Leben“ in Kita und Schule. Irgendwann bieten wir unsere Gaben an, zum Beispiel unsere Arbeitskraft. Bestenfalls nimmt ein Unternehmer unser Angebot an und bezahlt uns Lohn; doch er gibt uns weniger als wir leisten – er erzielt ein Mehr an Wert. Der Tauschakt ist asymmetrisch, ausbeutend; das „Regime der Gegenseitigkeit“ besagt: Der Unternehmer schuldet uns den Mehrwert!

Was aber, wenn die Unternehmerschaft unsere Gabe der Arbeitskraft zurückweist oder uns gar entlässt? Dann kommen Arbeitsagentur und Jobcenter ins Spiel, sozusagen als „Ausfallbürgen“ für die Verpflichtung der Unternehmer, unsere Arbeitskraft-Gabe anzunehmen. Also bieten wir den Ausfallbürgen unsere Arbeitskraft an – gemäß unserem Beruf oder der Aufgabe, zu der wir uns berufen fühlen. Das Jobcenter sagt: Wir haben keine solche Stellen! Das Regime des Gabentauschs besagt: Das Jobcenter steht in unserer Schuld und muss uns diese Stellen geben, mindestens unsere Existenz sichern. Denn uns sind längst alle Möglichkeiten und Fähigkeiten genommen, aus eigener Kraft zu leben. Ohne Zugang zu Boden, Produktionsmittel, Stellen und Einkommen kann man nicht überleben; höchstens im tiefen Wald oder im Hotel Mama.

Was aber, wenn wir krank, alt oder Kind sind? Wenn wir unsere Arbeitskraft nicht geben können? Das Regime des Gabentauschs besagt: Dann steht Euch das Grundeinkommen bedingungslos zu; wer nicht geben kann, dem wird gegeben! Aber gibt es nicht Leute, die jede Arbeit für die Anderen ablehnen? Wären sie Waldgänger, gäbe es kein Problem. Wenn sie aber erwarten, dass Andere für sie bezahlen und für sie arbeiten, dann gibt es ein Problem. Das Regime des Gabentauschs besagt: Wer seine Gabe verweigert, dem wird die Gegengabe verweigert – kein Grundeinkommen also.

Faszinierendes Heilsversprechen

Das faszinierende Heilsversprechen des bedingungslosen Grundeinkommen lautet: Du kannst und darfst Dich zu Deinen Zwecken entfalten – auf Kosten der Anderen. Das erinnert an die Logik einer ganz anderen Klientel: der Vollstrecker eines entfesselten Kapitalismus. Hier geht es um Selbstentfaltung um ihrer selbst willen – dort geht es um maximalen Profit um seiner selbst willen. Das Versprechen des bedingungslosen Grundeinkommen als reine Selbstentfaltungsmaschine entspricht der Logik der großen Industrie, von Hedge-Fonds und Börse. In beider Logik ist jede Moralität und soziales Verpflichtungsverhältnis liquidiert. Der Vertreter der bedingungslosen Alimentierung ist der kleine Bruder-im-Geiste des Bankers, der nach bedingungslosen Staatshilfen schreit.

Wenn nun das „bedingungslose“ Grundeinkommen auf den Bedingungen des Deutschseins, der Finanzierung und Arbeit der Erwerbstätigen beruht; wenn es den Gabentausch und somit das operative Prinzip jeder Gesellschaft und Gemeinschaft zerstört; wenn es sogar die Alimentierten selbst zugrunde richtet und die Selbstentfaltung auf Kosten der Anderen rechtfertigt – was soll dann am bedingungslosen Grundeinkommen gut sein?

Und weil die Frage sicher aufkommt – ein Vorschlag als Alternative: Für ein bedarfsgerechtes Grundeinkommen (500 Euro plus Warmmiete sowie Inflationsausgleich) mit fairer Bedarfsprüfung, mit gesetzlicher Arbeits-, Stellen- und Bildungsgarantie, und zwar als Versicherungsleistung im Rahmen einer allgemeinen Bürgersozialversicherung. Der Staat zahlt die Prämien als „Ausfallbürge“ der Einkommensarmen. Zusätzlich zu den Lebensrisiken Alter, Krankheit, Lohnarbeitslosigkeit, Pflegebedarf und Unfall besteht somit auch eine Versicherung gegen das Risiko der Einkommensarmut.
 

 
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Kommentare
wolfblues schrieb am 19.02.2009 um 19:59
Mir scheint die Chose mit dem "bedingslosen Grundeinkommen" ziemlich an der weltweiten Realität vorbei zu segeln. Deutschland-zentriert, oder Euro-zentriert? Wie wäre es mit einem Grundeinkommen für den Bangladeshi, oder den Ghanaesischen Fischer? Bei der ganzen Diskussion bzw. Debatte, welche ja schon jahrelang geführt wird, stelle ich immer wieder vorrangiges Kirchturmsdenken fest. Unsere Ökonomie wird als Fundament genommen und unsere Art zu leben und unsere, überaus fragwürdigen, Wachstumsraten. Was soll der Scheiß? Schauen wir uns einmal an, wie wir unser BIP in den letzten Jahrzehnten erwirtschaftet haben, dann geschah dies auf Kosten der Ostländer, der Südländer (beim Export) und der Schwellen- und Dritt-Welt-Länder. Wir hören, wenn es um Armutsbegriffe geht, immer bei unseren Landesgrenzen auf. Ein Bangladeshi wäre mit unserer Sozialstaats-Ausstattung der King! Damit will ich jetzt nicht für eine Absenkung unserer Standards plädieren, aber ein bißchen Relation muß ja möglich sein. Wie sieht es mit der Ressourcen-Ausbeutung aus, an Öl, Gas, Wasser, Landwirtschaftsflächen, und der einhergehenden Umwelt- und Mensch-Vernichtung? Würden wir unser BIP dem ökologischen Fußabdruck anpassen, und z.B. auf Bio-Ethanol und Bio-Hamburger verzichten, wäre schon viel gewonnen, weil dann den armen Muschiks mehr zur Verfügung stände, an Fläche und darauf wachsenden Lebensmitteln. Also müßte es vor einer Diskussion über ein Grundeinkommen heißen: Was und wieviel brauchen wir? Was wäre die Mitte zwischen unserem Lebensstandard und dem in Bangladesh oder Ghana? Wären wir bereit, auch dem Fischer in Ghana, der seine Existenz aufgrund der multinationalen Fischfangflotten eingebüßt hat, dieses Grundeinkommen zu garantieren, und dafür vielleicht auf den neuen Breitbild-TV zu verzichten?
Das frage ich Euch, und rechne mit ganz viel Verständnislosigkeit.
jochen schrieb am 19.02.2009 um 20:46
Natürlich gibt es Leute, "die jede Arbeit für die Anderen ablehnen". Dennoch haben sie ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Sich asozial zu verhalten ist keine Straftat, die mit Armut bestraft wird. Ich kenne zumindest kein dementsprechendes Gesetz.

Der Status Quo ist doch viel schlimmer: da muss jeder noch so selbstverständliche Bedarf angemeldet werden und die Betroffenen -- ob nun "schuldig" oder nicht -- müssen sich vor den Ämtern praktisch ausziehen und sind ständig Sanktionsmöglichkeiten irgendwelcher überforderter Sachbearbeiter ausgesetzt.

Dass das ganze nur national geregelt werden kann und daher über Staatsbürgerschaft geregelt wird, ist einfach der Realität geschuldet. Ist schade, aber alles andere wäre nun wirklich utopisch.
Polemogenitur schrieb am 19.02.2009 um 21:23
Ich stimme dem Autor voll zu, wenn er schreibt, dass es Bedingung für die Existenz des bedingungslosen Grundeinkommens ist, dass jemand es finanziert. Bedingungslos bezieht sich im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen jedoch auf das Verhältnis vom Individuum zur Institution Staat und nicht auf jenes zwischen den Individuen.
Das ist schon ein großer Unterschied, man denke nur an das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung. Dort wird das eingezahlte Geld zwar eigentlich sofort wieder an eine andere Person ausgezahlt, aber trotzdem entsteht gleichzeitig ein Anspruch des Einzahlers, der Jahrzehnte später eintritt, wenn dann die Bedürftigkeit vorliegt. Ein Zusammenschluss vieler Menschen wie der deutsche Staat ist finanziell viel flexibler als der einzelne Mensch. Die Staatsverschuldung wird in Deutschland, auch aus historischen Gründen leider viel zu negativ gesehen. Gerade heute, in Zeiten von Rezession und schwacher Binnennachfrage, wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens finanziert durch eine hohe Neuverschuldung doch sicher nicht das Schlechteste.
Außerdem möchte ich noch auf Wolfgang Ratzels "Gabentausch" eingehen. Er widerspricht sich nämlich dabei selbst: die oben genannte Bedingung der Finanzierung entspricht ja genau dem "Geben", ansonsten bedeutete ja die Einführung des Grundeinkommen nur eine riesige Inflation! Bestünde heute ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte ein Arbeitsloser auf den Vorwurf, dass er auf Kosten der Allgemeinheit lebe erwidern, man solle ihm doch einen würdigen Job geben, er lasse sich nicht ausbeuten! Der Unterschied wäre also, dass nur noch erfüllende und gesellschaftlich anerkannte Arbeit gemacht würde. Es sei denn der Lohn würde für die Würdelosigkeit entschädigen.
Und das menschliche Zusammenleben auf "do ut des", also "ich gebe damit du gibts" zu reduzieren finde ich vermessen. Eine andere Übersetzung von dem lateinischen Ausspruch wäre "eine Hand wäscht die andere", was ja eigentlich schon alles sagt. Ein Rosengeschenk in einer Beziehung ist sicherlich eine nette Aufmerksamkeit mit symbolischem und traditionellem Wert, aber zu einer zwischenmenschlichen Beziehung gehört doch mehr. Dinge, die eben nicht dinglich sind wie Respekt, Toleranz, Anerkennung, Anteilnahme usw., die man sich auch von einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht erkaufen kann. Die Voraussetzung für eine Akzeptanz des bedingungslosen Grundeinkommens ist also eigentlich die Überwindung des Materialismus! Und darin besteht wohl die größte Schwierigkeit.
Polemogenitur schrieb am 19.02.2009 um 21:23
Ich stimme dem Autor voll zu, wenn er schreibt, dass es Bedingung für die Existenz des bedingungslosen Grundeinkommens ist, dass jemand es finanziert. Bedingungslos bezieht sich im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen jedoch auf das Verhältnis vom Individuum zur Institution Staat und nicht auf jenes zwischen den Individuen.
Das ist schon ein großer Unterschied, man denke nur an das Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung. Dort wird das eingezahlte Geld zwar eigentlich sofort wieder an eine andere Person ausgezahlt, aber trotzdem entsteht gleichzeitig ein Anspruch des Einzahlers, der Jahrzehnte später eintritt, wenn dann die Bedürftigkeit vorliegt. Ein Zusammenschluss vieler Menschen wie der deutsche Staat ist finanziell viel flexibler als der einzelne Mensch. Die Staatsverschuldung wird in Deutschland, auch aus historischen Gründen leider viel zu negativ gesehen. Gerade heute, in Zeiten von Rezession und schwacher Binnennachfrage, wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens finanziert durch eine hohe Neuverschuldung doch sicher nicht das Schlechteste.

Außerdem möchte ich noch auf Wolfgang Ratzels "Gabentausch" eingehen. Er widerspricht sich nämlich dabei selbst: die oben genannte Bedingung der Finanzierung entspricht ja genau dem "Geben", ansonsten bedeutete ja die Einführung des Grundeinkommen nur eine riesige Inflation! Bestünde heute ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte ein Arbeitsloser auf den Vorwurf, dass er auf Kosten der Allgemeinheit lebe erwidern, man solle ihm doch einen würdigen Job geben, er lasse sich nicht ausbeuten! Der Unterschied wäre also, dass nur noch erfüllende und gesellschaftlich anerkannte Arbeit gemacht würde. Es sei denn der Lohn würde für die Würdelosigkeit entschädigen.
Und das menschliche Zusammenleben auf "do ut des", also "ich gebe damit du gibts" zu reduzieren finde ich vermessen. Eine andere Übersetzung von dem lateinischen Ausspruch wäre "eine Hand wäscht die andere", was ja eigentlich schon alles sagt. Ein Rosengeschenk in einer Beziehung ist sicherlich eine nette Aufmerksamkeit mit symbolischem und traditionellem Wert, aber zu einer zwischenmenschlichen Beziehung gehört doch mehr. Dinge, die eben nicht dinglich sind wie Respekt, Toleranz, Anerkennung, Anteilnahme usw., die man sich auch von einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht erkaufen kann. Die Voraussetzung für eine Akzeptanz des bedingungslosen Grundeinkommens ist also eigentlich die Überwindung des Materialismus! Und darin besteht wohl die größte Schwierigkeit.
wittigofranko schrieb am 19.02.2009 um 21:25
Das bedingungslose Grundeinkommen wird nicht nur in Deutschland diskutiert. Überdies gibt es BIEN als weltweites Netzwerk für ein BGE.

Aus der Polarität NATUR und menschlicher RATIO bzw. (GEIST ensteht erst überhaupt das was wir ARBEIT oder WIRTSCHAFT nennen.

Die heutige Wirtschaftsweise ist arbeitsteilig. Faktisch arbeitet jeder für den andern = funktionaler Altruismus. Wer noch nicht bzw. nicht mehr arbeiten kann (Kinder, Alte und Kranke) gehört ohnehin schon zu den Beschenkten einer Gesellschaft. Leider wird SCHENKEN immer noch nicht als volkswirtschaftliche Kategorie gedacht.

Da die moderne Wirtschaftsweise (global) arbeitsteilig ist stellt sich auch nach der Ertrags-Teilung. Das BGE ist nichts anderes als eine Kultur-Dividende und stellt damit nicht eine sozialstaatliche Leistung dar, sondern ein Grund-Recht.

Mit Hilfe der Ausgabensteuer (MwSt) wird ein Teil aus dem Bruttosozialprodukt genommen und pro BürgerIn gleichermaßen ausgezahlt. Solange es Nationalstaaten gibt, spielt natürlich die Staatsangehörigkeit noch eine Rolle, Auf EU-Ebene könnte das BGE einem jeden EU-Bürger gewährt werden, Das Nähere regeln entsprechende EU-Richtlinien oder dergleichen. Idealerweise sollte es ein Grundeinkommen für jeden Menschen auf dieser Welt geben. Deutschland wie der EU steht es frei auch Nicht-EU-Bürgern ein BGE zu gewähren.

Realistisch betrachtet kann die Einführung eines BGE nur schrittweise erfolgen.

Fazit: Wer das BGE nicht will findet Gründe, wer es aber will findet Wege.

Ludwig Paul Häußner, Karlsruhe - Mitglied im GRÜNEN Netzwerk Grundeinkommen
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 12:38
Stimmt nicht! Es gibt keinen "funktionalen Altruismus" in unserer "heutigen Wirtschaftsweise" - es gibt höchstens einen funktionalen Egoismus - Kapitalismus beruht auf einer Struktur der Selbstbereicherung um ihrer selbst willen. Die Bedingungslosigkeit des GE ist Ausdruck dieser Selbstbereicherungslogik.
Stern schrieb am 19.02.2009 um 22:15
Die Argumentation macht keinen Sinn. Wer sagt denn, dass Kultur nur auf dem Austausch von (materiellen) Gütern beruht? Richtig, keiner. Scheinbar noch nicht einmal der Autor, denn er erwähnt ja auch die Gabe der Zuneigung (beim Erwähnen bleibt es aber, in der Argumentation spielt dies keine Rolle mehr). Das Grundeinkommen ist aber nun eine rein materielle Gabe, eine Zuneigung des Staates ist damit nicht verbunden. Allerdings ermöglicht ein Grundeinkommen die Gabe von Zuneigung (z.B. in Form eines Ehrenamtes) ohne dass dafür eine Gegenleistung gefordert wird. Ich sehe überhaupt nicht, wieso das unsere Gemeinschaft zerstören sollte.
Noch zum letzten Absatz: Worauf es hier wirklich ankommt, ist das Wort "fair". Was ist denn eine faire Bedarfsprüfung? Reicht es, wenn ich sage, dass in dem Job, den ich gerne machen würde, leider Bedingungen herschen, die mich psychisch krank machen? Wenn ja, dann hätten wir faktisch doch wieder ein bedingungsloses GE beim derzeitigen Arbeitsmarkt. Wenn nein, empfinde ich das nicht als fair.
WOanders schrieb am 19.02.2009 um 23:02
Was ist denn eine faire Bedarfsprüfung? Reicht es, wenn ich sage, dass in dem Job, den ich gerne machen würde, leider Bedingungen herschen, die mich psychisch krank machen?

Da bist du wohl nicht der Einzigste. Auch mein Freund liebt seinen Job, doch die 43h Arbeitswoche ist körperliche und psychische Ausbeutung. Was bleibt den noch? ERSCHÖPFUNG!!! Und wofür, dass Frau Scheffler nun für den Verein auch noch Geld vom Staat will. Aber Vorsicht, jeder sollte sagen, wenn Schluß ist, nur so können sich auch die beschissenen Bedingungen ändern. Deinen Artikel finde ich gut und ein leuchtender Sternenhimmel ist was wundervolles....:-)))
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 12:41
Der Gabentausch hat zwei Hauptformen: Der Tausch von Gütern zum Zwecke des Überlebens (nach dem Gesichtspunkt der Gleichwertigkeit) - und der symbolische Tausch, also der Tausch von Zuwendung, Ringe, Symbole, Zuneigung usw. Dieser Tausch zielt auf symbolische Erwiderung. Das BGE ist eine materielle Gegengabe des Staates, die ich bekommen, weil der Staat nicht auf andere Weise (Stelle usw.) mein Angebot, arbeiten zu wollen, erwidern kann.
Faire Bedarfsprüfung heißt, dass Vermögen, das durch eigene Arbeit erworben wurde, nicht angetastet werden kann (analog Arbeitslosengeld I).
Lars schrieb am 19.02.2009 um 22:43
Was für eine krude Argumentation.

"Es ist aber doch an Bedingungen geknüpft," wird vom Autor hier eingeworfen, um dann drei Bedingungen hervorzuzaubern, die genauso gut hätten lauten können "Es muß Luft zum Atmen geben", "Der Himmel darf uns nicht auf den Kopf fallen" und "Geld darf nicht abgeschafft werden". Dinge, die ohnehin niemand bestritten hat.

Natürlich muß weitergearbeitet werden. Das BGE widerspricht dem doch auch gar nicht. Schon allein deshalb nicht, weil man sich Luxusartikel ausschließlich mit dem BGE nicht leisten können wird.

Zudem geht der Autor davon aus, daß dann niemand mehr arbeitet. Er selber wäre natürlich einer von den Guten, die sich auch weiterhin aufopferungsvoll in den Dienst der Allgemeinheit stellen würden. Die anderen, die würden es sich dann aber bequem machen.

Welch eine Überheblichkeit.

Herr Ratzel, selbstverständlich entfalten wir uns auf Kosten der Anderen, schon lange, jeder von uns und zwar jeden Tag. Wenn Sie das anders sehen, verzichten Sie bitte von nun an auf die Verwendung sämtlicher technologischen Errungenschaften, für die Sie keinen Beitrag geleistet haben, weder mit Ihrer Arbeitskraft noch finanziell.

Und sofern Sie nicht regelmäßig an Wikipedia, die Apache-Foundation oder Mozilla.org spenden, stellen Sie die Verwendung dieser Produkte, die andere einfach so aus Freude an der Machbarkeit geschaffen haben, ein.
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 12:43
(1) Wenn ein Grundeinkommen, das auf drei Grundbedingungen beruht, sich bedingungslos bezeichnet, dann ist das eine Mogelpackung (vorsätzliche Lüge).
(2) Wenn ich einen Kühlschrank kaufe, dann bezahle ich den mit Geld, das ich für Lohnarbeit bekommen habe. Die ArbeiterInnen, die den Kühlschrank herstellten, bekamen Lohn (wenn auch in einem Ausbeutungsverhältnis). Deshalb werden technische Geräte im Rahmen des Gabentausch hergestellt (wenngleich ein asymmetrischer, ausbeuterischer Tausch vorliegt).
Lars schrieb am 24.02.2009 um 10:09
Herr Ratzel, was Sie hier betreiben ist peinliche Wortklauberei und hat nichts mit sachbezogener Argumentation zu tun.

1. Wenn Sie sich mit dem Thema beschäftigt haben, wissen Sie, daß sich die Bedingungslosigkeit nicht auf irgendwelche von Ihnen herbeigeredeten Rahmenbedingungen bezieht, sondern auf den Grundsatz, daß der Bezug des BGE nicht an eine Pflicht zur Arbeit oder an Bedürftigkeit gekoppelt ist. Um nichts anderes geht es dabei.

2. Wer lesen kann ist klar im Vorteil: Ich schrieb "Errungenschaften, für die Sie keinen Beitrag geleistet haben." Ich habe nicht von bezahlten technischen Geräten gesprochen.

Benutzen Sie auf Ihrem Computer ausschließlich bezahlte Software? Oder ist da möglicherweise auch Freeware oder OpenSource-Software dabei? Nutzen Sie im Internet ausschließlich bezahlte Dienste zur Recherche? Oder haben Sie auch schonmal einen Blick in die Wikipedia geworfen?

Sie nutzen täglich Software und Dienstleistungen, für die Sie nicht einen Cent bezahlt haben, und die auch nicht durch Werbung finanziert werden.

Wo ist da der Gabentausch?
Wolfgang Ratzel schrieb am 26.02.2009 um 12:13
Zu Deiner Replik vom 24.2.09: Mein Kommentar
Wenn ich nur technische Errungenschaften benutzen dürfte, an denen ich selbst mitgearbeitet habe, dann dürfte ich nicht einmal einen Spaten benutzen. Was soll denn das? Ich habe nur beschrieben, dass ich eben nicht auf Kosten der Anderen lebe, wenn ich einen Kühlschrank kaufe. Wir leben in Zeitung hochgradiger Arbeitsteilung, Herr Lars! Der Gabentausch läuft nicht direkt zwischen mir und Ihnen! Das wäre ja schrecklich!

OpenSource erfüllt auch mich mit Hoffnung! Soeben habe ich nämlich Firefox kostenlos heruntergeladen, weil Safari nicht kompatibel zur Freitag-Website ist. Das sind neue Entwicklungen, die ich heftig unterstütze, zwar nicht als Programmierer, aber auf dem Gebiet der politischen Bildung im Rahmen des Autonomen Seminars, das sich ebenfalls als „OpenSource“ versteht. Es ist erfreulich, wenn in einzelnen Zusammenhängen der Gabentausch als Regime der Gegenseitigkeit aufgehoben wird. Auf die Gesamtgesellschaft kann das aber (noch) nicht übertragen werden. Es fehlt nämlich die Grundvoraussetzung, dass die Bevölkerung weit-überwiegend das Gabentausch-Prinzip VERINNERLICHT hat. Wenn das so ist, dann kann das „Regime der Gegenseitigkeit“ absterben. Aber davon sind wir weiter denn je entfernt – heute HERRscht so krass wie nie zuvor das Prinzip der Selbstbereicherung auf Kosten von Mitwelt und Umwelt.
Eduard Brauner schrieb am 20.02.2009 um 02:18
Für mich lenkt die ganze Grundeinkommen Diskussion von den eigentlichen Problemen ab. Wenn Ausbeutungsverhältnisse noch existieren, wenn nicht mal einen Schwerarbeiter ein Mindestlohn bezahlt wird, wenn einem Kurzarbeitkollegen sein gerechter Lohn vorenthalten wird, obwohl er die gleiche Arbeit verrichtet, wie sein fest angestellter Kollege, wenn die „Arbeit“ eines Zockers an der Börse höher eingestuft wird als die eines Straßenfegers oder einer Krankenschwester, wenn noch nicht mal gleicher Lohn für gleiche Arbeit bezahlt wird, ganz egal um welches Geschlecht oder Nationalität sich handelt, und man könnte die Liste noch fast unendlich fortsetzen, dann ist die Diskussion wirklich für die Katz. Nicht mal innerhalb Europa kann ein Grundeinkommen funktionieren. Wie wird man den Einkommens- und Standardunterschied zwischen einem Berliner aus Kreuzberg und etwa einem Rumänen aus Tulca überbrücken? Was glaubt Ihr eigentlich was es für ein Zuwanderungsdruck armer Menschen aus der ganzen Wellt über alle Grenzen nach Europa gebe. Wollt Ihr dann die Grenzanlagen, ähnlich wie zwischen Mexiko und USA, auch um Europa bauen? Nein, solange wir in den Verhältnissen leben, wo Ausbeutung des Menschen durch den Menschen noch existiert, wo die Natur rücksichtslos wegen des Profits vernichtet wird und genau das sind die zentralen Fragen, wird uns die GE- Diskussion keinen schritt weiter bringen. Haben wir denn alle keine Idee, keine Vorstellung, Keine Phantasie, keinen Willen aus dieser Sackgasse herauszufinden? Müssen wir uns immer mit den Nebensächlichkeiten beschäftigen, die von den eigentlichen Problemen ablenken? Wer hat uns überhaupt diese Diskussion eingebrockt?
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 12:46
Grundsätzlich einverstanden! - Aber Du vergisst die Menschen, die gemäß der Logik der Kapitalakkumulation aus ihren Stellen geworfen werden und verzweifelt ihre Arbeitskraft anbieten. Da muss ein Grundeinkommen her. Das schuldet ihnen das Kapital bzw. dessen Ausfallbürge, der Staat. Oder nicht?
WOanders schrieb am 20.02.2009 um 05:35
Guten Morgen Herr Brauner, Ihr Kommentar finde ich sehr passend auch die Fragen, die diesen beenden enthalten das wesentliche. Aber es ist doch für Jederman leichter zu meckern, sich nicht zu beteiligen, seine Arbeitskraft viel zu billig zu verkaufen und in der ArbeitNEHMER-Position zu verharren. Sind nicht wir, die die Geben? Es wird Zeit zum Umdenken und wir sollten aufhören uns ausbeutetn zu lassen und das die Firmenbonzen & die Politiker sich bereichern. Ich habe lange Zeit in der Pflege gearbeitet und es ist zum Teil erbährmlich unter welchen Zustanden Alte HIER in unserem Land leben müssen. Von Würde möchte ich z.T. nicht mehr sprechen, mich erschreckt die Realität und die Gelassenheit mit der Weggesehen wird. Aber es dauert wohl noch ne Weile bis auf den Privaten Deutschland sucht den SUPER Held komt. lg A. Merkel
Frankobs schrieb am 20.02.2009 um 12:14
Das Grundeinkommen, ob bedingunglos oder -gekoppelt, ist vor allem eines: Eine Utopie. Von allen meta-philosophischen Aspekten mal abgesehen, scheint eines dem BGE entgegen zu stehen: Der (individuelle) Wettbewerb. Welchen Sinn hätte ein solches materielles Grundsicherungsmodell im Lichte einer (funktionierenden) Wirtschaftsordnung - und wie sollte sich das bei dysfunktionalen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingunen regeln?
marsborn schrieb am 20.02.2009 um 13:08
Grundeinkommen für alle? Prima! Die Frage, die dazu auf der Hand liegt, muss natürlich gestellt und beantwortet werden: Wer soll es bezahlen? Deshalb ist diese Diskussion ist absolut sinnvoll. Wenn die Banken Milliarden erhalten, um zu überleben, warum nicht auch die einfachen Bürger? (Vermutlich brauchen wir weniger und geben es sinnvoller aus.) Nur: Wie macht man ein solches System dauerhaft tragfähig? Okay, fordern wir das Unmögliche.
Roger Beathacker schrieb am 20.02.2009 um 16:04
Ist es hier Usus, dass Kommentare zunaechst "bearbeitet" werden?
- Wer bearbeitet die Kommentare. in welcher Weise und warum?

Wer entscheidet anhand welcher Kriterien ueber veroeffentlchung oder Ablehnung?
Erhalten die Verfasser abgelehnter Meinungsaeusserungen eine Benachrichtigung und womoeglich eine Begruendung?

Falls ja - mit welchen Fristen darf gerechnet werden?

Fragen ueber Fragen ..
bernie schrieb am 20.02.2009 um 17:10
Der einzig "arbeitende" Mensch

"Da würde dann keiner mehr arbeiten" - dieser Satz, wo kommt der eigentlich her?
Wieso wird er immer wieder gesagt? Wer spricht ihn aus?
Ich stelle ihn mir so vor:
Er ist der einzige auf der Welt der arbeitet, er ist der ehrliche Arbeiter sozusagen.
Alle anderen arbeiten zum Schein.
Er hat das jetzige System zutiefst verinnerlicht und beherrscht es seiner Meinung nach vollkommen.
Andere muss man zum Arbeitsglück jedoch zwingen. Sie verstehen es nicht und nur durch Druck kann es gelingen.
Er geht davon aus, dass der Mensch geboren wird um zu schlafen und zu liegen.
Nur er ist die Ausnahme der Regel.
Davor hat er Angst:
Alle liegen herum und nur er ist mit Leute wecken beschäftigt.
Liegt wirklich jeder, bzw die meisten oder viele nur herum?
An Kindern kann man das Gegenteil beobachten!
Sie werden dann aber von dem "einzig arbeitenden Menschen" der ständig mit wecken beschäftigt ist demotiviert.

Herr Ratzel ist wohl einer dieser Menschen, die es zu Hauf gibt!
Celsior schrieb am 20.02.2009 um 19:21
Ich glaube das es in der Natur des Menschen liegt das eine Leistung der Gemeinschaft in irgendeiner Form wieder gegeben wird. Deshalb finde ich das dies der falsche Ansatz ist. Meine Beobachtung ist das doch jeder sich im grunde Einbringen möchte mit welcher Leistung auch immer und viele daran zerbrechen da sie dies nicht können. Ausserdem muss Arbeit besser und gerechter verteilt werden.
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 20:22
Jedes Sich-einbringen bedarf einer Struktur; man kann sich nicht abstrakt einbringen. Man muss eine Stelle haben, auf der man sich entfalten kann. Das bedingungslose Grundeinkommen enthebt den Staat der Aufgabe, eine solche Struktur vorzuhalten. Der Staat kann sich dieser Aufgabe entzeihen, da mit dem bGE "alle Ansprüche auf Gegengabe des Staates" abgegolten sind.
Celsior schrieb am 20.02.2009 um 19:21
Ich glaube das es in der Natur des Menschen liegt das eine Leistung der Gemeinschaft in irgendeiner Form wieder gegeben wird. Deshalb finde ich das dies der falsche Ansatz ist. Meine Beobachtung ist das doch jeder sich im grunde Einbringen möchte mit welcher Leistung auch immer und viele daran zerbrechen da sie dies nicht können. Ausserdem muss Arbeit besser und gerechter verteilt werden.
romano schrieb am 20.02.2009 um 20:46
Beim BGE sollte man schon sehen, und da hat der Autor doch auch recht, dass es ein wenig nach einer Flatratelösung klingt. Das läßt es schillern.
Ich halte es als langfristiges Ziel im Rahmen der EU oder UNO für sehr sinnvoll. So hätten so wässrige Begriffe wie Fortschritt und Entwicklung ein recht konkretes Ziel, ebenso technische Entwicklungen einen Fluchtpunkt, an dem sie sich orientieren könnten. Es könnte, so scheint mir, etwas Ruhe einbringen gegenüber dem Drang jeden Fortschritt und jede technische Neuerung nur immer wieder blind toppen zu müssen. Vielleicht bildeten sich daran eigene Projekte und Kooperationen verschiedenster Art aus, wenn es nur endlich mal auf der Tagesordnung wäre. Man muss ja auch suchen, bis man eine ehrliche Antwortet irgendwo findet, woraufhin der technopolitische Kulturduktus streben soll. Weder links noch rechts gibts entsprechenden Ernst, aber auch bei den Philosophen muss man suchen, bis man wen findet, der nicht alles dem Schleier der Zukunft überläßt.
Kurzfristig gesehen frage ich mich beim BGE aber, bei allem Interesse daran, wie es möglich sein soll, so etwas einzuführen, wenn nicht mal ein ordentlicher Betrag für Menschen ohne Lohnarbeit durchsetzbar ist, wenn nicht einmal ein jämmerlicher Mindestlohn durchsetzbar ist, wenn die Rente, die ja so eine Art BGE ist (freilich eine hart erarbeitete) mit den wahnwitzigen 67 Jahren in größere Ferne gerückt ist, wenn ca. 15% der Kinder arm sind, teilweise Wohungsnot herrscht usw. Das sind alles sehr konkrete Phänomene , deren Lösung, die theoretisch wie praktisch weitaus unumstrittener und minder aufwendig wäre, nicht geschieht, im Gegenteil, zynisch ignoriert, wenn nicht euphemistisch gefördert wird. Wenn das BGE plötzlich mehr Zustimmung von den Herrschenden erhielte, dann kann es sich in der Tat nur um eine Mogelpackung handeln.
Sozialpsychologische Probleme sehe ich weniger, wenn man es global angehen würde. Ansonsten können immer Regionen gegeneinander ausgespielt werden usw. Die Logik des Autors, dass die Arbeitssamen die Faulenzer erhalten müssen, halte ich für eher verblendet. Freilich, so soll es nicht sein, aber so würde es auch nicht sein. So scheint es nur im status quo.
Wolfgang Ratzel schrieb am 26.02.2009 um 12:05
Hinsichtlich der „Durchsetzbarkeit von unten“ teile ich Ihre Besorgnis. Im Moment müsste z.B. SOFORT die automatische Anpassung der Grundsicherungen an die Inflationsrate durchgesetzt werden. Die Forderung wird ja nicht einmal aufgestellt!
Die globale Durchsetzung scheitert schon daran, dass es keine Weltregierung gibt. Wir leben in keinem Weltstaat und die Menschheit versteht sich noch lange nicht als einzige „Nation“. Die UNO-Menschenrechtskonvention gilt ja auch nur, wenn die einzelnen Staaten sie umsetzen.
Ich habe nie von Faulenzern gesprochen; immer nur von Menschen, die sich weigern, die Gabe ihrer Arbeitskraft der Gesellschaft anzubieten, oder die sich entschließen, auf Kosten der Anderen zu leben (SpekulantInnen, Hedgefonds-Manager; Vorstände von AGs, Kriminelle, usw.) Diese Verweigerer sind nicht zwangsläufig faul, und solche Leute wird es in jeder Gesellschaftsordnung geben, auch in einer „gerechten“.
rene schrieb am 21.02.2009 um 12:37
Der Hinweis auf die Zerrütung der sozialen Grundlagen einer Gemeinschft, macht mich schon sehr nachdenklich. Und sollte nicht einfach abgekanzelt werden.
Dennoch denke ich, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen, das Potenzial in sich trägt, der schon vollzogenen Auflösung der sozialen Verbindlichkeiten entgegenzuwirken. Auflösung sozialer Verbindlichkeiten im Namen etwa der allseits gefordrten Flexibilität. Diese Wort verweist, wenn es übersetzt wird, auf die Bereitschaft, jederzeit seine gewachsenen Beziehungen und damit Verantwortlicheiten und die vom Autor beschriben realen Austauschprozesse mit realen Menschen, zu Gunsten des Gelderwerbs und der Karriere aufzugeben. Dieses Potenzial kann aber nur verwirklicht werden, wenn eine Linke auch an Lebensmodellen arbeitet, die der Auflösung sozialer Bindungen entgegenwirkt. Es ist kein Geheimnis, dass ein falsch verstandener Begriff von Freiheit, der selbstsüchtige Verwirklichungsprozesse zum höchtsen Ideal erhebt, gerade unter Linken eine häufig anzutreffende Haltung ist. Themen wie soziale Verantwortung, sollten nicht nur auf der Ebene nationalstaatlich organisierter Gesellschaften diskutiert werden, sondern Eingang in die alltägliche Praxis finden. Den Rechten sollten wir die Führeschaft bezüglich Themenfeldern wie Heimat und Familie streitig machen. Wobei es sich da ja auch eher so verhält, dass dieser Diskurs gar nicht mehr geführt, oder wenn, dann nur in Phrasen, die von den Erfordernissen kapitalistischer Ordnung, systematisch unterlaufen werden. Das Grundeinkommen, hat das Potential im Verbund mit einer Bewegung, die das Ziel hat der Vereinzelung der Menchen entgegenzutreten, soziale Verantwiortung aus einer abstrakten Sphäre formaler Organisationen, in den Bereich des täglichen sozialen Lebens zurückzuholen. Wie wollen wir leben? Diese Frage kann gestellt werden, wenn der Einzelne nicht im täglichen Existenzkampf jeden nahen Menschen verraten muß. Eltern die in Altersheimen verwahrlosen, weil die Kinder sich irgendwo verdingen müssen, oder es als normal ansehn, zu Gunsten der eigenen Entfaltung die Nächsten seelisch verrecken zu lassen, all das muss Thema werden für eine wirklich emanzipatorische Bewegung .
Lasst uns der kapitalitischen Verwahrlosung und Verrohung der Sitten ein soziales Leben entgegenhalten, das ein Fest werden könnte.
Wolfgang Ratzel schrieb am 26.02.2009 um 12:10
Mein Kommentar:
Dein Appell hat mir sehr gut gefallen. Nichts hindert einzelne Gruppen und Gemeinschaften daran, innerhalb ihrer Organisation ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen die Bedingungslosigkeit, sondern behaupte, dass im Hier-und-Heute die Voraussetzungen fehlen. Die Grundvoraussetzung wäre, dass die Verpflichtungen Geben, Nehmen, Tauschen von den Menschen VERINNERLICHT sind. Bei kleineren Gruppen wäre das heute schon vorstellbar, nicht aber bezogen auf die Gesellschaft. Dort HERRscht mehr denn je der Grundsatz: „Bereichere Dich selbst auf Kosten der Anderen!“ Deshalb muss bezoegen auf die Gesellschaft „das Regime der Gegenseitigkeit (Hénaff)“ aufrechterhalten bleiben, während dieses Gegenseitigkeitsregime im Rahmen von Gemeinschaften, Beziehungen usw. durchaus aufgehoben werden kann!
rene schrieb am 26.02.2009 um 19:46
Also vorweg, ich finds Klasse, dass Du hier wirklich auf jeden eingehst und die Diskussion aktiv führst.
Zum Kommentar:
Ich fühl mich ein bisschen missverstanden. Mein Gedanke ist ja gerade der, dass die Logik des Gabentausches in realen Beziehungen gar nicht außer Kraft gesetzt werden kann. Weil in natürlichen Beziehungen, also in Beziehungen wo man es nicht mir abstrakten, sondern realen Menschen zu tun hat, asoziales Verhalten sofort bestraft wird bzw. man sofort mit den Folgen asozialen Verhaltens, nämlich dem Leiden der nächsten Anderen konfrontiert wird.

Ich wollte eher sagen, dass diese ursprünglichen Verbindlichkeiten, die jeder Mensch eingeht so bald er in beziehungen tritt, erst durch die kapitalitishe Organisation zersetzt werden.
Das Primat der Gemeinschaftlichkeit ist glaube ich sehr stark in uns verankert. Kooperation ist seit tausenden von Jahren das evolutionär erfolgreichere Prinzip. Der Einzelne, asoziale oder geächtete Mensch musste eigentlich zu allen Zeiten um sein Leben fürchten. Und das muss der Einzelne, der nicht bereit ist zu kooperieren auch heute noch: wer völlig einsam ist, stirbt recht schnell, oder fühlt sich jedenfalls so.
Immer wo Menschen auf irgendeine Weise verbunden sind, ob emotional oder materiell siegt das Prinzip der Kooperation.
Erst mit dem Einzug kapitalitischer Ordnung, der massenhaften Herauslösung der Menschen aus natürlich gewachsenen Beziehungen und Gemeinschaften etabliert sich ein Handeln und Denken das tendenziell asozial ist. Wenn eine komplexer werdende Organisation der Gesellschaft einhergeht mit der Vereinzelung der Menschen, dann kommt es tasächlich dazu, dass wir auch das über tausende Jahre als natürlich empfundene Sozialverhalten nicht mehr einfach voraussetzen können.

Wenn Du nun sagst, im gegenwärtigen Zustand kann man das Grundeinkommen nicht einführen, dann lautet meine Gegenthese sozusagen, doch schnell, jetzt noch, bevor die gesellschaftliche Dynamik den vereinzelten Menschen wirklich als Normalfall durchgesetzt hat und nach und nach jedes soziale Verbindlichkeitsgefühl zerstört.

Welche Chancen siehst Du denn innerhalb der kapitalistischen Ordnung in Kombination mit der Zersetztung "realer" Gemeinschaftsstrukturen, das Prinzip des "Bereichere Dich selbst auf Kosten der Anderen!“ zu überwinden?
Ist der Gedanke absurd, dass ein Grundeinkommen gerade helfen könnte der Zerstörung des sozial und Verbindlichkeitsgefühl etwas entgegen zu setzen? - insofern es den Menschen ermöglicht ihre Leben nicht nur dem Vermarktungsdiktat unterzuordnen, sondern nach Beziehungen zu richten, die dann freilich wieder in vermarkungsfähige gemeinsame, kreative produzierende Projekte auslaufen können.
Ist die Möglichkeit sein Leben auch an sozialen Aspekten auszurichten nicht die Bedingung dafür, die "Verpflichtungen" von "Geben, Nehmen, Tauschen" zu verinnerlichen?
Mühlenkamper schrieb am 21.02.2009 um 19:21
Ich kann der Kritik am BGE weitgehend zustimmen. Die Idee vom BGE reflektiert doch nur zwei kritische Momente von Hartz IV: Die aktive und dauernde Demütigung der Arbeitslosen Alg II - Empfänger sowie die schlichte Armut, die mit den völlig unzureichenden Regelsätzen von Hartz-IV verordnet wird. Mit der Idee des BGE entfernt man sich von diesen Skandalpunkten der Alltagspolitik. Es sollte zu denken geben, dass auf dem internen web-forum der SPD das Thema BGE ausgesprochen populär ist: So können sich die Genossen vor der Schande der Agenda 2010 diskursiv bequem herumdrücken. Bei den Profis der Sozialpolitik, etwa beim SoVD spielt das BGE dagegen keine Geige. Und die wissen warum.
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 19:59
Man kann sich von den Skandalpunkten des SGB II (Hartz IV) auch durch ein diskriminierungsfreies bedingten Grundeinkommen entfernen. Man könnte die Bedarfsprüfung analog Arbneitslosengeld I gestalten, die selbst erarbeiteten Vermögen unantastbar machen und vor allem die Bedarfsgemeinschaft und den skandalösen Bruch des Bankgeheimnisses abschaffen. Und was immer vergessen wird: Ein bedingungsloses Grudneinoommen beraubt die Aliumentierten auch ihrer Ansprüche an den Staat (hier BA und JobC) auf eine Stelle, die ihrem Beruf oder Berufung entspricht. Ein bGE-Staat hat keine Verantwortung und Verpflichtung mehr gegen seine Alimentierten! Das ist die Horrorvorstellung.
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.02.2009 um 20:09
Die Skandalpunkte von Hartz IV können durch diskriminierungsfreies bedarfsgerechtes Grundeinkommen neutralisiert werden: keine Anrechnung selbst erarbeiteter Vermögen; weg mit der Bedarfsgemeinschaft; weg mit der Aufhebung des Bankgeheimnisses usw..
Was immer vergessen wird: Das bGE entlastet den Staat von seiner Verpgflichtung, den Arbeitssuchenden eine Stelle gemäß ihrem Beruf oder Berufung anzubieten. Der Staat, der ein bGE an seine Alimentierten bezahlt, ist jeder weiteren Verantwortung für die Arbeitssuchenden entbunden. Deshalb auch mein Vorschlag, das bedarfsgerechte Grundeinkommen mit einer gesetzlichen Arbeits-, Stellen- und Bildungsgarantie zu koppeln. Der Staat muss gezwungen werden können, das Arbeitskraftangebot der Arbeitssuchenden durch ein adäquates Stellenangebot zu erwidern!
manstruator schrieb am 22.02.2009 um 13:17
Nach der Ratzelschen Logik klingt es wie ein Vorwurf, an die vom Kapitalismus als überflüssig ausgeschiedenen Menschen, wenn er über diese schreibt: "hierzulande fängt sie immer noch ein Sozialstaat auf". Diese deutsche Gesellschaft schafft einen Reichtum, der es gestattet, allen Mitgliedern dieser Gesellschaft das Überleben zu sichern, egal wie sie zu diesem Reichtum beitragen. Ich kann mich deshalb nicht der Meinung des Autors anschließen, hierzulande implizit Verhältnisse wie in China oder Indien herbeizuwünschen. Auch nicht als Preis dafür, gegen ein Grundeinkommen zu wettern.
bella schrieb am 22.02.2009 um 17:12
Nicht ein einziger neuer Gedanke zu diesem Thema. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als es auszuprobieren, dann können wir sehen wer Recht hatte. So bleibt es sinnloses Geschwätz.
bella schrieb am 22.02.2009 um 17:15
Nicht ein einziger neuer Gedanke zu diesem Thema. Wenn wir wissen wollen, wer Recht hat, müssen wir es ausprobieren. So bleibt es sinnloses Geschwätz.
ChristianBerlin schrieb am 22.02.2009 um 23:07
Ich schließe mich dem ersten Satz meiner Vorrednerin (und einiger anderer Kommentatoren) an, halte das aber für vom Autor gewollt. ;-)
data schrieb am 23.02.2009 um 17:00
Ich muss sagen, dass mir nicht klar ist, in welchem Sinne die Moralität beim BGE ausgesetzt wird. Es wird nicht erzwungen, aber ist Moral immer zwanghaft? Was, wenn es auch weiterhin gern gesehen wird, wenn sich jemand einsetzt - arbeitet.
Vielleicht hat hier ja jemand einen Link zu den Studien, die untersuchen, wie es mit der Arbeitsbereitschaft von Menschen aussähe, wenn die Bedingungen des BGE gälten.
Wolfgang Ratzel schrieb am 25.02.2009 um 10:06
Die Verpflichtung, eine Gabe zu erwidern, ist nicht angeboren, sondern eine kulturelle Handlung; d.h.: sie muss erlernt werden. Die Instanz, die das „anordnet“, ist nicht irgendwo fixierbar. Es ist das, was Heidegger das MAN nennt: Man gibt! Man nimmt! Man bedankt sich für ein Geschenk! MAN schenkt etwas zum Geburtstag! MAN bringt Blumen mit ins Krankenhaus! usw.. Wünschenswert wäre allerdings, wenn so etwas aus freiem Entschluss geschähe. Hinsichtlich der Arbeitsbereitschaft, wird immer übersehen, dass man nicht abstrakt arbeitsbereit sein; es bedarf immer einer Stelle, auf der MAN arbeiten kann. Wir haben ja keinen Bauernhof mehr, der auf unsere Arbeit wartet. Wir sind schließlich von Boden und Produktionsmittel gründlichst enteignet.
Werner Gerhard schrieb am 25.02.2009 um 13:08
Ja, Moral ist immer zwanghaft, siehe "die Moral der Truppe". Moral ist gesellschaftlich und also den Individuen oktroyiert, Ethiken sind individuell, angenommen, erarbeitet, erworben. Und wenn eine gesellschaftliche Moral nicht mehr in der Lage ist, sich ethisch zu legitimieren oder sonstwie obsolet geworden ist, wie derzeit die "Arbeits"-Moral? nun, dann muß eben von Zeit zu Zeit aus den individuellen Ehtiken eine neue gesellschaftliche Moral destilliert werden.

Eine solche, aktualisierte Moral bildet das bedingungslose Grundweinkommen ab. Es sagt jedem Neuankömmling: Du bist uns wichtig, erfülle Dein Leben, Deine Lebensaufgaben Liebe, Beruf und gesellschaftliche Mitgestaltung! Hier hast Du, was du als vergesellschaftetes Wesen Mensch dafür existenziell brauchst.

Ach, und nicht zu vergessen, ein Pferdefuß: Für die Goodies mußt du "arbeiten gehen", wie man das früher nannte. Dich verdingen. Aber das du vormittags in die Fabrik mußt um Nachmittags erfolgreich ins Kaufhaus gehen zu können, diese Einsicht in die Notwendigkeit, die trauen wir dir zu...
Wolfgang Ratzel schrieb am 26.02.2009 um 11:59
Eigentlich Kommentar zu W.Gerhard vom 25.2.09 siehe unten:

Ja, ja, ja! Da bricht sie durch, die Sehnsucht nach Amoralität! Der amoralische Mensch! amoralisch leben! Das sind faszinierende Figuren und Selbstbilder. Da sehnt MAN sich danach! Deshalb habt auch der „Tatort“ so hohe Einschaltquoten. Aber MAN weiß auch, dass JEDE Gesellschaft ihre Ethik und Moral braucht. MAN weiß, MAN MUSS seine Spontaneität hemmen. MAN MUSS die Rechte des Anderen anerkennen. MAN MUSS gerecht sein! MAN MUSS Versprechen halten! MAN MUSS zuverlässig sein! MAN MUSS höflich sein. Ohne Moral kein Zusammenleben.

Gegen Deine Beschreibung der Grundeinkommensmoral habe ich nichts einzuwenden: Du stellst den bGE-BezieherInnen ja sogar Lebenaufgaben (!!!): Liebe, Beruf und gesellschaftliche Mitgestaltung! Jut so! Aber eins vergisst Du: Was passiert denn, wenn der Alimentierte seine Aufgaben nicht macht??? Wenn er NICHT liebt, KEINEN Beruf ausübt; wenn ihm die gesellschaftliche Mitgestaltung am A.... vorbeigeht???? Wat nu, Herr Gerhard???? Mama sagte früher zum kleinen Wolfgang: „Du bleibst sitzen, bis Du Deine Aufgaben gemacht hast!!!“ Recht hat sie gehabt, meine Mama!!!!
Werner Gerhard schrieb am 24.02.2009 um 15:06
Bitte, lieber Petitionsausschuß, laßt uns doch einfach mal das bedingungslose Grundeinkommen einführen - das ist natürlich ein Witz. Ein ziemlich guter politischer Witz, allerdings. Mal abgesehen davon, daß in der Politszene zu viele Moral-Desparados rumlaufen, die überhaupt nichts vom Lachen oder gar von dialektischen Doppeldeutigkeiten futuristischer Paradigmen verstehen, liegt das Problem bei manchen politischen Witzen anscheinend darin, das nicht alle sie verstehen.

Beim bGE-Witz drängt sich mir allerdings der merkwürdige Eindruck auf, daß zwar viele unpolitische Leute, denen ich ihn erzähle, ihn auf Anhieb gut verstehen und also über den ermüdenden und entwürdigenden Nerv ihres noch herrschenden Alltags anfangen nachzudenken, während einige Politikanten, die ihn erzählen, ihn selbst anscheinend noch gar nicht verstanden haben: Sie scheinen tatsächlich der absurden Idee aufzusitzen, das bGE ließe sich in die bestehenden Verhältnisse "einführen" ohne diese umzuwälzen.

Kein Wunder, daß bei einem monolithischen Moralisten wie Ratzel, an sich ja ein ausgewiesener Befürworter des Grundeinkommens, etwas ausbricht, was schon moralpanische Züge trägt: Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens hält den Verhältnissen den Spiegel vor, er sieht zu Tode erschreckt im Spiegel die Verhältnisse - und meint, den Spiegel einwerfen zu müssen.

Also, bevor ich den Witz jetzt komplett erkläre, oder gar noch damit anfange, warum bei derartigem geistigem Glasbruch in Zeiten der Krise, wo die große Suche nach den Bösewichtern losgeht, die gegenleistungslos das liebe "Geld" beiseite gebracht haben, bei mir jeglicher politischer Spaß aufhört, erzähle ich doch lieber einen anderen: Also, bGE ohne Offene Grenzen, das geht gar nicht, das ist mir wie ein Klo ohne Fallrohr...

In der Hoffnung, mich unklar genug ausgedrückt zu haben, um verstanden zu werden, augenzwinkernd...
Wolfgang Ratzel schrieb am 25.02.2009 um 10:07
Meine monolithische Moralpanik bricht dann bei mir aus, wenn ich Millionen Menschen sehe, die für den kapitalistischen Produktionsprozess „überflüssig“ sind, und die mittels eines kargen bedingungslosen Grundeinkommens im gesellschaftlichen Abseits aufbewahrt werden – ohne jede sozialstaatliche Verpflichtung zur Integration und Inklusion. Vielleicht fällt Dir auch hierzu ein Witz ein.
Werner Gerhard schrieb am 25.02.2009 um 12:04
Frühestens wenn ich mit dem Lachen über den Witz mit der "sozialstaatliche(n) Verpflichtung zur Integration und Inklusion" fertig bin. Aufgabe des bürgerlichen Staates ist es, die Gesellschaft profitabel zu halten, zur Not auch durch sozialstaatliche Zugeständnisse. Aber nur soweit sie "finanzierbar" sind, also die Profite nicht auffressen.

Also lieber mal Klartext: Liebe, Beruf und Gesellschaft sind die drei Aufgabenbereiche unseres Lebens. Zweieinhalb davon finden aus Deiner Sicht offenbar im "gesellschaftlichen Abseits" statt. Plädiere für eine Umkehrung der Abseitsregel...

Es gibt keinen überflüssigen Menschen. Es gibt nur überflüssige Autos und obsolete Ressourcenverteilungsparadigmen.
Berlinerjung schrieb am 24.02.2009 um 20:34
1. die Bedingung des 'Deutschseins' wird ua. durch wittigofranko widerlegt
2. die Bedingung der 'Selbstentfaltung auf Kosten der Anderen' wird ua. durch lars widerlegt
3. die Bedingung der Gabentausch sei 'das operative Prinzip der Kultur' , lässt sich dadurch widerlegen, das dieser lediglich EIN operatives Prinzip der Kultur darstellt, aber niemals DAS! Oder möchte der Autor bestreiten, dass es zu Zeiten der 'Jäger und Sammler' bereits Kultur gab?

Stellt sich die Frage, ist dieser Text wirklich ernst gemeint?
Wolfgang Ratzel schrieb am 25.02.2009 um 10:08
Natürlich gab es bei den Jägern und Sammlern kulturelle Praktiken. Auch sie hielten ihre Gemeinschaften durch den Gabentausch zusammen. Es gab im Prinzip zwei Verfahren des Teilens: Entweder wurde die Beute pro Kopf unter die Jäger verteilt; oder die Beute wurde auf alle verteilt, die in der Gemeinschaft lebten.
Berlinerjung schrieb am 25.02.2009 um 19:04
Sie sprechen schon wieder von verschiedenen Dingen. Zum einen von 'Verfahren des Teilens' und zum anderen vom 'Gabentausch'. So kann man sich natürlich auch eine Logik zusammenbauen.
HansMeier555 schrieb am 24.02.2009 um 21:07
Einige unzusammenhängende Bemerkungen:
(1) Der Autor hat Recht: Das Hauptproblem am BGE ist nicht die Finanzierbarkeit, sondern die moralische Vertretbarkeit.
(2) Das Leiden an der Überflüssigkeit der eigenen Existenz hat einige der größen Werke der Weltliteratur hervorgebracht. Ich erinnere nur an: Anton Tschechow, Nikolaj Tolstoj, Marcel Proust, Thomas Mann... (Das sklavenhaltende Russland war seiner Zeit wie immer voraus).
(3) Es gibt Behinderteneinrichtungen, wo die Bewohner heute nicht mehr "Insassen" oder "Patienten" heißen, sondern "Mitarbeiter".
(4) In Form der alten Stütze gab es das BGE längst. Was ist das schon für eine "Bedingung": Formulare ausfüllen...
(5) Man wird sich auch mit BGE gedemütigt fühlen.
(6) Im Mittelalter gab es die Vorstellung, jeder habe das REcht auf "Nahrung". Nahrung meinte nicht Essen, sondern eine Erwerbsmöglichkeit, also das, was heute Arbeitsplatz oder kurz "Arbeit" heißt. Schon interessant, wie die Semantik pendelt und immer nur einen Aspekt des Tauschverhältnisses erwähnt.
(7) Historisch hat sich die Forderung nach dem BGE aus der Forderung auf ein "Recht auf Arbeit" entwickelt.
(8) Die Reichtümer sind da, sie sind nur nicht richtig verteilt. Das stimmt schon. Aber einfach so umverteilen geht auch nicht. Man muß sich schon irgendeinen Vorwand ausdenken, irgendeinen Arbeitsvorgang inszeniseren, der zumindest die Illusion eines TAuschverhältnisses aufrechterhält.
(9) Wie das Leben so spielt: 20 Jahre lang hieß es, die Wirtschaft und die Märkte seien das Schicksal und die Politik ohnehin bedeutungslos geworden. Und jetzt sehen wir: Die Wirtschaft ist (aufgrund ihres eigenen Erfolges) obsolet geworden, es hat gar keinen Sinn mehr, noch weiter wirtschaftlich zu wachsen. Der Unterschied zwischen Konsum und Investition hat sich längst aufgelöst. Jetzt brauchen wir wieder einen anderen Sinn. Sinn ist jetzt das knappste Gut auf der Welt.
(10). Die großzügige Vergabepraxis von Kreditkarten-, und Millionenkrediten anden USA waren doch auch nichts anderes als ein "bedingungsloses Grundeinkommen" in den Farben des Kapitalismus...
(11) Wenn Gott die Menschen strafen will, erfüllt er ihre Wünsche.
Berlinerjung schrieb am 24.02.2009 um 21:20
nicht nur unzusammenhängend, sondern dazu auch noch ziemlich falsch! frage, welche art argument stellt punkt (11) dar?
HansMeier555 schrieb am 24.02.2009 um 22:14
Kein Argument. Sie werden schon sehen.
Werner Gerhard schrieb am 25.02.2009 um 13:43
ad 1: vgl. meine Anmerkung zu Moral bei data.
ad 2: womit jedenfalls die Genannten ihre "Überflüssigkeit" trefflich überwunden haben. Oder möchtest Du sie missen?
ad 3: Interessant, was denkst Du darüber?
ad 4: Deshalb per Dauerauftrag an alle. Formulare sind überflüssig und belasten unser CO2-Budget unnötig.
ad 5: Wieso? Fühlst Du dich gedemütigt, wenn Du auf einem Fußweg läufst, den du nicht selbst gepflastert hast?
ad 6: Ja, und heute gibt es die Vorstellung, alle haben ein Anrecht darauf, ihre Lebensaufgaben zu erfüllen. Das war schon eine sehr lebenskluge Vorstellung, die die da hatten, im Mittelalter...
ad 7: Bitte näheres.
ad 8: Was verstehst du unter Reichtümer?
ad 9: "Sinn ist jetzt das knappste Gut auf der Welt." ok, lets make sense - Gute Geschäftsidee, aber hast du eine Idee, wie sich unser Output gegen Klohpapier tauschen läßt?
ad 10: Das ließe sich ja übernehmen.
ad 11: Das ist nun ein echtes Problem.
HansMeier555 schrieb am 25.02.2009 um 20:17
adad1: GE ist m.E. nicht unmoralisch, aber mit BGE hab ich ein Problem. Nicht aus Mitleid mit denen, die trotzdem noch arbeiten, sondern mit denen, die sich fallen lassen. Und mit ihren Kindern, falls sie welche haben. Warum überhaupt noch in die Schule gehen? Warum mit dem eigenen Leben überhaupt noch was anfangen?
adad 2: Die Genannten schon. Aber wer ist schon Marcel Proust? Der Normalfall sieht so aus: Kiffen, Kneipe, Alk, beste Jahre verschwendet, mit 40 grauhaarige Wracks...
adad 3: Es gibt zu denken. Das entspringt einer zutiefst humanen Grundhaltung. Aber können wir Vollwertigkeit nicht anders denken als mit Hinweis auf "Arbeit"? Ist soziale Integration nicht auch ohne "Arbeit" denkbar? Offenbar nicht. Auch wenn niemand von geistig Schwerbehinderten im Ernst eine Arbeitsleistung abverlangt, muß doch die Behauptung aufrechterhalten werden. Sollen wir den Punks demnächst auch Visitenkarten drucken mit der Amtsbezeichung "petty local executiv spending manager"?
adad 4: Richtig. Aber mit der Stütze war keiner glücklich, und mit dem Dauerauftrag wird man es auch nicht. Der morgendliche Gang zum Sozialamt war nicht so schlecht: Im Sonnenaufgang sieht man die Schönheit seiner Stadt, im Wartesaal trifft man Bekannte und auf dem Heimweg gönnt man sich einen wohlverdienten Kaffeee... Sie werden es vermissen.
adad 5: Nicht gedemütigt, aber vielleicht unwohl? Vor Menschen, die körperlich arbeiten habe ich großen Respe
adad 7: Erst gab es das "Recht auf Nahrung", dann das Recht auf Arbeitslosengeld, dann kamen die "glücklichen Arbeitslosen" und dmnächst Bezieher von BGE.
adad 8: REichtümer = materielle Werte
adad 9: Sinn: Was man mit dem Leben anfängt, wenn von der Wiege bis zur Bahre materielle Vollversorgung garantiert wird. Siehe Punkt 2.
adad 10: Ja, aber wer finanziert das ganze? Beim letzten Mal waren es die "Großen Anlager", jetzt stellt sich aber heraus, daß eben doch der Steuerzahler dafür gradestehen muß. Und es nicht kann.
adad 11: <...>
Mephane schrieb am 26.02.2009 um 09:28
"(8) Die Reichtümer sind da, sie sind nur nicht richtig verteilt. Das stimmt schon. Aber einfach so umverteilen geht auch nicht. Man muß sich schon irgendeinen Vorwand ausdenken, irgendeinen Arbeitsvorgang inszeniseren, der zumindest die Illusion eines TAuschverhältnisses aufrechterhält."

Die derzeit Herrschenden, d.h. Politik- und Wirtschafts-"Elite", wird sich nicht so einfach täuschen lassen wie es das Volk bisweilen tut. Die würden so eine "Inszenierung" durchschauen und sabotieren.
HansMeier555 schrieb am 26.02.2009 um 17:05
Die Herrschenden gaben nicht immer was dagegen. Siehe ABM, Siehe Abwrack-Prämie, siehe Konsumgutscheine, siehe "vorgezogener Ruhestand", sie Braunkohlesubventionen, etc.
Nur eines geht nicht: Das man sagt: Hey, gehn wir alle nach Hause, legen uns aufs Sofa ... das geht nicht. Denn damit haben wir alle ein moralisches Problem.
Georg5 schrieb am 25.02.2009 um 14:07
Du setzt die totale Individualisierung voraus.
Leben in Kommunen bzw. Familien sieht aber anders aus: ein Teil der Mitglieder macht Erwerbsarbeit, zahlt Steuern, bekommt Steuerabzüge für alle, die er mitversorgt, egal ob das die Oma, der Minderjährige, der geringverdienende Künstler oder der Langzeitarbeitslose ist. Wie die Gruppe das dann unter sich regelt, also, wer den Müll wegbringt, bleibt den Mitgliedern selbst überlassen.
Dass Abhängigkeiten entstehen lässt sich nicht leugnen, aber die entstehen auch bei jahrelanger Zugehörigkeit zu ein und derselben Firma.
Funktioniert jedoch nur bei langfristigen, also nachhaltigen Bindungen. Ist kein gangbarer Weg für Beziehungshopper. Darauf hat schon Rene hingewiesen.
Es ist allerdings notwendig, dass wir darüber nachdenken, denn die vielgepriesene Erwerbsarbeit reicht nur dann für alle, wenn jeder eine Prämie dafür bezahlt, dass die hergestellten Produkte so schnell wie möglich wieder zerstört bzw. verschrottet werden.
nbo schrieb am 26.02.2009 um 20:46
auch wenn die idee des BGE auf den ersten blick sympathisch ist, rührt sie nicht automatisch an einem anderen, wie ich finde, wichtigeren problem: lohnarbeit und eigentum an den produktionsmitteln, beides voraussetzungen für kapitalakkumulation. also dann doch lieber gleich die wurzeln des übels anpacken.
Berlinerjung schrieb am 28.02.2009 um 01:42
Natürlich sollte es als fernes Ziel der Menschheit bestehen bleiben, den Tag zu erleben, an welchem Geld keine Bedeutung mehr hat! Allerdings zeigt doch ein Blick in die Geschichte, leider, das gesellschaftliche Veränderungen immer nur in relativ kleinen Rahmen stattfinden (global gesehen). Einige sehr bedeutende, wie z.B. die Anerkennung des Wahlrechts der Frauen oder das Verbot des Sklavenhandels, liegen geschichtlich betrachtet, erst wenige Jahre zurück und sind selbst heute noch keinesfalls weltweiter Usus. Von daher stellt das, was wir hier als 'BGE' diskutieren, auch nur einen ersten Schritt dar, jedoch einen notwendigen, ohne den wir das ferne Endziel wohl nie erreichen werden. Bedenke der alten Weisheit, 'Tue den zweiten Schritt nicht vor dem Ersten'.
Wolfgang Ratzel schrieb am 02.03.2009 um 09:22
Ich muss hier-und-heute überleben, und will morgen (am besten ab sofort) anders leben. Diese zwei Perspektiven sollte man nicht gegeneinanderstellen, sondern muss sie miteinander verbinden: also bedarfsgerechtes Grundeinkommen im kapitalistischen HIER-UND-HEUTE plus Transformation kapitalistischer Lebens- und Produktionsweise morgen.
Und: Die Idee des BGE rührt nicht nur nicht an den Problemen Lohnarbeit und Privateigentum an Produktionsmitteln, sie befreit sogar den Kapitalakumulationsprozess von allen sozialen Bindungen. Lies mal das Buch des BGE-Superstars Götz Werner: „Einkommen für alle“ (wird gerade bei Jokers für glaube ich 5 Euro verramscht). Da wird Dir’s übel: Keine Kapitalsteuern; BGE als flächendeckender Kombilohn (d.h.: das Grundeinkommen wird mit dem Lohn verrechnet); nur noch eine Teilkasko-Krankenversicherung; kein System der sozialen Sicherung mehr; Finanzierung nur noch über eine riesige Mehrwertsteuer, d.h.: die breite Bevölkerung bezahlt ALLE Steuern. Summa summarum: Die BGE-Gesellschaft vollzieht sich als vollkommen asozialer Kapitalismus; ganz Deutschland wird zu einer einzigen Sonderwirtschaftszone. Aber auch die anderen medienwirksamen BGE-Modelle (Straubhaar-, Althaus-Modell) gehen in diese Richtung.
Jörg Melz schrieb am 27.02.2009 um 12:13
Das Thema BGE wird u.a. aus vollkommen unterschiedlichen Interessenlagen betrachtet und kommentiert, so als wäre der persönliche Lösungsansatz bei Hartz IV gleichbedeutend mit einem gesamtgesellschaftlichen Lösungsansatz. Das ist er in der Regel nicht - so auch hier.
Im Unterschied zur relativen Vollbeschäftigung beruht Massenarbeitslosigkeit nun mal auf der Ungleichverteilung der vorhandenen Arbeit. Die relative Gleichverteilung von Arbeit löst aber nicht das Problem, wenn Menschen sich der Erwerbsarbeit komplett oder zeitweilig entziehen wollen und dafür eine Einkommenslösung suchen. Deshalb ist der Appell an das Solidarverhalten oder eine Rechte-Pflichten-Balanz an dieser Stelle meist sinnlos.
Menschen, die ohne Not und freiwillig auf Kosten der Arbeit anderer Menschen leben wollen, müssen diese Haltung verschleiern. Dabei unterscheidet sich die Wahl der Argumente zwischen wirtschaftlich erfolgreichen und wirtschaftlich erfolglosen Menschen meist deutlich – lediglich beim BGE nähern sie sich an.
Ich halte es nun einmal für zwingend geboten, dass die potentiell abhängig Beschäftigten den kleinsten gemeinsamen Nenner dafür finden, welche Rechte und Pflichten - möglichst gleich verteilt - für alle gelten sollen. Da das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA für 2008 nur 30,31 Wochenstunden für alle Beschäftigten angibt, wäre bei einer relativen Gleichverteilung von Arbeit analog der sechziger Jahre genügend Zeit zum „malen, singen und lachen“ gegeben, weil unter Einbeziehung der Arbeitslosen jeder täglich nur 5 Stunden arbeiten müsste.
Dabei bleibt Erwerbsarbeit für die meisten Menschen eine harte und unangenehme Form des Einkommenserwerbs. Aber das kann man 5 Stunden am Tag aushalten – wenn es denn dazu kommt ...
Verfolgen wir gleichzeitig mehrere Lösungsansätze, werden wir weiterhin nichts erreichen.
Wolfgang Ratzel schrieb am 02.03.2009 um 09:24
Die Umverteilung der Lohnarbeit ist eine wichtige Perspektive. Aber Massenerwerbslosigkeit entsteht nicht ursächlich aus der Ungleichverteilung von Lohnarbeit. Sie entsteht aus den systembedingt-„notwendigen“ Rationalisierungsprozessen. Der einzelne Unternehmer MUSS bei Strafe seines Untergangs immer kostengünstiger produzieren; das führt auf der Ebene der Betriebe zu Stellenkürzungen, die sich insgesamt zur Massenerwerbslosigkeit summieren.
Warum aber haben die UnternehmerInnen wenig Interesse an Teilzeitarbeit, obwohl die TeilzeitarbeiterInnen effektiver arbeiten als VollzeitarbeiterInnen? Wer Vollzeit arbeitet, hängt mehr am Unternehmen; er kann besser regiert werden. Wer Teilzeit arbeitet, fühlt sich in der Firma eher „auf Besuch“. Kaum ist er drin, ist er auch wieder draußen.
Da Vollzeitarbeit parallel zur Massenarbeitslosigkeit weitergeht, müssen zwei politische Perspektiven GLEICHZEITIG verfolgt werde: Kampf für ein bedarfsgerechtes Grundeinkommen plus Arbeits- Stellen- und Bildungsgarantie plus gesetzliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden und darunter.
Wolfgang Ratzel schrieb am 27.02.2009 um 19:00
Die Kommentarflut hat mich überwältigt! Man merkt einfach, dass es um existenzielle Fragen geht! Mein Problem: Ich war weder mental noch internet-technisch auf diese Flut vorbereitet. Mein Telekom-Analoganschluss mit Modem und Call-by-call-Internet ersetzt halt doch nicht DSL. Außerdem war mein Safari nicht FREITAG-komapatibel; ich musste mich erst von berufener Hand einweisen lassen; deshalb die verzögerten Antworten.
Idee: Vielleicht wäre ein Blog „Kritik der Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens“ sinnvoll, damit die Debatte nicht im Off versickert??? Was meint ihr?
Klaus.Fueller schrieb am 01.03.2009 um 11:10
Es ist inzwischen völlig üblich, Menschen zu beschäftigen, ohne ihnen einen Lohn zu bezahlen, mit dem diese Menschen sich - geschweige denn eine Familie - überhaupt ernähren können. Ich rede vom physischen Existenzminimum! Man kann von 5-6 Euro pro Arbeitsstunde in diesem Land nicht leben, wenn man 40 Stunden in der Woche arbeitet. Ich rede von der Reproduktion der Ware "Arbeitskraft".

Nun gibt es Drogerien und Supermärkte, Frisöre und diverse "Shops", die ihrem "Team" gerne weniger - viel weniger - zahlen möchten. Sie interessiert es nicht, dass die beschäftigten Menschen mit diesen Löhnen ihre Arbeitskraft nicht reproduzieren können. Erst recht können sie keine Kinder großziehen oder für Notfälle vorsorgen. Der einzelne "Unternehmer" zwingt also seine Leute in die Not, der Staat sorgt für die entsprechenden entwürdigenden Begleitumstände. Dieses Problem (für den "ideellen Gesamtkapitalisten") ist nun erkannt. Der Niedriglohnsektor lässt sich nicht beliebig ausdehnen.

Und da kommt nun das "bedingungslose Grundeinkommen" ins Spiel. Eine pfiffige Idee, hat die eigentlich schon jemand patentieren lassen? Die Allgemeinheit zahlt - unter welchen Detailbedingungen auch immer - jedem (Bürger oder Menschen?) seine Grundbedürfnisse, so dass diese nun wirklich freien Individuen sich zu jedem noch so niedrigen Lohn verdingen, um ihr "Grundeinkommen" aufzubessern.

Nun können also die Drogerien und Supermärkte, Frisöre und diversen "Shops" hemmungslos ihre "Kräfte" für einen Euro pro Stunde beschäftigen und deren Arbeits- und Lebenszeit grenzenlos nutzen - Die Kosten für die Reproduktion der Ware "Arbeitskraft" wird auf die Allgemeinheit abgewälzt, wie schon die Kosten für die Erhaltung der Umwelt, für die Infrastruktur, für ...

Den Erfindern des "Bedingungslosen Grundeinkommens" gebührt der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, vielleicht gemeinsam mit den Erfindern der "Bad Bank" und den Erfindern des ersten Investment-Zertifikats.
rene schrieb am 01.03.2009 um 14:54
Sie haben mich überzeugt. Allerdings noch nicht ganz davon, dass eine Gruneinkommen generell schlecht ist, sondern davon dass es je nach dem in welchen Kontext es gesetzt wird den Interessen verschiedener Gruppen entgegen kommen kann.
Das heißt nach ihrer Argumentation: Grundeinkommen nur in Kombination mit einem Mindestlohn.

Aber dann ist das von Ihnen vorgestellte Problem doch schon gelöst oder? Oder hab ich ein weiteres Argument übersehn?
.

Wolfgang Ratzel schrieb am 02.03.2009 um 09:42
Vollkommen einverstanden mit Deiner Argumentation, Klaus! Ich wollte nur noch hinzufügen, dass das bedingungslose Grundeinkommen noch ein zweites Ziel verfolgt: Die kostengünstige Aufbewahrung der Kolleginnen und Kollegen, die man nicht mehr für den Produktionsprozess braucht; also so eine Art moderne „Brot-und-Spiele“.
Ich sehe das wie rene: Der Kampf für einen existenzsichernden Mindestlohn muss verbunden sein mit der Forderung nach einem Grundeinkommen, und darüber hinaus nach einer Arbeits-, Stellen-, und Bildungsgarantie für alle Arbeits- und Bildungswilligen. Das Paket sollte aus diesen drei Bestandteilen bestehen.


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