Positionen

Gastkommentar | 15.05.2009 09:57 | Otto Köhler

Beim Geld abheben – erschossen?

Die Commerzbank weiß, wie sie durch die Wirtschaftskrise kommen will: Sie setzt auf militärische Stärke. Die Idee kommt von einem engen Berater der Kanzlerin

Welche Freude: die in tiefroten Zahlen sitzende Commerzbank sagt für die Hauptversammlung an diesem Freitag ihren Aktionären eine rosige Zukunft voraus. Bis zum Jahr 2012 wird sie, das ist gewiss, wieder zwölf Prozent Rendite machen. Und im Privatkundengeschäft will sie Ackermann von der Deutschen Bank sogar mit 30 Prozent Rendite übertreffen.

Dafür danken wir Steuerzahler recht herzlich. 18,2 Milliarden Euro haben wir der gierigen Großbank unter der Peitsche des gegen nahezu jedermann strengen Finanzministers Steinbrück in den Schlund geschoben. Weitere Milliarden müssen folgen, wenn demnächst ihre hemmungslose Expansion nach Osteuropa unter der Krise zusammenbricht. Aber der Commerzbank kann nichts passieren. Sie ist die systemische Bank schlechthin. Sie ist das, was diesen Staat im Inneren zusammenhält: Sie ist die Militärbank der Bundesrepublik Deutschland.

Acht Wochen nach der öffentlichen Hauptversammlung findet vom 8. bis zum 10. Juli mehr im Verborgenen das wichtigere Ereignis statt: der Celler Trialog zwischen Wirtschaft, Banken und Bundeswehr. Ausgerichtet von der 1. Panzerdivision und unter Führung der Commerzbank treffen sich nun schon zum dritten Mal „hochkarätige“ Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Bundeswehr, um die bundesdeutsche Gesellschaft militärisch zu durchdringen.

Initiator des Ganzen ist der ehemalige Vorstandssprecher und nunmehrige Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, ein enger Ratgeber der Bundeskanzlerin. Er weiß, um was es geht: Die „Mannschaftsleistung der Bundeswehr” verdiene mehr Wertschätzung, mehr Unterstützung – ideell, „aber auch materiell!” Schließlich erfordere der Bau eines Autos heute allein 40 Rohstoffe. Und zu deren Sicherung weilt die Bundeswehr am Hindukusch.

Mit dem Celler Trialog wurde auch eine „Initiative zwecks Förderung der Reservisten in Industrie und Wirtschaft” zur „Intensivierung der zivil-militärischen Zusammenarbeit” gestartet. Was sich da alles tun lässt, das hat Klaus-Peter Müller – er ist selbst auch Oberstleutnant der Reserve und Träger der höchsten Auszeichnung („Ehrenkreuz in Gold“) – in einem vertraulichen Briefing für Generale und Offiziere der Bundeswehr vor der Führungsakademie der Bundeswehr erläutert.

Das war noch vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Doch der enge Vertraute von Angela Merkel kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, erkannt zu haben, wie „besorgniserregend“ schon im Januar 2007 das „Wohl und Wehe der Vereinigten Staaten von der Bereitschaft weltweiter, vor allem asiatischer Investoren abhängt, ihr Geld in den USA anzulegen“. Jetzt ist die Krise da, und die Chinesen wollen sich inzwischen von der Leitwährung Dollar verabschieden.

ANZEIGE

Müller regte damals vor der Führungsakademie Vorkehrungen gegen soziale Unruhen an, er warb für eine noch engere Zusammenarbeit in Zeiten, in denen die „Funktionsfähigkeit des Finanzsystems“ bedroht ist. Der Ehrenkreuzträger vor den Generalen der Führungsakademie seinerzeit ahnungsvoll: „Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Run auf die Bankschalter und zum Zusammenbruch der gesamten Geld- und Währungsordnung.“

Dafür hat der Reserve-Oberstleutnant an der Spitze der Commerzbank vorgesorgt: „Im Rahmen der militärisch-zivilen Zusammenarbeit ist einer unserer Mitarbeiter im Range eines Majors d. R. einer von drei Offizieren des Kreis-Verbindungskommandos Frankfurt, das bei Krisen die Unterstützung der Bundeswehr für die Stadt Frankfurt koordiniert.“

So zahlen wir mit unseren 18,2 Milliarden auch dafür, dass wir von der Bundeswehr erschossen werden, wenn wir im Fall der verschärften Krise zum Bankschalter rennen, um das Geld abzuheben, das wir einmal bei der Commerzbank eingezahlt haben – leichtsinnigerweise.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.05.2009 um 13:31
Lieber Otto Köhler, vielen Dank für diesen Artikel und alle vorangegangenen, die Sie für den Freitag geschrieben haben. Hoffentlich bleiben Sie dieser Zeitung noch lange als Autor erhalten bzw. werden von ihrer Redaktion als solcher geschätzt. Andernfalls fehlte wieder ein Argument, Lese-Zeit und Abo-Geld noch aufzubringen. Alles Gute!
Streifzug schrieb am 15.05.2009 um 14:09
Welche Wohltat - mehr solcher Artikel.

Langsam geht es auch dem treusten Michel auf, worum es beim Einsatz der Bundeswehr im Inneren wirklich geht.
Knüppel schrieb am 15.05.2009 um 14:29
"(...) Müller regte damals vor der Führungsakademie Vorkehrungen gegen soziale Unruhen an, er warb für eine noch engere Zusammenarbeit in Zeiten, in denen die 'Funktionsfähigkeit des Finanzsystems' bedroht ist ..."

In der Tat ein beunruhigender Artikel, lieber Otto Köhler!
Wie ätzte doch die taz bereits vor einiger Zeit: "DER BUNDESWEHR-EINSATZ IM INNERN WIRD IHNEN PRÄSENTIERT VON KROMBACHER ..." Ich vermute denn auch, dass "die Deutschen" sich lieber gemütlich zurücklehnen werden, ihre Flasche Bier köpfen und sich - soufliert von Bild-Zeitung, Focus usw. - über "Krawallbrüder" aufregen, die ihre Gemütlichkeit stören. Das ganze dann als "Entertainment" mißverstehen und noch nicht einmal "aufwachen", wenn sie plötzlich selbst "im Fadenkreuz" stehen.
WELCOME TO THE BRAVE NEW WORLD.
Knüppel

P.S. Wie weit sind eigentlich die Bestrebungen gediehen, das Trinkwasser kontinuierlich mit "Beruhigungsmitteln" anzureichern?
Bildungswirt schrieb am 15.05.2009 um 19:11
Kann man das Argument auch umdrehen? Auch in der Krise rennt keiner zum Bankschalter, dafür lösen wir die Bundeswehr auf? Naja, sagen wir realistisch als reine "Verteidigungsarmee", wir reduzieren um 50%? Und alle schlafen etwas ruhiger weiter.
Grüße BW
mh schrieb am 16.05.2009 um 10:23
das steuergeld wurde mehr für rettung der dreba und die bewahrung der allianz aufgebracht und im zuge des gesamtkonzeptes dann als rettung der coba dargestellt. ähnlich läuft es bei der hypo real estate, auch hier hätte die allianz und ein großteil der bürger erhebliche schäden davon getragen.

ob das alles nun gut oder schlecht ist, darüber könnte man streiten .. tut man aber nicht, da man es nur als aufhänger nutzt um gegen andere dinge zu polemisieren.

die finanzkrise, und in folge dessen die wirtschaftskrise, war länger abzusehen. jeder der sich mit der materie beschäftige, wusste es. ein bankvorstand sollte sich mit der materie befasst haben und den markt kennen, wer kann es ihm verdenken?

wenn man dinge absehen kann, kann man sich mit ihnen beschäftigen und folgen, die sich aus ihnen ergeben, abschätzen. ein run auf banken, in einer finanzkrise, war bis dato ein üblicher vorgang. das zu erwarten, dafür musste man nicht sonderlich intelligent sein. die geschichte wies den weg.

an diesem punkt kann man sich entscheiden, ob man das alles ignoriert oder nach lösungen sucht. fakt ist, dass unzufriedene menschenmassen dazu neigen ihrer unzufriedenheit ausdruck zu verleihen. nicht immer mit friedlichen mitteln, aber mit einem hohen maß an dynamik und niedergerissenen schranken.

ebenso fakt ist, dass unsere polizeikräfte nicht die kapazität hätten sich dem entgegen zu stellen. es bleibt als simpelste aller lösungen dann nur die bundeswehr.

der gedankengang, also der lösungsansatz, ist so dermaßen unspektakulär .. es bedarf schon eines hohen maßes an paranoia um hier gezieltere absichten zu unterstellen oder gar verschwörungen von interessenverbänden zu vermuten.

die wahrscheinlichkeit, am bankschalter erschossen zu werden, ist gering. die chance steigt, wenn man vorhat den bankschalter nieder zu brennen.
A R K schrieb am 08.06.2009 um 14:33
Panikmache unter Vorgaukelung falscher Tatsachen

In diesem Land gibt es eine mittlerweile lange Tradition der Ablehnung des Militärs. In Anbetracht der Geschichte Deutschlands und des unsäglichen Erbes von Drittem Reich und Wehrmacht ist das durchaus verständlich und eine gewisse kritische Grundhaltung auch nicht verkehrt.

Andererseits bringt es auch kaum eine Bevölkerung eines Landes mit derartiger Konsequenz fertig, die Leistungen und den Wert ihrer Streitkräfte und Soldaten derart zu ignorieren oder schlimmer noch - pauschal zu verurteilen - wie die deutsche Bevölkerung.

Die Bundeswehr hat eine mittlerweile lange Tradition demokratischer Existenz in unserer Gesellschaft und eine ebenso lange, im Ausland allenthalben mit Respekt und Zustimmung beachteter, Wirkung in ihrem Aufgabenfeld. Es ist eigentlich an der Zeit das unsere Bevölkerung die Schatten der Vergangenheit ruhen lässt und ihre Soldaten so beurteilt und achtet, wie ihnen dies zukommt.

Doch ein solches Umdenken kommt nicht von alleine und braucht das Engagement gerade von Führungspersönlichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft. Von daher kann der vom des Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank initiierte Dialog nur positiv bewertet werden und hat nichts - aber auch gar nichts - mit dem zu tun, was ihm hier unterstellt wird.

Wer sich mit der freiwilligen Reservistenarbeit beschäftigt und von daher das Konzept der Zivil-Militärische Zusammenarbeit kennt, der weiß unter welchen rechtlichen Voraussetzungen hier welche Arbeit geleistet werden soll und kann. Es geht hier um Katastrophenschutz und die Angehörigen der ZMZ-Stäbe - allesamt Reservisten - sind Verbindungsglied zur Bundeswehr. Sie informieren den zuständigen Katastrophenschutzleiter darüber, ob und welche Möglichkeiten die Bundeswehr zur Unterstützung hat. Sie haben weder Zugriff auf Bundeswehreinheiten noch Befehlsgewalt. Allein die Tatsache, dass ein Reserveoffizier der Commerzbank Mitglied des ZMZ-Stabes des KVK Frankfurt ist, bedeutet also noch lange nicht das er bei Unruhen den Einsatz der Bundeswehr vor den Bankschaltern befehlen könnte.
Ein solcher Einsatz wäre nach bestehenden Gesetzen nur dann möglich, wenn die gesamten Polizeikräfte eines Bundeslandes incl. die Bundespolizei der Lage nicht mehr Herr würden, die Aufständischen organisiert UND militärisch bewaffnet wären. Er wäre nur auf Anforderung des betroffenen Landes möglich und müsste von der Bundesregierung angeordnet werden. Selber könnte die Bundesregierung den Einsatz nur anordnen, wenn mehr als ein Bundesland betroffen ist. Und der Einsatz wäre auf Verlangen von Bundesrat ODER Bundestag sofort einzustellen. (§ 87a Abs. 4 GG)

Beachtet man all dies, entlarvt sich der Artikel von Otto Köhler als das was er ist - eine Panikmache unter Vorgaukelung falscher Tatsachen, mit Verknüpfung nicht zusammengehöriger Inhalte und bei Unterstellung von Absichten, die so nicht bewiesen sind.

A R K


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Linke Mitte

portlet_linkeMitte.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG