Positionen

Kirche | 03.02.2010 12:00 | Axel Brüggemann

Der Geist ist geil ...

... aber der Körper auch. Nach der Aufdeckung der Missbrauchfälle in Berlin: Die Kirche muss endlich der Kreatur gerecht werden.

Die Missbrauchsfälle im Berliner Jesuiten-Kolleg beweisen, wie schwach der Körper im Angesicht einer rigiden geistigen Moral wird. Bei seinem Amtsantritt mahnte Papst Benedikt den Jesuitenorden zu bedingungsloser Treue. In einem Brief schrieb er: „Um der ganzen Gesellschaft Jesu eine klare Ausrichtung zu geben, wäre es heute wie noch nie nützlich, wenn die Generalskongregation ihr vollständiges Festhalten an der katholischen Lehre bestätigt, besonders in einigen neural­gischen Punkten [..] wie zum Beispiel […]der Sexualmoral, besonders, was die Frage der Unauflöslichkeit der Ehe und die Pastoral für die homosexuellen Personen betrifft.“

Kein anderer Orden hat die katholische Kirche im Laufe der Geschichte durch Neudenken und durch seine Liberalität derart herausgefordert wie die Jesuiten. Sie haben einen wesentlichen Anteil daran, dass moderne Philosophie in den katholischen Bildungs­kanon aufgenommen wurde. Ihr dialektisch weltoffenes Denken hat selbst Kirchenkritiker dazu gezwungen, sich klüger mit der Rolle der Religion in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Umso erschreckender, was geschah. Dass erst heute herauskommt, wie Pädagogen des Jesuiten-Ordens Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin in den achtziger Jahren missbraucht haben, zeigt, wie weit Geist und Körper, Wort und Tat unter Gottes Himmel auseinanderliegen.

Der eigentliche Skandal besteht neben den Missbräuchen darin, dass sie trotz zahlreicher Hinweise nicht aufgeklärt wurden. Sowohl der Jesuitenorden als auch die katholische Kirche haben Hilferufe des Schulrektors, von Schülern und selbst die Beichte eines der Täter unverfolgt gelassen.

Jede moralische Institution hat per Definition eine Sollbruchstelle: die Verkörperung der eigenen geistigen Moral. Und es gehört zur Erfolgsgeschichte der katholischen Kirche, dass sie diese Schwachstelle ausgeschaltet hat. Früher wurden Verfehlungen durch Ablassbriefe, heute werden sie durch eine einfache Beichte vergeben. Der starke Geist siegt über den schwachen Körper. Diese jenseitige, inhärente Rechtsmoral macht es möglich, dass einer der mutmaßlichen Täter heute behaupten kann, vor Gott mit sich im Reinen zu sein.

Dass Benedikt den Jesuiten Treue ins Stammbuch schrieb und besonders auf die christliche Sexualmoral pochte, zeigt, dass eine radikale Doktrin weniger zur Treue als viel mehr zum Verrat anregt. Kirchenfonds für Priester-Kinder, der bigotte Umgang mit den Holocaust-Leugnern der Pius-Brüderschaft und das Vertuschen von Missbrauchsfällen lässt die Kirche nicht an ihrer göttlichen Mission, sondern an Gottes schwachen Kreaturen scheitern. Und der wahre Skandal ist, dass die Kirche sie in ihrer Philosophie nicht mitdenkt. Eben, Geist ist geil, doch der Körper ist geiler.

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Jesus rief dem aufgebrachten Mob bei einer Steinigung zu, dass jener, der ohne Sünde sei, den ersten Stein werfen solle. Seit Jahrhunderten wirft die Kirche als moralische Instanz mit Steinen um sich. Mehr noch, sie hat vom Kindergarten bis zum Gymnasium einen Großteil der moralischen Prägung unserer Gesellschaft übernommen.

Das deutsche Strafgesetzbuch ist (ganz im christlichen Sinne) auf die Einsicht und Besserung von Sündern ausgelegt – und schließlich auf Vergebung durch die Sühne. Die Selbstjustiz der Kirche unterscheidet sich von der Moral des säkularen Rechts lediglich nur, indem sie auch die Schwäche des Körpers ahndet und ihn zum Einklang mit dem Geist bringen will. Aber selbst die Kirche darf das weltliche Recht von Sünde und Strafe nicht in Frage zu stellen oder ins Jenseits zu verschieben – erst recht nicht, indem sie die Moral des Geistes über jene des Körpers stellt.

Geist ist geil, der Körper geiler: Die Kirche muss endlich der Kreatur gerecht werdenAxel Brüggemann über die Missbrauchsfälle bei den Jesuiten

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ludwig Hasselberg schrieb am 08.02.2010 um 13:31
Was ich an diesen Fällen am unglaublichsten fand und was ich nach wie vor noch nicht ganz begreife: wie kann sich institutionell zumindest gedeckter wiederholter Missbrauch in einer Großstadt wie Berlin (mit nicht gerade kirchenfreundlichem Milieu, mit durch ständige Inanspruchnahme geschulte Strafverfolgungsbehörden, und mit der Unmöglichkeit etwas länger zu verbergen) ereignen bzw. vertuschen lassen? Oder war das West-Berlin der 80er da irgendwie anders?

Wie stellt die Kirche es an, dass sie endlich der Kreatur gerecht wird? Sind damit die üblichen Forderungen gemeint? Verbirgt sich die Antwort in dem Verhältnis von "Moral des Geistes" zu "Moral des Körpers"? Es ist wenig konkret.
Axel Brüggemann schrieb am 08.02.2010 um 18:06
Lieber Ludwig Hasselberg, gemeint ist, dass es doch absurd ist, das Kreatürlich am Menschen als Sünde zu erklären - und dadurch gerade die Geheimniskrämerei zu fördern. Das erklärt vielleicht auch unser Erstaunen darüber, dass all das auch in Berlin möglich ist: Die Drohgebärde der Sünde (und ihrer Folgen) führt dazu, dass die katholische Kirche ihre eigene Rechtssprechung pflegt - eben nicht öffentlicht. Seit Jahrtausenden ist - glaube ich - das eines der größten Machtinstrumente, und, ja, es serschreckt, dass es auch heute noch, im aufgeklärten Berlin und anderswo, funktioniert.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 09.02.2010 um 09:02
Pädophil sind Menschen aus allen sozialen Schichten. Es ist eine seelische Störung, die nicht heilbar ist & sich bereits in sehr jungen Jahren entwickelt / entwickeln kann.
Auch Sadismus ist eine seelische Störung. Und auch Sadismus gibt es in allen sozialen Schichten.
Für beides gilt: Überall auf der Welt.

Pädophile finden wir natürlich in allen Bereichen, in der Kinder sind / wo mit Kindern gearbeitet wird.
Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Weil pädagogisch geschulte Persönlichkeiten, Eltern oder "Respektspersonen" die Opfer & ihr Unrechtsbewusstsein manipulieren. Auch auch, weil sich Familienangehörige schämen & die Schuld auch beim eigenen Kind suchen.

Diese Verbrechen betreffen also nicht nur & auch nicht überproportional die Katholische Kirche.

In einem Teil meiner Familie war es üblich, die Mädchen in eine Klosterschule zu schicken. Geschadet hat es nicht. Nonnen oder tiefgläubige Christinnen sind es nicht geworden.

Niemand wird gezwungen im Zölibat zu leben. Wer das nicht kann, wechselt seinen Beruf. Darüber wird nicht groß berichtet. Auch nicht darüber, dass es sehr weltliche Mönche gibt. Auch in habe einen Mönch in meinem Bekanntenkreis. Auf der Straße würden Sie ihn aber nicht als solchen erkennen. Er trägt keine Kutte.

Für Menschen die keinen Zugang zur Religion haben, sind die Rituale der Kirche nicht zu verstehen.

Bedenken sollten alle Kritiker, dass die Kirche über Grenzen hinweg, dazu in der Lage ist eine Gemeinschaft zu bilden. Und sehr vielen Menschen Halt & Trost gibt.

Die Verbrechen an den Kinder sind schrecklich. Egal ob Kirchenfuzzi oder Sportlehrer an einer öffentlichen Schule.
Axel Brüggemann schrieb am 13.02.2010 um 21:02
Chrismar, ja - und nein! Perversionen an sich sind wunderbar! Der von Ihnen zitierte Sadist, der in einer SM-Session einen anderen Erwachsenen quält - wunderbar! Und, ja, Erwachsene haben das Recht, Erfüllung zu finden: Auch in der Kirche. Auch im Zölibat. Egal. Pervers wird es nur, wenn Sie etwas ohne das Einverständnis anderer tun. Und der Unterschied zwischen einem Sportlehrer und einem Priester ist, dass der Sportlehrer direkt zur Rechenschaft gezogen wird, sich über den Priester nicht bei der Staatsanwaltschaft sondern bei der Kirche beschwert wird - weil die Kirche in den Kategorien von Schuld und Sühne selber richten will.
Und darum geht es: Jeder Mensch soll seine Erfüllung fnden, ohne anderen zu schaden. Die Katholische Kirche sieht das anders: Während sie erwartet, dass alle das Zölibat verstehen, disktiminiert sie Schwule, sexuelle Ausschweifungen etc.
Das ist die Bigotterie, die ich nicht verstehe - die Nichtakzeptanz der Kreatur.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.02.2010 um 09:36
Lieber Herr Brüggeman,
ihr Kommentar wirkt auf mich so weltfremd. Ein bißche naiv. Nicht unsympathisch. Aber das macht es ja nicht besser.

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass jeder Perversion auch ein Recht auf Erfüllung hat. Das sehen Mensche wie Sie oder der Menschfresser Mewes aus Rothenburg sicherlich anders.

Es wäre ja auch sehr schön, wenn Perverse unter sich blieben. Aber das ist leider jenseits der Realität. Sadismus, eine schwere seelische Störung hat keinen An-Ausschalter. Das sollte eingentlich jedem klar sein.

Den Sportlehrer habe ich nicht einfach so gepostet. Wir hatten so einen an der Schule. Selbstverständlich haben sich Eltern & Kinder damals bei der Schule beschwert. Das war ein Fehler. Die hätten gleich bei der Polizei eine Anzeige stellen sollen. Das wussten die nicht. Die hatten der Behörde vertraut.
Der Spotlehrer blieb straffrei. Er wurde lediglich an eine andere Schule versetzt. Eine gängige Praxis.

Wer & in welcher Form sich in der im Blog beschriebenen Geschichte an wen gewandt hat, können wir alle noch nicht beurteilen. Offensichtlich wurden die Leute aber tätig.

Vielleicht wäre es ein Weg, Kindern ein Selbstbewusstsein Erwachsenen / Lehrern gegenüber zu vermitteln. So wie mein Vater das uns gegeben hat. Er hat uns eingebleut: "Von einem Lehrer müsst Ihr Euch nix gefallen lassen." Mit dieser Haltung war ich nicht beliebt in der Lehrerschaft... dafür war ich sehr lange Klassensprecherin. Das ist ja auch was wert.

Religionen:
Mahamtma Gandhi lebte im Zölibat. Seine Tochter Indira war eine leibliche Tochter von Neru. Sie wurde von Gandhi adoptiert.
Persönlich kenne ich eine ältere Dame, welche "unberührt" ins Grab steigen wird. Irgendwie hatte ich nie den Eindruck, ihr wäre etwas entgangen.

Der Dalai-Lama lebt im Zölibat. Darüber regt sich auch keiner auf.

Die Kreatur
Selbst mein Hund ist nicht so horny, dass er andere Hunde vergewaltigt, quält oder gar mit Futter bezahlt damit er mal ran darf.
Diese Ausreden sind doch ätzend.

Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Geistes ist doch eine aufregende Reise.
Sex ist ein Spielzeug. Es kann natürlich auch eine Lebensaufgabe werden, jede Neigung auszuleben.
Ob sich das unbedingt förderlich auf die soziale Intelligenz auswirkt? Ob man dadurch einsam wir, weil sich keine Spielkameraden mehr finden lassen?
Oder ob man dann gewalttätig wird, weil kein Partner freiwillig mitmachen will?

Erbarmungswürdig. Auf so einen Triebstau kann ich gerne verzichten.


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