Ich blogge anonym aus Solidarität mit denen, die anonym bleiben müssen, um sich und ihre Familien zu schützen. Aus Solidarität mit China, Birma, Iran, Weißrussland und so weiter. Wobei man auch in Deutschland enorme Schwierigkeiten bekommen kann, wenn man zum Beispiel zu oft „gentrifiziert“ sagt. Wenn nur diejenigen anonym aufträten, die es unbedingt müssen, wären sie ein leichtes Ziel. Durch meinen bescheidenen Beitrag mache ich es den Verfolgern ein ganz kleines bisschen schwerer, hoffe ich. Peripatetik
Tag für Nacht führe ich ein Leben, dessen Teile zusammenpassen. Anordnung oder Gewichtung mögen variieren, immer bleiben es: Freunde, Familie, Arbeit, Kultur, Bildung. In diesem Rahmen bin ich den anderen vertraut, für sie auch berechenbar. Auf die Community hingegen hat die alltägliche Beurteilungs- und Bewertungsroutine keinen Zugriff. Hier gibt es keine Erwartungen an mich. Für mich ist das Internet eben nicht das sogenannte normale Leben, sondern ein Abbild davon, eine Spielart. So ist, was und wie ich hier schreibe, auch nur ein Abbild, eine Spielart von mir. Ich bin nicht anonym, sondern eine andere. kay.kloetzer
Den „Niemand“ gab es ja schon bei Homer. Und damit ist zur Berechtigung eines Anonymus in einer Herrschaftsgesellschaft schon alles gesagt. Namen sind PIN-Nummern, Namen sind Identifizierung. In einer Welt ohne Angst gäbe es keine Diskussion darum. Dennoch: Ich meine, wer nicht unter seinem Personalausweisnamen bloggt, den nehme ich auch nicht bei seinem Namen. Den nehme ich als Person, als Mensch, gar nicht wahr. Der vertritt sich nicht, der spielt. Letztlich mit mir. Rainer Kühn
Welchen Gewinn bringen Klarnamen überhaupt? In den meisten Fällen wird man das Community-Mitglied nicht kennen und auch nicht kennenlernen – insofern läuft Neugier auf Real-Life-Existenzen ins Leere. Und deutsche Namen sagen im Durchschnitt doch eher wenig über ihre Träger aus – im Gegensatz zu schottischen oder polnischen beispielsweise. Am Vornamen merkt man vielleicht noch die Geschmackssicherheit oder eventuelle Identitätsprobleme der Eltern, mehr aber auch nicht. Ludwig Hasselberg
Ich bin gerne anonym. Nicht, weil ich mich verstecken muss, sondern weil ich gerne kontrolliere, wer was erfährt. Im Zwischenmenschlichen des Internets funktioniert das eben so gut, wie es im Geschäftlichen nicht funktioniert, da man überall seine Daten hinterlassen muss. In der Diskussion ermöglicht die gegenseitige Anonymität der Nutzer eine Offenheit, die das Leben nicht bietet. Gerade wer in größeren Firmen arbeitet oder gearbeitet hat, wird irgendwann in seinem Leben festgestellt haben, dass er nicht prinzipiell offen sprechen kann, seine Meinung also diplomatisch einbringen muss oder gar nicht. Das Internet bricht diesen gesellschaftlichen Zwang zum Betrug und Selbstbetrug auf. MH120480
Meine Arbeit funktioniert nur, wenn ich dem Rollenideal meines Berufsstandes wenigstens in gewissem Maße entspreche. Das verlangt Anpassung, und die tut weh, mitunter sehr. Der Preis, den ich für meinen Beruf, den ich sehr liebe, bezahlen muss. Das Netz bietet mir die Möglichkeit, den Teil von mir, der sonst eher hinter meiner Rolle zurückbleiben muss, mehr zu leben. Der Raum, in dem ich wirklich privat sein kann, in dem ich wirklich ich sein kann, ist für mich sehr begrenzt. Sobald ich das Haus verlasse, bin ich eine öffentliche Person, quasi unter Dauerbeobachtung. Ich werde, im Positiven wie im Negativen, reduziert auf die Erwartungen, auf die Idealvorstellungen, die man von mir in meiner Rolle hat, auf ein bestimmtes Verhalten und Auftreten meiner Person. Nur Freundlichkeit, Verständnis und Mitgefühl habe ich natürlich nicht 24 Stunden am Tag parat. Das Netz gibt mir die Anonymität zurück, auf die eigentlich jeder Mensch ein Recht hat. Es gibt mir mich als Privatperson im öffentlichen Raum wieder. Titta
Anonym sind wir nur auf den ersten Klick. Danach spinnt sich ein Netz durch das Netz, dessen Fäden immer dichter werden. Aus diesem Datenkokon entschlüpft dann vielleicht irgendwo ein buntes Profil von mir. Wenigstens hab‘ ich dann aber Profil. Ich möchte meinen Namen für mich behalten, nicht meine Meinung. Da wir im Internet nur auf Wörter und Text reduziert werden, reduziere ich mich auf einen Namen, um Tante Google zu verwirren. Nicht jeder muss alles von mir wissen. Der kleine Nick(name) als Trumpf im beziehungsärmlichen Internet. Friedland
Ein „Nick“ gibt mir die Illusion von Kontrolle darüber, zu entscheiden, wer meine Meinung meiner Person zuordnen kann. Das ist natürlich so naiv wie davon auszugehen, eine abgeschlossene Tür würde vor Einbruch schützen. merdeister
Wer mich identifizieren will, kann das ohne weiteres. Wem das zu schwierig ist, dem muss ich keine unnötigen Rätsel aufgeben, da kommen dann nur falsche Schlüsse heraus. Mir ist lieber, man nimmt mich beim (geschriebenen) Wort, statt zu glauben, durch meinen Namen irgendetwas über dessen Sinn zu wissen, was nicht in meinen Texten steht. Weniger ist manchmal mehr – weniger Identität macht identischer. ChristianBerlin
Nun ist klar, dass es heute und zumal im Netz keine lupenreine Anonymität gibt. Für Schutz und Sicherheit sorgen die dafür zuständigen Institutionen bei Tag und Nacht. Namen sind nur kleine Masken. Sie können die Kommunikation fördern, weil die törichten Rücksichten und Verhaltensstereotype der Realwelt weniger wiegen oder wegfallen können. Im Übrigen gilt Shakespeare: What’s in a name? h.yuren
Warum wird eigentlich das Wort „anonym“ verwendet? Warum nicht der Begriff „Künstlername“ oder „Pseudonym“? (Kurt Tucholsky schrieb unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.) Liegt hier des Rätsels Lösung? Der Begriff „anonymer Blogger“ stellt eine unterschwellige Verbindung zum vermummten Urherberrechtsumgeher und Copyrightverächter her, der leichtfertig mit den frei verfügbaren so genannten „Qualitätsprodukten“ der Presse umgeht, ohne deren Eigentumsrechte zu achten. Der Blogger mit Künstlernamen oder Pseudonym wäre ein altbekannter geachteter Angehöriger der schreibenden Zunft. Streifzug
Klara, die Patronin der Wäscherinnen, Stickerinnen und Blinden (als Chiara dei Scifi), erscheint mir passend für eine, die Schreiben als dreckiges, dabei reinigendes (heiliges!) Handwerk betrachtet und sich nicht zu schade ist für blinde Flecken und allerlei schmutzige Wäsche. Klara stickt Zeichen, denn Texte sind Stoffe. Klara heißt wörtlich „die Leuchtende“, steht aber auch – wie jede Wahrheit und jeder Entschluss – für einen Verrat: Die später heilig gesprochene Klara von Assisi verließ ihre Familie gegen deren Willen, als sie mit Franziskus floh, sich die Haare scheren ließ und Nonne wurde. Im Netz bin ich Klara. klara