Wochenthema

Ehec zeigt: Auch auf Bio ist kein Verlass. Das Essen muss weg vom Fließband

Lebensmittel | 16.06.2011 08:00 | Kathrin Zinkant

Wohl bekomm's

Nach dem Skandal ist vor dem Skandal – daran hat sich nichts geändert. Die Hoffnung: Der Verbraucher passt schon auf sich auf. Das Problem: Das ist oft nicht möglich

"Menschenfleisch!", ruft der Angeschossene, als er aus der Menge getragen wird. Der verletzte Thorn, gespielt von Charlton Heston, hat herausgefunden, dass die einzig verbliebene Nahrung der überbordenden und hungernden Erdbevölkerung – das angeblich aus Soja (Soy) und Linsen (Lentils) gefertigte „Soylent“ – in der besonders begehrten grünen Variante „Soylent Green“ aus den Überresten von Verstorbenen gepresst wird. Eine Erkenntnis, die den Gejagten bis ins Mark erschüttert. Er glaubt deshalb, dass die Wahrheit selbst in der von Moral und Ethik weitgehend bereinigten Welt des Jahres 2022 noch einen wunden Punkt treffen muss. Er fleht, seine Entdeckung möge dem Informationszentrum übermittelt werden. Alle sollen es erfahren, auf dass sie sich wehren gegen das Unerträgliche – das doch unerträglich sein muss, sobald es Gewissheit wird.

Mal davon abgesehen, dass das Ende der Geschichte offen bleibt, muss, fast 40 Jahre nachdem Richard Fleischers Öko-Dystopie Soylent Green in die Kinos kam, jeder Vergleich mit diesem düsteren Szenario absurd erscheinen: Wir leben in einer Welt, in der die Industrienationen keinen Mangel an Lebensmitteln erleiden, in der der Verzehr selbst von tierischem Fleisch ethisch umstritten ist und in der frisches Gemüse zu Cent-Beträgen in den Discountern erhältlich ist. Die Ressource Nahrung ist global zwar heillos ungerecht verteilt, aber sie wird so rasch nicht versiegen. Menschenfleisch? Niemand muss an so etwas überhaupt nur denken.

Was man nicht mehr essen kann ...

Und trotzdem hat zuletzt ein Bakterium das ungute Gefühl befördert, dass in dieser satten Realität doch indirekt auf Kosten von Menschenleben gerechnet wird: „Verheerend“ nannte etwa der Vorsitzende des Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, die jüngsten Warnungen vor drei potenziell lebensbedrohlich verkeimten Gemüsesorten, die belgische Agrarministerin, Sabine Laruelle, kritisierte die Veröffentlichung von Verdachtshinweisen durch die deutschen Seuchenbeauftragten und die Bundesregierung gar als „leichtfertig“.

Was impliziert, dass man zugunsten eines profitorientierten Produktionssystems den Verdacht besser für sich behalten und das gesundheitliche Risiko für eine unbekannte Zahl von Menschen hätte hinnehmen sollen – obwohl bereits 36 Betroffene des Ehec-Ausbruchs ihr Leben gelassen haben wegen ein bisschen Gemüse. Auch wenn es letztlich wohl doch nicht die zunächst verdächtigen Gurken, Tomaten und Blattsalate waren: Sie hätten es sein können. Niemand wusste es vor zwei Wochen besser, die einzigen Indizien, die es gab – eine spanische Gurke mit Keimen, die geografische Verteilung der Fälle, mittendrin der Hamburger Großmarkt – wiesen auf die klassischen drei Salatzutaten als Bakterienträger hin, und nicht auf das relativ neumodische Sprossengemüse.

Warnungen, so darf man für die Zukunft lernen, widersprechen dem marktwirtschaftlichen Konzept von Nahrungsmittelherstellung. Und absolute Sicherheit, das ist von fast allen Beteiligten auch jetzt wieder betont worden, könne es bei Lebensmitteln doch gar nicht geben. Weder Gift, Krankheitserreger noch Betrug lassen sich vollständig vermeiden. Also soll der Konsument sich eben wappnen: Er soll sich nach der Herkunft seiner Lebensmittel erkundigen, soll alles über Nahrungskeime und -gifte wissen, er soll verstehen, wie sie durch Hygiene und Handhabe zu eliminieren sind, er soll Zutatenlisten lesen können und die unterschiedlichen Qualitätssiegel kennen, kurzum: Er soll ganz bewusst und eigenverantwortlich konsumieren – wie der informierte Patient im Gesundheitswesen, nur dass der im Supermarkt eben „mündiger Verbraucher“ heißt.

Doch diese Mündigkeit ist begrenzt. Wo ihre Grenzen liegen wird schnell offensichtlich: Wer sich nicht gerade beruflich mit der Produktion von Lebensmitteln befasst, beißt sich schon an den teils peinlichen Werbeversprechen großer Hersteller die Zähne aus. Und das, obwohl lokale Verbraucherschützer und die omnipräsente Organisation Foodwatch tapfer Hilfe leisten. Aber selbst die kratzen mit der Enthüllung der jämmerlichen Menge Erdbeerfasern im Fruchtjoghurt oder dem Nachweis von versteckten Geschmacksverstärkern in Gourmetsuppen nur an der Verpackung, die vermeintlich das Problem darstellt, aber tatsächlich nur die sehr dünne sichtbare Hülle des Missstands betrifft.

Denn wer kann an einem Sechserpack Bio-Eier, einem vakuumierten Kotelett oder an einem Plastikcontainer Gemüse schon ablesen, wie diese Nahrungsmittel wirklich hergestellt wurden – welchem Ökoreservat dafür Ackerland abgerungen wurde, was den Boden wuchsfreudig machte, woher das Saatgut, das Tier, das Futter stammte, welche Transportketten mit dem Produkt verbunden sind, unter welchen Bedingungen und auf welchen Umwegen Erntehelfer und Fließbandarbeiter in Marokko, Italien, Argentinien oder Niedersachsen die Produkte zum Verbraucher bringen – all das war und ist Teil der Nahrungsproduktion und bestimmt die Reichweite ihres Einflusses.

Eine Ahnung haben in den vergangenen Jahren Dokumentationen wie We feed the World oder Food Inc. zu vermitteln gesucht – aber die Verknüpfung zwischen dem Küken einerseits, das aus Gründen der Profitabilität bereits in seinen ersten Lebenstagen einmal um den halben Erdball reist, bevor es in einer Großmastanlage in Rekordzeit zur Schlachtreife gebracht wird, und andererseits der konkreten Hähnchenfiletroulade im Kühlregal für 1,59 Euro – er ist eben nicht sichtbar, weder für die Kunden, noch für die Kükensortierer, noch für die Rewe- oder Lidl-Händler. Und wenn etwas in dieser Kette passiert, wenn sich ein neuer Erreger einschleicht, ein Zulieferer schlampt oder mutwillig panscht, ist die Quelle für alle Betroffenen nur noch mit höchstem Aufwand auszumachen.

Und sollte es im Fall Ehec am Ende tatsächlich bloß der Biohof in Bienenbüttel gewesen sein, es stünde dazu nicht im Widerspruch, sondern wäre einfach nur ein großes Glück: Zum einen sind selbst die vermeintlichen Enklaven nachhaltiger Produktion längst globalisiert und spezialisiert. So hat der Bienenbüttler Hof einen erheblichen Teil seines Saatguts aus dem Ausland importiert. Im Kreis der engeren Verdächtigen waren vor Redaktionsschluss Keimlinge von Brokkoli, Bockshorn und Knoblauch, für die offenbar Samen aus China bezogen wurden und die – wer kauft schon einfach Bockshornsprossen? – in küchenfertigen Mischungen angeboten wurden. Dass die nicht weit genug kamen, um den Keim in noch größerem Umkreis zu verteilen, ist der geringen Größe des Betriebs zu verdanken und letztlich dem Zufall, denn dasselbe hätte in jeder konventionellen Gemüseproduktion passieren können, die nicht nur international importiert, sondern auch international kooperiert und ihre Produkte auch international liefert. Wieviele Menschen wären dann betroffen gewesen, wie lange hätte die Klärung der Infektionskette gedauert, wie wahrscheinlich wäre eine Klärung überhaupt noch gewesen? Und was hätte sie am Ende gebracht?

... darüber sollen wir nun schweigen

Betrachtet man die Konsequenzen, die aus der seit Jahrzehnten fortgesetzten Reihe von Infektionen und Giftskandalen gezogen wurden, dann wird offenkundig, dass der Verbraucher oft zur Unmündigkeit verdammt ist. Schließlich tut die Politik kaum mehr als augenfällige Schwachstellen zu korrigieren (siehe auch Kasten unten): Nach BSE wurden Tiermehle im Futter verboten, nach diversen Dioxinskandalen eliminierte man selektiv die jeweils ausgemachten Quellen – zuletzt das ins Legehennenfutter gepanschte Industriefett. Und künftig werden nach ersten Äußerungen von Ministerin Ilse Aigner wohl die Kontrollen für Sprossen und zugehöriges Saatgut verschärft. Was Wiederholungen des exakt selben Skandals unwahrscheinlich macht. Aber Massentierhaltung, industriell gebrautes Futter, der undurchsichtige Großanbau von Gemüse und Obst wachsen und gedeihen dennoch weiter, werden international immer komplexer vernetzt und halten die nächsten Krisen bereit, solange hier nicht grundlegend neu gedacht wird – langfristig, versteht sich, aber gegen die Lobbyverbände von Industrie und Agrarwirtschaft will sich die Politik offenbar nicht mehr erheben.

Welche dystopischen Zustände sich daraus in 40 Jahren ergeben könnten, diese Frage gilt es zu stellen. Forscher wie der amerikanische Astrobiologe und Paläontologe Peter Ward weisen darauf hin, dass der Mensch nach wie vor Gegenstand der Evolution bleibt. Er muss sich seiner Umwelt anpassen, und diese Umwelt ist eben nicht allein die viel zitierte „Natur“. Sie wird inzwischen maßgeblich durch den schnellen, von Menschen gemachten Fortschritt bestimmt. Dieser kann den körperlich schwachen Homo sapiens retten, aber nur dann, wenn der Mensch seine eigene Angreifbarkeit stets vor Augen hat. Spätestens, wenn dieser Überblick verloren geht, spielt unsere Spezies mit ihrem Leben.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Fred Thiele schrieb am 16.06.2011 um 12:06
Ein sehr ausführlicher und detaillierter Artikel, der jedoch im letzten Abschnitt schwächelt und das auf evolutorische Prozesse begründete Anpassungsdenken des sapiens sapiens mit dem abstrakten Begriff des "Fortschritts" als Urheber der Nahrungsmittel-Skandale, zuletzt EHEC, verantwortlich macht. Es wäre wichtig, den Umstand der Profitmaximierung, auf den im Text Bezug genommen wird, noch einmal und vorrangig als Urheber solcher Skandale hervorzuheben. Es ist stattdessen jene komplexe Problematik, die sich aus der kapitalistischen Profitmaximierungsstrategie ergibt, die es nicht zulässt, dass die Menschen, die zum größten Teil eine Ausgabenminimierungsstrategie fahren müssen, zur teureren, aber ökologisch im Sinne einer für sie selbst und für die Umwelt nachhaltigeren Ernährungsform zu gelangen.

Es erscheint weiterhin notierenswert, dass diese Ausgabenminimierungsstrategie schließlich noch durch die dominierende "Geiz-ist-Geil"-Mentalität oder durch "preiswerte Qualität" versprechende Gaukelei entscheidend flankiert wird. Die derzeitige kapitalistische Ökonomie erreicht dies in Form der Werbung. Man ist geneigt diese als "Propaganda" zu bezeichnen, denn von demagogischen Elementen zur Erreichung ihres ideologischen Ziels, der Produktakzeptanz zur Konsumsteigerung, ist sie nicht weit entfernt.

Ich frage mich, welchen Einfluss das Bedingungslose Grundeinkommen auf das Nahrungsverhalten haben könnte, das ja eigentlich durch das dominierende Kaufverhalten gesteuert wird. Kaufen die Menschen dann weiterhin den Müll, der um die halbe Welt gekarrt wird, bevor er für "billig" ins Regal wandert? Was ist nötig, um das Umdenken zu bewerkstelligen? Die Antwort ist klar: Bildung, auch und gerade über ökonomische Prozesse.
luggi schrieb am 16.06.2011 um 22:19
"Wir leben in einer Welt, in der die Industrienationen keinen Mangel an Lebensmitteln erleiden, "

auh man, wie kann man solch einen relativen Unsinn schreiben, Suppenküchen und Tafeln ... gibt es bestimmt nur in unterentwickelten Ländern

so, und was bitteschön ist die Quintessenz von diesem Blogeintrag?
und
Welche Lösungen gibt es?

Umwelt ist nicht die vielzitierte "Natur"? Ja was denn sonst, wenn man Natur nicht irgendwie mit Urwald, Steppe etc. gleichsetzt.

Auch so ein Allgemeinplatz, der vielleicht Gläubige aus einem Traum wecken kann: der Mensch ist nach wie vor Bestandteil der Evolution. Viele Entwicklungen der Menschheitsgeschichte sind in der archäologischen Nische verschwunden, weil die Menschen damals sich über die Natur hinweg setzen wollten. Wenn wir so weiter machen, werden auch wir dieses Schicksal erleiden.
Heckenschützer schrieb am 19.06.2011 um 16:58
Massentierhaltung und Gülle bedrohen die Lebensgrundlagen!

EHEC-Tückisches Bakterium aus dem Nichts? Oder: Abkehr von Massentierhaltung notwendig!

Alljährlich wird besonders im Frühjahr deutlich, dass die zu beobachtende falsche Gülleausbringung als Tat einiger "schwarzer Schafe"
bagatellisiert wird. Die Interssenvertreter der Landwirtschaft und die Landwirtschaftskammer interpretieren lediglich die "Gülleverordnung" und
nehmen alle vorgetragenen Bedenken gegen die gefährlichen Auswirkungen der flächendeckenden Gülleausbringungen
und letztlich der ausufernden Massentierhaltung nicht ernst.

Dabei wird die Gülle vor allem häufig und flächendeckend ausgebracht, weil die Massentierställe ein Entsorgungsproblem haben!
Die Gülle ist u.a. nach dem Biologen/Ökologen Prof. Reichholf Hauptverursacher für das Artensterben. Gülle belastet
Böden, Grundwasser, Fließgewässer und die Luft. Nicht nur die steigenden Nitratwerte im Wasser sind bedrohlich, die
Gülle ist immer auch mit gefährlichen Krankheitskeimen (e-coli-Bakterien von Rindern), Antbiotika, Viren belastet. Keime werden
"resistent" gegen Antibiotika, die dann beim Menschen nicht mehr wirken. Bekannt ist das Problem gefährlicher Keime durch
nicht artgerechte Tier-Fütterung, z.B. der Rinder mit Mais, Soja, Weizen (Rinder fressen eigentlich Gräser und Kräuter. Rinder
auf Weiden erzeugen keine Gülle. Nur Massentierhaltung auf "Spaltenböden" produziert lebensbedrohliche Gülle).
Antibiotika und Keime gelangen durch Gülle auch in pflanzliche menschliche Nahrung. Gülle erstickt zudem Kleinstlebewesen
und Mikroorganismen = Artensterben und Verarmung der Böden. Über Ammoniak-Ausgasungen killt Gülle den Wald und führt zur Überdüngung
der Seen/Meere.

Außerdem verdrängt Massentierhaltung unverzichtbare Lebensräume wie Hecken, Wallhecken, Feldhecken, Brachflächen,
Feldraine, Gewässer. Die Folge sind u.a. menschengemachte "Sandstürme" mit Toten auf der Autobahn (Mecklenburg). Auch hier bei uns
gab es einen "Sandsturm" auf der A 31 bei Dorsten.

Wie werden die Menschen in Gemeinden geschützt, die durch nahezu ungefilterte Abluft aus Massentierställen und Gülleausgasungen
stark gesundheitsgefährdend mit Viren, Keimen und Pilzsporen mittlerweile ganzjährig belastet werden? Wer kontrolliert die
Güllepraxis und ahndet Verstöße? Wann gibt es endlich einen Stopp und wirksame Umweltschutzauflagen für Massentierställe?

Jürgen Kruse, Arbeitskreis Heckenschutz (www.heckenschutz.de), 02853-8579557; info@heckenschutz.de

Freundliche Grüße

9.6.2011
---------------------------------------------------------------- in WDR 3 - Aktuelle Stunde, Lokalzeit Duisburg, 9.6.2011 - gab es dazu einen Bericht, der die Fakten des Leserbriefes bestätigt:
www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2011/06/09/lokalzeit_duisburg.xml?mo=211
bertamberg schrieb am 21.06.2011 um 16:09
Am 21.6. war der WDR-Link nicht mehr aufrufbar.
nil schrieb am 21.06.2011 um 21:55
Der letzte Abschnitt ist allerdings peinlicher Mumpitz. Naja der erste Kommentator Fred Thiele hat es bereits sehr nett ausgedrückt.
Gerd Schnepel schrieb am 06.07.2011 um 19:12
Da der FREITAG im nicaraguanischen Hinterland drei Wochen später ankommt, kann ich erst jetzt kommentieren ...

Ich stehe kurz davor, nach 10 Jahren teurem Luftpostauslandsabo den FREITAG zu kündigen. Früher war fast jede Ausgabe fast 100% außerordentlich lesenwert. Leider wird der aufgesetzte Lifestylezierat und anderer Mumpitz immer reichlicher, und in den ernsthafteren Artikeln liest man oft erheblichen Schrott. Was mich aber enorm wurmt - und heute war wieder so ein Auslöser, ist Ihr unterdrückter Hass auf den Biolandbau, der sich immer wieder Bahn bricht:

"Ehec zeigt: Auch auf Bio ist kein Verlass. Das Essen muss weg vom Fließband."

Was für ein Mist!

Was Biolandbau schon immer und ewig macht, ist "weg vom Fließband"; jeder weiß das. Wo es gelegentlich eine hochgerüstete Technifizierung gibt im Bioanbau, ist dies ebenfalls der geschilderten Essen-muss-billig-sein-Mentalität geschuldet, aber auch dann sieht, spürt (und prüft!) man den ökologischen, holistischen etc. An- und Einsatz.

Wenn Sie auf der ersten Seite in Großbuchstaben schreiben "Auch auf Bio ist kein Verlass!" ist dies nicht journalistische Informationsarbeit, sondern mit unlauteren Mitteln nach Aufmerksamkeit heischend. Der Artikel selbst ist ja nun deutlich reflektierter, auch die anderen auf denselben zwei Mittelseiten des FREITAG, aber was beim Leser oder Käufer am Stand als erstes hängenbleibt, ist: kein Verlass auf BIO. Damit reihen Sie sich ein in die Kampagne, die andernorts dank EHEC sogar aktiv von den Agrarchemie- und GMO-Leuten losgetreten wurde; in Südamerika gab es sofort groß aufgemachte Artikel gegen die Biolandwirtschaft (dreckig, unhygienisch, gesundheitsgefährdend - wo sie doch gerade aus Gesundheitsgründen entstand!).

Außerdem hat der Biolandbau nie behauptet, rückstandsfreie Nahrung zu produzieren, und zwar aus dem einfachen Grund, daß wir Luft, Wind, Regen nicht kontrollieren können. Wenn irgendjemand in Ägypten (oder vielleicht doch Syrien? Es ist jedenfalls NICHT mehr Bienenbüttel!) beim Verpacken des Saatgutes sich nicht ordentlich die Hände gewaschen hat, dann macht DER FREITAG daraus, daß kein Verlass sei auf Bio. Unfair und gemein. (Und ohne jeden Infromationswert, WOHER die Bakterien selber nun stammen, wo sie entstanden sein könnten. Vielleicht aus GMO-Labors entkommen?)

Warum machen Sie das? Auch Ihre früheren Artikel zum Bioanbau und zur Ernährung mit Bioprodukten haben eigentlich immer einen hämischen bis aggressiven Unterton gehabt. Irgendwo ist ein Psychoding versteckt, daß Sie daran hindert, dieses Thema ähnlich genau, korrekt, tiefschürfend etc. zu behandeln wie andere Themen in Ihrer Zeitung. Sie haben immer irgendwelche Szene im Kopf, deutsche Schickeria oder was auch immer, die sich irgendwelche Biogurkenmasken ins Gesicht schmiert und exotische Kommentare über Ernährung, Wellness (wie schrecklich, dies Wort) usw. absondert. Das mögen Sie zu Recht nicht, aber, lieber FREITAG, es gibt doch Wichtigeres, gerade um den Bioanbau herum.

Die UNO mit Ihrem IAASTD-Report (700 Wissenschaftlerinnen und -schaftler aus der ganzen Welt untersuchen die Ernährungszukunft der Welt) hat organic agriculture ganz vorn auf der Liste der Möglichkeiten der Ernährungssicherheit stehen (einer der Gründe, daß Mächte im Hintergrund die größere Verbreitung dieser Untersuchung behindern - Monsanto ist sicher dabei!), die FAO, früher das erzkonservativste auf dem Sektor und von Saatgut- und Düngemitteln-Konzernen hundertprozentig kontrolliert, erkennt inzwischen an, daß Biolandwirtschaft die Welt ernähren kann.

Ökolandbau ist Ernährungssicherheit. Kontrollierter Ökolandbau ist Nichtkontaminierung von Wasser. Ökolandbau ist stabilisierend für Bodenfruchtbarkeit und Wasserhaushalte. Ökolandbau verbessert der Kleinbauern Lebensniveau (Gesundheit und Einnahmen). Ökolandbau macht unabhängiger von Krisen einer einzigen Kultur (wie z. B. "nur Kaffee"). Ökolandbau trägt bei zur Rettung der natürlichen und der agrarischen Biodiversität, vor allem auch in den Tropen. Ökolandbau ist die Chance für Dritteweltkleinbauernschaft, aus der Armut herauszukommen. Ökolandbau macht Landflucht unnötig. Ökolandbau zieht kleine und mittlere, angepasste Agrarindustrie nach sich, mit vielen ordentlichen Arbeitsplätzen. Ökolandbau ist Bremse für die Klimakatastrophe, unter anderem durch Carbon-Fixierung in Bioböden und Agroforestry. Ökolandbau und die daraus folgende Ernährungs- und Arbeitsweise sind ein heftiger Beitrag zur Gesundheit ganzer Bevölkerungen (Zitat aus TED-Vortrag eines 14jährigen US-Knaben kürzlich: You must decide yourself: pay the farmer or pay the doctor.) Ökolandbau ist Rettungsanker in vom Klimawechsel betroffenen und bedrohten Gebieten (v.a. in sog. "armen Ländern", was meist auch tropische sind). Ökolandbau ist in aller Regel und richtig umgesetzt tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft, SUSTAINABLE.

All das ist das Wichtige am Ökolandbau und -konsum. Und nicht das Herumstochern in merkwürdigen Verhaltensabweichungen einzelner MüslifresserInnen oder das Abfahren auf übertriebene Wohlfühlprodukte.

Sie haben in Ihrer Berliner Realität noch gar nicht bemerkt, was in Umwelt, Biodiversität, Monokulturen, GMO, Dieselpalmen, Wasserverknappung, genereller Kontaminierung, Artenreduzierung, Klimakatasrophe, Abhängigkeit von 2, 3 Großkonzernen in der Ernährung alles auf uns zukommt. Daher pulen Sie aufgeregt in Langweiligem herum und bedienen Vorurteile ("auch Bio ist nix"); mit dieser kleinen Sensationsmeldung auf Seite 1 richten Sie großen Schaden an, denn es ist uns bei so vielen Gegnern auf der kap. Wirtschaftszene schon schwer genug, der Wahrheit, der Vernunft eine Gasse zu bahnen. Im Kleingedruckten mag ja dann auch vieles Reflektiertere stehen, aber das Großgedruckte bleibt hängen.

Wenn Sie noch einmal unsachlich, hämisch, böse etwas zum Biolandbau sagen, kündige ich das Abo. Das ist keine Erpressung oder ein Versuch, Meinungsfreiheit einzuschränken, sondern die Freiheit, mit Nichtkonsum abzustimmen über die Qualität Ihres Produktes.

Informieren Sie sich erst einmal, z. B. bei www.ifoam.org, der Website der weltweiten, demokratisch organisierten Biolandbauwegung. Oder schicken Sie eine Jopuranloistin nach Südkorea, am 26.10. geht dort der Organic World Congress los! Da hören und sehen Sie, was Sache ist.
luggi schrieb am 17.07.2011 um 22:14
o.k. Frau Zinkant, dass sie sich weigern, auf berechtigte Kritik einzugehen, muss ich Ihnen einmal einfach, bezogen auf den obigen Kommentar, schreiben, da Sie in dieser Thematik keine Sachkompetenz haben. Und wenn der dF so weiter macht, dann verliert er mehr als er gewinnt.
Bashing von Protagonisten im Ernährungsbereich ... JA sollte sich überlegen, aus dem Blatt eine theoretische und praktische Grillzeitung zu machen.
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