Wochenthema

Rund um den Globus wird nach grünen Lösungen fürs Zusammenleben gesucht

Beispiel Dongtan

Hoffnung am Reißbrett

Kristina Simons
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Beispiel Masdar

Pläne, die jährlich schrumpfen

Marcus Franken
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Menschenmagnet | 30.06.2011 08:00 | Michael Jäger

Die Zukunft der Stadt

Weltweit wachsen die Städte unaufhörlich. Immer Menschen ziehen in Metropolen. Wie können wir künftig umweltgerecht in ihnen leben?

Abgesehen vom Krieg ist nichts wichtiger für die Zukunft der Menschheit, als unserer Städte ökologisch gesund zu machen – schrieb einst der Stadt-Ökologe Richard Register. Es spricht einiges dafür, dass er Recht hat. Denn seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. 90 Prozent des weltweiten Bevölkerungswachstums wird in den nächsten Jahrzehnten in urbanen Milieus stattfinden. Und die Bewohner der Metropolen verursachen schon jetzt 80 Prozent der menschgemachten Klimagase.

Auch in Deutschland gibt es diesen Trend. Hierzulande gibt es mehr Metropolen als in jedem anderen Land Europas: 17 von 125 Städten mit Metropolcharakter liegen in der Bundesrepublik, ergab kürzlich eine Studie des Bonner Instituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Nicht nur Hamburg erfüllt die Kriterien, sondern auch der Hunsrück, wenn man sich das Gebiet um den Frachtflughafen Hahn ansieht. Von 21 europäischen Metropolräumen liegen fünf in Deutschland, darunter das Rhein-Main-Gebiet. Städte sind wie Magneten, sie ziehen die Menschen an, weil diese glauben, dort bessere Chancen zu haben.

Für den Schutz der Umwelt und der Ressourcen ist deshalb entscheidend, wie sich die Städte entwickeln werden. Denn obwohl Metropolen wie Delhi (28 Millionen Einwohner), Mumbai (25 Millionen) oder Los Angeles (18 Millionen) schon jetzt ein enormes Konfliktpotenzial bergen, können nachhaltig gestaltete Städte auch die Lösung des Problems sein. Sie könnte einen Lebensraum der kurzen Wege zwischen Wohnen, Arbeit und Einkaufen bieten, versorgt von erneuerbaren Energien und gebaut in einer ebenso modernen wie naturorientierten Architektur.

In China und Abu Dhabi versucht man, neue Modellstädte zu erfinden und eins zu eins aus dem Boden zu stampfen (siehe auch die nebenstehende Grafik). Aber die Schwierigkeiten solcher Projekte springen inzwischen ins Auge. Man entdeckt erst in der Verwirklichung, dass bei der Planung Naturbedingungen übersehen wurden; man kann nicht weiterbauen, weil erst die Weltfinanzkrise abgewehrt werden muss; es fällt schwer, sich mit denen zu verständigen, die die neuen Städte bewohnen sollen. Es gibt auch den umgekehrten Versuch die Städte aus sich heraus zu verändern. Das war der Weg, den die UN-Umweltkonferenz von Rio 1992 beschritt, als sie den Kommunen in aller Welt die „Lokale Agenda 21“ empfahl. An ihm ist problematisch, dass es langsam, ja oft gar nicht vorangeht. In Berlin zum Beispiel hatten sich sofort Agenda-Gruppen gebildet, die mit Politik und Wirtschaft verhandelten. Doch der Erfolg blieb bescheiden.

Von Dorf zu Dorf

Heute kandidiert mit Renate Künast eine Grüne für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, und man kann sehen, was sie sich unter ökologischem Stadtumbau vorstellt: ausgeglichene Energiebilanz, viele Grünflächen und ein integriertes Verkehrssystem mit mehr Carsharing und öffentlichem Nahverkehr

Reicht das? Die Stadt der kurzen Wege steht nicht auf dem Programm. Weil man sie nicht durchsetzen könnte? Am Abstand von Wohnung und Arbeitsplatz, Einkauf und Kinderladen ändert sich nichts, er wird weiter mit den bekannten Verkehrsmitteln überbrückt, allerdings, wie man hofft, bei sinkendem Anteil der Privatautos.

Weil beide Ansätze nicht voll befriedigen, der Modellansatz so wenig wie die Idee, den Status quo zu ändern, fragt man sich, ob es noch andere Möglichkeiten gibt. Vielleicht helfen die Überlegungen, die kürzlich in der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt wurden? Den Diskussionsstand ökologisch orientierter Architekten zusammenfassend, haben drei Organisationen – Raumbüro, Stiftung neue Verantwortung und das Architekturnetzwerk Cityförster – drei Wege zur Zukunft unterschieden.

Schauen wir uns die „Szenarios“ einmal an. Ausgangspunkt ist, dass die Existenz von Städten und das Phänomen Individualisierung untrennbar zusammengehören. Im ersten Szenario müssen sie sich weit zurücknehmen: Ökologische Gerechtigkeit und knappe Finanzen zwingen allen Menschen rigide Regeln der Solidarität auf. Im dritten mangelt es an nichts, weil man gelernt hat, sich den unendlichen Reichtum der Sonnenenergie zunutze zu machen. Da brauchen die Individualisten nicht solidarisch zu sein, sondern jeder macht, was er will, und kämpft allenfalls mit der Sinnkrise.

Die vernetzte Gesamtstadt

Das zweite Szenario vermittelt zwischen den Extremen. Hier ist die große Stadt in eine „Ansammlung von Dörfern“ zerlegt. In ihnen leben Gleichgesinnte zusammen, die sich, bei allem Individualismus, leicht auf gemeinsame Projekte einigen. So kann es das Village der Kinder und Familien, das Ökodorf mit Modellprojekten und CO2-freier Mobilität und das Kibbutz-Kollektiv „mit überdurchschnittlichem sozialen Sinn“ nebeneinander geben, hinzu mögen noch andere „Dörfer“ kommen. Da in jedem alle Stadtfunktionen realisiert sind, vom Wohnen übers Einkaufen bis zum Arbeiten ist überall für kurze Wege gesorgt.

Es wäre sicher falsch, die Methode der Wahl zwischen Szenarien zu verabsolutieren. Denn auch der Modellversuch „von oben“ kann neue Wege öffnen. Er hat eine lange Tradition, man braucht nur an die Muster-Hauptstadt Brasilia zu denken. Wenn heute ökologische statt Herrschaftsmuster auf der Agenda stehen, wer wird sich darüber beklagen? Das System unterirdischer Kabinentaxis, das für die Ökostadt Mazdar in Abu Dhabi gebaut werden sollte, war wirklich ein interessanter Gedanke. Und auch gegen Versuche, die am Status quo ansetzen, ist gar nichts einzuwenden. Wenn der grüne Marburger Bürgermeister Franz Kahle versucht, jedes Dach per Vorschrift mit einer Solaranlage zu versehen, und die schwarz-gelbe hessische Regierungskoalition das Baurecht ändern muss, um das zu verhindern, ist das ein produktiver Konflikt. Dennoch mag dem dritten Weg, der Methode, zwischen Zukünften zu wählen, eine Schlüsselrolle zukommen. Sie wäre flexibel, effektiv und demokratisch.

Es geht nicht darum, zwischen den drei Szenarien zu wählen. Sie alle stellen eine Frage: nach dem Schicksal der Individualisierung. Man kann anders fragen. Sind auch „Dörfer“ innerhalb einer Stadt vorstellbar, die gerade nicht aus „Gleichgesinnten“ – womöglich auch finanziell gleich Ausgestatteten – bestehen, in denen man sich aber dennoch auf Gemeinsames einigt, weil man sich kennt und alles noch überschaubar ist? Dann wäre die Gefahr weniger groß, dass die „Dörfer“ in Gentrifizierung ausarten. Es könnte das Ökodorf neben dem Familien-Village geben, ohne dass in dem einen nur Ökologen, in dem andern nur Familien leben. Die Gesamtstadt wäre vernetzt und hätte dennoch ihre gut überlegten Schwerpunkte. Den Weg dahin könnte man sofort beginnen, denn die Städte haben schon ihre Bezirke. Die Bewohner könnten den Bezirks-Charakter zuspitzen oder zurücknehmen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.07.2011 um 17:32
Ein ausgezeichnetes Wochenthema!

Es gibt immer mehr Projekte, und auch Stadtplaner/ Architekten, die sich für die Grünisierung der Städte einsetzen, beispielsweise "Grüne Stadt", für mehr Lebensqualität für uns und die Nachfolgegenerationen.

Aber mitunter bin ich skeptisch, ob "wir" das auch hinkriegen oder ob nicht doch der Egoismus siegt. In der Literatur, bei Updikes "Die Witwen von Eastwick", fand ich ein Schreckensbeispiel, als die Damen durch Ägypten reisen und meinen die Städte der Zukunft wären stinkende, stehende Schiffe in einer Wüste.

Wer wie ich aber in einer Großstadt auf der Straße unter Baumalleen fährt merkt sofort die Frische, also die Kühle und den Schatten, im Gegensatz zum Lärm und der Hitze der übrigen Straßen. Das sollte es einem schon wert sein, wenn auch nur für sich selber, soll mir dann auch recht sein.

Hier in Leipzig gibt es beispielsweise den Ökolöwen, der sofort auf den Plan tritt, wenn irgendwo sinnlos Bäume abgesäbelt werden. Der sich dann umgekehrt auch für die Neupflanzung einsetzt. Außerdem ist ja das Urban Gardening im Kommen, vielleicht ist es über diesen Weg möglich mehr Bewusstsein zu schaffen für eine grünere Stadt.
ed2murrow schrieb am 03.07.2011 um 13:37
Lieber Michael Jäger,

das ist inspirierend. Der Hinweis sei mir gestattet, jene Utopien, die in der Vergangenheit geträumt wurden, bildlich vorbei ziehen zu lassen. Das Karlsruher Institut für Technologie hat eine wunderbare Sammlung von Zeichnungen, Strips und Visionen zu allen Lebensbereichen versammelt. Eine, wie ich finde, faszinierende Zeitreise, in der sich aus der Sicht etwa der 1930er Jahre nun Realität eingestellt hat. Und die Megacity aus „Blade Runner“ wollen wir sicher nicht. Oder sollte ich mich täuschen?

www.ubka.uni-karlsruhe.de/volltexte/2003/geist-soz/1/html-2/43-urbane/fr-y-01.html

Gruß, e2m
Michael Jäger schrieb am 03.07.2011 um 23:24
Liebe lisaschwert, Texte zu Urban Gardening werden wir im Lauf der Stadt-Serie noch bringen!

Lieber ed2murrow, danke für für den Bilderbogen! Ja, das ist wohl vorbei. Über Kapseln gegen das Klima, erträumte bzw. befürchtete Kapsel- oder Kuppelstädte habe ich ja vor einem dreiviertel Jahr auch geschrieben, zynisch, wie es dem Thema angemessen ist, hier: www.freitag.de/kultur/1034-wagenburgen-gegen-den-klimawandel.
Popkontext schrieb am 03.07.2011 um 23:34
Nur als anmerkung zum Thema: Im Project Space der Kunsthalle Wien läuft seit vergangenem Jahr interessante Ausstellungsreihe zum Thema Stadt / Stadtentwicklung (im Bild der dort lebenden Künstler/innen)

Letztes Jahr war es Detroit (von wegen Urban Farming und so ;))
www.popkontext.de/index.php/2010/05/17/ausstellung-%E2%80%9Edetroit%E2%80%9C-in-der-kunsthalle-wien-portrat-einer-schrumpfenden-stadt-zwischen-niedergang-und-postindustriellen-urbanen-perspektiven/
gerade läuft Beirut noch bis 24. August: www.kunsthallewien.at/cgi-bin/event/event.pl?id=4206⟨=de
Lagos und Saigon sollen folgen.

Schönes Thema, finde ich, hochinteressant!
Michael Jäger schrieb am 08.04.2012 um 22:01
Liebe Popkontext, vielen Dank für den Link! Und jetzt sehe ich also, daß du mir schon vorher bekannt warst, als ich dich im Januar in der Hegelstraße 1 zum ersten Mal auch sichtete. Ist alles so kompliziert...
Popkontext schrieb am 09.04.2012 um 17:18
Ja, da war ich ja leider nicht ganz "anwesend", weil ich total übermüdet war :)...vielleicht ein nächstes mal im wacheren Zusatnd...war trotzdem sehr nett, dich und andere mal persönlich kennen zu lernen.
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