Ungewöhnlich für Jean Paul, aber dem damals noch blutjungen Genre durchweg gemäß gipfelt Dr. Katzenbergers Badereise in einem herzhaften Happy End (➝ Romantik). Wenn von Ärzten die Rede ist – also immer öfter, seit die Naturwissenschaft floriert –, braucht es unbedingt eine unfassbare Menge schlüpfrigen Gefühls, um die sterile Medizin in Schach zu halten, die den Körper bloß in Form von nackten Zahlen und nüchternen Messwerten kennt. Das weiß auch Dr. Norden, der seit 1973 praktiziert: „Im Mittelpunkt stehen die bezaubernden und spannenden Erzählungen über Dr. Daniel Norden und die junge Ärztin Fee Cornelius, die das Leben des Dr. Norden eindrucksvoll beeinflusste.“ (➝ Frauen) Katrin Schuster
Léo Malet (1909 – 1995) schrieb eine französische Variante der hard boiled novels von Chandler und Hammett. Sein Held, der Privatdetektiv Nestor Burma ist ständig mit dem Auto in einem L.A.-haften Paris unterwegs (➝ Wiedergelesene Krimis), kriegt wie Phillipp Marlowe regelmäßig was auf den Kopf. Stolpert immer zu über Leichen, begegnet reihenweise schönen Frauen und kippt sich vom späten Vormittag bis zum frühen Morgen Whiskey hinter die Binde. Außen ist er Macho, innen ein Ritter, will die Welt nicht verändern, spielt aber doch gelegentlich den Robin Hood. Hin und wieder gibt er zu erkennen, etwas von moderner Literatur und Malerei zu verstehen. Kein Wunder, gehörte doch sein Schöpfer zum Kreis der Surrealisten um André Breton, Jacques Prévert und Raymond Queneau. Während Marlowe kaum einmal mit den politischen Geschehnissen seiner Zeit in Verbindung gebracht wird und Maigret in den frühen vierziger Jahren in einem Paris völlig ohne deutsche Besatzer agiert, kriegt es der Nestor Burma von Léo Malet zehn Jahre später nicht nur mit Fabrikmädchen, Renault-Arbeitern und Clochards zu tun, sondern auch mit Ex-Nazi-Kollaborateuren, algerischen Untergrundkämpfern und afrikanischen Immigranten. goedzak, Freitag-Community
Comedian Martina Brandl schreibt in Halbnackte Bauarbeiter über die Problemchen derer, die (angeblich) schon erwachsen sind: Thirty-Something-Frauen , die beim Sex mit jungen Männern lieber das Licht ausmachen und den Bauch einziehen, sich auf Familienfeiern daneben benehmen und angenervt sind von ihren Freelancer-Jobs (➝ Strandbuch). Die immer noch vom Märchenprinzen (➝ Romantik) träumen, welcher sich nach genauerer Betrachtung als sadistisches Arschloch entpuppt (➝ Gruselroman), was schließlich zu einer Ménage à trois führt – es bleibt spannend. Sind wir nicht alle ein bisschen Klischee? Sophia Hoffmann
Mit großartigem Humor erzählt Elena Senft Vom Erwachsenwerden und nicht wollen: vom Unverständnis ihrer Eltern für unbezahlte Praktika, von den Irrungen des Großstadtlebens moderner Twenty-Somethings. Und plötzlich ist später jetzt hinterfragt konstant die Befindlichkeiten und Wünsche der Generation der Autorin (➝ Frauen I). Das klingt nach einer Wagenladung Klischees, keine Frage, aber diese werden so witzig serviert, dass man beim Lesen lauthals (über sich selbst) lachen muss. Ich habe das Buch sofort meinen weiter Eltern geschenkt – zum besseren Verständnis der Generation der um 1980 Geborenen. Es hilft. SH
Über das Buch Nikotin wurde schon viel diskutiert. Gregor Hens, mittlerweile Nichtraucher, untersucht bzw. seziert darin seine Leidenschaft. Er geht zurück bis in die Kindheit, forscht nach Ursprüngen, spricht über Verführung und zeigt auch die Unbedarftheit einer Elterngeneration auf, die ihren Kindern zur eigenen Belustigung Kippen in den Mund steckte. Neue Perspektiven auf eines der umstrittensten Laster dieser Tage, ungewöhnlich aufbereitet. SH
Im Nachtclub der Vampire tauchte der blonde Hüne 1973 das erste Mal auf. In der Gruselreihe des Bastei-Verlags verrichtete der Geisterjäger und Dämonenschlächter Sinclair zunächst seinen Dienst am Guten. Schließlich bekam er eine eigene Serie, in welcher der Scotland-Yard-Ermittler mit heiligem Kreuz, geweihten Patronen und silbernem Nagel fürs Heil der Menschheit streitet. Zusammen mit seinem Kollegen Suko durchstreift er Kontinente, Höllenreiche und Dimensionen, um sich Gegnern wie dem Schwarzen Tod und Dracula II, Mandragoro und der Mordliga zu stellen und über 64 Seiten die Hochspannung zu halten. Das aktuelle Heft Numero 1725 trägt den Titel Hängt die Hexe höher und verspricht nichts Geringeres als einen läuternden Moment: „Was wir dann in dieser Walpurgisnacht erlebten, zählte ich zu meinen größten Niederlagen …“ Tobias Prüwer
Nein, nicht Sandelholzstraße – Sandelholzstrafe. Wäre aber unfair, zu verraten, worum es sich dabei handelt. Man kommt eh erst recht spät drauf, dass man einen historischen Roman liest: Mo Yan, Die Sandelholzstrafe. Die letzten Jahre der Qing-Dynastie, der Bau der Schantung-Eisenbahn mit Hilfe deutscher Ingenieure, die Reform der Hundert Tage spielen ins Geschehen hinein, kein Wunder, sein gradliniger Protagonist Qian Ding ist der oberste Scharfrichter Chinas, er macht Karriere in unsicheren Zeiten. Schräg, humorvoll, volksnah, abgründig erzählt. Man lernt dazu: „Köpfe abschlagen hinterlässt große Narben.“ Nun denn. Die ersten fünfzig Seiten sind wie die ausgestreckte Hand des Autors, die man ergreift und auf den verbleibenden sechshundert Seiten keinesfalls loslassen möchte. Dreizehn, Freitag-Community
Kaufbuch Tabu I+II
von Peter Rühmkorf. Gestern und heute bei 2001 für etwas mehr als 15 € erstanden. Mag solche Tagebücher. Sie lösen keinen so großen Lesedruck aus, man kann selbst bestimmen, wie weit man sich darauf einlässt – im Gegensatz zu einem Krimi, der so viel Spannung hat, dass er einen nicht mehr loslassen will. Denn Kaufen und Lesen sind bei mir zweierlei. Ganz sicher werden die beiden Tabus neben meinem Kopfkissen stehen, aber der Fernseher wird seine Anziehungskraft behalten. Tabu I habe ich jedenfalls im Laden schon mal angelesen. poor on ruhr, Freitag-Community
Die romantischen Romane von Eugenie Marlitt (1827 Arnstadt – 1887 Arnstadt) konnte man einst – in der Gartenlaube sitzend – in der Gartenlaube lesen. Goldelse hieß der erste große Erfolg der fantasiebegabten Autorin, die eigentlich Sängerin war, jedoch durch eine Krankheit des „Goldes in der Kehle“ verlustig ging. Sie kompensierte diesen harten Schlag mit dem dramatischem Tremolo erschütternder Schicksale und dem romantischem Vibrato erfüllter Liebessehnsucht (➝ Zeitlos). Etwa in Das Geheimnis der alten Mamsell, einer Waisengeschichte, die das Herz rührte und doch genießbar blieb, weil auch Gesellschaftskritik in die fabulierten Geschichten floss. „Zuckende Lippen“ und „tränenvolle Blicke“ verband sie mit Kritik an Adelsdünkel und Klerikerborniertheit. Die Leserinnen dankten es ihr, blieben ihr über Jahrzehnte treu. Ein gutes Ende – diese Alltagsutopie der Menschheit – wird ihnen zum Lohn. Was kann man sich – mit Tränen im Auge – mehr wünschen? Magda, Freitag-Community
Pauschalurlaube sind stereotyp, stupide und sterbenslangweilig. Für den Hamburger Schriftsteller Heinz Strunk sind das Ehrenattribute. Sein Credo: „Das größte Abenteuer des Lebens ist die Abwesenheit von Abenteuer.” Also macht er Urlaub, nicht um möglichst viel, sondern um möglichst wenig zu erleben. Wie das aussieht, beschrieb er in seinem Buch In Afrika. Darin verbringt er Weihnachten mit seinem Freund C., einem Grantler aus Wien, in einer Hotelanlage in Mombasa. Szenen einer Urlaubsehe: Peinlich genaues Einhalten der Speisezeiten, Abhängen am Pool, Daddeln am Spielautomaten, Saufen, Rauchen, sich anschweigen, sich anraunzen, das heiße Wetter beklagen. Das ist urkomisch und schön deprimierend. Dass die Beiden auf den letzten Seiten noch in die Wirren der kenianischen Präsidenschaftswahlen geraten, wollte wahrscheinlich der Verlag drinhaben. Mark Stöhr
Jean-Claude Izzos Die Marseille-Trilogie (Total Khéops, Chourmo und Soléa) liegen neben meinem Kopfkissen, weil ich die Krimis des französischen Autors (➝ Französische Thriller) noch einmal lesen möchte: wegen ihrer Spannung, der anschaulichen Schilderung der Metropole und ihres Lebensgefühls, ihres traurigen Helden, der guten Rezepte und ihrer guten Tipps für Wein, Whisky und Musik. Ich lese sie zwischendurch, wenn ich Zeit und Lust habe, auf jeden Fall während des Dänemark-Urlaubs, wenn es regnet und dänische Dünen und die Ferienhaus-Küche mir auf den Geist gehen. koslowski, Freitag-Community
Krimis wiederlesen ist eine freudvolle Tätigkeit, jedenfalls in Zeiten von Dan Brown und seinen Epigonen, der seriellen Serialkiller-Thriller, der Katastrophen-, Öko- und Psycho-Bestseller, Koch- und Weinkrimis usw. usf. Außerdem spart es Geld! Izzo ist spannende und engagierte Krimiliteratur. Das Schicksal des Autors erinnert ein wenig an das von Stieg Larsson. Beide starben ziemlich jung, mitten in der Arbeit. Allerdings: Wo Larsson Spannung und Schock in den Vordergrund stellt (allerdings gekonnt), erfährt man bei Izzo sehr viel über die politischen, sozialen und kulturellen Hintergründe der Verbrechen. goedzak
Wo der ➝ Arztroman endet, beginnt der Vampirroman. Seit der Erfindung der Kinematografie erscheint Blut nicht mehr nur als Metapher für das Leben, sondern als ganz buchstäblich vitalisierender Saft. Die peinliche religiöse Maskerade hat erst Stephenie Meyer dem Genre herunter gerissen, indem sie das Gequatsche von den unsterblichen Dynastien beim Wort genommen hat: Ihre Heldin Bella Swan wird in demselben Moment zur Vampirin, da sie die Fortpflanzung der Familie garantiert, indem sie ein Kind gebärt. Hinzu kommt, dass Meyer ihre Werwölfe dadurch kennzeichnet, dass sie keinen freien Willen haben und jüdische Namen tragen. Trivial mag man das gar nicht mehr nennen. kats
Von Emily Brontës Die Sturmhöhe (1847 erstmals erschienen) erfuhr ich, als ich meine Liebe zu Kate Bush entdeckte, die mit Wuthering Heights die düstere Liebesgeschichte aus dem Roman aufgegriffen hat (➝ Romantik). Dennoch lese ich ihn erst jetzt und freue mich über die ungewöhnliche atmosphärische Dichte. Um sie zu verstärken, höre ich dabei manchmal Kate Bush. Und während es die Autorin noch vorgezogen hat, nur unter ihrem männlichen Pseudonym zu veröffentlichen, ist es der Sängerin dank Wuthering Heights als erster Frau gelungen, mit einem selbstkomponierten Stück Nummer Eins der britischen Charts zu werden. Maike Hank