Ich muss immer noch über den Nocebo-Effekt nachdenken. Wir haben dazu einen Artikel veröffentlicht, der es in sich hat. Der Nocebo-Effekt besagt, dass die bloße Erwartung von Schmerzen oder bedrückenden Folgen dazu führt, dass diese eintreten, ohne dass eine organische Ursache vorliegt. So sollen laut einer Studie 76 Prozent der Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung auf den Nocebo-Effekt zurückgehen: Weil man sich davor fürchtet, dass man Fieber oder Kopfweh bekommen könnte, bekommt man es dann auch.
Ebenfalls soll der Nocebo-Effekt dafür verantwortlich sein, warum manche Menschen Gluten nur schwer vertragen. Oder warum amerikanische Diplomaten auf Kuba schwere Symptome entwickelten, nachdem sie glaubten, von einer Art unbekannter Geheimwaffe attackiert worden zu sein.
Oder da ist ein Phänomen, das bei Diabetikern beobachtet wurde: Sie sitzen vor einer Uhr, die mit doppelter Geschwindigkeit läuft. Der Blutzuckerspiegel hebt und senkt sich dann nicht mit dem tatsächlichen Zeitablauf, sondern mit dem wahrgenommenen. Die Wissenschaft nimmt den Nocebo-Effekt ernst. Das wirft auch ein neues Licht auf die Hypochondrie, die davor in keinem guten Ruf stand.
Die Angst vor Schwindel und Panik führt zu: Schwindel und Panik
Ich selbst kenne einige dieser Effekte. Wenn ich den Blutdruck von einem Arzt messen lasse, ist er 20 mmHg zu hoch. Das Phänomen ist bekannt als der „Weißkittel-Effekt“. Und er erhöht sich um weitere 10mmHg, wenn ich besonders angestrengt versuche, diesen Effekt auszublenden. Die Ärzte reagieren mit einem milden Lächeln, wenn ich sie darauf anspreche. Ich habe manchmal Platzangst, dann glaube ich, an der Lidl-Kasse umfallen zu müssen. Es hilft mir nichts, dass ich noch nie umgefallen bin, der Schwindel und die Panik sind mächtiger als mein Verstand.
Gestern habe ich meine Haut auf verdächtige Flecken untersucht und bin auf mindestens drei gestoßen. Ich habe sofort einen Termin zum Hautscreening bei Doctolib gebucht, und weil ich nicht lange warten wollte, einen für Selbstzahler genommen. Ist das hypochondrisch? Vermutlich nicht.
Ich hatte wirklich einmal einen stummen Herzinfarkt. Ist es also hypochondrisch, wenn ich jedes Stechen in der Herzgegend mit großer Sorge registriere? Vermutlich schon, aber eben auch verständlich – frei nach dem Motto, nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie dich nicht verfolgen.
Die Kultivierung der Hypochondrie
Die Gesellschaft hält nicht viel von uns. In schweren Fällen, etwa wenn jemand ständig einen Herzinfarkt zu erleiden fürchtet und den Notarzt ruft, weicht das Mitleid der Verärgerung. Ein Affront gegen die, die wirklich den Notarzt brauchen! Nicht besser sieht es mit der Kultivierung der Hypochondrie aus, sie stößt eigentlich nur bei anderen Hypochondern auf Wohlwollen.
Es gibt das Buch Schöner Leiden. Es versammelt Passagen prominenter Leidender: Charlie Chaplin, Friedrich der Große, Woody Allen, Harald Schmidt, Franz Grillparzer und Thomas Mann. Alles alte weiße Männer mit einem ausgeprägten Hang zum Narzissmus, ist man versucht zu sagen. In einer Besprechung heißt es: „Eingebildete Kranke zelebrieren voller Lust ihre täglich neuen Leiden, lassen sich ihren Tagesablauf von der aktuellen Befindlichkeit diktieren und führen akribisch Protokoll.“
Ja, so konnte man das vielleicht sehen, als der Nocebo-Effekt noch nicht zum neuen Standard der Wissenschaft geworden war. Aber nun hat sich der Wind gedreht. Wie schreibt Helen Pilcher? „Ich bin überzeugt, dass der Nocebos-Effekt auch für einen erheblichen Teil der ‚medizinisch unerklärlichen Symptome‘ verantwortlich ist – Empfindungen wie Schmerzen, Müdigkeit und Schwindel, die Leiden verursachen, aber keine erkennbare organische Ursache haben. In Ermangelung einer ‚richtigen Diagnose‘ werden Menschen mit diesen Symptomen oft als ‚Hypochonder‘ abgestempelt“.
Heute würde man sagen, das sind eben feinfühlige Menschen mit einer lebhaften Einbildungskraft respektive einer hohen „neuronalen Aktivität“, die sich dummerweise an ihrem Körper entzündet und dort ganz reale Leiden erzeugt. Das bleibt übrigens nicht ohne Folgen: Menschen, die man früher als schwere Hypochonder bezeichnete, haben im Durchschnitt eine um fünf Jahre verkürzte Lebenserwartung. Wir Nocebos verdienen wirklich etwas Mitleid.