Portrait in der Wochenzeitung DIE ZEIT, erschienen am 29. Oktober 2025, Autorin: Anna-Elisa Jakob
Link zum Text: https://www.zeit.de/2025/46/sound-of-music-salzburg-roger-pluijm-sammlung
"Sound of Music Salzburg": Der Sound seines Lebens
Jahrelang sammelte der Niederländer Roger Pluijm alles, was mit dem Musical- und Filmklassiker "The Sound of Music" zu tun hat. Nun soll daraus in Salzburg ein Museum entstehen.
An einem unwirklich schönen Oktobertag steht Roger Pluijm an jenem Ort, den er ein Märchen nennt, und wartet auf seinen Auftritt. Die Wolken stürmen über den blauen Himmel, hinweg über die dichten Laubbäume: Orange, gelbe, grüne Blätter fließen so hinreißend ineinander, dass es schon kitschig wird.
Hier, im Schlosspark Hellbrunn, im Süden von Salzburg, steht ein weißer Pavillon, den die Welt aus The Sound of Music kennt. In ihm wurde die große Liebesszene zwischen Georg und Maria von Trapp gedreht. Erzählt ist sie schnell: Sie sehen sich tief in die Augen, sie singen, sie küssen sich. Der Eingang ist mit Efeu umrankt, durchsetzt mit künstlichen, weißen Rosen. Roger Pluijm wird sich gleich seine grauen Haare zu einer Tolle kämmen und dann für die ZEIT-Fotografin posieren, als wäre er ein Musical-Darsteller. Er wird sich auf seinen braunen Lederschuhen durch den Pavillon drehen und sich auf eine Bank legen, den Kopf keck auf die Hand gestützt.
Wer dieser tanzende Niederländer im Pavillon ist? Roger Pluijm, 70 Jahre alt, der vermutlich eifrigste Sound-of-Music-Sammler der Welt. 25 Jahre lang suchte er mehr als 3.000 Objekte zusammen, die etwas mit dem Musical- und Filmklassiker zu tun haben, wie Fotos, Schallplatten und Plakate. Die hat er nun verkauft, an das Salzburg Museum, das hier, nur ein paar Meter neben dem Pavillon, ein eigenes Sound-of-Music-Museum baut. Nächstes Jahr soll es eröffnen, und Pluijms Sammlung wird darin eine zentrale Rolle spielen.
Roger Pluijm selbst wusste schon immer: Diese Stadt müsse von ihm und seinem Schatz erfahren. Im Jahr 2006 reiste er nach Salzburg, dabei hatte er ein selbst verfasstes Buch in fünffacher Ausführung: The Sound of Music Is Forever. History & Catalogue. Auf 638 Seiten hatte Plujim alle Objekte aufgelistet, die er in seinem Haus in Schiedam, einer 80.000-Einwohner-Stadt in den Niederlanden, lagerte. Sie waren nach den Regionen sortiert, in denen sie veröffentlicht worden waren: Westeuropa, Zentraleuropa, Asien, Lateinamerika, Naher Osten. Und nach Medium, zum Beispiel: Film 35 mm, Plakat, Video 2000, Laserdisc, Dokumentation oder Minidisc.
Auf einer Seite im Buch hatte er auch über sich selbst geschrieben: dass er 1955 geboren wurde, dass Sound of Music sein Leben verändert habe, dass der Film, der auf einem Broadway-Musical aus dem Jahr 1959 basiert, für ihn das achte Weltwunder sei. Und dann schrieb er noch: Seine Sammlung werde die Basis für ein Sound-of-Music-Museum sein, das 2008 in Salzburg eröffnen werde. Von diesem Plan wusste damals nur Pluijm selbst, es war mehr so etwas wie ein großer Wunsch. Der nun, etwa 20 Jahre später, tatsächlich in Erfüllung geht.
Wie hat er das geschafft? Und, was wird nun aus ihm, dem Sammler ohne Sammlung?
Als Roger Pluijm den Film das erste Mal sah, im Kino Corso Rotterdam, da war er elf Jahre alt. Seine Eltern und seine Tante waren dabei, und er erinnert sich noch genau an die ersten Szenen: "Der Film begann ganz oben in den Wolken, dann ging es tiefer, man kam in die grüne Welt. Die Musik schwoll so gewaltig an, dass meine Tante sich die Finger in die Ohren steckte", sagt er. "Aber mir konnte es nicht laut genug sein." Es faszinierte ihn, wie die Stücke mal leise im Hintergrund spielten, mal laut hervortraten und so eine eigene Geschichte erzählten.
Ein Jahr später kaufte Pluijm sich seine erste Sound-of-Music-Schallplatte. Sie lief fortan den ganzen Tag. In diesen Liedern hörte er, dass die Berge das Herz füllten und Träume ein Leben lang mit Liebe gefüttert werden müssten.
Das wurde, sagen wir mal so, der Sound seines Lebens.
Etwa hundertmal hat er die Schauspielerin Julie Andrews seither in ihrer Rolle als Maria gesehen: Wie sie, als ungehorsame Novizin, aus dem Kloster fortgeschickt wird, um sich als Gouvernante für sieben Kinder zu versuchen. Deren Vater, Georg von Trapp, stocksteif und immer schlecht drauf, ruft seine Kinder mit der Trillerpfeife. Maria hingegen singt mit den Kindern auf grünen Bergwiesen, bis irgendwann auch Georg einstimmt, und die beiden heiraten. Doch die Alpenidylle und ihre Villa lassen sie schließlich hinter sich, um vor den Nazis über die Berge zu fliehen.
Aus dem kleinen Roger wurde ein Schallplattenverkäufer. Er arbeitete jahrelang in der Klassikabteilung eines Kaufhauses. Doch später, sagt Pluijm, "wegen der modernen Zeiten und des Internets", wurde er in die Abteilung für Schreibwaren versetzt. Diese modernen Zeiten, die gefallen ihm generell nicht: die Architektur nicht, die Handys nicht, die Musik auch nicht. Er mag es, wenn Filme flirren und knistern, wenn sie nicht digital perfektioniert sind. Insofern ist es nur konsequent, wenn Roger Pluijm sagt: "Ich bleibe in der Vergangenheit." Und dabei half ihm, kurioserweise, das Internet.
Als im Jahr 2000 der erste Computer bei ihm einzog, wurde aus Roger Pluijm, dem Superfan, Roger Pluijm, der Supersammler. Online stöberte er Platten, Plakate, DVDs aus der ganzen Welt auf. Sound of Music sollte zwar seine größte Kollektion werden, doch er sammelte auch alles zu Lidwina von Schiedam, einer Heiligen der römisch-katholischen Kirche, oder zu dem Komponisten Frédéric Chopin und dem Dirigenten Herbert von Karajan. Waren die Regale voll, stapelte Pluijm einfach quer darüber.
Anfangs habe er das Geld noch in einen Umschlag gesteckt und an die Verkäufer geschickt: nach Australien, China, in die USA – und einfach gehofft, dass die Sachen dann auch wirklich bei ihm ankamen. Manchmal sei er sogar mitten in der Nacht aufgestanden, um noch schnell ein Gebot für eine Versteigerung abzugeben. Für ein einziges Plakat, das eh schon 700 Euro kostete, habe er mal 300 Euro Zoll bezahlt. Das sei zwar ärgerlich gewesen, das Motiv aber wunderbar: Jemand hatte das Filmplakat des amerikanischen Malers Howard Terpning nachgezeichnet, das Original sei leider verschwunden. Jedes Stück seiner Sammlung wollte Pluijm mindestens in zweifacher Ausführung haben, am liebsten aber drei- bis viermal. Sogar die Rechnungen hob er auf. Deshalb könne er nun ziemlich genau sagen, wie viel er für seine Sammlung ausgegeben habe: 60.000 Euro.
Stellt man Roger Pluijm die Frage, warum er all das macht, dann sieht er einen an, als hätte er daran noch keinen einzigen Gedanken verschwendet. Seine braunen Augen blitzen kurz auf, er zuckt mit den Schultern, und dann sagt er nur: "Man muss das einfach sammeln."
Seine liebsten Dinge
Mit Genuss habe das wenig zu tun. Denn sobald ein neues Stück angekommen sei, müsse er es sofort einordnen. Seine Arbeit sei sehr technisch, im Grunde arbeite er wie ein Analyst: Wie hört sich die Musik auf dieser Platte an? Wurde auf dieser DVD etwas gekürzt? Oder, als er mal ein Porzellanmodell der Kirche in Mondsee, in der Georg und Maria im Film heiraten, ergattert hatte, da sei ihm sofort aufgefallen: Etwas stimmte hier nicht. Die echte Kirche, weiß Pluijm, hat eine barocke Fassade, ihr Schiff sei gotisch. Das Modell hingegen: "Ganz barock!"
Aber wie kam all das nun in ein Museum? Vor zwei Jahren meldete sich Peter Husty, der Chefkurator des Salzburg Museums, bei Roger Pluijm. Die beiden kannten sich schon von einer kleineren Ausstellung über die echte Familie Trapp; und der Kurator wusste, dass Pluijm seit Jahren darauf wartete, dass aus seiner Sammlung ein Museum entstand. Dafür wollte er die Objekte erwerben. Bei der Vorstellung, sich von seiner Sammlung zu trennen, wurde Roger Pluijm plötzlich doch schwer ums Herz. Aber er verkaufte die Objekte, 10.000 Euro habe er dafür bekommen.
Jedes Stück seiner Samlung packte er sorgfältig in Kisten. Ein Sammlerleben, in 60 Kisten, das im Lkw in das knapp 1.000 Kilometer entfernte Salzburg verfrachtet wurde. Dort begann Husty dann, die Sammlung zu inventarisieren. Dabei stellte er fest, jedes einzelne Stück war beschriftet, kein einziges beschädigt, nichts habe eine geknickte Ecke oder einen Riss gehabt. "Roger", sagt Husty, "ist ein Archivar höchster Güte."
Peter Husty hat einen anderen Blick auf den Film- und Musicalstoff als der niederländische Sammler. Der Österreicher sieht darin viel Kitsch, Klischees und Rührseligkeiten, die nun wirklich nicht das damalige Salzburg beschrieben. "Das wollte man in den Sechzigerjahren auch gar nicht", sagt Husty. The Sound of Music gewann fünf Oscars, mit ihm flüchteten sich Menschen aus aller Welt in Romantik und Irrationalität. Und sie tun das noch heute: In vielen Ländern läuft der Filmklassiker jedes Jahr an Weihnachten, und in Salzburg fahren jedes Jahr Tausende Fans die Drehorte ab.
Im neuen Museum will Husty die echte Geschichte der Familie Trapp erzählen, auf ihr basiert der Film. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland emigrierte sie aus Salzburg in die USA und wurde dort als Familienchor – The Trapp Family Singers – berühmt.
Peter Husty will aber auch zeigen, was aus dem Film geworden ist: ein weltweiter Kult. Dafür bietet die Sammlung von Roger Pluijm wunderbares Anschauungsmaterial. Die Platten und Plakate aus den USA, Russland, Ägypten und allen möglichen anderen Ländern sind Beweise für den großen internationalen Erfolg. Der Saal, in dem Pluijms Sammlung künftig gezeigt wird, soll "My favourite things" heißen, meine liebsten Dinge, nach einem Lied aus dem Film. Darin werden sicher keine 3.000 Exponate Platz finden. Welche es sein werden, das entscheidet der Kurator Husty; doch er werde mit Roger Pluijm vorher darüber sprechen.
Das Dasein des Sammlers, schrieb einst Walter Benjamin, sei dialektisch gespannt zwischen den Polen der Unordnung und der Ordnung. So ist es wohl: Der Sammler braucht das Chaos, die unendliche Möglichkeit des Findens, um die Dinge überhaupt erst in Ordnung bringen zu können. Doch sind die Dinge je ganz in Ordnung? Kann so eine Suche überhaupt zu Ende gehen?
Täglich bekommt Peter Husty eine Mail aus den Niederlanden. Oft stehe darin, dass Roger Pluijm mal wieder ein Sound-of-Music-Stück aufgestöbert habe. Dann schreibt Husty zurück: "Roger, du musst dein Geld sparen, du musst doch davon leben!" Doch der will davon nichts wissen.
Roger Pluijm sammelt außerdem alle Zeitungsberichte über das Museum. Dafür hat er extra die Salzburger Nachrichten abonniert, und falls etwas über Sound of Music drinsteht, lässt er die Ausgabe in dreifacher Ausführung an das Büro von Peter Husty liefern. Auch bei der ZEIT hat er schon drei Exemplare dieser Ausgabe vorbestellt. Die Seiten wird er dann, wie er es immer macht, in einer speziellen Technik falten und in Plastikfolie archivieren. Und: Er hat schon wieder eine neue Sammlung angefangen. Jedes Objekt, das nun dem Museum gehört, will er noch ein weiteres Mal finden, auch die Schallplatte aus Ägypten. In seinen Regalen ist ja wieder etwas Platz frei geworden.
Wann genau das Museum im Sommer 2026 eröffnen wird, steht noch nicht fest. Aber für die Einweihung hat Pluijm schon einen Plan. Den hat er auf einen Flyer gedruckt, den er verteilt. Zwei Ehrengäste würden zur Eröffnung erscheinen, steht darauf: die Schauspielerin Julie Andrews, 90. Und er selbst, der "Sound-of-Music-Sammlungs-Spender Roger Pluijm".