Immer wieder gibt es in Bezug auf Armut mediale und politische Debatten über die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, darüber, welche Unterstützung arme Menschen bekommen (oder gestrichen bekommen) sollen. Was stört Sie am meisten an diesen öffentlichen Debatten?
Es geht immer um Statistiken, Zahlen, wie viel uns arme Menschen kosten (obwohl Reiche uns viel mehr kosten), es geht um sogenannte Sozialschmarotzer. Medien und Politik schaffen es seit Jahren vom Trash-TV bis zu den politischen Talkshows ein homogenes Bild von armen Menschen zu schaffen, dass das Narrativ: »Selber schuld. Jeder ist seines Glückes Schmied. Waren die wohl nicht fleißig genug« weiter prägt. Es sitzen vermeintliche Experten und Expertinnen in Sendungen, Akademiker, von denen bis heute wenige aus der Arbeiterklasse stammen, Politiker, die fünfstellig im Monat verdienen, weit über dem deutschen Durchschnitt, und sie analysieren, was die sogenannte Unterschicht so umtreibt. Aber wie sollen diese Debatten das greifbar machen? Wie Armut sich wirklich anfühlt, in welche Lebensbereiche sie vordringt, wie Menschen in einem reichen Land an Armut wortwörtlich sterben, was sie langfristig mit einem macht – das erklärt keine Statistik.
Wann wurde Ihnen das erste Mal bewusst, dass Ihre Familie wenig Geld hatte?
So richtig bewusst wurde mir das in der Schule. Das ist der erste große Schauplatz des Vergleichs. Darum geht’s ja sowieso in der Schule: Vergleichen. Es wird nicht nur nach Noten und Leistung verglichen, sondern sogar danach, welchen Tintenkiller man benutzt, was man in der Pause isst, wie man spricht, ob man einen echten Turnbeutel oder nur eine Tüte dabei hat – und schlussendlich wie die Bedingungen, unter denen man aufwächst, die Notenbeeinflussen. Bei mir zuhause war es eng und laut, der Druck »es rauszuschaffen« riesig. Und in der weiterführenden Schule mischen sich die sozialen Gruppen noch einmal mehr. Unter Gymnasiasten ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass man es mit Kindern wohlhabender Eltern zu tun hat als auf der Hauptschule. Dort haben sich zum ersten Mal meine sozialen Kreise verändert, weg von den anderen Kindern im Sozialbau, die gleich sprachen, gleich aussahen und gleich kleine Wohnungen hatten – hin zu Mitschülern und Mitschülerinnen, die in riesigen Häusern aufwuchsen, die mir das Gefühl gaben, alleine mein Betreten des Raumes mit Fußbodenheizung würde ihn beschmutzen.
Ihre Eltern sind in Rumänien und dem Iran noch ärmer aufgewachsen als Sie. »Beschwer dich nicht, dir geht’s relativ gut«, war etwas, das Sie als Kind häufiger hörten. Was hat Ihnen dabei geholfen, sich von diesem Satz zu lösen?
Mir ist wichtig zu sagen, dass das Buch keine Migrationsgeschichte darstellt. Natürlich erschwert unsere Migrationsbiografie einiges, beziehungsweise erhöht die Wahrscheinlichkeit, in der Armut zu landen. Aber: Was wir durchgemacht haben, erleben tagtäglich die alleinerziehende Mutter aus dem Pott, die Familie aus dem Osten, eine arbeitslose Person – und Millionen von Menschen. Der Vergleichsgedanke existiert in dieser Klasse auch nur, weil er uns eben von oben herab diktiert wird, so sehr, dass wir ihn selbst verinnerlicht haben. Wenn wir immer denken, unsere finanzielle Situation hätte ausschließlich was mit Eigenleistung zu tun, hält uns das ruhig. Wir ackern und ackern und ackern – bis keine Kraft mehr bleibt für politische Agitation. Dieses Narrativ wird überall mit allen möglichen Beispielen reproduziert: Wir sollten uns nicht beschweren, in anderen reichen Ländern ist die Krankenversorgung noch schlechter, gibt es noch weniger Arbeitslosengeld. Der Klassiker als Kind war ja: »Den Kindern in (armes Land XY) geht’s schlechter«. Klar, ist Dankbarkeit wichtig – aber Dankbarkeit gegenüber wem? Einem Staat, der einfach seine Aufgabe erfüllen soll? Wie will sich ein Staat demokratisch schimpfen, wenn Millionen Menschen durch ihre prekäre Lage am Existenzminimum kratzen, gesundheitlich eingeschränkt sind und keine Zeit und keine Nerven haben, sich politisch zu informieren oder zu engagieren? Einzusehen, dass Armut immer in Relation steht und es immer jemandem schlechter gehen wird, das aber nicht bedeutet, dass meine Armut weniger besprechenswert ist als die derjenigen, die wirklich kein Dach über dem Kopf haben, hat mir dabei geholfen.
Gab es einen Auslöser, weshalb Sie nun das Buch geschrieben haben, und Ihre eigenen Erfahrungen teilen? Und gab es durch die Arbeit an dem Buch etwas, das Sie neu über sich gelernt haben?
Ganz einfach: Ich habe zu viele politische Talkshows geguckt, die mich wahnsinnig gemacht haben. Und: Dass ich ganz dringend eine Traumatherapie brauche.
Ihr Buch erzählt auch die Erfolgsgeschichte eines sozialen Aufstiegs. Gab es einen Punkt, an dem Sie damit gehadert haben, ihre Geschichte zu erzählen, aus Sorge, ein Vorurteil zu stützen, arme Menschen »müssten nur hart genug arbeiten«, um es aus der Armut zu schaffen?
Total. Ich betrete Sphären, die meine Eltern sich nicht einmal ausmalen können. Alleine ein Buch zu schreiben ist etwas so Absurdes, während andere Menschen sich die 18€ dafür niemals leisten könnten. Ich hoffe, es ist mir im Buch gelungen deutlich zu machen, dass ich eine Ausnahme darstelle, zu der sehr viel Zufall und Glück dazugehört haben. Außerdem: Die soziale Klasse hängt für immer an einem, wie ein Kaugummi am Schuh. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mehr Schiss habe, auf der Buchmesse mein Buch zu präsentieren als Personen, deren Akademikereltern ihnen von klein auf regelmäßig vorgelesen haben. Sie haben einen anderen Habitus und eine andere Selbstverständlichkeit, sich in gewissen Räumen zu bewegen, die bei mir vielleicht niemals eintreten wird.
Wie ist Ihnen der soziale Aufstieg trotz der systemischen Widerstände gelungen? Neben Klassismus spielen in Ihrem Fall ja auch noch Rassismus und Sexismus eine erschwerende Rolle.
Trotz ist hier das richtige Wort, das mir in den Debatten fehlt. Zum Beispiel: Arme Menschen vermehren sich – so das Narrativ – nicht wegen Armut, sondern trotz Armut. In meinem Fall würde ich sagen: Ich habe eine dreifache Arschkarte gezogen. Dennoch gibt es nichts, dass mich in meinem Leben mehr nachhaltig geprägt hat als Armsein. Mir nützen keine PoC oder Frauen in Chefetagen etwas, die ihre Reinigungskräfte ausbeuten, ihre Mitarbeitenden unterbezahlen. Dennoch spielen Rassismus und Sexismus natürlich in Armut hinein, verstärken ihren Effekt. Beispielsweise ist man als Frau besonders anfällig für Altersarmut oder eher gezwungen, aus finanziellen Gründen in missbräuchlichen Beziehungen zu bleiben.
Was würden Sie sich von unserer Gesellschaft und von der Politik wünschen, um Armut zu entstigmatisieren?
Dass wir diejenigen sprechen lassen, denen nie das Werkzeug zum Sprechen gegeben wurde. Diejenigen, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn man erst bei -5 Grad heizt, weil es vorher nicht drin ist.