Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal spürte, dass wir arm sind. Es war Weihnachten 1996. Ein Fake-Weihnachtsmann, der sich absolut keine Mühe gegeben hatte, auch nur ansatzweise echt auszusehen, besuchte unseren Kindergarten. Wir waren alle schick angezogen und sollten dem Polyester-Bart-Mann ein Lied vorsingen, um uns unsere Geschenke zu verdienen – auch für uns Kinder sollte es nichts umsonst geben. Ich trug einen ockerfarbenen Cord-Anzug, oder wie die anderen Kinder sagten, kackbraun, den der Nachbarsjunge das Jahr zuvor getragen hatte. Seine Mutter spendete uns immer seine alten Kinderklamotten, aus denen er rausgewachsen war. Allerdings sah ich in dem Aufzug weniger nach Talentshow aus, sondern wie ein kleiner Sheriff aus einer verstaubten Kleinstadt, in der sein letzter wichtiger Einsatz schon lange zurücklag. Die anderen Mädchen trugen neue Kleider, rosa, mit Spitze, dazu weiße Strumpfhosen, noch ohne Löcher, weil frisch aus der Verpackung.
Ich war sieben Jahre alt, als ich das erste Mal verstand, dass wir arm sind. Es war der Tag meiner Einschulung. Meine Eltern und ich liefen zu Fuß zur Schule, während die anderen mit ihren Familiencaddys vorfuhren. Ich hatte die billigste Schultüte von allen, wir wussten vorher nicht einmal, dass diese Schultüten ein Ding sind. Die Kinder aus meiner Klasse breiteten den Inhalt ihrer Tüten auf dem Boden aus und irgendwie sahen die anderen Füller, Tintenkiller und Radiergummis alle besser aus, so als würden die lange halten, als würde die Farbe auf den Außenverpackungen nicht absplittern und als würden die Patronen niemals austrocknen. Für mich hatte es für mehr nicht gereicht, wir lebten gerade vom mickrigen Krankengeld meines Vaters. Meine Mutter heulte damals den ganzen Tag, sie hatte ihre ganzen Hoffnungen in mich gesteckt, dass mit dem Tag meiner Einschulung auch unser gemeinsamer sozialer Aufstieg beginnen würde. Mein Vater hat auf fast allen Fotos die Augen zu, zu erschöpft war er von der Chemotherapie, die er gerade machte.
Ich war 22 Jahre alt, als ich verinnerlicht hatte, dass wir arm sind. Ich saß mit meinen Kommilitonen in der Mensa der Uni, das Wort hatte ich hier zum ersten Mal gehört, und sie erzählten davon, dass ihre Eltern ihnen ihr Kindergeld auszahlen würden. Hä, man kann sich das Kindergeld auszahlen lassen? Ihre Eltern würden sie finanziell supporten, Bildung sei ihnen sehr wichtig. Hä, meinen doch auch? Morgen sei WG-Party, ich sollte auch kommen. Kann nicht, muss arbeiten. Es war gestern, dass ich wieder daran erinnert wurde, dass sich arm aufzuwachsen für immer einprägt. Ich hatte den Briefkasten drei Wochen lang nicht geleert. Ich nahm allen Mut zusammen, steckte den Schlüssel, an dem ein Nazar-Anhänger hängt, der mich vor Bösem bewahren soll, in das Schloss und holte meine Post heraus. Erleichterung. Weit und breit nichts Gelbes. Warum auch? Ich verdiene doch mittlerweile Geld. Aber so richtig werde ich die Existenzängste nicht los.
Was bedeutet Armsein überhaupt? Es gibt viele Zahlen, die versuchen, Armut zu bemessen. Die Armutsgefährdungsschwelle beispielsweise, die sich am Nettoeinkommen im Vergleich zum Durchschnittseinkommen orientiert. So misst man auch Kinder- oder Altersarmut, das Armutsrisiko bei Frauen oder Studierenden. Es gibt unzählige Statistiken zu Armut, die auch in politischen Debatten angeführt werden. Wenn man den Fernseher einschaltet oder die Zeitung aufschlägt, ist aktuell überall die Rede von Kürzungen. Das Bürgergeld sei zu hoch, die Sanktionen seien nicht streng genug, Einschnitte im Sozialbereich seien notwendig, wir müssten alle sparen. Sparen, sparen, sparen, als ob ich das nicht schon mein ganzes Leben lang getan hätte. Diese Zahlen und Statistiken machen Armut abstrakt. Als wäre sie ein ungreifbares Phänomen. Ein spannendes soziologisches Thema, über das man mal debattieren könnte. Dabei ist Armut überall und wird tagtäglich von Millionen von Menschen gelebt. Armut schränkt nicht nur extrem ein, sondern kann einen mal langsam, mal schnell töten.
Ich bin eine Zahl in dieser Statistik – beziehungsweise war es die meiste Zeit meines Lebens. Die meisten dieser Zahlen kommen nie zum Sprechen. Das hat verschiedene Gründe. Armut hat keine Lobby. Es gibt niemanden in der herrschenden Klasse, der kurzfristig davon profitieren würde, wenn Armut beseitigt werden würde. Wenn über Armut geredet wird, dann in Extremen. Entweder jemand hält voyeuristisch eine Kamera drauf, um die zwanzigste Reeperbahn-Penny- Markt-Doku zu drehen, damit sich alle besser fühlen, die nicht wie die Assis auf der Straße leben. Oder wir sprechen über die wenigen Aufstiegsgeschichten, die uns Hoffnung machen sollen, stattdessen aber vor allem die Taschen derer vollmachen, die sie erzählen. Die Buchhandlungen sind voll mit Büchern darüber, wie man sein Geld vermehrt, wie man mit Finanzen umgeht. Auf diesen Erfolgsstorys wird so lange herumgeritten, bis wirklich alle glauben, Armut sei eine persönliche Entscheidung. Wozu dann noch diskutieren? Arme Menschen denken, ihre Geschichten seien nicht erzählenswert, weil: Wo bleibt das Happy End? Aber Armut ist ein Spektrum und jede einzelne Geschichte verdient es, gehört zu werden, nicht erst, wenn jemand entweder aufgestiegen oder vor Armut verhungert ist.
Arme Menschen sind es nicht gewohnt zu sprechen. Oder dass man ihnen zuhört. Meist sind sie so sehr mit Arbeiten und dem bloßen Überleben beschäftigt, dass keine Energie bleibt, sich zu beschweren, geschweige denn auf die Barrikaden zu gehen. Ironischerweise sprechen arme Menschen sehr viel mehr über Geld als Reiche. Wenn man arm ist, bestimmt Geld beziehungsweise die Abwesenheit davon alles. Es führt zu Stress, Streit, Resignation. Auch bei uns ging es von morgens bis nachts um die Arbeit, Leistung – und Geld. Diese Geschichten von unserem Küchentisch möchte ich erzählen. Es gibt unzählige Begriffe für uns arme Menschen. Schnorrer, Sozialschmarotzer, Unterschicht, Assis, Abschaum – sogar Kevin. Wenn man politisch korrekter sein möchte, nennt man uns sozial schwache Menschen. In diesem Buch möchte ich Armut nicht romantisieren, nicht erzählen, was ich durch sie Tolles gelernt habe und dass arme Menschen doch zumindest alle so ein gutes Herz hätten. Aber ich möchte erzählen, dass wir alles andere als sozial schwach sind – weil wir lernen, uns durch eine Welt zu navigieren, die auf uns herabblickt. Ich erzähle nicht nur meine Geschichte, sondern auch die der vielen Menschen in meinem Leben. Armut zieht sich durch das ganze Leben.
Sie findet nicht nur an den offensichtlichen Schauplätzen statt. Oft heißt es ja: Solange man ein Dach über dem Kopf hat und nicht verhungert, ist alles okay. Aber Armut ist immer relativ. Sie steht in Relation zum Land, in dem du lebst, sogar zum Ort. Sie steht in Relation zum Umfeld, in dem du aufwächst und in dem du dich bewegst. Und sie steht in Relation zu deinen ganz persönlichen Bedürfnissen und zu dem, was du brauchst, um glücklich werden zu können. Auch arme Menschen haben ein Recht auf ein würdevolles Leben, gefüllt mit Zeit, Liebe, Interessen, Hobbys, Kultur, Bildung, Leichtigkeit und vielem mehr. In diesem Buch soll es daher um relative Armut mitten in einem wohlhabenden Land gehen, um arme Menschen, umgeben von wohlhabenden – und was das mit einem macht. Armut beeinflusst, wie wir denken, fühlen, lieben, sprechen, aussehen, uns anziehen, uns benehmen, essen, konsumieren, wohnen, ob wir psychisch und physisch gesund sind – und sogar, wie wir sterben. In diesem Buch starten wir da, wo Armut programmiert wird: im Mutterleib. Wir besuchen offensichtliche, aber auch weniger offensichtliche Schauplätze der Armut: die Schule, Uni, Arbeit. Wir schauen auf Freizeitgestaltung, Freundschaften und Beziehungen, Wohnungen, Psyche und Gesundheit, das Aussehen. Und enden da, wo ich heute bin: beim sozialen Aufstieg, bei dem Versuch, den Teufelskreis zu durchbrechen. Ob es gelingt? Dieses Buch erzählt keine Migrationsgeschichte. Mein Vater flüchtete aus politischen Gründen Anfang der 90er mit meinen zwei Halbbrüdern aus dem Iran, verbrachte kurze Zeit in Rumänien, wo er meine Mutter kennenlernte. Er und meine Brüder gingen nach Deutschland – meine Mutter war einige Jahre alleinerziehend mit mir in Bukarest. Die Familie meines Vaters hatte in Teheran ein okayes Leben gehabt, sie gehörten dort zur Mittelschicht. Erst in Deutschland veränderte sich das, als er aufgrund seines Geflüchtetenstatus nicht sofort arbeiten durfte. Meine Mutter hingegen ist arm aufgewachsen. Ihre Familie bestand aus einfachen Landwirten im ländlichen Rumänien und das Teuerste, das sie besaßen, war das Schwein im Stall. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, es sei besser, vor allem für mich, wenn meine Mutter und ich zu meinem Vater und meinen Brüdern nach Deutschland ziehen würden. Gesagt, getan.
Wie bei so vielen Migranten und Migrantinnen wurden auch die Abschlüsse meiner Eltern in Deutschland nicht anerkannt. Aus meinem Vater, der zuvor in der Flugzeugtechnik gearbeitet hatte, wurde ein Maler und Lackierer, aus meiner Mutter, die Krankenschwester gewesen war, eine Putzfrau. Zwar haben einige Dinge, die ich in diesem Buch beschreibe, mit unserer Migration zu tun. Aber Behördendeutsch nicht zu verstehen oder mit Bürokratie überfordert zu sein, ist kein exklusives Ausländerproblem. Ja, wir hatten mit der Migration die doppelte Arschkarte gezogen. Aber was ein Leben in Armut bedeutet, kann auch eine Familie in Ostdeutschland erleben, die alleinerziehende Mutter, der arbeitslose Mann, die Malocherfamilie aus dem Ruhrpott und ihre Kinder. Meine Familie und meine Geschichte sind nur exemplarisch, Fragmente dieser Geschichte finden sich in vielen Familien, die Erfahrungen mit Armut gemacht haben, denn Armut hat System. Dieses Buch ist für alle, die in Victory-Schuhen statt Nikes rumgelaufen sind. Für alle, die sich geschämt haben, Freunde nach Hause einzuladen. Für alle, deren einzige Freizeitgestaltung Fußball oder die Glotze war, weil für alles andere kein Geld da war. Für alle, bei denen es zu Hause nie Ruhe gab – in den Räumen und den Köpfen. Für alle, die sich damals in den großen Häusern der Mitschüler und Mitschülerinnen und bis heute in bestimmten Räumen fehl am Platz fühlen. Für alle, die sich immer für ihre soziale Herkunft geschämt haben – und sich heute für die Scham schämen. Und für alle, die diesen Satz mehr als einmal gehört haben: Das können wir uns nicht leisten.