Eindrucksvolle Abhandlung

Leseprobe In Syz' Welt dreht sich alles ums Programmieren. Geschlafen wird, um wieder in die Datenströme des Computers abzutauchen. Ziel ist die Programmierung einer generellen Künstlichen Intelligenz. Ein einzigartiges Buch über Geschichte und Zukunft der KI
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Eine Frau trägt den Prototypen eines tragbaren Computers.

Foto: Junko Kimura / Getty Images

PROLOG

Bevor die Pionierlebensform Archea Methanopyri den Kosmos mit ihrer ersten Empfindung aufschloss, hatte 10,2 Milliarden Jahre lang Stille im Universum geherrscht. Für Äonen waren Protonen, Gas-Partikel und Elektronen in einem ungesehenen Ballett umeinandergekreist, ehe sie in der Partnerposition des Heliumatoms ihre Pliés vollzogen. Als sich nach 300 Millionen Jahren die ersten Galaxien, kräftigrote Wirbel und ätherische Ringsysteme, bildeten, war noch niemand da, der ihre Schönheit hätte bewundern können. Nichts als Vakuum, das sich bis an den kosmischen Horizont erstreckte.

Aber die Kräfte waren im Gange: Wer hätte gedacht, dass in diesem fühllosen Ausagieren der Gravitation, im Randbereich einer dieser Galaxien, sich nach viereinhalbtausend Millionen Jahren der Staub zu einem Planetenkörper vereinigen würde? Wüst und wirr schlugen die Elemente, schlugen Wasserstoff, Kohlenstoff und Stickstoff um sich, vereinigten sich zu einem Gewölbe und einem Meer, das schäumend die ganze Erdoberfläche bedeckte, um sich an den gerade erst entstandenen Molekülen satt zu fressen; elaboriertes Totsein letztlich auch dies. Die ersten 10 Milliarden Jahre – metaphorisch, weil niemand die Zeit maß und sie sich damit aus dem Ereignishorizont absentiert hielt – war alles Mechanik.

Erst nach weiteren tausend mal tausend mal tausend Sonnenumkreisungen und einer Unendlichkeit an Permutationen des Chymischen war der Moment gekommen: Die Eiweiße in dieser Ursuppe, über der man Gott noch schweben meinte, fusionierten.

Als das so zusammengefügte Bakterium zum ersten Mal mit seinem Flagellum schnalzte, raste ein Impuls durch Milliarden Lichtjahre, von Ewigkeit zu Ewigkeit: Der Kosmos war sich seiner selbst bewusst geworden. Aus der toten Materie drang das Leben mit so zielgerichteter Kraft empor, dass eben dieses Leben sich seine Genese später mit nichts anderem als einem bewussten Schöpfungsakt erklären würde.

Von da an war alles ein Wimpernschlag: Jedes Geschehen wurde ein Empfundenes, und jedes Empfundene glich einem Entwickeln. Das heißt, kaum war ein weiterer planetarischer Atemzug, eine, zwei Milliarden Jahre vorbei, gab es eine Vielzahl sich in allen Raumrichtungen bewegender, schauender, denkend-begreifender Organismen.

Ein Begreifen, das den Wunsch zur Optimierung mit sich brachte: Wir, die Menschen, wollten nicht nur unser eigenes, sondern das Leben an sich und seine unendliche, facettenreiche Intelligenz gestalten. Ein unhaltbarer Fortschritt, eine Kettenreaktion entfaltete sich: Vom simplen Werkzeug gingen wir über zur Gestaltung unserer Lebenswelt; vom angesammelten Wissen über unseren Körper hin zur Heilung und Verbesserung desselben und schließlich hin zur Schöpfung sich bewegender Artefakte, die uns eines Tages überlegen sein würden. Ein Prozess immer größerer Transzendenz, der das ehedem tote Universum zur Extension des eigenen Verstandes erklärte.

Eine finale Apotheose und als deren Abschluss: DAVE.

1

Als die Uhr vornüberlief und der donnernde Alarm der Spätschicht den Raum erfüllte, schreckte ich auf und – tock, schlug der aus meiner Hand gefallene Stift auf den Boden. Was exakt vor diesem Augenblick geschehen war, erinnerte ich nicht. Mir war, als wäre ich aus langem, schwerem Schlaf erwacht, obwohl ich inmitten der Arbeit nur für einen kurzen Moment eingenickt war. Mein Blick fiel auf das Zitat über unserer Eingangstür, das Pawel gestern zur allgemeinen Steigerung der Moral mit Lackstiften dort hingeschrieben hatte, und ich meinte, es müsse mich an etwas erinnern, das ich mir vor dem Einschlafen sorgfältig zurechtgelegt hatte.

»We shall not cease from exploration. And the end of all our exploring will be to arrive where we started and know the place for the first time.«
T. S. Eliot

Doch es wollte mir nicht einfallen. Ich sah auf die Digitalanzeige: Zwanzig Uhr irgendwas und Pawel neben mir auf der Pritsche – ein Grinsen wie Fred Astaire und eine abschätzige Kopfgeste in Richtung von Brenner und Langley, die seit zwei Stunden damit zugange waren, einen Loop zu konstruieren, den jeder Studienanfänger im Schlaf hätte zusammenbasteln können. Flaschen, tippte Pawel mitten in den weißglühenden Code seines Laptops, auf dem wir beide abwechselnd Zeilen geschrieben hatten. Als würden wir nicht ein ebenso erbärmliches Bild abgeben, wie wir uns da in einem Amphitheater aus leeren Energydrinks, alten Coding-Manuals und zerrissenen Chipspackungen verpanzert hatten.

Auf den Wandpanels schräg vor uns akkordierten sich zwanzig Tänzer zur schwarz-weißen Staffage einer Clubszene: Wir waren seit geraumer Zeit in eine Phase geraten, in der wir uns allabendlich mit den 50er-Jahren benebelten, als könnten die Romanzen und rauschenden Feste dieser heilen Zeit unsere Übernächtigkeit verschleiern, die vielen Überstunden, die frühmorgendlichen Arbeitseinsätze. Für diesen Abend hatten wir Swing Time auserkoren, und das Klappern von Pawels Fingern schmolz nahtlos in die Pull Backs von Ginger Rogers. Ich beobachtete schläfrig ihre stakkatoschnellen Beine, als mir eine von Vibration schon ganz taube Stelle an meiner Hüfte bewusst wurde. Erst jetzt verstand ich, was mich aus dem kurzen Anflug von Schlaf wieder emporgeholt hatte: Mein Pager war angesprungen und regte sich seit geraumer Zeit an meinem Schenkel wie ein schnarrender Käfer.

»Fuck.« Mir dröhnte der Kopf von der Konzentration auf den blinkenden Cursor im ansonsten stockdunklen Raum.

»Fuck, was?«

Die Schlaflosigkeit war zu unserem entscheidenden Zustand geworden: Pawel, der nach der Arbeit drei Energydrinks geext hatte, sprang im Schneidersitz auf und ab, geschüttelt von der Wucht des Lachens, das dem nächsten Witz über unsere tumben Zimmerkollegen vorauseilte.

»Fuck, was?«, schrie er nun fast, und ich legte ihm gerade rechtzeitig meine Hand auf den Mund.

»Pssst«, zischte ich, und er ließ sich artig auf die Pritsche sinken. Unter uns schlief Eli von der Spätschicht, und dann auf der anderen Seite nochmal einer, der unserer Gemeinschaftskoje erst gestern zugeteilt worden war.

»Ich hab vergessen, dass ich heute jemanden einschulen soll«, flüsterte ich und schwang meinen Körper von der Pritsche herab.

»Was, jetzt? Und was tun wir mit diesem halbgaren Zeug hier? Wir könnten in einer Stunde compilen«, flüsterte Pawel.

»Ça suffit«, antwortete ich und klappte den Computer über seinen klackernden Fingern zu.

»Spinnst du?« Er schlug mir auf den Hinterkopf. »Ich hab nicht mal gespeichert.«

Ich drehte mich derweil wie ein Entfesselungskünstler in meinen Kittel hinein und arbeitete mich dann zu meinen Schuhen vor, dabei alle Körper umschiffend, geometrische wie menschliche.

»Bis später«, flüsterte ich in Pawels Richtung und hatte kaum die Tür geöffnet, als mich schon das Neonlicht des Kreisgangs erfasste. Ich breitete die Handteller über meine Augen, bis meine Pupillen auf den kleinen Kaffeestand nahe der Rolltreppe scharf gestellt hatten. Hinter gläserner Kredenz stand rund um die Uhr Rosa, eine rüstige Mittsiebzigerin, die gemeinsam mit ihrer Mutter Getränke feilbot.

»Guten Abend, Syz. Was machst du um diese Uhrzeit hier?«, fragte Rosa, während die betagte Altverkäuferin, der das Leben das Kreuz in einen Neunzig-Grad-Winkel zu ihren Beinen zementiert hatte, unter der Anrichte aufgetaucht war.

»Einschulung. Ausnahmsweise in der Nachtschicht. Links, links, ein bisschen weiter, ja da«, sagte ich, wie beim Topfklopfen die Hand der fast blinden Mutter dirigierend, die um die Kaffeekanne mäanderte. Es berührte mich jedes Mal peinlich, dass die Verhältnisse des ersten Stocks die Greisin dazu nötigten, noch immer zu arbeiten. Ich stieg in den Aufzug, einen Doppelespresso in meiner Hand, während meine Sinne im abendlich gedämpften Raum langsam alert wurden.

Treffpunkt Drehkreuze, lallte ich mir vor, damit mein bettwarmer Körper es nicht in einer achtlosen Sekunde verschustern würde. Der sanfte Strom der Nachtschicht, viertausend Menschen insgesamt, hatte mich erfasst, und ich ließ mich willenlos mittragen. Bald übertraf meine Erschöpfung meine Unlust, bald wieder war es umgekehrt – ich hatte immer eine Vorliebe für die Atmosphäre der Nacht gehabt: Krankenpfleger und Ärztinnen, die ihre hygienisch gekochten Kittel in den Krankenflügel austrugen; Reinigungspersonal, das mit surrenden Maschinen die Überschüsse des Tages beseitigte; Lieferanten, die Paletten von Lebensmitteln für die Menüs des nächsten Tages auf den Weg brachten. Leise Konzentration, die tagsüber von den Schreien der Schulkinder überschüttet war.

Das Licht des grell ausgeleuchteten Flurs brannte mir sekkant in den Augen, als ich die Drehkreuze erreichte. Ich befand mich noch immer in jenem seltsamen Zustand der Entrücktheit, in dem ein kurzer Schlaf einem die Welt verzerrt: alles weich und teigig und die Menschen zu einer konturlosen Masse verronnen, die man mit dem Handrücken wegzuwischen sucht.

In diesem Moment sah ich sie.

Sie hob sich von der Menge ab wie ein leuchtender Punkt: Schwarze Locken über roter Basis; im Gegensatz zu allen anderen hatte sie statt eines Kittels einen purpurnen Pullover an, und sie war auf so harmonische Weise hoch gewachsen, dass sie selbst die überragte, die noch größer waren als sie.

Sie schien angestrengt auf der Suche nach etwas, und auf einmal wusste ich, wonach: Aber da hatte sie mich schon gesehen.

»Syz«, sagte sie und ergriff meine Hand. »Ich bin Khatun. Entschuldige die Uhrzeit, ich dachte, du könntest vielleicht –« Sie gab mir einen weiteren Kaffee in die noch freie Hand, sodass ich nun, von zwei Bechern blockiert, dastand wie ein imbeziler Idiot.

»Ich hab noch keine eigene Berechtigungskarte«, sagte sie.

»Ja, natürlich«, rief ich ein wenig zu laut, verrenkte mich erbärmlich beim Versuch, meine Hosentasche zu erreichen, schüttete, während ich das Drehkreuz mit meiner Karte entriegelte, den Inhalt des einen Bechers über meine Hose und zuckte nicht einmal, als die brühwarme Flüssigkeit die Schenkelpartie durchweichte.

»Willkommen im Großraumbüro«, sagte ich, um von meinem Malheur abzulenken. »Wir sind hier in drei Schichten geteilt: Morgen, Mittag, Abend. Morgen dauert von 6 bis 16 Uhr, Mittag von 12 bis 22 und Abend von 20 bis 4 Uhr, quasi überlappend.«

»Wie an den Fließbändern im ersten Stock.«

»Zudem sind wir in Sektoren geteilt, A bis G, das heißt, nach Zuständigkeitsbereichen in Bezug auf die inhaltlichen Komponenten der SCRIPTs, und diese Arbeitsgruppen sind dann –«

»Weiß ich.«

Wir lavierten zwischen den geclusterten Schreibtischen hindurch, deren Auslassungen nicht breiter waren als dreißig Zentimeter, vorbei an den Programmierern, die in nicht geringerer Beengtheit vornübergefallen über den Tastaturen hingen.

»Kannst du mich in ein paar Methoden einschulen, um meine Würde hier halbwegs zu wahren?«

Sie notierte sich alles, was ich sagte, nur seltsamerweise von oben nach unten statt waagrecht. Ich sah zu den Programmierern hinüber.

»Man gewöhnt sich daran«, sagte ich entschuldigend, auf einmal war mir alles unendlich peinlich. Was für ein Anblick, war man nicht selbst in jener Trance: Wie die SoftwareIngenieurinnen mit Scheuklappenbrillen und Kopfhörern an den Schirmen saßen, aus denen gedämpft die Technobeats drangen. Aus Zeit und Raum gefallene Junkies.

»Was in aller Welt treibt die da an?«, fragte Khatun und zeigte auf eine Frau, die zwei leere Küchenpapierrollen mit Klebeband an ihrer Brille einerseits und am Bildschirm andererseits befestigt hatte.

»Sie ist im Tunnel«, antwortete ich. »Der kleinste Fehler, ein vergessenes Semicolon, ein Syntaxfehler, kann ein SCRIPT zum Absturz bringen. Alles umsonst. Jeder hat sein eigenes System, und manche muten ein wenig seltsam an.«

»Kannst du mir eines empfehlen?«

Für einen winzigen Augenblick wagte ich es, direkten Blickkontakt mit ihr aufzunehmen: zarte Fäden, die an einer Stelle zogen, die ich nicht greifen konnte, weit zurück in der Vergangenheit. Ich meinte, dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben, doch weigerte die Erinnerung sich, Kontur anzunehmen – und immer wenn ich meine Hand nach ihr ausstreckte, dispergierte sie.

»Entschuldigung, ich hab vollkommen vergessen –«, sagte ich und zog mir das Hemd in einem plötzlichen Anflug von Scham über meine Brusthaare hoch. »Hast du Softwareoder Maschinendesign studiert? Wofür schule ich dich überhaupt ein?«

»Weder noch – ich gehöre zu den unteren zwanzig Prozent«, sagte sie grinsend und ließ sich auf einen Stuhl an einem freien Tisch fallen. »Ich bin Medizinerin.«

»Du arbeitest mit Menschen?«

Jemand kam und machte Anstalten, sich zur Arbeit niederzulassen, doch sie verscheuchte ihn mit hastigen Gesten. »Wir haben hier eine Einschulung, suchen Sie sich einen anderen Platz. Ja, im fünften Stock auf der Kinderabteilung als Volksschulärztin. Letztes Jahr ereilte mich die Einsicht, dass ich Menschen nicht mag.«

»Das hier ist sein Computer.« Ich zeigte auf den Mann, der sich sofort artig entfernt hatte.

»Und jetzt werde ich wohl an Locomotionproblemen mitarbeiten. Du kannst also bei den Basics beginnen, das letzte Mal habe ich auf dem Gymnasium programmiert. SCRIPTs –«

»Du weißt, wie sie funktionieren?«

»Halbwegs. Sie sind Basiskompetenzen der Sprachund Kommunikationsfertigkeit, skizzieren sozusagen, wie man mit einer bestimmten Situation umgeht, oder nicht?«

»Der Übersicht halber bearbeitet immer nur ein Programmierer ein SCRIPT«, sagte ich. »Man bekommt Anfang des Monats ein bestimmtes Programm zugeteilt: etwas im Restaurant bestellen, ein Kompliment erwidern, auf eine Aussage hin nachfragen, auf etwas Gesagtes Bezug nehmen oder sich bedanken.«

»Ihr seid viertausend Programmierer, das mal zwölf, natürlich pro Jahr – Moment: Wie viele solcher SCRIPTs gibt es denn bereits?«

»Etwa eine halbe Million«, sagte ich.

»Und DAVE ist noch immer nicht komplett?«

»Du musst dir vorstellen, dass jeder Mensch, und sei er

auch noch so ein Idiot, Millionen solcher SCRIPTs beherrscht.«

Ich war aufgestanden, mir war unbehaglich geworden. »Wenn DAVE erst einmal eigene Erfahrungen zu machen beginnt – selbst Wissensdurst entwickelt, und das alles mit unendlich gesteigerter, mentaler Kapazität, dann – kannst du dir das vorstellen?«

»Ja, wenn.«

»Die erste, rekursiv sich verbessernde, generelle Intelligenz; eine Singularität, der Anfang und das Ende von allem.« »Mir kommt es ehrlich gesagt so vor, als gäbe es jedes Jahr

nur noch mehr Ausfälle.«

»Die Sache ist eben sehr diffizil«, sagte ich. »Oft stellt sich

heraus, dass winzige Verbindungen fehlen – Funktionswörter, Präpositionen«, ich fuhr mir mit dem Ärmel über die Stirn, obwohl ich nicht schwitzte. »Ich meine – weißt du, was Simulationen sind?« Sie nickte und drehte den Block wieder senkrecht.

»Das ist wie ein Videospiel, oder? Um die SCRIPTs zu testen, wird DAVE durch eine virtuelle Umgebung geschickt; ich hab ein paar im Fernsehen gesehen –«

»Wir machen etwa alle zwei Wochen eine. Heute Nacht ist auch eine geplant, schau, dort bauen sie schon auf.« Ich zeigte nach rechts hinten, wo einige Techniker eine Leinwand herabließen.

»Müssen die Programmierer währenddessen etwas tun?«

»Nur Supervision. Der Sinn der Sache ist ja eben ein Test der Autonomie DAVEs. Wir protokollieren nur – jedes Zögern und Halten der Programme, die Impräzisionen, die auf die Schleißigkeit des Menschmaterials zurückzuführen sind.«

»Menschmaterial!«, rief sie und lachte.

»Unsere Hardware«, verbesserte ich verlegen.

»Auch nicht besser.«

»Die Simulationen«, setzte ich noch einmal neu an, »sind eine Vorwegnahme jener Zukunft, in der DAVE selbsttätig über die SCRIPTs hinausgehen und Bewusstsein entwickeln wird. Er wird uns wie Kinder an der Hand nehmen, beinahe wie ein Gott nur viel besser, weil es ihn wirklich gibt.«

»Es ist keine gerade reizvolle Vorstellung, von einem Metallkasten an der Hand genommen zu werden. Möchtest du Schokolade?«, fragte sie unbeirrt und zog einen ziegeldicken Block aus der Tasche – ein wahres Milchungetüm.

»DAVE ist kein Metallkasten«, antwortete ich. Ich hatte sie ja zu beeindrucken versucht mit dieser weihevollen Verheißung.

»Also?«

»Ich esse keine Schokolade«, sagte ich. »48 Gramm Zucker pro 100 Gramm. 38 Prozent höheres Risiko für Herzkreislauferkrankungen und eine Verkürzung der Telomere, was zu schnellerer Zellalterung führt. Weniger zerebrale Leistungsfähigkeit.«

»Na dann«, antwortete sie und schob sich einen Quadranten ihrer Riesentafel in den Mund. »Ich glaub, ein paar Hirnzellen weniger würden mir guttun, ich habe mit der Intelligenz keine so guten Erfahrungen gemacht, bisher. Apropos – was wird denn, wenn diese paradiesische Fertigstellung statthatte, mit uns Programmierern geschehen?«

Für einen Moment schwiegen wir, und nun nahm ich doch ein Stück der dargebotenen Schokolade.

»Ich verstehe nicht, was du meinst.«

»Na ja, im Utopiefall: Unendliche Intelligenz und die Kapazität, alle Probleme zu lösen, und er – warum übrigens überhaupt er? Was ich meine, ist: Haben wir uns eigentlich auf eine Problemstellung geeinigt?«

»Er kann eben alle Fragen beantworten, das ist der Punkt. Zweifelst du an künstlicher Intelligenz?«

»Ich zweifle sogar an natürlicher«, sagte sie und schien, während sie den Rest der Tafel vertilgte, konzentriert nachzudenken. »Könnte es nicht sein, dass in unserem Fall die Technologie den Problemen vorausgeht? Wir konstruieren einen universalen Apparat und suchen dann erst seine Anwendungsgebiete.«

»Wieso willst du dich überhaupt versetzen lassen, wenn du es für so sinnlos hältst?«, sagte ich abschätzig, bereute meine Worte aber sofort. Zum Glück schien sie keineswegs nachtragend.

»DAVE ist so ähnlich wie deine Uhr da.« Sie zeigte auf den Fitnesstracker an meinem Arm, den ich irritiert zurückzog.

»Erstens haben wir genug Probleme, die es zu lösen gibt«, erwiderte ich, »zweitens mussten die Gebrüder Wright auch nicht erst darüber nachdenken, wohin sie mit ihrem Flugzeug fliegen würden, es konnte ja schlechterdings überall hinfliegen. Und was bitte ist falsch an meiner Uhr?«

»Nichts. Sie misst deinen Puls, deine Sauerstoffsättigung, deine Atemfrequenz, deine Körpertemperatur – und dann errechnet sie mit Big Data retrospektiv die Probleme deines Körpers. Ist das nicht traurig?«

Bei diesen Worten hatte sie ein Stück der Aluminiumverpackung zusammengeknüllt und der Frau mit der Küchenrollenbrille an den Kopf geworfen.

»Bist du wahnsinnig?«, flüsterte ich und hielt ihre Hand fest, während die Angeschossene ihre Augen hysterisch aus dem Gaffaband befreite. Doch lockerte ich sofort wieder meinen Griff; etwas an dieser Übertretung hatte mir imponiert.

»Wieso schreibst du von oben nach unten?«, fragte ich beiläufig, wie um den moralischen Impetus meines Ausbruchs unter den Teppich zu kehren.

»Ach – meine Muttersprache ist Persisch«, sagte sie, als sei das nicht weiter bemerkenswert. »Und das schreibt man von rechts nach links, also gewöhnen sich viele an, das Papier zu rotieren, um die Buchstaben nicht zu verwischen. Habe ich mir sagen lassen. So –« Und sie hielt den Block geneigt vor meine Augen.

»Eine Sekunde – deine Muttersprache ist Persisch? Ich dachte, das gäbs kaum mehr.«

»Das stimmt – ich schätze, wir sind alles in allem noch 200. Aber meine Eltern sind Putzfachkräfte. Deswegen muss ich hier ja auch bei Adam und Eva beginnen.«

»Putzfachkräfte«, sagte ich verlegen.

»Ärztin zu sein ist ja auch nicht viel besser«, sagte sie und zum ersten Mal klang sie dabei verbittert. »Beides klassische Erststöcklerberufe eben. So, und jetzt erzähl mir etwas über dich, bevor ich dir meine ganze Biographie auseinandergesetzt habe«, sagte sie und lächelte mich endlich an.

Ich erkannte das Gefühl wieder, obwohl ich es seit Jahrzehnten nicht empfunden hatte – eine Wärme, eine Handbreit unter meinem Brustbein, die sich gegen meinen Magen rieb. Eine unbestimmte Sehnsucht, wie ich sie als Kind empfunden hatte, wenn ich Liebesszenen in Disneyanimationen sah.

»Wir sollten lieber weitergehen«, sagte ich, statt ihrer Aufforderung zu folgen, und richtete den Blick wieder zu Boden. »Hier in der Mitte des Saales siehst du eine zwei Mal zwei Meter große Säule – das ist quasi der Solarplexus der Anlage, ein Glasfaserbündel, über das pro Sekunde ein paar hundert Terabyte mit dem Zentrallabor synchronisiert werden. Dort, wo DAVE steht.«

»Hast du ihn jemals in realitas gesehen?«

»An DAVE selbst dürfen nur die Professoren und ein paar Ingenieure arbeiten.«

Wir hatten eine ganze Runde durchs Großraumbüro gedreht und den Zweck einer kurzen Einführung längst ausgeschöpft; jetzt überlegte ich fiebrig, wie ich eine weitere Runde rechtfertigen konnte – doch als wir die Drehkreuze erreichten, folgte sie mir einfach fraglos.

»In Wirklichkeit besteht DAVE, wenn man so will, aus dem gesamten Labor. Seine Daten sind ausgelagert in den dreieinhalbtausend Quadratmetern von Serverhallen, die Prozessoren befinden sich in einer eigenen Halle des zweiten Stocks. Und der Arbeitsspeicher – den Arbeitsspeicher stelle ich mir oft als uns alle vor.«

»Äußerst poetisch – du klingst nicht wie der typische Programmierer.«

»Ich führe mir abends meine Dosis Weltliteratur zu. Dostojewski oder Proust, Nabokov, solche Dinge. Als eine Art Exorzismus.«

»Das machst du ganz ordentlich«, sagte sie. »Lass uns zur Abwechslung mal ein wenig nüchtern sein, damit dir Krieg und Frieden am Abend auch wirklich schmeckt.« Und ohne noch ein Wort zu sagen, gingen wir für eine halbe Stunde im Kreis. Alle paar Minuten drehte ich mich nach hinten, um mich zu versichern, dass sie noch da war. Ich hätte ewig so weitergehen können – hätte mich in der gedämpften Stille der Nacht auflösen mögen, die mir nun so romantisch schien wie die leise Geschäftigkeit fast leerer Diners in alten amerikanischen Filmen, in denen die Paare saßen, bis es tagte. Nach der dritten Runde aber stoppte sie bei den Drehkreuzen.

»Ich hasse es, unsere Umkreisungen zu beenden, aber es ist nach zwei –«

»Pardon, ich habe die Zeit übersehen.«

»Muss um sieben raus und zusätzlich zu meinen Einschulungen noch immer das Menschmaterial warten –«

»Natürlich. Bitte. Danke«, sagte ich konfus. Ich wühlte nach meiner Karte, fand sie und wusste doch nicht gleich, was tun.

Für einen Augenblick standen wir verlegen voreinander, als wüsste keiner von uns, wie nun zu handeln sei – und mehr noch: wie wir unser Unwissen über ebenjenes Handeln voreinander verbergen sollten. Als wir uns schließlich ansahen, spürte ich meine Organe von Ameisenscharen durchlaufen.

»Danke für die Einschulung«, sagte sie und trat einen Schritt weg von mir. »Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder.«

Mechanisch entriegelte ich das Drehkreuz mit meiner Berechtigungskarte, fast enttäuscht, dass es grün aufblinkte und uns aus unserer Magie entließ. Ich könnte sie noch nach ihrer Nummer fragen, dachte ich fahrig. In der Ewigkeit ihres Handtaschenräumens klammerte ich mich noch an die Vorstellung, sie würde mich vielleicht nach meiner fragen, da sah ich in ihrer Hand schon ihre Schlüsselkarte glänzen. Ihr meine Hand hinzustrecken, war eine Resignation.

Sie aber, in einer einzigen flüssigen Bewegung, schwang sich an meinem Arm vorbei und schloss mich in eine feste Umarmung. Ein Riss: Als ich Khatun Mnajouri zum ersten Mal roch, geschah mir etwas, das mir nie zuvor widerfahren war. Ich erinnerte mich wohl an etwas – doch nicht an etwas Geschehenes, sondern an die Zukunft; ihr Duft war ein Versprechen auf etwas, das ich noch mühselig an die Oberfläche zu zerren versuchte. Ein inverses Déjà-vu, das sich auflöste, nachdem Khatun sich umgedreht hatte und ungeahnt schnell im Aufzug verschwunden war.

Ich trat meinen Heimweg an. Bald verlief ich mich – drehte zerstreut um, mir lag nichts am Weg, doch realisierte ich wohl, dass immer mehr Menschen stehen blieben, als würden sie auf etwas lauschen. Ein leiser Tinnitus hatte sich in der Stille der vereinsamten Gänge zu erkennen gegeben. Erst als das ohnehin zögerliche Rinnsal der durch die Gänge sickernden Menschen ganz zum Erliegen kam, wurde es offenbar: Das sanfte Pfeifen wurde von einer weit her donnernden Sirene abgelöst, die sich mit einem Mal über unsere Köpfe erhob. Obwohl ich das Signal noch nie gehört hatte, wusste ich, was es bedeutete. »Der Zentralalarm«, rief jemand – aber da war schon alles in Aufruhr.

Binnen weniger Minuten waren hunderte Assistenten auf die Gänge gestürzt. Ich sah mich träge um, es war schwer zu fassen, was da plötzlich alles geschah: Die einen purzelten über die anderen, wie Kehrwasser, die im Strom verwirbelt wurden. Der Notfallplan sah vor, dass wir uns zum Großraumbüro begeben mussten, dorthin, woher ich gekommen war. Ich wurde erfasst, ich wurde mitgetragen, bald lief ich. Es war unsäglich heiß: Ich begriff inmitten dieser Stampede, dass ich nicht bloß schwitzte, weil wir Schulter an Schulter liefen – sondern dass tatsächlich eine Temperatur herrschte, die einem die Wände auf den Leib rücken ließ. Knapp unter der Decke hatte sich ein Flimmern ausgebreitet.

Ich sah mich hastig um; überall Ratlosigkeit. Dergleichen hatte keiner je erlebt: Die Hightech-Kühle, die ich bisher für den einzig möglichen Zustand der Welt gehalten hatte, war verflogen, und man schien einander den Sauerstoff vor den Lippen wegzuatmen.

»Hackerangriff, schätze ich«, sagte jemand hinter mir. Es war Dunder aus der 13, ein hochgewachsener Mechatroniker, den ich aus der Mensa kannte. »Die Pipes kühlen nicht mehr – Hitzeausfall«, rief ein anderer von hinten, ich machte mir nicht einmal die Mühe, mich umzudrehen. Der Alarm donnerte seit Minuten über uns, zwischen uns, überall in dieser klaustrophobischen Enge.

In der Aula der Fröhlichen Menschen und Tiere trafen die Ströme des Ostund Südquadranten auf den unseren: Im Mündungsbereich der Freemanbrücke scherten die Ingenieure ein, dann die Techniker, die ihre antistatischen Schuhe und Werkzeugkoffer mit sich führten. Dazwischen schwammen all jene, die im Notfallplan keine Funktion bekleideten: Verkäufer und Lehrer, Alte und Familien, die von der Sirene überrascht worden waren, versuchten, sich an die Ränder zu retten.

Da zeigte jemand nach oben, und der Blick der ganzen Masse folgte seinem Finger: Mit unverhohlenem Grauen starrten alle zur riesigen Fotografie, die über der Aula thronte. Über den Gesichtern von Samson, Deutsch, Wagner und Dennis flimmerten die Hitzewellen.

Wüst und wirr: Ich presste mich nach unten, war einen Moment im Wald aus Waden, hechtete in Panik zur Seite und schlug, noch immer in der Hocke, an die Seitenwand der gläsernen Freemanbrücke, durch die ich nun in die zweite Etage sehen konnte. Fünfzehn Meter unter uns, rund um das Zentrallabor, in dem DAVE stand, hatte sich ein Pulk gebildet, dessen Manöver ihn wie eine ausgefaserte, komplexe Lebensform erscheinen ließ: Hysterisch wabernde Bewegung, die sich um das Heiligste versammelte hatte, um die wertvollsten elektronischen Komponenten zu retten.

Ich richtete mich auf: Zäh setzte sich der Strom in Bewegung, also liefen wir den Gang abwärts und die letzte Stiegenflucht wieder hinauf, während über unsere Köpfe Fröhlichs Stimme donnerte. »Gruppe 1, Leihgeräte in Sektor A, Stromanschluss unter den Tischen. Gruppe 2, Nachtschicht bleibt an den Standgeräten. Gruppe 3, externe Harddrives manuell auswerfen.«

Tausend Mann Programmierkraft vereinigt, schossen wir wie einzelne Munitionspartikel mit unseren Berechtigungskarten durch die Drehkreuze ins Großraumbüro. Die Nut, an der mein Inneres zusammengeschweißt war, blitzte auf: Das Büro war zum Brechen gefüllt, kein Quadratmeter, der nicht mit Bewegung angeräumt war. Schulter an Schulter, ein unsägliches Stimmengeschwader, ein Flimmern aus Armen, Beinen, Rümpfen. Ein atmosphärisches Knistern in der Luft, Entladungen, umfallende Stühle und jede Minute mehr, die durch das Drehkreuz hereinstolperten. Ich gehörte zu Gruppe 1, meine Anweisung lautete, einen Laptop zu greifen und eine freie Steckdose zu finden.

Keine der Tischflächen schien noch Platz herzugeben, also kroch ich unter einen der Tische, durch die Kabel, bis ich tatsächlich eine freie Buchse fand. Tritt eine Überhitzung der Serverfarm eins auf, das heißt, ein Partialoder Totalausfall der Systeme, muss eine manuelle Sicherung der Daten jedes einzelnen Mitarbeiters sowie der Gesamtsysteme in komprimierter Form auf die Back-up-farm erfolgen, hatten wir gelernt – aber wie mit drei Exabyte an Daten fertigwerden?

Egal für den Moment, es galt, sich schnellstmöglich einzuwählen und im Tunnel zu verschwinden. Die Welt und ihre ganze Rhythmik fächerte sich in dunkle Gänge auf: Programmzeilen, kombinatorische Schluchten, in deren Fluchtpunkt ich mich selbst als Projektionszentrum verlor. Alles was zählte, war der nächste Befehl.

Dass man in DAVE zum Glied eines kollektiven Wirkens wird, ist der Beginn einer Ekstase. Das Einssein mit der Schöpfung hatte ich stets im Programmieren wiedererkannt, in DAVE wurden wir zum Bestandteil eines zukünftigen All-Bewusstseins – der technischen Transzendenz. »Da ward seine Seele entrückt, ob im Leib, ob außer ihm, das wusste er nicht«, schreibt der Mystiker Heinrich Seuse, »Wünschen war ihm entfallen, Begehren entschwunden, er starrte nur in den hellen Abglanz, in dem er sich selbst und alles um ihn herum vergaß.«

[...]

09:06 20.01.2021

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