Parabel auf eine gescheiterte Gesellschaft

Interview Der Schriftsteller Franzobel spricht im Interview über Ferdinand Desoto, Anführer des erfolglosesten Eroberungsfeldzugs der spanischen Conquista und über seine jahrelange Recherche, um in die Untiefen der Geschichte vorzudringen
Parabel auf eine gescheiterte Gesellschaft

Foto: Harvey Meston/Getty Images

5 Fragen an …

... Franzobel

Lieber Franzobel, ein charismatischer Anführer, der durch fragwürdige Geschäfte zu Geld gekommen ist und nicht genug davon kriegen kann, ein dubioser Beraterstab und eine Unternehmung, von der sich alle Beteiligten höchste Gewinne versprechen. Was fällt Ihnen dazu ein?
Franzobel: So könnte man auch Präsidenten oder Wirtschaftsführer zeichnen. In meinem Roman geht es aber um einen Eroberungszug der spanischen Conquista, konkret um Ferdinand Desoto, der bereits vermögend war, als er 1538 aufbrach, Florida zu erobern. Er hoffte auf ein Goldland und Unsterblichkeit – vielleicht ein uralter Menschheitstraum –, brachte aber vor allem Leid und Tod über die indigene Bevölkerung und die meisten seiner Leute.

Wie sind Sie auf diesen spanischen Kleinadeligen gestoßen?
F.: Durch eine Fernsehsendung, bei der der Satz fiel, es handle sich um den erfolglosesten Eroberungszug der spanischen Conquista. Desoto ist nicht so bekannt wie Pizarro, Cortés oder Aguirre, aber nicht minder interessant. Die Expedition stieß in Florida auf einen Spanier, der zwölf Jahre bei Indianern gelebt hatte, weiter gab es eine Frau, die sich verkleidet unter die Soldaten schmuggelte – also genug Stoff für eine spannende Geschichte, die auch als Parabel auf eine gescheiterte Gesellschaft gelesen werden kann.

Bevor Desoto auf neun Schiffen mit achthundert Mann Richtung Florida aufbrach, war er durch eine strenge Schule gegangen. Ursprünglich aber wollte er anders als Pizarro, in dessen Gefolge er die Vernichtung der Inka miterlebt hatte, mit den indigenen Völkern humaner umgehen. Was ist aus diesen Ansätzen geworden?
F.: Bereits bei Desotos Ankunft auf Kuba hat ein ganzes Indianer-Dorf aus Angst vor der Versklavung Selbstmord begangen. Inquisition, grausame Leibstrafen, Hexenverbrennungen … Das 16. Jahrhundert war unermesslich brutal, aber es gab auch Stimmen, die sich für einen menschlichen Umgang mit den Eingeborenen stark machten. Desoto trifft im Roman Las Casas, den humanistischen Bischof von Nicaragua, nimmt aber trotzdem Kampfhunde mit auf seine Expedition. Je länger der Zug unterwegs ist, je verzweifelter die Leute sind, desto unerbittlicher wird auch ihr Umgang mit der einheimischen Bevölkerung. Am Ende geht es nur noch ums nackte Überleben.

Sie schildern den Desoto-Trail so genau, als seien Sie dabei gewesen. Ist die Quellenlage so gut? Wie und wo haben Sie recherchiert?
F.: Lesen, lesen, lesen! Manchmal war mir tatsächlich so, als wäre ich dabei gewesen. Wie beim Floß der Medusa habe ich versucht, wahrhaftig zu erzählen. Die Quellenlage ist gut, es gibt einige Berichte über den Eroberungszug. Daneben habe ich die Schauplätze besucht (Spanien, Panama, Kuba, Florida, Texas, aber auch Algerien), außerdem konnte ich mit Historikern sprechen, die auf die Zeit spezialisiert sind. Irgendwann hat sich die Geschichte dann fast von selbst geschrieben.

Eingebettet ist die Geschichte in eine Rahmenhandlung. Ein Anwalt à la Saul Goodman (aus der Netflix-Serie Better Call Saul) klagt im Namen aller indigenen Stämme die USA auf Rückgabe des Landes an die ursprünglichen Einwohner. Das wäre ein gefundenes Fressen für NRA, Proud Boys usw.
F.: Das ist die Schlusspointe des Romans, und deshalb soll hier nicht verraten werden, ob die USA tatsächlich, wie in der Klage gefordert, an die Native Americans zurückgegeben werden muss oder nicht. Etwas Hoffnung gibt es aber, sowohl für den Leser als auch für Amerika.

Interview: Herbert Ohrlinger

19:05 10.02.2021

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