Das Wesen des Klimawandels

Leseprobe Der Klimawandel ist eine Krise, die nicht ignoriert werden kann. Wetterextreme, Dürren, steigende Meeresspiegel und Missernten würden weite Teile der Erde unbewohnbar machen. Die Menschheit muss innerhalb der nächsten dreißig Jahre die Wende schaffen
Das Wesen des Klimawandels
Der Zustand der Wälder in Europa wird immer kritischer

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

In den letzten Jahrzehnten ist der Klimawandel als die womöglich schwer­ wiegendste Krise der Menschheit zutage getreten und gleichzeitig ist sie das scheinbar am schwierigsten zu lösende Problem für Regierungen auf der ganzen Welt. Noam, wie würdest du – angesichts dessen, was wir bisher über ihn wissen – den Klimawandel im Vergleich zu anderen Krisen in der Geschichte der Menschheit zusammenfassen?

Noam Chomsky: Wir können nicht leugnen, dass die großen Probleme, die sich heute vor uns auftun, radikal anders sind als alle bisherigen in der menschlichen Geschichte. Die Frage, die sich uns stellt, ist tatsächlich die nach dem Fortbestehen organisierter menschlicher Existenz auf diesem Planeten. Die Antworten darauf können wir selbstverständlich nicht lange aufschieben.

Die uns bevorstehenden Aufgaben sind in der Tat neu – und die Prognosen düster. In den Geschichtsbüchern finden wir unzählige Aufzeichnungen von entsetzlichen Kriegen, unbeschreiblicher Folter, Massakern und jeder erdenklichen Verletzung fundamentaler Menschenrechte. Doch die Gefahr einer Vernichtung des organisierten menschlichen Lebens ist in der Tat etwas völlig Neues. Sie kann nur durch die gemeinsame Anstrengung der ganzen Welt abgewendet werden, wenn sich auch die Verantwortung dafür proportional zu den Möglichkeiten verhält und es sich aus moralischen Grundsätzen gebietet, dass diejenigen, die in den letzten Jahrhunderten maßgeblich für die Schaffung der Krise verantwortlich waren und sich, während sie sich bereicherten, der Menschheit ihr düsteres Schicksal aufzwangen, besonders zur Verantwortung gezogen werden müssen.

Die beschriebene Gefahr offenbarte sich auf dramatische Weise am 6. August 1945. Obwohl die auf Hiroshima abgeworfene Atombombe selbst – trotz ihrer schrecklichen Ausmaße – nicht das Fortbestehen der Menschheit bedrohte, war es doch klar, dass der Geist damit aus der Flasche befreit worden war und die technischen Entwicklungen bald an eben diesen Punkt gelangen würden – wie es schließlich 1953 mit der Zündung von Wasserstoffbomben auch geschah. Dies veranlasste das Bulletin of Atomic Scientists dazu, die sogenannte Weltuntergangsuhr auf zwei Minuten vor Mitternacht zu stellen – wobei Mitternacht globale Auslöschung bedeuten würde –, eine Einstellung, die nach Donald Trumps erstem Amtsjahr erneut gewählt werden musste, wobei die Wissenschaftler*innen das kommende Jahr als »das neue Abnormal« beschrieben.2 Im Januar 2020 und größtenteils dank der Trump-Regierung wurde der Zeiger näher als jemals zuvor Richtung Mitternacht gerückt: 100 Sekunden. Aus Minuten werden bereits Sekunden. Ich werde nicht im Detail alle Stationen durchgehen, aber wer dies tut, wird erkennen, dass unser Überleben bis hierhin nahezu einem Wunder gleicht und das Rennen hin zu unserer Selbstzerstörung erneut Fahrt aufgenommen hat.

Um das Schlimmste zu verhindern, gab es einige recht erfolgreiche Bemühungen, darunter vor allem vier große Rüstungskontrollverträge: ABM, INF, Open Skies und New START. Die zweite Bush-Regierung kündigte 2002 ihre Beteiligung am ABM-Vertrag auf. Die Trump-Regierung zog sich im August 2019 aus dem INF-Vertrag zurück, nahezu genau am Jahrestag der Bombardierung von Hiroshima. Sie haben außerdem angedeutet, dass sie auch die Open-Skies- und New-START-Verträge aufkündigen wollen.3 Somit wären alle Beschränkungen eingerissen und die Voraussetzungen für einen alles vernichtenden Krieg gelegt.

Die ›Logik‹ dahinter wird gut durch die US-amerikanische Aufkündigung des INF-Vertrages illustriert, worauf vorhersehbarerweise auch die Aufkündigung des Vertrags durch Russland folgte. Reagan und Gorbatschow hatten diesen wichtigen Vertrag 1987 ausgehandelt und so die Gefahr eines Krieges in Europa reduziert, der, einmal ausgebrochen, schnell globale Züge annehmen könnte. Wie regelmäßig in den Medien zu lesen ist, beschuldigen die USA Russland, den Vertrag zu verletzen, wobei allerdings ausgelassen wird, dass Russland den USA den gleichen Vorwurf macht. Ein Vorwurf, der von US-amerikanischen Wissenschaftler*innen ernst genug genommen wird, sodass das einflussreiche Bulletin of Atomic Scientists dem Thema einen ausführlichen Artikel widmete.

In einer vernünftigen Welt würden sich beide Seiten diplomatischer Mittel bedienen, außenstehende Expert*innen zur Bewertung der Vorwürfe heranziehen und schließlich, wie Reagan und Gorbatschow 1987, eine neue Übereinkunft treffen. In einer unvernünftigen Welt hingegen würden beide Seiten den Vertrag aufkündigen und fröhlich dazu übergehen, neue und noch gefährlichere Waffen wie Raketen mit Überschallgeschwindigkeit zu entwickeln, gegen die es gegenwärtig keine vorstellbare Abwehrmöglichkeit gibt (soweit es gegen große Waffensysteme überhaupt eine Abwehr gibt, eine fragwürdige Aussicht). Dies ist unsere Welt.

So wie der INF-Vertrag ging auch der Open-Skies-Vertrag auf eine republikanische Initiative zurück. Die Idee wurde von Präsident Eisenhower vorgebracht und von George H. W. Bush (dem ersten) umgesetzt. All das geschah in einer Republikanischen Partei vor Newt Gingrich – einer noch vernünftigen politischen Organisation. Thomas Mann und Normal Ornstein, zwei angesehene politische Beobachter des American Enterprise Institute, beschreiben die Republikanische Partei seit der Übernahme von Newt Gingrich in den 1990er-Jahren als keine gewöhnliche politische Partei mehr, sondern als einen »radikalen Aufruhr«, der die parlamentarische Politik größtenteils hinter sich gelassen hat.5 Unter der Führung von Mitch McConnell ist diese Tatsache umso deutlicher geworden, wobei er innerhalb der Partei große Unterstützung erfährt.

Die Aufhebung des INF-Vertrags brachte außer in einigen Kontrollgremien nur wenige Reaktionen hervor. Doch nicht alle wenden ihre Blicke ab. Die Rüstungsindustrie kann ihre Freude über die riesigen neuen Verträge zur Entwicklung neuer Vernichtungsmethoden kaum verdecken und die weitsichtigeren unter ihnen schmieden bereits langfristigere Pläne, um fette Verträge zur Entwicklung von möglichen (wenn auch fragwürdigen) Abwehrsystemen gegen eben jene Monstrositäten einzufahren, die sie nun entwickeln dürfen.

Die Trump-Regierung verschwendete keine Zeit damit, die Aufhebung des Vertrags offen zur Schau zu stellen. Innerhalb weniger Wochen gab das Pentagon den erfolgreichen Start einer Mittelstreckenrakete bekannt, die gegen den INF-Vertrag verstößt – geradezu eine Einladung an andere, in diesem Spiel mitzumischen, mit all seinen offensichtlichen Konsequenzen. Der ehemalige Verteidigungsminister William Perry, der sich den Großteil seiner Karriere mit nuklearen Themen beschäftigte und nicht gerade für Übertreibungen bekannt ist, erklärte vor einiger Zeit, dass er »entsetzt« sei – und das in zweifacher Hinsicht. Einerseits entsetze ihn die immer weiter steigende Kriegsgefahr und andererseits die geringe Aufmerksamkeit für dieses Thema. Wir sollten jedoch in dreifacher Hinsicht entsetzt sein. Hinzu kommt die Tatsache, dass diejenigen, die diesen Weg der absoluten Vernichtung vorantreiben, dies in völligem Bewusstsein der entsetzlichen Konsequenzen ihres Handelns tun. Dasselbe gilt auch für ihre Bemühungen, die natürliche Umwelt zu zerstören, die das Leben auf diesem Planeten erhält.

Es handelt sich dabei um ein weit gespanntes Netz. Es sind nicht nur Politiker*innen – wobei die Trump-Regierung besonders ungeheuerlich und gefährlich vorgeht. Es reicht bis in die großen Banken, die Geld in den Abbau fossiler Rohstoffe pumpen, und bis zu den Herausgeber*innen der Zeitschriften, die Artikel um Artikel über die wundersamen neuen Technologien veröffentlichen, welche die Vereinigten Staaten an die Spitze der Produktion von Substanzen geführt hat, die uns vernichten werden – und all das, ohne das furchtbare Wort ›Klima‹ auch nur zu erwähnen.

Wissenschaftler*innen, die sich auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz befinden, sind mit dem sogenannten Fermi-Paradoxon konfrontiert. Es lautet folgendermaßen: Wo sind sie? Astrophysiker*innen nehmen an, dass es irgendwo intelligentes Leben geben sollte. Vielleicht haben sie recht und es gibt dieses außerirdische intelligente Leben wirklich, doch wenn es die eigenartigen Bewohner*innen des Planeten Erde entdeckt, hat es genügend Verstand, um ihnen fern zu bleiben.

Konzentrieren wir uns jedoch auf die zweite große Gefahr für das menschliche Überleben: die Klimakatastrophe.

Damals wusste es niemand, aber die frühe Nachkriegszeit markierte in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Für gewöhnlich verorten Geolog*innen in der frühen Nachkriegszeit den Beginn des Anthropozäns, eines neuen geologischen Zeitalters, in dem der Mensch einen immensen – und verheerenden – Einfluss auf die natürliche Umwelt ausübt. Diese Datierung wurde zuletzt von der Anthropocene Working Group im Mai 2019 bestätigt.7 Mittlerweile ist die Beweislage für die Dringlichkeit und Bedrohung durch diese Gefahr überwältigend, sodass – wie wir weiter unten sehen werden – auch die notorischsten Leugner*innen dies still und heimlich anerkennen.

Doch wie hängen die beiden Krisen miteinander zusammen? Eine einfache Antwort darauf gibt der australische Klimaforscher Andrew Glikson:

»Klimawissenschaftler sind nicht länger alleine damit, mit der globalen Katstrophe umzugehen, deren Auswirkungen bereits die Verteidigungsministerien erreicht hat, und doch beträgt das weltweite Budget für Militärausgaben weiterhin jährlich 1,8 Billionen US-Dollar, Ausgaben, die für den Schutz des Lebens auf unserer Erde umgeleitet werden müssen. Da die Vorzeichen für große Konflikte – im Chinesischen Meer, in der Ukraine und im Nahen Osten – sich mehren, stellt sich die Frage: Wer wird die Erde verteidigen?«

Eine gute Frage.

Die Klimawissenschaftler*innen schenken dem große Aufmerksamkeit und warnen uns ganz offen und mit Nachdruck. Raymond Pierrehumbert, Professor für Physik an der Univerisität Oxford und führender Autor des beängstigenden Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Berichts von 2018 (der seitdem von noch dringlicheren Warnungen übertroffen wurde), eröffnet seinen Übersichtstext zum Stand des Klimawandels und möglichen Handlungsoptionen folgendermaßen: »Lassen Sie mich es ganz klar ausdrücken, ohne drum herum zu reden. Bezüglich des Klimawandels ist es Zeit, in Panik zu geraten, ja ... Wir stecken tief in der Klemme.« Er geht daraufhin gewissenhaft auf die Details ein, betrachtet die möglichen technischen Lösungen und ihre schwerwiegenden Defizite und schließt damit, dass »es keinen Plan B gibt«.9 Wir müssen Emissionsfreiheit erlangen – und das schnell.

Die große Besorgnis der Klimawissenschaftler*innen ist ganz offen ersichtlich für alle, die es nicht vorziehen, ihren Kopf in den Sand zu stecken. Der amerikanische Nachrichtensender CNN feierte 2019 das Thanks- giving-Fest mit einer sehr ausführlichen (und akkuraten) Berichterstattung über eine wichtige Studie über sogenannte tipping points, die kurz zuvor in der Fachzeitschrift Nature erschienen war. Tipping points meinen dabei Momente, in denen die schrecklichen Folgen der globalen Erwärmung unumkehrbar werden. Den Autor*innen zufolge macht die Beschäftigung mit tipping points und ihren Wechselbeziehungen untereinander deutlich, dass »wir uns in einem Zustand des Klimanotstands befinden und [wir] verstärken die Stimmen dieses Jahr, die dringende Klimaschutzmaßnahmen fordern ... Das Risiko und die Dringlichkeit dieser Situation sind akut ... Die Stabilität und Widerstandsfähigkeit unseres Planeten sind in Gefahr. Internationale Bemühungen – und nicht bloß Worte – müssen dieser Tatsache Rechnung tragen.«

Die Autor*innen warnen außerdem davor, dass »das CO2 in der Atmosphäre bereits ein Niveau erreicht hat, das es zuletzt vor etwa vier Millionen Jahren im Pliozän gab. Es bewegt sich rasch auf ein Niveau zu, das es zuletzt vor 50 Millionen Jahren im Eozän gab, als die Temperaturen um bis zu 14 °C höher waren als in der vorindustriellen Zeit.« Was damals jedoch über einen sehr langen Zeitraum geschah, ist heute durch den Menschen auf einige wenige Jahre komprimiert worden. Sie erklären darüber hinaus auch, dass die bestehenden Prognosen – wenn auch an sich schon düster genug –, es versäumt haben, die Auswirkungen der tipping points miteinzubeziehen. Sie kommen zu folgendem Schluss:

»[...] der Zeitraum, der uns bleibt, um den Umschlag des Klimas noch zu verhindern, könnte bereits auf null gesunken sein, wohingegen wir im besten Falle noch 30 Jahre haben, um Emissionsfreiheit zu erlangen. Wir haben also möglicherweise bereits die Kontrolle über diese tipping points verloren. Ein rettender Gedanke besteht noch darin, dass die Geschwindigkeit, mit der sich der Schaden durch die tipping points anhäuft – und damit das Gefahrenrisiko –, noch einigermaßen unter unserer Kontrolle sein könnte.«

Einigermaßen. Wir haben also keine Zeit zu verlieren.

Die Welt schaut unterdessen dabei zu, wie wir auf eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß zusteuern. Wir nähern uns gefährlich nahe den weltweiten Temperaturen von vor 120.000 Jahren an, als der Meeresspiegel im Vergleich zu heute sechs bis neun Meter höher war. Selbst wenn wir die Auswirkungen von immer häufiger auftretenden und immer kräftigeren Stürmen außen vor lassen, die alles hinwegfegen werden, was dann noch übrig ist, sind unsere Aussichten wahrlich unvorstellbar.

Eine von vielen beunruhigenden Entwicklungen, die den Zeitpunkt vor 120.000 Jahren mit unserer heutigen Situation verbinden, ist das Schmelzen des riesigen westantarktischen Eisschildes. Im Vergleich zu den 1990er-Jahren gleiten die Gletscher heute fünf Mal so schnell in das Meer, wobei die Eisdecke durch die Erwärmung der Meere stellenweise bereits mehr als 100 Meter Dicke verloren hat und dieser Schwund sich mit jedem Jahrzehnt verdoppelt. Wenn das westantarktische Eisschild vollständig schmelzen würde, würde dies einen Anstieg des Meeresspiegel von etwa fünf Metern bedeuten, womit Küstenstädte untergehen würden und auch andere Regionen mit katastrophalen Auswirkungen zu rechnen hätten – beispielsweise die Tiefebenen von Bangladesch.

Für diejenigen, die aufmerksam beobachten, was vor unser aller Augen geschieht, ist dies lediglich eine Sorge unter vielen. Düstere Warnungen von Klimawissenschaftler*innen gibt es zur Genüge. Der israelische Klimaforscher Baruch Rinkevich bringt die allgemeine Stimmung auf den Punkt:

»Wie das Sprichwort schon sagt: Nach uns die Sintflut. Die Menschen verstehen nicht wirklich, über was wir hier reden ... Sie verstehen nicht, dass sich alles verändern wird: die Luft, die wir atmen, unser Essen, unser Wasser, die Landschaften vor unseren Augen, die Meere, die Jahreszeiten, der Alltag, die Qualität unseres Lebens. Unsere Kinder werden sich anpassen müssen oder sie werden aussterben ... Das ist nichts für mich. Ich bin froh, dass ich das nicht miterleben muss.«

Rinkevich und seine israelischen Kolleg*innen diskutieren verschiedene wahrscheinliche »Horrorszenarien« für Israel, von denen einige wenige optimistisch scheinen. Einer von ihnen merkt an: »Israel ist definitiv nicht wie die Malediven und es wird in absehbarer Zeit nicht untergehen.« Gute Nachrichten. Allerdings stimmen sie alle darin überein, dass die größere Region größtenteils unbewohnbar werden könnte: »Im Iran, im Irak und in den Entwicklungsländern droht die Gefahr, dass Städte aufgegeben werden müssen, aber in unserem Land wird es möglich sein, zu leben.« Auch wenn die Wassertemperatur des Mittelmeeres 40 °C erreichen könnte – »die zugelassene Höchsttemperatur in einem Whirlpool« – gilt trotzdem: »Menschen werden nicht wie Seeigel und die Rotmund-Leistenschnecke lebendig gekocht werden, allerdings könnte es während des Höhepunktes der Badesaison lebensgefährlich werden.«

Den optimistischsten Vorhersagen zufolge könnte es also Hoffnung für Israel geben, wenn auch nicht für die gesamte Region.

Die zentrale Anmerkung macht Professor Alon Tal: »Wir verschlimmern den Zustand des Planeten. Der jüdische Staat hat der größten Herausforderung der Menschheit in die Augen gesehen und gesagt: ›Vergesst es.‹ Was werden wir unseren Kindern sagen? Dass wir ein Stück mehr Lebensqualität wollten? Dass wir all das Erdgas aus dem Meeresboden pumpen mussten, weil es wirtschaftlich so profitabel war? Was für erbärmliche Rechtfertigungen. Wir reden hier über das schicksalhafteste Ereignis überhaupt, insbesondere hier im Mittelmeerraum, und die israelische Regierung ist nicht dazu in der Lage, einen Minister zu ernennen, dem es nicht egal ist, dass wir einfach gekocht werden.«

Alon Tals Kommentar ist richtig und höchst beunruhigend. Warum akzeptieren Menschen »erbärmliche Rechtfertigungen« und warum sagen sie so einfach »vergesst es«, während sie »der größten Herausforderung der Menschheit in die Augen [sehen]«? Diese Antwort wird sowohl angesichts der sich allmählich abzeichnende Umweltkatastrophe als auch der Möglichkeit gegeben, immer neue Waffen zu unserer eigenen Zerstörung zu entwickeln. Warum sind die Menschen dazu in der Lage, 1,8 Billionen US-Dollar (wobei die USA bei diesen Ausgaben weit in Führung liegen) für ihr Militär auszugeben, ohne dabei zu fragen: »Wer wird die Erde verteidigen?«

Wenn es hier auch Alon Tals Absicht ist zu generalisieren, so tut er dies doch etwas zu stark. Es gibt Länder und Orte auf dieser Welt, an denen ernsthafte Bemühungen unternommen werden, bevor es zu spät ist – und es ist noch nicht zu spät. Die Antwort auf das irrsinnige Wettrennen um die Entwicklung von (selbst-)zerstörerischen Waffen ist zumindest auf sprachlicher Ebene offensichtlich genug. Die Umsetzung ist etwas anderes. Es ist außerdem noch Zeit, die drohende Klimakatastrophe abzufangen und abzuschwächen, wenn wir echtes Engagement zeigen. Wenn den Tatsachen endlich in die Augen geschaut wird, ist all dies keine Sache der Unmöglichkeit. Im Jahr 1941 sahen die USA sich einer ernsten, wenn auch unvergleichbar kleineren Bedrohung gegenüber, auf die sie mit einer derart überwältigenden freiwilligen Massenmobilisierung antworteten, dass der ranghohe Nazi Albert Speer, tief beeindruckt, darüber klagte, dass das totalitäre Deutschland nicht mit der freiwilligen Unterordnung unter die nationale Aufgabe in den freieren Ländern mithalten könne.

Einige Schätzungen gehen davon aus, dass diese Herausforderung, wenn auch gewaltig, keine vergleichbare finanzielle Last wie 1941 bedeuten würde. In einer detaillierten Untersuchung kommt der Ökonom Jeffrey Sachs zu dem Schluss, dass »im Gegensatz zu einigen verbreiteten Meinungen, die Dekarbonisierung keine vergleichbare Mobilisierung der US-amerikanischen Wirtschaft wie während des Zweiten Weltkrieges erfordern wird. Die Kosten für die Dekarbonisierung, die zusätzlich zu unseren normalen Energiekosten entstehen werden, werden sich in dem Zeitraum bis 2050 auf ein bis zwei Prozent des jährlichen US-amerikanischen BIP belaufen. Im Vergleich dazu stiegen die Staatsausgaben während des Zweiten Weltkrieges von zehn Prozent des BIP vor dem Krieg auf 43 Prozent an.«

Es ist möglich. Allerdings erkennen wir jetzt die grausame Ironie der Geschichte. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem wir alle gemeinsam und mit Hingabe handeln müssen, um die »ultimative Herausforderung« der Menschheit anzugehen, widmen sich die Anführer*innen der mächtigsten Staaten in der Menschheitsgeschichte leidenschaftlich der Beförderung der beiden Gefahren, die unser aller Überleben bedrohen. Unsere Regierung ist in den Händen der einzigen großen »konservativen Partei auf der Welt, die nicht anerkennt, dass wir den Klimawandel aufhalten müssen« und sie öffnet außerdem der Entwicklung von neuen und noch gefährlicheren Massenvernichtungswaffen Tür und Tor.

Die Mitglieder dieser erstaunlichen Troika, in deren Händen das Schicksal der Welt liegt, sind der Außenminister, der Nationale Sicherheitsberater sowie der Chief of Staff – der Präsident – der Vereinigten Staaten, wobei Letzterer außerhalb der USA als der Pate gesehen wird. Selten wird anerkannt, wie sehr internationale Beziehungen der Mafia ähneln. Mike Pompeo, der Außenminister, ist ein evangelikaler Christ, dessen Können auf dem Feld der politischen Analyse gut durch seinen Glauben daran illustriert wird, dass Gott womöglich Donald Trump entsendet hat, um Israel vor dem Iran zu retten.

Bis er im September 2019 zurücktrat (oder gefeuert wurde; abhängig davon, wem man hier Glauben schenkt), besetzte John Bolton die Position des Nationalen Sicherheitsberaters, wobei er viele Gleichgesinnte um sich scharte, die ihn überdauerten. Bolton vertrat eine einfache Position: Die USA dürfen keinerlei äußere Beschränkungen ihrer Handlungsfreiheiten hinnehmen – keine Abkommen und keine internationalen Übereinkünfte – und müssen daher sicherstellen, dass jedes Land die besten Möglichkeiten hat, Waffen zu entwickeln, die uns alle vernichten können – mit den Vereinigten Staaten in der Poleposition, versteht sich. Er präsentierte der Welt außerdem folgenden Gedankengang: Bombardiert den Iran, weil deren Führung ohnehin niemals bereit sein wird, über irgendetwas zu verhandeln.18 Bolton verbreitete diese Behauptung zu der Zeit, als der Iran dabei war, mit den Vereinigten Staaten und Europa über den Joint Com­ prehensive Plan of Action ( JCPOA) – oder Iran-Deal – zu verhandeln, bei dem es zu einer Übereinkunft kam, kurz nachdem der Iran seine nuklearen Aktivitäten einstellte. Wie US-amerikanische und andere Geheimdienste bestätigen, wurde diese Vereinbarung seitens des Iran akribisch beobachtet und schlussendlich von Donald Trump zerrissen.

Der Chief of Staff – Donald Trump – ist ein infantiler Größenwahnsinniger und ein gerissener Betrüger, dem es nicht weniger egal sein könnte, ob die Welt brennt oder in die Luft fliegt, solange er sich als Gewinner darstellen kann, während er mit seiner kleinen roten Mütze triumphierend über die Klippe schreitet.

Seine Position zum Umweltschutz wurde gut auf den Punkt gebracht, als es ihm verboten wurde, einen Goldplatz samt luxuriöser Unterkünfte zu bauen, weil dadurch die Trinkwasserversorgung der naheliegenden Gemeinden gefährdet werden würde. Vor einer Menge ihm wohlgesonnener Immobilienmakler*innen erklärte er daraufhin: »Ich wollte etwas bauen. Ich hätte einige wirklich luxuriöse und schöne Häuser gebaut. Aber ich habe herausgefunden, dass ich auf dem Land nicht bauen darf. Ergibt das für euch Sinn?« Was könnte also sinnvoller sein, als einige Dutzend Umweltvorschriften rückgängig zu machen – wodurch der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch erhöht wird –, darunter auch »die [aus der Nixon-Ära stammende] maßstabgebende nationale Umweltgesetzgebung«, was bedeuten würde, dass Behörden und Ämter »den Klimawandel nicht länger bei der Bewertung der Umweltauswirkungen von Schnellstraßen, Pipelines und anderen großen Infrastrukturprojekten berücksichtigen müssen«? Was wäre außerdem sinnvoller, als den Verbrauch von fossilen Brennstoffen zu maximieren, mit dem Wissen, dass dies schon bald die Aussicht auf ein Fortbestehen organisierter menschlicher Existenz auf der Erde untergraben wird?

Allerdings sind die beiden mit ihren Positionen nicht allein auf der Weltbühne. Den fast schon symbolischen Beginn des Jahres 2020 markierten die Flammen, die den australischen Kontinent verzehrten, und die Menschen, die vor den Temperaturen eines Hochofens inmitten einer ohnehin schon rekordverdächtigen Hitze flohen, während der australische Premierminister – ein überzeugter Leugner – widerwillig aus dem Urlaub zurückkehrte, um seinen Wähler*innen zu versichern, dass er ihren Schmerz teile. Unterdessen besuchte der Vorsitzende der oppositionellen Labour Party die Kohleminen und sprach sich für die Ausweitung von Australiens Rolle als weltweit führender Kohleexporteur aus, wobei er dem Land versicherte, dass dies durchaus im Einklang mit Australiens Einsatz im Kampf gegen den Klimawandel stehe – einem Einsatz, der Australien, internationalen Beobachter*innen zufolge, in Bezug auf ihre Klimapolitik den letzten Platz (von 57 Staaten) beschert.20

Wir könnten viel Zeit damit verbringen, darüber nachdenken, wie wir in diesen Albtraum von Realität gelangt sind, aber es ändert doch nichts an unserer Lage.

Trump hat guten Grund, sich über seinen Erfolg zu freuen – welche Kosten der unbedeutende Teil der Weltbevölkerung dafür auch zu tragen hat. Seine stärksten Unterstützer*innen – mit viel Geld und der Macht von Unternehmen im Rücken – mögen ihn vielleicht nicht besonders, aber sie sind doch recht zufrieden mit seinen Geschenken. Seine Wähler*innen sind dagegen völlig von ihm fasziniert. Mehr als die Hälfte der Republikaner*innen betrachten Trump als den besten US-amerikanischen Präsidenten – womit er Abraham Lincoln überholt, den bisherigen Spitzenreiter. Das Amtsenthebungsverfahren scheint seine Stellung unter seiner treuen Anhängerschaft noch verbessert zu haben, da es zeige, dass dunkle Mächte versuchen würden, ihren Anführer zu entmachten – der, wie viele von ihnen glauben, gekommen ist (oder vielleicht entsendet wurde), um sie vor dem neoliberalen Angriff zu retten, den er in Wahrheit selbst kräftig vorantreibt. Ein wahrlich eindrucksvolles Zauberkunststück.

Wenn es irgendeine Hoffnung geben soll, die bevorstehende Katastrophe noch abzuwenden, müssen diese Menschen von der Dringlichkeit der uns bevorstehenden Gefahren überzeugt werden.

12:03 30.06.2021

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