Eine Generation will an die Macht

Leseprobe Gelingt „den Neuen“ in der gegenwärtigen Situation der Spagat zwischen eigenen Idealen und der harschen Realität? Oder werden sie im Kampf mit der älteren Generation der Babyboomer selbst zu den angepassten Funktionären, die sie nie werden wollten?
Gerade mal 33 Jahre jung und schon Generalsekretär der SPD: Kevin Kühnert
Gerade mal 33 Jahre jung und schon Generalsekretär der SPD: Kevin Kühnert

Foto: Emmanuele Contini/Getty Images

Vorwort

Zwei Tage nach der Bundestagswahl machen die jungen SPD-Abgeordneten ein Gruppenfoto vor dem Bundestag. Sie sind so viele, dass sie sich auf zwölf Treppenstufen verteilen müssen. Ganz vorn lächelt die Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal triumphierend in die Kamera. «Eine Machtdemonstration», sagt ihre Büroleiterin Julie Rothe hinterher zu mir. Die 49 Jusos im Parlament wollen die Alten das Fürchten lehren. Und auch die jungen Grünen haben einiges vor.

Ein Jahr später ist viel passiert. So viel, dass sich ohne Übertreibung sagen lässt: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine neue Politikergeneration vor so gewaltigen Herausforderungen gestanden wie jetzt, seit Putins Überfall auf die Ukraine. Plötzlich erfahren die Deutschen, von denen viele während der letzten Jahrzehnte im Schlafwagen durch die Weltgeschichte geglitten sind: Freiheit hat ihren Preis.

Nun rüstet Deutschland widerwillig auf und liefert widerwillig Waffen in die Ukraine. Einkaufen ist teuer geworden, tanken auch. Das Gas wird knapp. Bis weit in die Mittelschicht hinein grassiert die Angst vor Wohlstandsverlust.

Deutschland muss raus aus der Abhängigkeit vom Kriegsverbrecher Putin – und muss dafür rein in die Abhängigkeit von einem mörderischen Regime in Katar. Während Putin das Gas, das er nicht mehr loswird, einfach abfackelt, werden im Wattenmeer Flüssiggasterminals gebaut. Und in einem Jahr, in dem Rekordhitze, Rekorddürre und Rekordwaldbrände eigentlich zum schnellstmöglichen Ausstieg aus der fossilen Energie zwingen, wird der Wiedereinstieg in die Kohleverbrennung durch die Folgen von Putins Krieg alternativlos.

Von all dem ahnten die vielen jungen Abgeordneten nichts, als sie fröhlich in den Bundestag einzogen. Eigentlich wollten sie die Klimawende stemmen, die Pandemie in den Griff kriegen, ihre Politik den jungen Leuten auf Instagram und TikTok erklären. Nun geht es auf einmal um Krieg und Frieden, Leben und Tod. Es geht darum, sehr schnell, sehr pragmatisch schwerwiegende Entscheidungen zu treffen – auch solche, die all ihren bisherigen Überzeugungen zuwiderlaufen.

Wie gehen sie damit um, die Neuen im Parlament? Können sie sich und ihren Idealen treu bleiben angesichts der gewaltigen Herausforderungen unserer Zeit? Oder werden sie innerhalb kürzester Zeit selbst zu den angepassten Funktionären, die sie nie werden wollten? Was haben sie vor? Wollen sie den Aufstand proben? Karriere machen?

Das habe ich sie gefragt. 35 Abgeordnete unter 35 Jahren habe ich in den letzten Monaten kennengelernt, manche von ihnen habe ich immer wieder getroffen. Ich habe mit Weggefährtinnen und Journalisten gesprochen, Mitarbeiterinnen aus dem Bundestag und Kollegen aus den Jugendorganisationen. Und die Alten habe ich auch gefragt. Ehemalige und Aktive, Insider und Outsider. An die 70 Gespräche insgesamt. Manche blieben lieber anonym, aus Bescheidenheit oder Vorsicht. Die meisten aber erzählten mir sehr offen von ihrer Arbeit, ihren Beobachtungen, ihren Zweifeln und Erfolgserlebnissen.

So viele junge Leute wie noch nie sitzen seit der letzten Bundestagswahl im Parlament. Manche von ihnen haben mir gleich das Du aufgezwungen: «Wir sind ja ein Alter.» Andere, sechs oder sieben Jahre jünger als ich, fragten befremdet: «Sind wir überhaupt noch eine Generation?»

Gute Frage.

Siri, wer gehört zur Generation Y?

Wir sind die Generation, die Fragen lieber an Siri oder Google weitergibt, als nach der Antwort im eigenen Gehirn zu suchen. Wir sind die Generation, die Sensibilität predigt und digitale Ohrfeigen austeilt. Wir sind die letzte Generation, die den Klimawandel aufhalten kann, und die erste, für die das Aufstiegsversprechen nicht mehr gilt. Unsere Mieten werden immer teurer, und die Erde wird immer wärmer. Früher hörten wir dieses Lied: «36 Grad und es wird noch heißer, mach den Beat nie wieder leiser.» Wir wussten nicht, dass es so gemeint war.

Wikipedia nennt uns «Millennials». All jene, die zwischen den ersten Jahren der 1980er und der Jahrtausendwende geboren sind. Die Generation umfasst mich (Jahrgang 1990) genauso wie die Jüngste im Bundestag (Jahrgang 1998). Da die meisten Jugendorganisationen der Parteien ihre Altersgrenze bei 35 Jahren haben, gilt auch für dieses Buch: Jung sind einfach alle, die bei der Bundestagswahl noch keine 35 Jahre alt waren.

Nach meinen Berechnungen sind das 127 Abgeordnete, die allermeisten davon neu im Bundestag. Weil aber heutzutage vieles fluide ist, will ich lieber nicht auf dieser Zahl herumreiten. Der Neuköllner Abgeordnete Hakan Demir darf zum Beispiel auch noch mit 37 Jahren bei der Juso-Gruppe im Bundestag mitmachen. So genau nehmen die Jungen das mit dem Alter nicht. Es kommt wahrscheinlich eher darauf an, wie man sich fühlt. Was man aber mit Sicherheit sagen kann: ganz schön viele Millennials auf einem Haufen.

Unser Gegenpart sind die Boomer, die sogenannten «geburtenstarken Jahrgänge» nach dem Krieg, die Kinder der Trümmerfrauen und Wirtschaftswundermänner. Je nach Definition sind das alle, die zwischen 1950 und 1970 geboren sind, damals, als es bergauf ging mit der jungen Bundesrepublik und es noch keine Pille gab. Heute sind sie immer noch da und geben den Ton an. Und wir wollen sie loswerden – und können doch nicht ohne sie.

In der Formel «Ok Boomer» drückt sich diese Ambivalenz aus. Das ist unsere Standard-Erwiderung auf alle Einlassungen der Älteren. Meistens sagen wir das genervt, nach dem Motto: Ok Boomer, ihr habt doch eh keine Ahnung. Manchmal schleudern wir ihnen die Worte auch wütend entgegen, in ohnmächtigem Zorn angesichts ihrer Überzahl. Manchmal klingen sie aber auch liebevoll spöttisch: Ok Boomer, wenn ihr meint.

Dazwischen gibt es die Generation X, diese etwas unscheinbare, etwas zu kurz gekommene Sandwich-Generation. Florian Illies hat sie die Generation Golf genannt: unpolitische Markenfetischisten und Hedonistinnen.

Diejenigen unter ihnen, die es irgendwann aus den Technoclubs in die Politik zog, bewegen sich dort nun besonders wendig und flexibel, immer im Casual Business Look. Sie sind pragmatische Politikmanager, überzeugt davon, dass jedes politische Problem nur ein Kommunikationsproblem ist. Sie hassen Grundsatzdebatten und moderieren alles weg, und jetzt, wo die Jüngeren vor der Tür stehen, müssen sie schon wieder moderieren: zwischen den sturen Boomern und den fordernden Millennials. Als sie selbst mit der Politik angefangen haben, standen die Boomer noch in Saft und Kraft. Sie mussten deshalb immer besonders gut, besonders schnell, besonders professionell sein. Auch heute noch stehen sie immerzu unter dem Druck, sich zu beweisen.

Die Millennials sind anders als sie. Nicht durchweg, aber doch in vielerlei Hinsicht. Sie sind selbstbewusster. Sie haben Mut zur Imperfektion.

In der Welt der Influencer gehört es neben dem schönen Schein inzwischen auch dazu, seine Pickel und Cellulite herzuzeigen. «Das ist normal!», heißt es dann fröhlich. Body Positivity. Und in der Politik gehört es inzwischen dazu, über Schwächen zu reden. Über Depressionen, Burnout, Frust und Zweifel.

Die Jungen wissen, dass Politik Härten mit sich bringt. Aber sie wissen auch, dass sie gebraucht werden, wenn die Älteren sich in den Ruhestand verabschieden. Deshalb stellen sie Ansprüche. So wie die Millennials überall auf dem Arbeitsmarkt nach Teilzeit und Sabbaticals fragen, achten auch die jungen Abgeordneten auf ihre Work-Life-Balance.

«Empowerment» heißt das Stichwort, unter dem Millennials sich gegenseitig abfeiern. Shine bright! Egal wer du bist, wie du aussiehst, wen du liebst, wie du lebst! Das setzt neue Kräfte frei. Und lässt doch vieles beim Alten. Den Kapitalismus wird diese Generation wohl eher nicht abschaffen. Aber sie macht endlich ernst mit dem Versprechen von gleichen Chancen für alle.

Mein Lektor war dagegen, dass der Begriff «Millennials» irgendwo auf dem Buchdeckel auftaucht. Wisse eh keiner, was das genau ist. Noch dazu Englisch. Stimmt. Und trotzdem mag ich das Wort. Millennial, das klingt irgendwie gleichermaßen nach Magnum-Eis, Bravo Hits 2000 und Pennälern. Außerdem ist es genderneutral. Auch sehr praktisch.

Apropos: «Das hätten Sie mir vorher sagen sollen, dass Sie gendern!», sagte einer meiner Gesprächspartner nach einem langen Interview. Feixend, aber durchaus ernsthaft entrüstet. Dann hätte er sich das nämlich nochmal überlegt mit dem Gespräch. Die Rede ist von Hubert Kleinert, dem langjährigen Weggefährten von Joschka Fischer und Grünen der ersten Stunde. Früher war er mal der Schreck aller Bürgerlichen, heute jagen ihm gendernde FAZ-Redakteurinnen einen Schrecken ein. Es ist also alles ziemlich verworren. Und schon allein deshalb muss ich den Leser:innen hier ab und zu den Doppelpunkt zumuten. Denn auch die rücksichtsvolle Sprache ist ein Thema unserer Generation.

Noch wichtiger als eine gerechte Sprache ist den politischen Millennials aber eine gerechte Welt. Und im Zweifel würden sie die Genderneutralität wohl auch gegen Klimaneutralität eintauschen. Dafür kamen die Jungen ins Parlament. Sie kamen, um Windräder zu bauen, den Paragrafen 219 a zu streichen und die Mieten zu senken. Sie kamen, um Cannabis zu legalisieren, das Transsexuellen-Gesetz abzuschaffen und die Bafög-Gelder zu erhöhen. Und ja, sie kamen auch, um über Quoten zu reden, über Vielfalt und Repräsentation.

Stattdessen ist Krieg.

23.11.2022, 08:22

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