Wir sind am frühen Nachmittag nach Vine’s Drove gefahren. Die meisten von uns hatten noch Ferien, aber ein paar von den Jungs sind im Juni von der Schule abgegangen. Wayne hat schon gearbeitet, bei seinem Onkel, glaube ich. Er hat gesagt, er würde als Elektriker bald mehr verdienen als wir später mit unserem Abschluss, an dem Nachmittag hat er ständig davon geredet. Ich glaube, es hat ihm schon was aus-gemacht, dass er von der Schule runter ist. Er hat zwar so getan, als wäre es genau das, was er wollte, aber ich habe ihm das nicht so richtig abgenommen.Ich kenne Wayne seit mindestens zehn Jahren, wir waren schon zusammen auf der Grundschule.
Wir haben auf der Wiese am Flussufer gesessen, in der Nähe der Autos. Es war so heiß, der heißeste Tag des Jahres. Wir haben wasgetrunken, und ein paar von uns haben auch geraucht. Mir wurde gesagt, ich muss das nicht genauer angeben. Es gab jedenfalls eine Men-geBier. Irgendwann dachten wir, es wäre keins mehr da, aber dann ist Wayne zu Nadias Auto gegangen und hat aus dem Kofferraum noch vier Sixpacks geholt.
Außer uns waren nicht viele Leute am Fluss. Je-mand ist mit seinem Hund spazieren gegangen, und auf dem Wasser waren in beide Richtungen ein paar Boote unterwegs. So gegen sechzehn Uhr waren drei von den Jungs im Wasser, und sie haben Kanus nass-gespritzt, also die Jungs haben die Kanufahrer nass ge-macht. Einer der Kanufahrer ist sauer geworden, weil er Kinder dabeihatte. Er hat uns angebrüllt, unsalle, nicht nur die Jungs im Wasser, irgendwas über die Ju-gend von heute, was wir halt ständig zu hören krie-gen. Wir haben zurückgerufen, alle haben sich kaputt-gelacht, aber die Jungs haben die Kanufahrer dann in Ruhe gelassen. Wayne war nicht dabei, er hat mit Nadia am Ufergesessen. Kurz danach ist Nadia weg, weil sie arbeiten musste, aber Wayne ist noch geblie-ben.
Später, so gegen siebzehn Uhr, ist noch ein Kanu gekommen. Es ist flussaufwärts gefahren, in Richtung Broughton Staunch. Wayne hat es als Erster gesehen und ist aufgesprungen und hat irgendwas gesagt von wegen ›Der gehört mir‹ oder so. Keiner hat ihn aufge-halten, wir haben alleeinfach zugeguckt. Wayne ist ein guter Schwimmer, aber der Mann im Kanu hat gese-hen, dass er auf ihn zukommt, und ist locker vorbei-gefahren. Wayne hat gelacht und wieder was gerufen. Dann ist er hinter dem Typen hergeschwommen, rich-tig schnell, er ist gekrault, als wollte erihn unbedingt einholen. Der Fluss macht an der Stelle eine Biegung nach links, und dann waren die beiden nicht mehr zu sehen.
So nach einer Viertelstunde haben einige von uns angefangen, sich Sorgen zu machen, die anderen fan-den, es wäre typisch Wayne, er würde garantiert nur Scheiß machen und uns verarschen. So gegen achtzehn Uhr waren nur noch Steven, Chrissie und ich übrig, der Rest ist nachHause gegangen. Wir haben am Ufer entlang gesucht, aber da ist es ziemlich zugewuchert, man kommt nicht weit. Wir haben auch gerufen, aber niemand hat geantwortet. Steven war super. Er ist noch mal ins Wasser und flussaufwärts um die Biegung geschwommen. Er war echt langeweg, und wir haben schon gedacht, jetzt wäre ihm auch was passiert. Aber dann ist er zurückgekommen und hat gesagt, da wäre weit und breit niemand zu sehen.
Wir wussten nicht, was wir machen sollten. In-zwischen war es fast neunzehn Uhr. Wir hatten auch keine Telefonnummer von Waynes Familie. Wir haben Waynes Handy angerufen, aber es hat hinter uns am Ufer geklingelt, weil es in seiner Jeans war. Alle seine Klamotten lagenda noch, außer seiner Badehose na-türlich. Wir haben noch fünf Minuten gewartet und dann die Polizei angerufen. Als wir gesagt haben, dass Wayne siebzehn ist, meinten sie, wir sollten uns nicht zu viele Sorgen machen, wahrscheinlich wäre er ein-fach nach Hause gegangen.
1
Kommen Sie herein, Smith. Nehmen Sie Platz.«
DetectiveSuperintendentAllenwiesüberflüssigerweiseaufdenStuhlvorseinemSchreibtisch,derdorteindeutig zu diesem Zweck stand. Smith blieb daneben stehen, bis der Ranghöhere Platz genommen hatte. Automatisch glitt sein Blick über den Papierstapel und die beiden Aktenmappen, die auf dem Schreibtisch lagen; das Übliche, dachte er, sieht nicht aus, als wäre Papierkram von oben gekommen.
»Na dann, willkommen zurück! Wie lange waren Sie jetztweg?«AllenhobdasobersteBlattPapieran,alskönnte er darunter die Antwort auf seine Frage finden.
»EineWoche,Sir.«
»EinewohlverdienteAuszeitvonderArbeitanvorderster Front. Ich hoffe, Sie haben es genossen.«
SmithschwiegundsahdemJüngerenunverwandtindie Augen.
»Die beiden Tage, an denen Sie nicht im Haus waren, werdenIhnenselbstverständlichnichtvomUrlaubskonto abgezogen.«
»Daswäremiraberlieber,Sir.«
»Esistwirklichnichtnötig,Smith.IchhabeesimÜbrigen schon veranlasst.«
»Danke,Sir.IchmöchteSietrotzdembitten,daszuändern.«
Allen notierte sich etwas auf seiner Schreibtischunter-lage. »Und Sie sind vollständig wiederhergestellt?«
»Mirwarnichtbewusst,dassichkrankwar,Sir.«
»Ja,gut,natürlichnichtkrankimengerenSinne…«
»Ich war überhaupt nicht krank, Sir, wenn ich das so sagendarf.Esgehtmirsogarerstaunlichgut,wennmanes recht bedenkt.«
»Wennmanwasrechtbedenkt?«
»MeinAlter,Sir.«
»Ahja…HabenSiedennnochmalüberdenRuhestand nachgedacht, wo wir schon beim Thema sind?« Allen konnte das Pokerface des Detectives partout nicht deuten – zum Teufel mit dem Kerl.
»VerzeihenSie,Sir,ichhattenichtbemerkt,dasswirdas Themagewechselthatten.Abernein,ichhabenichtweiter darüber nachgedacht. Ich hoffe doch, dass ich noch über einige Reserven verfüge.«
»DreißigJahre,Smith–mehr,alsesdamalsfürdenGro-ßen Postzugraub gegeben hat! Sie haben wahrhaftig Ihre Pflicht getan. Und die neuen Regularien gelten für Sie nicht, SiekönntenmitvollemRuhegehaltgehen.Ichkenneviele, die eine solche Gelegenheit ergreifen würden.«
»Ichauch,Sir.«
Allen schien ein wenig in sich zusammenzusacken und fingertehilflosandenPapierenaufseinemSchreibtischhe-rum.
»IchhabeübrigensmalindieneuenRegularienhinein-geschaut,Sir,undesistsogarso,dasswirnochmitüber sechzig arbeiten dürfen, solange wir den jährlichen Leis-tungsnachweis erbringen. Wenn ich mich in Form halte, könnte ich bestimmt noch bis fünfundsechzig weiterma-chen.«
»Wirklich?«
»Ja,Sir.«
»Großer Gott … Bis dahin bin ich hoffentlich schon lange weg. Haben Sie nicht Lust auf ein bisschen Angeln oder Golfspielen?«
»Entschuldigung,Sir?IstdaseineEinladung?«
»Was? Nein, natürlich nicht. Aber das Leben besteht nicht bloß aus unserer Arbeit hier, Smith. Es wird nicht leichter, wie Sie ja wissen. Diese Sache neulich, der Mac-pherson-Fall …«
Smiths Blick ruhte noch ein winziges bisschen ungerühr-ter,einwinzigesbisschenfesteraufseinemGegenüber,den er noch als Polizeianwärter auf den Straßen von Kings Lake gekannt hatte. Jetzt waren sie endlich beim Thema.
»Sir.«
»Ich will keine Animositäten, von keiner Seite, Smith. Diese Untersuchung musste stattfinden, das wissen Sie, undSiewissenauch,dassIhnen undDI Harringtonnichts angelastet wird. Das wurde es zu keinem Zeitpunkt, aber Sie kennen die Vorschriften – das korrekte Prozedere ist heutewichtigerdennje.AlleBeteiligtenwurdenentlastet, undwirmüssendieSachejetztnichtnocheinmalaufwär-men. Nicht dass ich denke, Sie würden –«
»AlleBeteiligtenwurdenentlastet,Sir?«
»Ja,ganzrecht.«
»UndwoistDI Harringtonjetzt,Sir?«
»Seine Versetzung ist freiwillig erfolgt, Detective Inspec-tor Harrington hatte selbst darum gebeten.«
»Aha.Verstehe,Sir.«
Superintendent Allen schien es warm zu werden – er versuchte, den Hemdkragen zu lockern und hätte wahrscheinlich gern die teuer aussehende und ziemlich enge Anzugjacke abgelegt, aber das hätte der Situation eine ganz undgarunangemesseneZwanglosigkeitverliehen.Früher, dachte Smith, bestand die Rückkehr nach einer Grippe oder einer Verletzung darin, dass man sich einstempelte und den Müll aus seinem Postfach in den Papierkorb schmiss. Heutzutage wurde jedes Mal ein hochoffizielles Willkommensgesprächveranstaltet.KeinWunder,dasses so viele Chefs gab.
»Nun gut, damit wäre wohl alles gesagt, und wir können die Sache abhaken, meinen Sie nicht auch?«
»Absolut,Sir.«
»Gut…gut …«
Allenwareindeutignochnichtfertig,undSmithwartete mitverschränktenHändenundgerademRücken,ohnedie Lehnezuberühren,alswollteersichjedenMomentineine Achtsamkeitsmeditation vertiefen. Es musste noch etwas zu Wilson gesagt werden.
»Wasdie,äh,Weisungsbefugnisseangeht…Siesindein äußersterfahrenerOfficer,Smith,einerdererfahrenstenin dieser Abteilung. Auf Ihren Wunsch hin arbeiten Sie als DetectiveSergeant,obwohlSiebereitseinenhöherenRang bekleidet haben. Was selbstverständlich Ihr gutes Recht ist, auch wenn es dem einen oder anderen befremdlich vorkommen mag.«
»Ichglaube,demeinenoderanderenerscheintessogar unbegreiflich, Sir.«
»Allerdings.«OffenkundigzählteauchAllendazu.»Als DS sind Sie natürlich einem Vorgesetzten unterstellt. So sind nun mal die Regeln …« Er hielt inne, als wäre ihm diese Tatsache soeben erst bewusst geworden. »Wie dem auch sei, aus den dargelegten Gründen und in Abwesenheit vonHarringtonsindSieDetectiveInspectorReeveunter-stellt.«
»Verstehe,Sir.Sehrgut.«
AllenmusterteihnwieeinFroscheineWespe,alsfragte er sich, ob sich das Risiko lohnen könnte.
»Wäredasdannalles,Sir?«
»Ja,Smith,daswärealles.«
Allen wartete, bis sich die Tür hinter der kleinen drah-tigen Gestalt des aufrechtesten, unkonventionellsten und schwierigsten Ermittlers seiner gesamten Abteilung ge-schlossen hatte, dann murmelte er: »Vorerst.«
CharlieHillsstandalsDiensthabenderhinterdemTresen, bullig und glatzköpfig wie eh und je. Neben ihm war ein großer, schlanker, blonder junger Mann in die Dienstprotokolle vertieft beziehungsweise in den Abschnitt, auf dem CharliesZeigefingerruhte.AlsSmithnäherkam,sahendie beiden auf.
»Eristwiederunteruns!GutenMorgen,Sergeant.Wie ist es gelaufen?« Charlie zog die Augenbrauen hoch und deutetemiteinemKopfnickenaufdieTreppezudenBüros, von wo Smith soeben heruntergekommen war.
»IchsollmitAngelnanfangen.OderGolf.«
»Ichsehedichdirektvormir,schickeHoseundPullover, mit einem Drink an der Bar … oder im Regen unten am Fluss auf einem umgedrehten Eimer.«
»Ja,undichsehedichineinerHolzkiste,wenndunicht aufpasst. Entschuldige, Kleiner.«
DerSchlaksstarrteihnverdattertan.»Sir?Äh,ja,Sir?«
»WenndudeinDreiradalsgestohlenmeldenwillst,soll-test du dann nicht auf der anderen Seite des Tresens ste-hen?«
DerjungeMannhörtesoeinReviergefrotzelgarantiert nicht zum ersten Mal, trotzdem blickte er unsicher zwi-schen den beiden Älteren hin und her.
»DC Waters, das ist Detective Sergeant Smith. DS Smith, das ist DC Waters.«
SmithentgingderüberraschteBlicknicht,diegestraffte Haltung, wie ein junger Soldat bei der ersten Begegnung mit goldenen Tressen und Orden.
»Hallo,Waters.HastduaucheinenVornamen?«
»Christopher,Sir.Chris.«
»Nadann,hallo,Chris.DenSirkannstduweglassen.
BistduimFörderprogramm?«
»Ja, S…« Er wurde rot, und Charlie musste den Blick abwenden.
»Wieweit?«
»IchhabegeradedaszweiteJahrangefangen.«
Charlieergänzte:»HatbisherfastnurTheoriegepaukt. Jetzt will er bei uns ein bisschen Praxiserfahrung sammeln.« Smith nickte und sah sich im verlassenen Empfangsbereich um. »Apropos, ist in meiner Abwesenheit in Kings LakedasKriegsrechtverhängtworden?Ichweiß,ichbin nichtleichtzuersetzen–oderwartetdasVerbrechen,bis ich im Hause bin? Das habe ich mich schon oft gefragt.«
»Nur ein ruhiger Morgen, DC. Wird bestimmt nicht lange so bleiben.«
»Nein,dastutesnie.Bisspäter.«
AlsersichaufdenWegzudenBürosmachte,riefChar-lie ihm hinterher, und er drehte sich noch einmal um.
»DC?Schön,dassduwiederdabist.«
»Danke,Charlie.«
Er bog links ins Großraumbüro und ging zu den Postfächern an der rechten Wand. Wieder hier zu sein hatte ihm Schwungverliehen,erwollteendlichloslegen,erwarimmer nochverrücktdanach.Still Crazy After All These Years … DerSongkamihmindenSinn,währenderdenerstenStapel Unterlagen aus dem Fach nahm. Smith hatte vor einiger Zeitfestgestellt,dassseineOhrenausirgendeinemGrund langsamer zualtern schienenals derRest; aufdem Revier war es so unnatürlich still, dass er noch immer die Stimmen der beiden Männer am Tresen hören konnte. Waters sprach leise – Smith verstand nur seinen eigenen Namen und ein Gemurmel,dasineinerFrageendete.CharliesStimmewar lauter:»Ja,dasister.«Stille,dannsagteWaterswiederet-was,wovonSmithnurzweiWörtermitbekam,»Andretti« und »Ruhestand«. Charlie antwortete: »Ja, genau. Kein Ru-hestand,obwohlvieledasgernhätten–undzwarnichtnur aufderGegenseite,aberdasisteigentlichnichtsfürdeine unschuldigen Ohren. Eine Menge Respekt …«
Smithschalteteab,undfastimselbenMomentklingelte vorn am Tresen das Telefon. Der Fall Andretti war zehn Jahreher;esüberraschteihn,dassüberhauptnochdarüber gesprochenwurde.ErschlossdieAugen,umzusehen,ob dieMädchennochdawaren,abererwusstenatürlich,dass sie immer da sein würden, und die vier erschienen in der-selben Reihenfolge, wie sie in den Dünen gefunden worden waren,weiße,kalte,nackteLeichenimSand.Einbrillantes Team an dem Fall, das beste, das er je gehabt hatte, monatelang…UndamEndewaresnurdiezufälligeBeobachtung eines Streifenpolizisten, die den Durchbruch gebracht hatte.
BlattfürBlattschoberdenInhaltseinesPostfachsinden Schredder,derpraktischerweiseschoninReichweitestand, als hätte es jemand geahnt. Aktualisierte Renteninformationen, Abteilungs-Golfturnier – gab es auch ein Angelturnier?–,neueVorschriftenfürdenUniformaustausch,eine WarnungdesVerbandsvorweiteremPersonalabbauund drohenderAbschaffungderÜberstundenvergütung,eine KopiedesBriefs,densieihmschonnachHausegeschickt hatten und in dem ihm das Ergebnis der internen Ermittlungmitgeteiltwurde,wiederdasWort»entlastet«,eine Gehaltsabrechnung,dieernachdemEinkommenssteuerfiaskovomletztenJahrliebernichtindenSchreddersteckte.
Alserfertigwar,warimmernochniemandimBüro.
WahrscheinlichsaßensiealleinFallbesprechungen,undes ärgerteihn,dassernichtdabeiwar,aufdenneuestenStand gebracht wurde, sich auf etwas konzentrieren und dem HirneineBeschäftigunggebenkonnte.Vielleichtwürdeer AlisonReeveinihremBüroantreffen–dannkonnteerwenigstens das schon mal hinter sich bringen.
2
SmithklopfteeinmalundöffnetedieTüreinenSpalt-breit. Sie stand über einen großen Tisch voller Papiere und Fotos gebeugt, das Gesicht verdeckt von den langen, dunklen Haaren, und stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, als wollte sie verhindern, dass sie abhob. Als sie Smith bemerkte, richtete sie sich auf und streckte ihmdieHandentgegen.Erergriffsie:warm,schmal,blass undkräftig.
»David,schön,dassduwiederdabist.Ichhattegehofft, dass du gleich hochkommst.«
Sie setzten sich in zwei gemütliche Sessel am Fenster, durchdasmanaufdenParkplatzunddahinteraufeinklei-nesIndustriegebietblickte.InderFernesahmandieKräne andenDocksvoreinemschmalengrauenStreifen,dennur Einheimische als die Nordsee erkannten.
SmithwarfeinenBlickaufdengroßenTisch.»WasInte-ressantes?«
»Ein Betrugsfall. Nicht meiner, Gott sei Dank. Vier-augenprinzip.«
Als er das Gesicht verzog, lächelte sie. »Ich hasse Zahlen. InMathebinichmitMüheundNotaufeineDreigekom-men. Das quält mich bis heute.«
»DashatdieVergangenheitsoansich,Ma’am.«
»Damitfängstdubittegarnichterstan!«
»Naja,irgendwasmussichsagen.InderÖffentlichkeit. In Besprechungen. Mir macht es nichts aus, dich zu siezen – Ma’am.«
»Aber das klingt vollkommen falsch! Meine MathelehrerinwärefürmichheutenochMiss Parker,abernieimLeben würdesiemich›Miss‹nennenmüssen.›Ma’am‹–dasgeht einfach nicht.«
»Vielleichtnicht,wennwirunterunssind.Abersolche Kleinigkeiten sind wichtig. Die Leute achten darauf und benehmen sich anders.«
»Dannsiehmichwenigstensnichtan,wennduesinir-gendeinem Meeting sagst.«
ErschwiegeinenMoment.»Vielleichthatessichsowieso balderledigt,wennwireinenneuenDI kriegen,vorausge-setzt, Harrington kommt nicht zurück.«
»Harrington wird nicht zurückkommen. Und ich würde mich nicht darauf verlassen, dass es einen neuen DI gibt. DiemeinenesernstmitdemPersonalabbau,David.Wahrscheinlich werden sie die Gelegenheit nutzen.«
»UndWilson?«
Zum ersten Mal sah sie ihm in die Augen, mit diesem festentiefblauenBlick,derschonsomanchenschwierigen VerdächtigenausderRuhegebrachthatte.»Wilsonunter-steht immer noch mir. Ich habe kein Problem damit.«
Das war Feststellung und Frage in einem. Mit einem kur-zen Nicken signalisierte Smith seine Zustimmung. Sie lä-chelteundseufzte,undSmithahnte,dasssienocheinpaar kompliziertere Dinge mit ihm zu besprechen hatte. Er emp-fandMitgefühl,hattesogareinetwasschlechtesGewissen,dass er eine gute Kriminalbeamtin wie sie in eine solche Lage brachte. Sein früherer Boss, DCI Miller, hatte seine Mitarbeiter nach einem einfachen, aber sehr effektiven Sys-tem beurteilt: Entweder sie »taugten etwas« – oder eben nicht. Alison Reeve hätte zur ersten Gruppe gehört.
SieschienseineGedankenzuerraten.»Deshalbratensie davon ab, nicht wahr? Sich zurückstufen zu lassen?«
»Ja,dasdürfteeinerderGründesein.«
»Ich weiß, dass dir die Frage nach dem Warum zum Hals raushängt. Aber wie hast du es angestellt?«
»DieWahrheit?« Sie nickte.
Er sagte: »Ein paar einflussreiche Leute waren mir was schuldig.IchhabehierunddaeinenGefalleneingefordert.«
»Weilduweißt,werdieLeichenimKellerhat.«
»Unddaliegennocheinige.«
Siestandauf,gingzumSchreibtischundholteeineAkte.
»Ich kann dir nicht viel geben, jedenfalls für den Anfang. Mir sind die Hände gebunden.«
Siesahihnan,bereitfürdas,waskommenmusste,aber er sagte: »Wie du meinst …«
»Ich versuche mich bei dir zu entschuldigen! Du be-kommst jetzt noch kein eigenes Team, es müssen erst ein paarSachengeregeltwerden,aberesdürftenichtallzulange dauern. Ein paar von den Aufgaben, die du kriegst, wirst du zumKotzenfinden.EsisteineMengePräventiondabeiund eineMengeKommunikation.NichtsLängerfristiges,aber es wird jemand von der Kriminalpolizei benötigt.«
»Präventionwovor?«
»Drogenmissbrauch,VorträgevorOberstufenschülern.«
»Kommunikationmitwem?«
»Immigranten,vorallemausOsteuropa.Eshatsichein
ProblemmitSchwarzbrennereienentwickelt.Wirwollen
mal in Zivil bei ihnen anklopfen und ihnen klarmachen, dass wir die Sache ernst nehmen.«
»Gut.«
»Ehrlich?«
»Sonstnochwas?NebenalldenzuvereitelndenVerbrechen vielleicht noch ein tatsächliches?«
Sie reichte ihm eine weitere Akte. Als er sie öffnete, blickteihmeinwohlbekanntesGesichtentgegen.»Budgie Budge?Isterrausundschonwiederzugange?Wieoftsollen wir ihn denn noch einbuchten? Immer noch Auto-schlüsseldiebstahl?«
»ZweiFälleindenletztenvierzehnTagen,underistseit Juni draußen. Es kann niemand anderes sein.«
»WasfüreinSchwachkopf.Dasistalles?«
»Ich habe dich gewarnt. Eine Sache noch, die muss eigentlich nur abgezeichnet werden … Der Junge, der in der NähevonUphamimFlussertrunkenist.DieObduktion ist schon erledigt, und es sieht nach einem Unfall aus. Wenn dudaseinmaldurchsehenunddenPapierkramfertigma-chen könntest?«
Das war eigenartig. Bei einem solchen Todesfall wäre be-reits jemand vom cid involviert gewesen, und bei einem Unfall war es nicht nötig, dass ein zweiter Kriminalbeamter es sich ansah.
Reeve sagte: »Er liegt noch im Leichenschauhaus. Die Familiewargesternda,siemöchtennatürlichgernwissen, wann sie ihn beerdigen können.«
»Und?«
SiestandwiederamTischundschobFotoshinundher wie Schachfiguren, um seinem Blick nicht zu begegnen, dennsiewusstegenau,dasserinihrenAugenlesenkonnte.
»Undjetztbraucheichjemanden,derdenPapierkramfer-tig macht.«
In den letzten zwei Jahren hatten er und sein Team ein ViertelvonRaum17zurVerfügunggehabt–vierSchreib-tische, ungefähr viermal so viele Stühle und ein paar alt-modische Aktenschränke. Auf jedem Schreibtisch der obli-gatorische pc – die Police-Constable-Witze waren längst ausgelutscht–undaufderlangenAblageanderWandein Drucker. Daneben stapelten sich Aktenordner, Mappen und Papiere, die Überbleibsel vergangener Ermittlungen. KeinerderSchreibtischehatteeinenbestimmtenBesitzer, aber es hatte sich von ganz allein eine Sitzordnung ergeben. Smith war darauf gefasst, dass jemand seinen Platz über-nommen oder seinen neuen Bildschirm gegen einen alten ausgetauschthatte,dochallessahunverändertaus.Nach-einanderzogeralleSchubladenauf:SämtlicheKulis,Blei-stifte, Büroklammern und der Taschenrechner lagen da, wo siehingehörten.EsgabnichtdasgeringsteAnzeichen,dass jemand auch nur auf seinem Stuhl gesessen hatte.
Das Büro war leer. Vielleicht hatten die anderen sich ver-steckt wie bei einer Überraschungsparty, um ihn gleich mit einem lauten »Buh!« zu begrüßen. Er legte die vier Map-pennebeneinanderaufdenSchreibtisch,sortiertnachsei-nem Interesse daran. Die Kontaktaufnahme mit den Im-migranten konntewarten.EsgabkeinezeitlicheVorgabe, undwennsieheimlichSchnapsbrauenundsichblindsau-fenwollten,wardasschließlichihreEntscheidung.Beider Drogenprävention hatte er weniger Spielraum; das Projekt war auf alle Kollegen verteilt worden. Seine fünf Termine in denSchulenstandenschonfest.ErwarfeinenBlickinden Kalender–immermontagsdirektnachderMittagspause, wenndieKidsrichtigschönaufgedrehtwaren…Erhatte sein halbes Leben damit verbracht, die hässlichen Folgen desDrogengeschäftszubeseitigen,undwennerjedeWoche auch nur einen einzigen Schüler zum Nachdenken brachte, bedeutetedasfünfpotenzielleNachwuchsverbrecherwe-nigeraufdenStraßenvonKingsLake.SolchewieBudgie Budge:einChaot,einervondenen,dievonPolitikerngern zur »Unterschicht« gezählt wurden und die selbst für regel-mäßigenDrogenkonsumzuunorganisiertwaren.Budgies Kernkompetenzbestanddarin,einenverbogenenKleider-bügel durch den Briefschlitz einer Haustür zu schieben, um drinnen Autoschlüssel vom Haken zu fischen. Smith würdeihmirgendwannimLaufderWocheeinenBesuch abstatten.
ErschobdiedreiAktenzusammenundlegtesie
ordentlichindielinkeobereEckedesSchreibtischs.Bevorerdie letzte Mappe aufschlug – sie war überraschend dünn, wenn man bedachte, dass sie alles enthielt, was über das Ende einesjungenLebensbekanntwar–,gingSmithinGedankennocheinmaldasGesprächmitReevedurch.Erwollte sichergehen,dasseresnichtfalschinterpretierthatte.Ein Unfalltod,reineRoutine.Jemandvomcid hattedieSache bearbeitet,aberReevewollte,dassSmithdenPapierkram fertigmachte. Undauf seineFrage nach demGrund hatte sie ihm ganz bewusst keine überzeugende Antwort gegeben. Sie würde keine Zeit auf sinnlose Doppelarbeit verschwenden,nichtbeiderArbeitsbelastung…Wasbedeuten musste, dass sie sich den Bericht angesehen und darin etwasgefundenhatte,dassiestörte.Abersiewollteesihm nicht sagen; sie wollte, dass er es selbst fand – oder eben nicht. Es wäre eine Absicherung für sie, dass ein weiterer erfahrener Kollege die Sache überprüft hatte.
ZuerstlaserraschdieoffizielleDokumentationdurch. EsschienallesinOrdnungzusein,nichtsfehlte.Erkonzen-trierte sich auf die reinen Fakten – Zeit- und Ortsangaben – undschobdieTragödie,diesichdahinterverbarg,vorerst beiseite. Die meisten Kollegen, denen der Fall das Wochen-enderuinierthatte,kannteer,undersah,dassdieObduk-tion am Montag vom üblichen Gerichtsmediziner durch-geführt worden war. Robinson war nicht der beste, aber hierwarwohlkaumetwasWichtigeszuübersehengewe-sen. Smith bemerkte, dass das cid-Formular zwar vollstän-digausgefüllt,abernochnichtunterschriebenwar,dochdas wäreschnellbehobenundsichernichts,wasDI Reevege-stört hätte.
AlsNächstesnahmersichdieZeugenaussagenvor,zu-erstdievonMelanieCarter.Esschienalleszupassen:Die zeitliche Abfolge ergab Sinn, und das Verhalten war typisch für Jugendliche mit überschießenden Hormonen und zu viel Alkohol an einem heißen Nachmittag. Aber Carter war intelligent – sollte sie wohl auch, wenn sie die Oberstufe besuchte –, und in ihrer Aussage klang durch, was den Fletcher-Jungen umgetrieben hatte. Smith nahm sein Al-wych-NotizbuchherausundnotiertesichihrenNamen. Vor seiner Zurückstufung hatte er vorsichtshalber noch einen Schwung dieser altmodischen Büchlein bestellt. Sie waren für seinen persönlichen Gebrauch, und er ließ sie nichtimBüro,sondernverwahrtesiezuHauseganzoben auf dem Bücherregal in seinem Arbeitszimmer – sie enthielten alle Fälle, an denen er jemals gearbeitet hatte.
WeildasMädchenStevenNealeundChristineTerryer-wähnt hatte, las er deren Aussagen als Nächstes, und sie stimmteninallenwichtigenPunktenmitdervonMelanie Carterüberein;diepaarkleinenUnterschiedewarengenau das, womit man rechnen musste, wenn Menschen ehrlich warenunddieKollegen,diedieAussagenaufnahmen,or-dentlicheArbeitleisteten.AlleerwähntendenzweitenKa-nufahrer, aber obwohl man ihn noch nicht ausfindig ge-machthatte,warerinderfolgendenkurzenUntersuchung nicht für wichtig erachtet worden. Die anderen Zeugenaus-sagen waren ähnlich, und Smith entdeckte darin nichts, was Alison Reeve Sorgen bereitet haben könnte.
SchließlichnahmerdenObduktionsberichtzurHand. Wayne Fletcher war ertrunken – Smith verstand die un-barmherzigeFachsprachegutgenug,umdaszuerkennen. Er hatte Alkohol im Blut gehabt, was vermutlich zu dem Unglück beigetragen hatte, und nicht nur das, auch der Test aufCannabiswarpositiv.DummerJunge…Dannhatteer sich irgendwo den Kopf gestoßen und entweder bewusstlos oderdesorientiertzuvielWassergeschluckt.Abereswar schwierig, sich im Wasser so heftig den Kopf zu stoßen, dachteSmith.Ermussterausgegangensein,undvielleicht war er wieder reingesprungen und mit dem Kopf unter WassergegeneinenAstoderetwasÄhnlichesgeprallt. SmithlasdenAbsatznocheinmallangsamundstelltesich dieSituationvor,unddaentdeckteerplötzlicheinkleines Bleistiftsternchen über dem Wort »Prellung«. Unten auf der Seite ein weiteres Sternchen und eine kurze handschrift-liche Notiz: »Dr.Robinson auf merkwürdige Form der Prellunghingewiesen.EinFisch.«DahinterdieInitialen
»O.M.«.
OliveMarkham.SiekanntensichseitvielenJahren,seit er seine ersten Ermittlungen geleitet hatte. Anfangs hatte er siewegenihrerInitialenaufgezogenundgefragt,obsieauf Meditation und solche Sachen stehe, und sie hatte geant-wortet,dastuesietatsächlich.Siehatteihmdavonvorge-schwärmt,abererhatteeslachendabgetan,ohnezuahnen, wie sehr es ihm eines Tages helfen würde. Gerichtsmedi-zinischeAssistentinOliveMarkham.Siegingwieerlang-samaufdieRentezu.SoeineAnmerkungaufeinemBericht entsprach nicht der üblichen Vorgehensweise, aber Olive wareinwenigexzentrisch.EinFisch?EswaranderZeit, sich wieder einmal bei Olive zu melden. Er hatte keinen Zweifel, dass er auf das Detail gestoßen war, das Alison Reeve abgeklärt haben wollte.
DreiLeutebetratendasBüro,vondenenzweisofortauf Smith zukamen. Die Detective Constables John Murray undMaggieHendersonwarendasungleichePaarvonKings LakeCentral:Erwarübereinsneunzigundbrachtehun-dertfünfzehn Kilo auf die Waage, sie war keine eins sieb-zigundwogkaumdieHälfte.SiehattenausPrinzipzual-lemunterschiedlicheMeinungen,abersiewarentrotzdem daswahrscheinlichbesteTeamdescid.Maggieschüttelte SmithzuerstnurdieHand,aberdannsagtesie:»Ach, komm, du Knallkopf!«, umarmte ihn und drückte ihm einenKussaufdieWange.Bevorsieihnwiederlosließ,flüs-terte sie: »Und sieh verdammt noch mal zu, dass du uns wieder in dein Team kriegst!«
ÜberihreSchulterhinwegsaherdendrittenKollegen, O’Leary, der an seinem Schreibtisch schwer beschäftigt tat. O’LearywareinKumpelvonWilson,undSmithwarklar, dasseraufpassenmusste,wasersagteundwaseraufoder sogarinseinemSchreibtischliegenließ.NacheinerWeile hob O’Leary den Kopf und nickte ihm kurz zu, was beiden ausreichte.
Smith hörte seinen Namen und drehte sich um. DI Reeve stand in der Tür und winkte ihn zu sich. Als er neben ihr war,saheramanderenEndedesFlursWaters,derunsicher zu ihnen herüberschaute.
»David,ichwollteSienochumetwasbitten–«
Siesiezteihnwievereinbart.Ohnezuüberlegen,unterbrachersiemitleiserStimme.»Nein,Ma’am,nichtamerstenTag,denichwiederhierbin.WirhabenDutzendevon Kollegen,dieihneinweisenkönnen.Wahrscheinlichkönnte er mir noch was über die Vorschriften beibringen.«
»EinGrundmehr,dassSieesübernehmen.Einekleine Auffrischung kann nicht schaden. Nein, im Ernst, nicht mehralseinenoderzweiTage,undwennernurlernt,wie man es nicht machen soll. Er hat mich extra darum gebeten.«
»Worumgebeten?«
»MitIhnenzusammenarbeitenzudürfen.«
»Wie bitte? Wir haben uns erst vor zwanzig Minuten kennengelernt.«
»Nein, nicht heute. Letzte Woche Freitag, an seinem ers-ten Tag. Er hat von Ihnen gesprochen – Sie sind eine Be-rühmtheit.«
Smithzögertekurz,unddasnutztesieaus.»ZeigenSie ihm ein bisschen, wie es läuft, DC. Er ist schlau und mo-tiviert, man muss ihm nichts zweimal erklären. Okay? Danke.«Dannriefsie:»Chris–DC Waters!«,undwinkte den jungen Detective zu sich heran.
Das war das Letzte, was er jetzt brauchte – einen Grün-schnabel, der ihm auf Schritt und Tritt hinterherlief. Sei-nerzeit hatte Smith viele Kollegen ausgebildet, aber das war es ja gerade: Seine Zeit war inzwischen vorbei. Er wusste es, und alle anderen wussten es auch; er passte nicht mehr so rechtindenmodernenPolizeidienst,erwardersprichwört-liche Dinosaurier, der noch geduldet wurde, weil er nach wievoranständigeErgebnisselieferte,undzwarmeistens nur,weilersichebennichtsogenauandieVorschriftenund die Buchstaben des Gesetzes hielt. Wie sollte er dabei einen Welpen trainieren?
WaterssaßnebenSmithamSchreibtischundblickteauf den Bildschirm, während Smith ihm erklärte, welche Funk-tionen nach dem Einloggen zur Verfügung standen. Waters kamdamitbesserzurecht,alsSmithesjemalsgetanhatte, aberesverschaffteihmZeitzumNachdenken.Konnteer aus der Sache noch irgendwie rauskommen? Gab es ein Ar-gument,mitdemerDI Reeveüberzeugenkonnte,Waters an jemand anderen weiterzureichen?
Ihm fiel nichts ein, und jetzt sah Waters ihn auch noch erwartungsvollan.Zweifellosrechneteerdamit,dasssie sofortanfangenwürdenzuermitteln,wennnichtineinem Mordfall,dannmindestenszueinemBankraub.Alsogriff Smith nach den vier Akten und erklärte Waters, wie auf-regenddieArbeiteinesDetectivesumzehnUhrmorgens aneinemDonnerstagimAugustseinkonnte.Immernoch schwirrte ihm die Frage im Hinterkopf herum, wieso der Jungedarumgebetenhatte,mitihmzusammenarbeitenzu dürfen, bevor sie sich überhaupt kennengelernt hatten. Hatte ihn jemand auf Smith angesetzt, als eine Art Witz? KeinerderwenigenKollegen,denenSmithvertraute,würde so etwas tun. Wollte ihm jemand eins auswischen?
Unweigerlich landeten sie beim Fall des ertrunkenen Schülers. Smith erklärte die übliche Vorgehensweise und dassinsolchenFällenimmerdascid eingeschaltetwurde. LetztendlichmussteeinUntersuchungsrichterfeststellen, ob es beim Tod des Jungen verdächtige oder ungeklärte Umständegab;wenndiesnichtderFallwar,wurdeesals Unfalltodeingestuft.SmithfragteWaters,oberschonmal eineLeichegesehenhabe,unddieAntwortlautete:Nein, hatte er nicht.
»Tja,dannfängstduambestennichtmitderhieran.Du kannst nicht viel älter sein, als Wayne Fletcher war.«
WatersreagiertenichtaufdieseBemerkung.Stattdessen fragte er: »Das ist also reine Routine?«
»Da bin ich mir nicht so sicher. Mit siebzehn auf diese Weise zu sterben ist wohl kaum Routine, oder?«
»Ich meine, wie Sie den Fall bearbeiten. Sie haben die Akte gelesen, und jetzt unterzeichnen Sie sie, und dann geht sie an den Untersuchungsrichter.«
»Üblicherweiseschon.«
WaterszogeineAugenbrauehoch,erwiderteabernichts.
»Würdestduesandersmachen?«
WatershattedieAngewohnheit,beimNachdenkenden BlickinsLeerezurichten.MehrereSekundenlangherrschte Schweigen.
»Immer raus mit der Sprache. Du wirst sowieso jede MengeFehlermachen,dafängstduambestengleichdamit an.«
»Ichverstehenicht,wieersichdieseKopfverletzungge-holt hat, wenn er zuletzt im Wasser gesehen wurde. Wie kannmansoschnellschwimmen,dassmansichdermaßen heftig den Kopf stößt?«
Smithmusstedarandenken,wasAlisonReeveüberden Neuengesagthatte.MehralsdreißigJahretrenntensie,aber es war ihnen beiden aufgefallen: Wayne Fletchers Verlet-zung war merkwürdig.
»Also,wasmachenwir?«,fragteSmith.
»Ichweißnicht.«
»Zuerstsprechenwiresnochmaldurch,nurduundich. Wir beleuchten es von allen Seiten und sehen, was dabei rauskommt.Sageinfachalles,wasdirindenSinnkommt, egal,wieblödesklingt.MacheineListe,wiemanimFluss einen Schlag auf den Kopf bekommen kann. Als Erstes brauchen wir Kaffee. Stark, wenig Milch, ohne Zucker.«