Zutiefst berührende Geschichte

Leseprobe Ungarn, Polen, DDR – 1989: Demonstrationen verändern die Welt. Anhand von dem Schicksal ihrer Protagonistin Marie erzählt Alena Mornštajnová eine Geschichte, die stellvertretend ist, für viele Geschichten, die irgendwann auf dieser Welt passieren
Prag, 1989.
Prag, 1989.

Foto: PASCAL GEORGE/AFP via Getty Images

ERSTES KAPITEL

Marie, genannt Maja Vor November 1989

Sie dachte oft an das Bild. Sie sah es in schlaflosen Nächten vor sich, wenn sie sich auf der Pritsche herumwälzte, sich unter der kratzigen Wolldecke krümmte und versuchte, eine Stellung zu finden, die es dem schmerzenden Rücken und den geschwollenen Gelenken leichter machte. Sie kniff die Augen fest gegen das Scheinwerferlicht zu, das mit quälender Regelmäßigkeit durch das Gitterfenster hineindrang. Sie stopfte sich die Ohren zu, um nicht den Atem der Mitschläferinnen zu hören, der manchmal von Schnarchen, Stöhnen oder ängstlichen Schluchzern unterbrochen wurde. Und rollte sich zu einem Knäuel zusammen, das Gesicht zur Wand, schluckte Furcht und Angst hinunter und flüchtete in ihre innersten Gedanken.

Deutlich sah sie den vergoldeten Rahmen des Bildes vor sich, in dessen Vertiefungen sich der Staub abgesetzt hatte. Die schwarzen Linien ließen sich nicht mehr wegputzen. Das schützende Glas war mit den Jahren dunkel und matt geworden, sodass es schien, als schaute die junge Frau durch ein trübes Fenster oder durch eine ruhige Wasseroberfläche in die Welt. Ihr unverwandter Blick verfolgte die Anwesenden durch das ganze Zimmer. Er war liebevoll, aber gleichzeitig ergeben und schmerzensreich, und Maja las darin: Das Kind in meinem Arm ist das Wertvollste, was ich habe. Ich umsorge und beschütze es, so gut ich kann. Aber ich weiß schon jetzt, dass das nicht genügen wird. Ich werde zwar immer für meinKind kämpfen, aber eines Tages wird es auf eigenen Beinen stehen und sich auf seinen eigenen Weg machen. Dieser Gedanke ließ Maja jedes Mal den Blick abwenden.

Das Bild hing in Großmutters ebenerdigem Haus im kalten Schlafzimmer über dem Kopfende des Ehebetts. Maja schlief in den Ferien darin auf einer Rosshaarmatratze, die auf einem durchgelegenen Drahtgeflecht lag, und deckte sich mit einem dicken Federbett zu. Die Federn verklumpten und rutschten auf eine Seite, sodass Maja in den kühlen Morgenstunden vor Kälte aufwachte, zugedeckt nur mit dem gestärkten Bettbezug.

Mit der Überheblichkeit eines Stadtkindes versuchte sie der Großmutter die Vorzüge von Steppdecken aufzudrängen, von Schaumstoffliegen mit Stauraum und weiteren modernen Errungenschaften, die ihr den Ferienaufenthalt angenehmer machen könnten. Aber die Großmutter hob jedes Mal nur die Augenbrauen und ließ ein bisschen beleidigt ihre Litanei darüber los, dass Gänsefedern am wärmsten waren, sie sie außerdem selbst gerupft und das Bettzeug aus dem festesten Leinen damit gefüllt hatte. Und in dem Bett mit dem Großvater geschlafen, Gott hab ihn selig. »An den erinnerst du dich nicht mehr, Marie, aber das war ein gütiger Mensch, der hatte dich sehr gern, mit Kindern konnte er gut umgehen«, sie stockte und fuhr dann fort. »Zwei Söhne habe ich in diesem Bett zur Welt gebracht, das ist ein Stück meines Lebens und die Erinnerungen wirft man nicht einfach fort, vor allem nicht die schönen. Wenn ich sterbe«, sagte sie, »könnt ihr mit den Möbeln machen, was ihr wollt, meinetwegen zerhackt und verbrennt sie, aber das Bild der Jungfrau Maria, das, mein liebes Mädelchen, wird einmal dir gehören. Von ihr hast du deinen Namen, sie wird über dich wachen. Du hängst es über dein Bett, versprichmir das, das darf nicht im Müll enden«, fügte die Großmutter hinzu und machte dann so eine Bewegung, als würde sie ihr ein Kreuz auf die Stirn zeichnen.

Das Erwachsensein kam Maja unglaublich weit entfernt und unwirklich vor, und noch unwirklicher war die Vorstellung, dass die Großmutter einmal nicht mehr sein würde. Deshalb versprach sie leichten Herzens, sich des verwaisten Bildes anzunehmen, und sie staunte sehr, dass die Tage bis zum Erwachsensein so schnell vergingen und ihr von der Großmutter nur das Bild der Jungfrau Maria mit dem Kinde blieb.

Joska und sie hängten es im Schlafzimmer übers Bett – nicht, weil sie es damals versprochen hatte oder daran glauben würde, dass ihre Namensvetterin sie beschützte. Sie hängten es auf, weil es ein Teil von Majas Vergangenheit war und – wie die Großmutter sagte – Erinnerungen wirft man nicht einfach fort. Es hing vier Jahre, zwei Monate und sieben Tage im Schlafzimmer, bis zum 17. November des Jahres 1989, als sie beschlossen zu streichen, die Möbel in die Zimmermitte zogen und das Bild abhängten.

Maja und Joska hatten Glück. Sie bekamen bald eine eigene Wohnung und mussten – im Unterschied zu anderen jungen Familien – keine zu lange Zeit beengt bei den Eltern verbringen, ihrer Liebenswürdigkeit und ihren Ansichten darüber ausgeliefert, wie eine junge Ehe auszusehen hatte. Sie mussten auch nicht in einer Unterkunft hausen, wo eine mürrische Pförtnerin in einer Glasbude saß und den Mietern die eingegangene Post und die Schlüssel von kargausgestatteten Zimmern aushändigte, dazu mit strengen Blicken die schmutzigen Schuhsohlen verfolgte und nicht nur die Einhaltung von Ruhe und Ordnung protokollierte, sondern auch das Ankommen und Fortgehen der Bewohner und ihrer Besucher aufzeichnete.

Majas und Joskas Glück bestand darin, dass Menschen, die nicht in ihrer Stadt lebten, beschlossen hatten, die Glasherstellung auszuweiten. Die hohen Tiere dort in Prag mussten nicht die giftigen Ausdünstungen aus der Chemiefabrik einatmen, die schon seit mehr als zwanzig Jahren in unregelmäßigen, vom Wetter abhängigen Intervallen die tiefergelegenen Stadtteile und die angrenzenden Straßen verseuchte, und so begann am Anfang der 80er Jahre in Meziříčí der Bau eines Werkes, das Glasteile für Farbbildschirme herstellen sollte. Aus der Fabrik, die Graf Kinský in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet hatte, um sie bald darauf der jüdischen Familie Reich zu verkaufen, welcher sie ohne große Umschweife von den Nazis weggenommen wurde, um dann endgültig von den Kommunisten verstaatlicht zu werden, wurde ein riesiger und für die staatliche Ökonomie wichtiger Betrieb, der seine Erzeugnisse in mehrere Länder exportierte.

Die Glashütten, die aus ihren sechs Schornsteinen dicke Rauchwolken in die Luft bliesen, brauchten unablässig neues Material und neue Menschen. Die Angestellten wurden mit dem Versprechen einer Wohnung in der Neubausiedlung, die sich am Stadtrand ausbreitete, angelockt. Damit die Arbeitsanwärter auch die ersehnte Wohnung bekamen, mussten sie außer der gewünschten Qualifikation weitere Bedingungen erfüllen – sich für zehn Jahre im Betrieb verpflichten, in die Wohnungsgenossenschaft eintreten, eine Vorauszahlung leisten und eine Heiratsurkunde vorlegen.

Ja, eine Wohnung verdiente nur, wer in einem ordentlichen Ehebund lebte.

Joska erfüllte alle Bedingungen, bis auf eine – er war ledig. Das würde natürlich nicht seine Anstellung verhindern, aber einen Platz zum Wohnen bekäme er höchstens in der Betriebsunterkunft. Mit seinen 25 Jahren war es für ihn nach den damals allgemein anerkannten Maßstäben höchste Zeit zu heiraten. Schließlich hatten die meisten seiner Altersgenossen schon während der Armeezeit geheiratet oder wenigstens kurz nach der Rückkehr ins zivile Leben. Ist doch die Familie die Keimzelle des Staates und was sonst sollte ein junger Mann auch tun, als aufzubauen, sich zu kümmern und diszipliniert zu lieben? Vielleicht manchmal abends auf ein Bier mit den Kumpels und nach einem Weilchen ordentlich wieder nach Hause gehen. Um neun Uhr schlossen sowieso alle Gaststätteneinrichtungen, damit das arbeitende Volk nicht zu sehr ermüdete.

Zu dieser Zeit kannten sich Joska und Maja schon länger als ein Jahr, und so beschlossen sie, dass sie sich so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen und so schnell wie möglich heiraten würden. Wenn Maja zögerte, so war das doch nur für einen Moment. Hatte sie etwa eine Wahl? Ihr Abitur hatte sie in der medizinischen Schule schon vor vier Jahren abgelegt, zweimal hatte sie sich um Aufnahme an der medizinischen Fakultät beworben, zweimal erfolglos. Die Prüfungen bestand sie, aber der Beschluss, sie nicht aufzunehmen, wurde damit begründet, dass sie kein ausreichendes Interesse an dem Fach gezeigt habe. Sie arbeitete die ganze Zeit im Gesundheitswesen, besuchte private Physik-, Mathematikund Chemiestunden, um den Vorsprung der Studenten aufzuholen, die vom Gymnasium an die Medizinfakultät kamen. Was also hätte sie noch tun sollen, um ihrenStudienwunsch zu beweisen? Und so kam sie ganz richtig zu dem Schluss, dass weitere Versuche sinnlos waren. Sie würde sich gern in der Welt umsehen, ihr Schuldeutsch verbessern, nach Übersee schauen, Asien und Amerika bereisen, aber eine legale Möglichkeit, ins Ausland zu kommen, gab es nicht, und emigrieren wollte sie nicht. Sie mochte ihr Land, obwohl es sich dort nicht so leicht und frei lebte, wie sie es sich wünschen würde.

Sie durchlebte eine wildere Zeit – das heißt, Majas Eltern betrachteten sie als wilder, denn in dem engen Rahmen des Sozialismus konnte sie sich gar nicht so recht zügellos benehmen. Noch mehr als die Verbote und Gebote beeinflussten innere Hemmungen Majas Verhalten und die waren eher auf ihren Charakter als auf die Erziehung zurückzuführen. So sind die Folgen, die diese Zeit mit sich brachte, nur als unverhältnismäßig zu bezeichnen. Ein paar Diskotheken, zwei, drei Gläser Wein, späte Heimkehr. Eine kurze Beziehung – oder vielmehr ein Ausrutscher – mit dem verheirateten Chefarzt der Inneren, die mit einer ungewollten Schwangerschaft endete.

Das war der Punkt, an dem sich Majas Leben auf den Kopf stellte. Zuerst erzählte sie niemandem von der Schwangerschaft. Sie wollte sich nicht anhören, dass sie sich das Leben versaute und »das« wegmachen lassen sollte. Weil jenes »das« ihrem Leben auf einmal eine Bedeutung gab. Obwohl sie wusste, dass sie das Kind allein aufziehen würde, bekam ihre Existenz, die in den letzten Jahren das Ziel verloren hatte, einen neuen Sinn. Sie würde Mutter sein, es würde etwas und jemanden geben, für den sie leben würde.

Die Schwangerschaft schickte Hormone der Ruhe und Zufriedenheit in ihren Körper. Obwohl ihre Situation keine einfache war, strahlte Maja Glück aus. Es war diese Aureoleder Behaglichkeit, die Majas Mutter früher als jedes körperliche Anzeichen verriet, dass ihre Tochter in Erwartung war. Sie vertraute ihrem Mann den Verdacht an und fragte dann vorsichtig Maja.

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts war es nicht so ganz geläufig, eine ledige Mutter zu sein, und erst recht war es nicht einfach. Trotzdem war von Majas Eltern nicht ein einziges Mal das Wort Abtreibung zu hören. Obwohl sie keiner Kirche angehörten und sich als Nichtgläubige bezeichneten, wussten sie, was eine Sünde ist, und jedes Leben – auch das Leben eines ungeborenen Kindes – war für sie heilig. Majas Mutter wusste aus eigener Erfahrung, dass die Zeugung eines Kindes nicht selbstverständlich war. Bevor sie Maja bekam, durchlebte sie zehn lange Jahre des Wartens und der enttäuschten Hoffnungen. Majas Geburt hielt sie für ein Wunder, das sich trotz aller Bemühungen in ihrem Fall nicht mehr wiederholte, und so wuchs Maja als Einzelkind auf.

Sie kauften ein Bettchen für Majas Mädchenzimmer und machten sich daran, Sachen für das Kind zu besorgen. Nach dem Kindsvater fragten sie nicht, warum auch, und so waren sie alle, Maja eingeschlossen, recht erstaunt, als er zwei Monate vor dem Geburtstermin selbst an ihrer Tür klingelte.

Maja war nicht naiv. Sie wusste, dass der Chefarzt Válek mit jeder willigen Krankenschwester aus der Klinik schlief, und das wusste auch die Frau des Chefarztes. Maja war aber die Einzige, die schwanger wurde. Und die langjährige Chefarztehe war zwar dank der grenzenlosen Toleranz der Frau Chefarzt glücklich, aber leider kinderlos.

Als der Chefarzt an ihrer Tür erschien und sich im Wohnzimmer niederließ, um mit Majas Vater – der im Übrigennicht so viel älter war – ein Gläschen Sliwowitz zu trinken, kam er nicht, um anzubieten, aus Maja eine verheiratete Frau zu machen. Er kam, um sie zu bitten, für ihr Kind ein Vater sein zu dürfen. Maja war von dieser Bitte überrascht. Von Anfang an hatte sie damit gerechnet, sich allein um ihr Kind zu kümmern. Aber sie hatte keinen Grund – und sie nahm an, auch kein Recht – das abzulehnen und dem Kind den Vater vorzuenthalten. Sie kam überhaupt nicht auf die Idee, dass sie das eines Tages bedauern könnte.

Der Herr Chefarzt war ein mustergültiger Vater. Er war nicht nur in der Geburtsurkunde angegeben, sondern unterstützte den Sohn regelmäßig finanziell und kam ihn auch besuchen. Und als der Junge etwas größer war, nahm Válek ihn jedes zweite Wochenende zu sich nach Hause. Und so blieb es auch, als Maja Joska kennenlernte und vor einer weiteren Entscheidung stand.

[...]

21:26 23.06.2022

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