Reise ins Innere

Leseprobe Maria ist verschwunden. Seit Monaten hat Herwig, mit dem sie seit fast dreißig Jahren verheiratet ist, nichts von ihr gehört. Dass sie ihren Job gekündigt und seinen Volvo mitgenommen hat, lässt zumindest hoffen, dass sie noch am Leben ist
Reise ins Innere

Foto: Roy Jones/Evening Standard/Getty Images

Dies ist die Geschichte von Eva Maria Magdalena Neuhauser. Die meisten nennen sie einfach Maria, deshalb tu ich das auch. Ich komme auch darin vor, aber es ist nicht meine Geschichte. Es sind die Erinnerungen an einen Sommer, den ich mit dieser außergewöhnlichen Frau zusammen verbringen durfte. Die Namen in dieser Geschichte habe ich frei erfunden, auch den für mich. Ich heiße in diesem Buch Lisa.
Darüber hinaus gebe ich die Dinge genau so wieder, wie sie geschehen oder, da, wo ich nicht dabei war, wie sie mir berichtet worden sind, das meiste von Maria selbst.

Kapitel 1

Maria und ich haben uns gegenseitig auf der Straße aufgelesen. Vom rein äußeren Gesichtspunkt aus betrachtet hat sie mich mitgenommen: Ich war die Anhalterin, die an der Straße stand. Ich bin in ihr Auto eingestiegen. Aber es gab auch eine innere Reise, und da war es umgekehrt. Wir sind uns in den drei Monaten, die wir zusammen verbracht haben, sehr nahegekommen; haben fast alles miteinander geteilt, das Lager, das Essen und einmal sogar einen Mann. Sie war der großzügigste Mensch, den ich kennengelernt habe. Großzügig war sie auch mit ihrer Vergangenheit. Sie hat mich an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass ich sie im Augenblick ihres Loslassens von allem getroffen habe. Das soll aber weder ihren Edelmut schmälern, noch soll es heißen, sie wäre an nichts gebunden oder gar bindungsunfähig gewesen. Der Brief an Herwig zeugt vom Gegenteil. Sie hat zwar mit den Worten geschlossen, er möge die Freiheit finden, sie loszulassen. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sie das wirklich will, aber so hat sie es geschrieben.
So manches, von dem ich berichten werde, habe ich dem Brief entnommen, den ich wenige Wochen nach dem Jahreswechsel im Briefkasten fand. Er war an mich adressiert, aber an Herwig gerichtet. Herwig ist der Mann, an dessen Seite Maria fünfunddreißig Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Maria erlaubte mir, ja sie bat mich auf einer beigelegten Notiz darum, den Brief zu lesen, damit ich von den Abenteuern erfahre, die sie nach unserer Trennung erlebt hatte.
Wie ich merkte, sparte Maria einiges aus, von dem sie wohl glaubte, es würde Herwig verletzen. Ich weiß nicht, ob das notwendig war, und frage mich natürlich, ob sie auch mir etwas vorenthalten hat.
Ich habe den Brief mehrmals gelesen. Maria hatte mich beauftragt, ihn weiterzuschicken, und ich wollte nicht, dass mir etwas entging. Am Ende habe ich mir, obwohl es ein wenig unanständig schien, eine Kopie gemacht. Am nächsten Tag, als ich die Blätter in ein neues Kuvert steckte, musste ich feststellen, dass Herwig Bergers Adresse nirgendwo im Brief aufschien. Maria musste sie vergessen haben, oder sie war aus dem Kuvert gefallen.
Ich durchsuchte im Internet das österreichische Telefonbuch und hatte Glück, denn es gab nur zwei Berger mit dem Vornamen Herwig. Die erste Nummer war ein Festnetztelefon mit Anrufbeantworter. Eine Computerstimme bat um Hinterlassung einer Nachricht. Ich legte, ohne etwas zu sagen, auf und wählte die zweite. Eine andere Stimme, derselbe Text.
Es war schon sechzehn Uhr, und über der Stadt begann sich trübe Dunkelheit auszubreiten. Ich stand auf, um Licht zu machen. Als ich die Vorhänge zuzog, gingen gerade die Straßenlaternen an. Ein angriffiger Wind war aufgekommen und fegte eine Staubwolke vor sich her. Schneeregen war vorausgesagt. Dunkle Wolken hatten es eilig, den Himmel zu erobern. Noch war es aber nicht so weit. Ich war gerade dabei, zu überlegen, ob es sinnvoll gewesen wäre, etwas auf die Sprachbox zu sprechen, da klingelte es. Ich ging zum Tisch, wo ich mein Telefon abgelegt hatte. Der Anruf kam aus Österreich. Es war eine der zuletzt gewählten Nummern.
»Berger«, tönte es melodiös aus dem Lautsprecher des Telefons.»Haben Sie eben bei mir angerufen?«
Der rasche Rückruf überrumpelte mich. Ich hatte mir noch gar nicht zurechtgelegt, was ich sagen wollte. »Ja, äh, guten Tag.«
»Wer spricht da?«
»Lisa, ich heiße Lisa.«
»Und worum geht es?«
»Ich ... ich bin eine Freundin von Maria. Sind Sie der Mann von Maria Neuhauser?«
Einen Augenblick war es still, dann kam eine tonlose Stimme, der alle Melodie entwichen war: »Wer spricht da noch einmal bitte?«
»Ich bin eine Freundin von Maria. Ich habe hier einen Brief von ihr. Für ihren Mann Herwig Berger. Sie hat mich beauftragt, ihn weiterzuleiten, allerdings vergessen, mir die Adresse dazuzuschreiben. Im Telefonbuch habe ich zwei mit demselben Namen gefunden. Ich möchte nicht, dass der Brief an den Falschen gerät. Darf ich Sie fragen, was Sie von Beruf sind und wie der volle Name Ihrer Frau lautet?«
»Von wo rufen Sie an? Ist das eine deutsche Nummer?« »Bitte beantworten Sie zuerst meine Frage.«
»Ich unterrichte. Meine Frau heißt Eva Maria Magdalena Neuhauser und ist seit über einem halben Jahr vermisst. Wenn Sie wissen, wo sie ist, sagen Sie es mir bitte.«
»Ich weiß es leider nicht.« Das war keine Lüge. Ich wusste es wirklich nicht.
»Von wo rufen Sie an?«
»Ist das wichtig?«
»Nein, Sie haben recht. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, ob Maria noch am Leben ist. Ist sie noch am Leben?«

Kapitel 2

Maria war von Kindheit an gesegnet mit einem schon fast animalischen Pragmatismus. Reden war nicht ihr Ding. Praktisches Handeln zog sie langem Grübeln vor. Diskussionen waren ihr eine Qual. Vernunft war in ihren Augen eine theoretische Größe und Kategorie. Sie war ergebnis-, nicht vernunftorientiert. Maria war in den Augen der meisten kein hübsches Mädchen. Ihre Schönheit lag verborgen unter einer kratzbürstigen Wildheit, die kein Gefallenwollen kannte.
Das Unbändige machte sich vor allem im Winter bemerkbar. Man hätte glauben können, dass der dramatische Lebensauftakt und der Schock des ersten Atemzuges in der Eiseskälte ihrer Geburtsstunde bei Maria einen Grausen vor Kälte und Schnee ausgelöst haben müssten, aber das Gegenteil war der Fall. Sie liebte die Kälte, sie liebte das Eis, und sie liebte den Schnee. Sie liebte es, auf spiegelglatten Flächen talwärts zu rasen. Es verging kein Jahr, in dem nicht ein Schlitten oder ein Schi zu Bruch ging. Und viele Jahre später, als sie ihr erstes Auto erstand,einen grasgrünen,acht Jahre alten Ford Escort mit Hinterradantrieb, liebte sie es, auf den Schneefahrbahnen durch die Kurven zu driften und auf den Parkplätzen Pirouetten zu drehen. Sie war und blieb ein Winterkind.
Weil ihr die Kälte nichts ausmachte, bekam sie von ihrem Vater, der ihr zum Einschlafen gerne vogelwilde Indianergeschichten erzählte, den Spitznamen Eskimo. Das war für Maria innerhalb der Familie kein Problem. Es sprach sich jedoch bis in den Kindergarten herum, wo es eines Tages zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kam. Nachdem sie mehrmals darauf bestanden hatte, bei einem ihrer richtigen Vornamen genannt zu werden – sie stellte es allen frei, bei welchem –, einer der Buben jedoch nicht damit aufhörte, sie weiterhin Eskimo zu nennen, stürzte sie sich auf ihn, und es begann eine wilde Prügelei, die damit endete, dass sie ihrem Gegner ein Büschel Haare ausriss, diese wie eine Trophäe schwenkte und dabei schrie, sie würde alle skalpieren, die sie weiterhin Eskimo nannten. Damit war die Sache gegessen.
Die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Eva Maria Magdalena Neuhauser in einem beschaulichen Dorf am oberen Ende eines vom Gletscher gespeisten Bergsees. Gegen Süden verhinderten abweisende, meist senkrechte Felswände ein Entkommen. Es bedurfte eines mehrstündigen, steilen Aufstiegs, um das Plateau zu erreichen, und noch eines ganzen Tagesmarschs, um es zu überqueren und die nächste Siedlung zu erreichen. In Richtung Norden verwehrten steile, bewaldete Flanken den Blick auf das untere Ende des Sees. Eine schmale, wegen Steinschlagund Lawinengefahr im Winter oft gesperrte Straße war die einzige Nabelschnur zur Welt da draußen.Abgesehen von einer sommerlichen Schiffsverbindung. Wie ein Fjord lag er da, der See. Seine schwarzgrünen Wasser lockten selbst an heißen Sommertagen nur wenige abgehärtete Einheimische zum Schwimmen. Der Ort markierte für alle, die sich hierher verirrten, das Ende der Welt. Für die hier Aufgewachsenen bedeutete er den Anfang.
So war es zumindest bis vor kurzem. Dann kam der Touristen-Tsunami, der Kolonnen von Reisebussen und scheinbar nie versiegende Völkerschaften fremder Menschen aus aller Damen und Herren Länder, vor allem aber aus dem fernen Osten in den Talschluss spülte. Es fehlten nur die Kreuzfahrtschiffe. Aber zum Glück war es eben doch kein Fjord. Die Besucher waren wie ein Befall. Man muss jetzt nicht gleich an Läuse denken. Es reicht auch das Bild von Schmetterlingen. Ein großer Schwarm bunter Schmetterlinge, der jeden Tag das Dorf befällt. Jahrein, jahraus. Den Gastwirten gefiel das natürlich, jedenfalls den meisten. In der Biologie ist der Wirt ein Organismus, der einen als Gast bezeichneten artfremden Organismus mit Ressourcen versorgt. Wenn es zum beiderseitigen Vorteil ist, nennt man das eine Symbiose. Wenn die WirtGast-Beziehung zu Ungunsten des Wirtes geht, wird der Gast zum Parasiten. Ab einer gewissen Anzahl werden auch bunte Schmetterlinge zu Schädlingen. Inzwischen lässt man die Bevölkerung durch den Abtransport der Ausscheidungen homöopathisch am Aufschwung teilhaben. Damals, wie gesagt, war alles noch abgelegen, versunken, versponnen, verträumt und geheimnisvoll. Nur wenige Reisende verirrten sich hierher, und auch das nur in den Sommermonaten.

Georg Neuhauser, Marias Vater, arbeitete für die örtliche Seilbahn, die im Sommer Ausflügler und im Winter einheimische Schifahrer hinauf auf den Berg brachte. Marias Mutter hieß Mathilde und hatte eine Anstellung im an die Bergstation angebauten Hotel. Dort oben, jenseits der Baumgrenze und mit grandiosem Blick auf das Ende der Welt einerseits und ihren vergletscherten, sonnenbeschienenen Anfang andererseits, fanden Georgs und Mathildes Herzen zueinander – und in Folge bald auch ihr genetisches Erbgut. Maria kam im tiefsten Winter auf die Welt. Ihre Eltern waren an jenem Tag die Einzigen oben am Berg. Man schrieb den 5. Jänner 1962, der Abend vor dem Fest der Heiligen Drei Könige. Georg hatte Dienst als Maschinist, und Mathilde wollte in ihrem Zustand an seiner Seite sein.
Es war eine Woche vor dem Geburtstermin. Draußen hatte es minus fünf Grad, und die Schneeflocken tanzten romantisch vom Himmel. Gegen Mitternacht pfiff bereits der Wind und rüttelte an den Fensterscheiben, obwohl sie von den Verwehungen schon fast zugewachsen waren. Da spürte Mathilde die erste Wehe. Georg lag schlafend neben ihr im Bett. Sie wollte ihn schon wecken, da verebbten die Schmerzen wieder. Vielleicht war es ja nur eine Verspannung. Sie wartete. Die nächste Welle ließ nicht lange auf sich warten. Mathilde begann stoßweise zu atmen, und Georg wurde von selber wach. Als er die Situation erfasste, war es mit seiner sonstigen Gelassenheit und Zuversicht vorbei. Er telefonierte gleich mit dem Betriebsleiter im Tal und bestand darauf, seine Frau mit einer Sonderfahrt hinunterzubringen, damit ein Arzt ihr beistehen könne. Entgegen Mathildes Flehen, sie jetzt bitte nicht alleinzulassen, schleppte er zuerst eine Matratze in die vereiste Gondel und verfrachtete sie dann, eingepackt in zwei Daunenjacken und unter einem Berg von Decken, in die mit Eiskristallen überzogene, klirrend kalte Blechkabine. Er verriegelte von außen die Tür, rannte zum Steuerstand, setzte die Maschine in Bewegung und löste die Festhalteklammer. Die Gondel glitt zwischen den Felsen in die Tiefe und war nach wenigen Sekunden aus dem Lichtkegel des Scheinwerfers im dichten Schneetreiben verschwunden. Georgs Augen flogen prüfend über die Instrumente. Stromspannung, Zugseilgeschwindigkeit, Tragseilvibrationen, alles war im erlaubten Bereich, nur der Windmesser machte ihm Sorgen. Bei manchen Böen schnellte er auf über achtzig Kilometer pro Stunde. Das Thermometer zeigte hier oben inzwischen minus siebzehn Grad. Weiter unten war es sicher nicht so schlimm.
Mit einem Male verstummte das dröhnende Surren hinter dem Steuerstand, und das große Umlenkrad, über welches das Zugseil lief, stand mit einem heftigen dumpfen Schlag still. Der Sturm heulte ungebrochen weiter, aber das Singen der Seile änderte die Frequenz, und beide Stahltrosse, das Zugwie auch das Tragseil, begannen mit großer Amplitude wild auf und ab zu tanzen und schnalzten, begleitet von bedrohlichen Klängen, die an Glockenschläge erinnerten, gegen die Führungsschienen. Ein Blick auf die Instrumente sagte Georg, dass in der Gondel kurz vor der ersten Stütze eine Notbremsung ausgelöst worden war. Genau so war es. Während der Talfahrt hatte der Sturm die Kabine in eine immer extremere Schräglage gedrückt, sodass sie, beinahe waagrecht am Seil hängend, gegen die Mittelstrebe der nächsten Stütze gekracht wäre, hätte Mathilde nicht geistesgegenwärtig den Notknopf gedrückt. Und dort oben, hoch über den Felsen schaukelnd, vom Sturm gerüttelt, als würde ein Dämon sie in den Abgrund schleudern wollen, begleitet vom vielstimmigen Geheul des Sturms und mit jenem Gebet in ihrem bangen Herzen, das Mathilde von ihrer Großmutter als Kind gelernt hatte, wenn sie Trost und Zuspruch gebraucht und gesucht hatte, nämlich mit der Bitte um den Beistand der heiligen Gottesmutter Maria, brachte sie ihr Kind zur Welt und nannte es aus Dankbarkeit an die weibliche Heilige Dreifaltigkeit: Eva Maria Magdalena.

Als Maria ins Schulalter kam, siedelten die Neuhausers ins Tal, und als sie zehn Jahre alt und mit der Volksschule fertig war, zog die Familie in die nahe, ehemalig kaiserliche Kurstadt, wo es eine Mittelschule gab. Ihr Vater hatte dort eine Anstellung bei den Bundesforsten gefunden, und Marias Mutter kümmerte sich nun statt um Schifahrer und Bergsteiger um Kind, Mann und Garten. Gerne hätten sie Maria auch auf die Universität geschickt und studieren lassen, Wirtschaft oder Jus. Sie war gut im Lernen, tat sich mit Zahlen leicht. Das Geld hätte auch irgendwie gereicht, aber Maria wollte nicht in die Stadt ziehen. Man entschied sich also dazu, das Mädchen in die gerade neu errichtete Handelsakademie zu schicken. Sie lag in Gehweite, und von allen Klassenzimmern aus hatte man einen großartigen Blick auf den Talschluss.

Kapitel 3

In Marias letztem Schuljahr, als sie in die Maturaklasse der HAK kam, begann Herwig Berger, der kurz vor dem Abschluss seines Lehramtsstudiums stand, in den unteren Klassen dieser Schule Geografie und Wirtschaftskunde sowie Musikerziehung zu unterrichten. Gleich in der ersten Stunde gab es ein Missverständnis, das seinen Namen in der Schule und bald auch darüber hinaus nachhaltig beeinflussen sollte. »Ich bin euer Geografieund Musiklehrer, und ihr seid meine erste Klasse. Mein Name ist Berger«, stellte er sich vor und fügte hinzu: »Aber nennt mich bitte Herwig.« Die Kinder, aufgewachsen mit einem anerzogenen Respekt vor Autoritätspersonen, hörten, was zu hören erlaubt war, und nannten ihn ab da »Herr Wig« oder, wenn sie unter sich waren, einfach nur »der Wig«. Und dieser Name blieb ihm: Bald nannte ihn jeder nur noch Wig, ja, er begann sogar sich selbst mit dem Kurznamen vorzustellen.
Am Ende des ersten Semesters kam noch ein Spitzname dazu, den er nicht mehr loswerden sollte. Nach einem leidenschaftlichen Vortrag in der Musikstunde, in dem er seine Begeisterung für Mozarts Da-Ponte-Opern auf die Schüler zu übertragen suchte, nannte man ihn »Don Giovanni«. Dass ihn noch nie jemand in weiblicher Begleitung gesehen hatte, tat dem keinen Abbruch, es trug im Gegenteil zur Mystifizierung seiner Person bei. Maria hatte nur einmal Gelegenheit, ihn im Unterricht zu erleben. Er war für eine Kollegin eingesprungen und supplierte eine Musikstunde, die Maria in Erinnerung blieb. Denn er spielte ihnen nahezu endlos Jodlerschleifen vor und erzählte dann, dass es sich dabei um die Gesänge westafrikanischer Pygmäen handle, die sie bei der Jagd im Dschungel einsetzten.

Maria fand gleich nach der Matura eine Stelle bei einer Bank. Wig nahm immer wieder einmal am Schalter ihre Dienste in Anspruch, ohne jedoch erkennbare Notiz von ihr zu nehmen. Zwei Jahre sollten vergehen, bis die Sterne günstig standen. Bei den Festspielen in Salzburg liefen sie sich im Foyer praktisch in die Arme. Maria im Dirndlkleid ins Programmheft vertieft, Wig in Jeans und schwarzem Rollkragen damit beschäftigt, sich im Gehen eine Zigarette zu drehen. »Die charmante Hüterin meiner Ersparnisse.« Maria blickte auf, und als sie ihn erkannte, erwiderte sie amüsiert: »Na so was, Don Giovanni verirrt sich in die›Zauberflöte‹?«Wig lachte.»Wenn man das Glück hat, die Gruberova einmal erleben zu dürfen, wie sie Mozarts königliche Koloraturen in den Sternenhimmel meißelt, darf man sich das nicht entgehen lassen. Aber ich muss zugeben, meine Großmutter arbeitet hier im Haus, und so komme ich manchmal in den Genuss einer Regiekarte.Andernfalls wäre ich wahrscheinlich nicht hier. Für den gleichen Preis kann man zehn Freunde zu einem Konzert von Queen einladen, inklusive Zugfahrt und Bier. Und Sie? Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Opernliebhaberin sind.« Maria lachte und wurde leicht verlegen.»Na ja,nicht wirklich.Aber vielleicht werde ich ja noch eine. Ich bin bei einer Kundenbefragung angeblich zur freundlichsten Mitarbeiterin gewählt worden. Die Festspielkarte ist ein Ablenkungsmanöver. ›Zauberflöte‹ statt Gehaltserhöhung.«
»Die Wahl zur freundlichsten Mitarbeiterin macht Sie nicht stolz?«
»Nein. Weil es nicht stimmt. Da gibt es andere, denen diese Auszeichnung gebührt hätte. Liebenswürdigkeit ist nicht meine Stärke. In der Hinsicht bin ich ganz die Tochter meiner Mutter. Sie hat mir beigebracht, jeder Art von Freundlichkeit mit Misstrauen zu begegnen. Keine Geschenke geben und keine Geschenke annehmen. Sie ist der Meinung, jedes Geschenk hat ein Preisschild.Auch wenn es abgekratzt worden ist.«
»Warum haben Sie in dem Fall das Geschenk dann doch angenommen?«
»Vielleicht weil ich nicht immer das tue, was meine Mutter sagt, und weil ich neugierig bin. Aber Queen in der Stadthalle wäre mir auch lieber gewesen. In eine Oper zu gehen ist immer ein wenig wie ein Hochamt in der Kirche besuchen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Der Aufwand, der Anspruch auf Erleuchtung, und es ist in beiden Fällen nicht förderlich, zu viel über den Text nachzudenken.«
»Vielleicht sollte ich wieder einmal in die Kirche gehen!«
»Ja, tun Sie das. Ein Hochamt in der Franziskanerkirche oder im Dom kann auch was. Musik, Gesang, Weihrauch, Kerzenlicht, das Beten ... Sie dürfen, wie gesagt, nur nicht zu viel auf den Text hören, sonst reißt bei den Lesungen oder allerspätestens bei der Predigt der Faden.«

Im Anschluss an die Vorstellung lud Wig Maria noch zu einem Glas Wein ein. Sie lehnte zuerst ab, da sie, wie sie meinte, sonst den letzten Zug nach Hause versäumen würde. Am Ende ließ sie sich aber doch noch zu einem Streifzug durch die Gassen der Altstadt überreden. Die von der Sonne aufgeheizten Häuser gaben der Nacht die Wärme zurück. Aus dem Gurgeln und Plätschern der Brunnen sprudelte Mozarts Geist und füllte die Welt mit seinen beseelten Melodien. Sie tranken das eine oder andere Glas Wein auf die Musen und Zwischenwelten, glitten leichtzüngig vom Sie zum Du, und als sie über den Domplatz auf das Parkhaus zugingen, wurde die Statue der Gottesmutter schweigende Zeugin ihres ersten Kusses, den sie sich im Schutz der Arkaden der Franziskanergasse gaben. Die Fahrt nach Hause in Wigs moosgrünem Mini Cooper dauerte viel zu kurz, kürzer, als ihnen beiden recht war. Das Kassettenradio spielte Lieder, die sie noch nie zuvor gehört hatte. Eine Männerstimme besang den Tod Marilyn Monroes, der sie mit einem weißen Zeppelin in den Himmel entführte, wo ihr der Atem Gottes nun den Nagellack trocknete. Auf die Frage, wer das sei, drückte Wig ihr statt einer Antwort eine Kassettenhülle in die Hand.
»André Heller? Ich habe von ihm gehört. Meine Mutter hat immer das Radio laut aufgedreht, wenn sein Lied ›A Zigeuner mecht i sein‹ gespielt wurde. Ich wusste gar nicht, dass er gestorben ist.«
»Wie kommst du auf die Idee, er wäre gestorben?«
»So steht es doch auf der Kassette: ›Das war André Heller‹, und das Bild schaut auch irgendwie aus wie ein Grabmal.«
»Nein, nein er ist schon noch am Leben. Er ist halt in Wien sozialisiert, dort gehört der Tod zum Überleben. Vor kurzem hat er eine neue Platte veröffentlicht. Aber diese hier ist seine beste, finde ich jedenfalls.«
Sie bogen gerade in die Straße ein, in der Maria wohnte, als ein neues Lied begann. Unisono-Streicher ließen aus der Stille kommend eine einzige Note anschwellen, ein Klavier legte sich drunter und fügte einen schläfrigen Puls hinzu. Es war eine einfache Phrase, bestehend aus nur drei Tönen, aber sie ließen die Geigen abheben und zur schwebenden Dominante werden, bis die Stimme einsetzte: »Wenn’s regnet, dann wachsen die Regenbögen, wenn’s schneit, dann wachsen die Stern’, bei Sonne, da wachsen die Schmetterlinge, und immer, immer hab’ ich dich gern ...«, bald beschwörend, bald besänftigend, als würde er ein Kind in den Schlaf singen wollen, dann wieder betörend und drängend, in Verliebtheit die ganze Welt umarmend. »Du, du, du bist mein einziges Wort, du, du, du heißt alles!«, besang André Heller die Liebe.
In dieser Nacht verlor nicht nur Maria ihre Unschuld. Auch Wig war noch nie mit einer Frau ins Bett gegangen, geschweige denn hatte er einer die Unschuld genommen. Er wünschte sich, nichts getrunken zu haben, aber der Alkohol half ihnen, sich fallenzulassen und ganz ihrem Körper hinzugeben. Sie küssten und streichelten einander eine halbe Ewigkeit, nein, viele Ewigkeiten lang, dann überwanden sie die Scheu vor der Nacktheit und begannen sich nach und nach gegenseitig die Kleider abzustreifen. Maria entdeckte die drängende Lust eines Liebhabers und noch mehr ihre eigene Lust, alles an ihm zu erkunden. Wig ergoss sich in ihre Hand und Maria nicht nur einmal in die seine, ohne dass er es merkte. So verging Stunde um Stunde im Sinnesrausch, bis sie erschöpft einschliefen. Erst als sie langsam erwachten, ein paar Vögel hatten bereits angefangen ihre Stimmen zu erheben, um mit ihrem Gesang die Sonne hervorzulocken, konnte Maria es geschehen lassen, dass Wig, der wie sie noch im Halbschlaf war, in sie eindrang.

Der Schmerz zerschnitt beiden wie eine Stichflamme das Wonnegefühl und holte sie rücksichtslos aus der Zwischenwelt auf die Erde zurück. Wig spürte, wie seine Vorhaut riss und sich im selben Moment Marias vorher so anschmiegsamer Körper versteifte. Ihre Fingernägel gruben sich Halt suchend in seine Schultern. Sie hielten beide den Atem an und lagen aus Angst vor jeder weiteren Bewegung für eine Weile reglos aufeinander. Ein Pulsieren ging durch ihre Körpermitte. Sie waren eins geworden. Bis Maria ihn mit einer sanften, aber bestimmten Bewegung von sich herunterstieß. Aus den einzelnen Vogelstimmen war ein Konzert geworden, das erste Sonnenlicht warf die gezahnten Schatten vom Blattwerk einer Eberesche auf die weißen Vorhänge. Sie hielten sich eng umschlungen, spürten den Herzschlag des anderen, ließen ihre Atemzüge in Einklang kommen und fielen erneut in einen glückdurchfluteten,traumlosen Schlaf.
Als sie erwachten, waren ihre Schmerzen noch nicht verklungen, sie wurden jedoch überstrahlt von Glücksgefühlen und der Erleichterung, es endlich getan zu haben. Sie waren beide für sich gewiss, in dieser Angelegenheit die Letzten ihrer Jahrgänge gewesen zu sein.
Trotzdem hatten sie für eine Weile genug vom Sex. Der Schmerz im Moment des Eindringens hatte Spuren hinterlassen. Die unsanfte Landung trübte die Erinnerung an das vorangegangene Fluggefühl.

Drei Jahrzehnte später, Wig war gerade voll Vorfreude unterwegs im Volvo zu einem Wochenende mit seiner Freundin Nora, als das Autoradio, eingestellt auf seinen Lieblingssender Freies Radio Salzkammergut, einen Blues spielte, der die Geschichte seines Liebeslebens, von jener Nacht bis in die Gegenwart, beschrieb. Vom ersten Mal, wo es alles war, nur kein Genuss, bis zu jenem unstillbaren Verlangen, das ihn nun auch im Griff hatte und um das alle seine Gedanken kreisten.

18:52 01.07.2020

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