Leseprobe : Warum Autoritäre die Geschichte fürchten

"In einer Demokratie ist Geschichte nicht statisch, nicht mythisch, sondern dynamisch und kritisch": Lesen Sie hier das persönliche Vorwort zu Jason Stanleys neuem Sachbuch, in dem er auch beschreibt, warum die "rote Angst" zurück ist

Foto: Jann Huizenga/Getty Images

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Gefälschte Geschichte

Gefälschte Geschichte

Jason Stanley

Softcover

208 Seiten

22 €

In Kooperation mit Westend Verlag 2026

Gefälschte Geschichte

»Das Sowjetsystem hat niemals des Holocaust gedacht. Ein Grund dafür ist, dass man, sobald man einen Völkermord definiert und als solchen identifiziert hat, auch andere Völkermorde anerkennen muss. Das Sowjetimperium wollte nicht, dass wir unsere Geschichte aufarbeiten.«

–– Victoria Amelina, Nothing Bad Has Ever Happened


Aus dem zurückliegenden Jahrhundert können wir die Lehre ziehen, dass autoritäre Regime Geschichte oftmals als große Bedrohung ansehen. Um ihre Macht zu festigen, versuchen diese Regime bei jeder sich bietenden Gelegenheit, die Geschichte zu tilgen oder zu verfälschen. Warum ist das so? Wodurch wird die Geschichte für autoritäre Ziele so störend? Der vielleicht wichtigste Grund ist, dass sie diverse Perspektiven auf die Vergangenheit bietet. Der große Rivale des Autoritarismus, die Demokratie, erfordert die Anerkennung einer gemeinsamen Wirklichkeit, die aus unterschiedlichen Perspektiven besteht. Durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven wird es den Bürgern ermöglicht, sich gegenseitig als gleichberechtigte Mitwirkende an einer gemeinsamen Geschichte zu betrachten. Und sie lernen, zu akzeptieren, dass diese Geschichte offen ist für eine permanente kollektive Reflexion und Neugestaltung. Wobei jederzeit neue Ideen, neue Einsichten, neue Perspektiven und Theorieansätze berücksichtigt werden. In einer Demokratie ist Geschichte nicht statisch, nicht mythisch, sondern dynamisch und kritisch.
Die Auslöschung von Geschichte kommt autoritären Regimen zu­gute, weil sie die Geschichte auf diese Weise als eine monolithische Erzählung darstellen können, die sich nur unter einem einzigen Blickwinkel erschließt. Dabei ist es tatsächlich ganz unmöglich, alternative Betrachtungsweisen vollständig zu eliminieren. Wenn autoritäre Regime versuchen, Geschichte auszulöschen, tun sie dies im Rahmen des Bildungswesens, indem sie bestimmte Darstellungen aus den Lehrplänen der Schulen streichen und vielleicht sogar verbieten, dass sie zu Hause erzählt werden. Allerdings können autoritäre Regime weder die Lebenserfahrungen der Menschen noch ihr kulturelles Erbe ausradieren, das sich tief in das Gedächtnis von Generationen eingeschrieben hat. In dieser schlichten Tatsache steckt immer auch die Möglichkeit, verlorene Perspektiven zurückzugewinnen.
All dies trifft auf den politischen Autoritarismus generell zu; insbesondere aber auf eine bestimmte Art von autoritärer Ideologie: den Faschismus, der die Bevölkerung durch ethnische, rassische oder religiöse Unterschiede in »wir« und »die anderen« zu spalten versucht. In meinem letzten Buch Wie Faschismus funktioniert benannte ich eine Reihe von Taktiken, die für eine faschistische Politik charakteristisch sind. Dazu gehören: die Schaffung einer mythischen Vergangenheit; der Einsatz von Propaganda und Geistfeindlichkeit, um einen Zustand der Unwirklichkeit zu schaffen; das Bestreben, Hierarchien aufgrund von Rasse oder Religion zu rechtfertigen; die Ausnutzung von Ressentiments und Opfergefühlen; politische Maßnahmen, die Recht und Ordnung über die Freiheit stellen; Appelle an sexuelle Ängste; die Beschwörung des Mythos von Sodom und Gomorra, der besagt, dass Städte dekadent und von Kriminalität geprägt sind, während ländliche Gebiete das Herzstück einer Nation bilden; und schließlich ein Wertesystem, das Gruppen nach ihrer vermeintlichen Arbeitsfähigkeit einstuft, was in dem von den Nazis heuchlerisch verwendeten Schlagwort »Arbeit macht frei« zum Ausdruck kommt.
Aktuell stellt das Erstarken des Faschismus eine ernste Bedrohung dar. Deshalb ist es dringend geboten, seine Funktionsweise zu verstehen. Um den Erfolg des Faschismus wirklich zu begreifen, muss man jedoch nicht nur erkennen, wie er funktioniert und wie er die Macht ergreift, sondern auch, wie er seine Legitimität erlangt. Deshalb müssen wir unseren Blick von der faschistischen Politik auf die spezifische Art von Bildung und Kultur richten, die eine solche Politik überhaupt erst wirksam macht. Hier kommt das Thema der Auslöschung von Geschichte ins Spiel.
In den letzten Jahren ist unter Wissenschaftlern und Experten eine Debatte darüber entbrannt, ob der Begriff »Faschismus« die weltweit zu beobachtenden autoritären Bewegungen der Rechten angemessen beschreibt. Diese Debatte können wir hier weitgehend übergehen. Unabhängig davon, ob wir sie als faschistisch bezeichnen oder nicht, herrscht weithin Einigkeit dahingehend, dass die sozialen und politischen Bewegungen, die wir gegenwärtig beobachten, zahlreiche politische Taktiken und rhetorische Techniken anwenden, die auch frühere faschistische Bewegungen nutzten: Sie mobilisieren gewalttätige Bürgerwehren, um ihre Gegner einzuschüchtern, besetzen Gerichte mit Anhängern eines Führers oder einer Partei, lenken Hass auf Einwanderer und LGBTQ-Personen, beschneiden das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung und indoktrinieren junge Menschen mittels Schule und Bildung mit einer Erzählung von nationaler Größe, die in einer glorreichen Vergangenheit verwurzelt sei.
Auch wenn einige meiner Entscheidung widersprechen mögen, diese Bewegungen als faschistisch zu bezeichnen – darunter auch einige, die meine Einschätzung der von ihnen ausgehenden Gefahr teilen –, halte ich diese Bezeichnung für zutreffend und werde sie im Folgenden weiterhin verwenden, wenn ich mich auf diejenigen beziehe, die eine eindeutig faschistische Politik betreiben, mit dem Ziel, die Demokratie zu untergraben.
Weil diese antidemokratischen Bewegungen weltweit auf dem Vormarsch sind, möchte ich hier eine länderübergreifende Perspektive einnehmen. Dabei werde ich an mehreren Stellen auf faschistische oder autoritäre Entwicklungen in Ländern wie Russland, Indien, der Türkei, Israel und Ungarn eingehen. Da ich jedoch in den USA lebe, werde ich mein Land als zentrales Beispiel heranziehen. Wie auch andernorts wird hier seit einigen Jahren ein ideologischer Krieg geführt, der sich auf fast alle Bereiche der Gesellschaft auswirkt. Der Kampf reicht bis in unsere Stadtviertel, unsere Gerichte und unsere Schlafzimmer. Wie ich zeigen werde, findet er seinen tiefgreifendsten Ausdruck aber letztendlich in einer unserer egalitärsten öffentlichen Institutionen: unseren Schulen. Die Konfliktparteien in diesem Krieg sind weitgehend durch zwei gegensätzliche Perspektiven geprägt: einerseits diejenigen, die Hierarchien bewahren wollen, die auf willkürlichen Faktoren wie Rasse, ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht beruhen, und andererseits diejenigen, die diese Hierarchien aufbrechen wollen.
Meine 1906 geborene Großmutter, Ilse Stanley, wuchs in Berlin auf, in unmittelbarer Nähe der Synagoge in der Fasanenstraße. Diese gehörte zu den damals größten Gemeinden Deutschlands, und ihr Vater Magnus Davidsohn war ihr Oberkantor. Die Synagoge pflegte die liberale Tradition des deutschen Judentums. Wie eine Kirche verfügte sie über eine Orgel. Ihre musikalischen Darbietungen waren stolzer Ausdruck der klassischen Tradition. Meine Großmutter war der Inbegriff einer assimilierten deutschen Jüdin. Die deutsche Kultur – die Kultur von Goethe und Heine – betrachtete sie als ihre eigene, und sie galt ihr als Vorbild der Aufklärung und des Humanismus.
Bevor er Kantor wurde, war Magnus Davidsohn Opernsänger. Er wird in einer Biografie des Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler erwähnt, in der aus einem Gespräch zwischen den beiden über ihr gemeinsames jüdisches Erbe und die Entscheidung meines Urgroßvaters, die Oper zugunsten der Synagoge aufzugeben, zitiert wird. Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs sang er eine Hauptrolle in einer von Mahler dirigierten Inszenierung von Richard Wagners Lohengrin aus dem Jahr 1899. Sein Bruder Max sang später in derselben Oper im Rahmen der Bayreuther Festspiele 1908.
Meine Grußmutter Ilse, die aus dieser Familie von Wagner-Sängern stammte, wurde als Schauspielerin von dem großen Berliner Theaterregisseur Max Reinhardt ausgebildet und spielte auch in Fritz Langs epochalem Film »Metropolis« von 1927 mit. Sie lebte in einer der bedeutendsten geistigen und kulturellen Hauptstädte der Welt, mit einer renommierten Universität, an der Persönlichkeiten wie W. E. B. Du Bois, Albert Einstein, Max Planck, Erwin Schrödinger und Max Weber lehrten.
Doch nur wenige Jahre später wurde meine deutsch-jüdische Berliner Familie aus diesem kosmopolitischen Paradies vertrieben. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es geschehen, dass meine Großmutter, deren Talente ihr einen herausragenden Platz in der deutschen Kultur eingebracht hatten, aus dem Theater verbannt wurde, weil ihre Kunst als gefährlich und fremdartig galt?
Als die Nazis in Deutschland an die Macht gelangten, stellten sie eine erfundene Sichtweise auf das Land und seine Bevölkerung in den ideologischen Mittelpunkt ihrer politischen Bewegung: ein Land, das von einer reinen, arischen Rasse bewohnt sei, in das jüdische Ausländer eingedrungen waren, um deutsche Institutionen zu untergraben und die Vorherrschaft der deutschen Rasse zu stürzen.
Im Zentrum der faschistischen Ideologie im Allgemeinen und der nationalsozialistischen Ideologie im Besonderen steht diese Verschwörungstheorie über die Verdrängung einer dominanten Gruppe. Die Nazis erließen Gesetze, die deutschen Juden die Staatsbürgerschaft entzogen und sie als gefährliche innere Feinde darstellten. Dabei nahmen sie auch jenen Kosmopolitismus ins Visier, für den meine Großmutter stand. Ihre Verbundenheit mit der deutschen Kultur bot ihr kaum Schutz, da sie im Widerspruch zur Nazi-Ideologie stand, in der ihre Rolle festgelegt und unabänderlich war. Ihre Assimilation war nicht das, was die Nazis wollten, sondern genau das, was sie zu verhindern versuchten. Aus Sicht der Nazis beruhte die Größe Deutschlands nicht auf seinem umfassenden Humanismus und seiner wissenschaftlichen Experimentierfreude sowie seiner intellektuellen Schaffenskraft, sondern auf seinem arischen Charakter.
In den 1920er Jahren verfügte Deutschland über einige der besten Universitäten der Welt, über viele der weltweit führenden Intellektuellen und stand an der Spitze der Moderne. Vor diesem Hintergrund kann uns eine Untersuchung der faschistischen Machtübernahme in Deutschland und der erfolgreichen Veränderung des Selbstverständnisses der Nation durch diese Ideologie einiges über die zunehmenden Bedrohungen lehren, denen wir heute ausgesetzt sind. Das Selbstverständnis dieser Nation hinsichtlich ihrer Geschichte und Identität, das durch ihre Lehranstalten und ihre Kultur bewahrt und überliefert wurde, erwies sich als weit weniger widerstandsfähig, als viele vermeinten. Wir sind gut beraten, eine Wiederholung desselben Irrtums zu vermeiden.
Für manche mag das Ethos der Offenheit und Freiheit der USA unvereinbar mit dem Bestreben des Faschismus erscheinen, so viel von der geschichtlichen Überlieferung zu tilgen, bis sie auf eine einzige Perspektive reduziert ist. Aber dieser Impuls, geschichtliche Darstellungen zu beseitigen, kann viele verschiedene Beweggründe haben, von denen einige akzeptabler sind als andere. Man denke nur an die Zeit der »Roten Angst« in den USA in den späten 1940er und 1950er Jahren, die – in Anlehnung an den Senator aus Wisconsin, der Kommunisten jagte – oft als McCarthy-Ära bezeichnet wird. Es war eine Zeit, in der Linke im Hochschulwesen, in der Kunst und in anderen Bereichen öffentlich gedemütigt, vom Kongress angeprangert und auf skandalöse Weise von ihrem Arbeitsplatz entlassen wurden. Diese Kampagne der Zensur und Einschüchterung, angeführt vom Komitee für unamerikanische Umtriebe (House Un-American Activities Committee, HUAC), konzentrierte sich in erster Linie auf die Verfolgung von Kommunisten, Sozialisten und allen, die Sympathien für den Gegner des Landes im Kalten Krieg, die Sowjetunion, hegen könnten.
In diesem Fall waren die Bemühungen des HUAC, linke Perspektiven aus der akademischen Welt und anderen Bereichen zu verbannen, zumindest teilweise durch die Ablehnung des Autoritarismus in der Sowjetunion motiviert – was natürlich keineswegs eine Entschuldigung für ihre destruktiven Auswüchse darstellt. Die »Rote Angst« der 1940er und 1950er Jahre war ein Verrat an eben jenen Idealen der Freiheit, für die die USA im Kalten Krieg angeblich standen. Gleichwohl erklärt dieses Geschehen zumindest teilweise, wie und warum das faschistische Vorhaben, die Geschichte auszulöschen, in einem eindeutig amerikanischen Kontext Fuß fassen konnte.
Zweifellos kehren wir heute zu etwas zurück, das der Ära der »Roten Angst« ähnelt. Rechte Aktivisten und Politiker nehmen Lehrkräfte aller Bildungsebenen wegen ihrer vermeintlich linken Ideologien ins Visier; mit dem Ziel, jedweden Unterricht zu unterbinden, der die rassistische Hierarchie oder das Patriarchat in Frage stellt. Allerdings geht dieser Angriff auf die Geschichte weit über lokale Schulbehörden, Bildungsbehörden auf Bundesstaatsebene und selbst noch nationale Wahlen hinaus. Tatsächlich handelt es sich um eine übernationale Bewegung mit tiefverankerten historischen Vorläufern. Und sie ist symptomatisch für eine umfassendere globale Attacke auf die liberale Demokratie.
Eine liberale Demokratie ist ein System, das die Werte Freiheit und Gleichheit in den Mittelpunkt stellt, in dem alle Bürger den gleichen politischen Status haben und somit Anspruch auf gleichen Respekt und gleiche Würde. Mit dieser gegebenen Freiheit geht Verantwortung einher, darunter auch die Verantwortung, die Institutionen der Demokratie zu schützen und zu verbessern. Progressive Bildungsbewegungen innerhalb liberaler Demokratien dienen seit Langem dem Zweck, dieses Verantwortungsbewusstsein bei jungen Menschen zu wecken.
Allerdings dient das Bildungswesen nicht immer diesem Zweck, sondern kann auch gegen die Demokratie eingesetzt und in den Dienst von Hierarchien gestellt werden. Genau hier wurden in letzter Zeit zahlreiche Kämpfe ausgetragen. In einer liberalen Demokratie wird es stets Debatten zwischen unterschiedlichen Vorstellungen darüber geben (und geben müssen), wie das Bildungswesen funktionieren sollte – etwa zur Frage, wie das richtige Gleichgewicht zwischen dem Streben nach säkularen Idealen und der Bewahrung gemeinsamer Traditionen zu finden ist oder ob der Schwerpunkt eher auf der Allgemeinbildung oder beruflicher Bildung liegen sollte. Das Bildungswesen kann jedoch auch eine antidemokratische Programmatik unterstützen. Am Beispiel Russlands und Nordkoreas sehen wir heute, wie Bildungssysteme dazu beitragen, eine abnorme Verehrung von Führern zu kultivieren und sie über die Rechtsstaatlichkeit zu stellen. In anderen Ländern, wie beispielsweise Indien, wird das Bildungssystem dazu genutzt, hinduistische Inder über muslimische Inder zu stellen. In allen diesen Fällen untergräbt das Bildungswesen die Grundlage einer demokratischen und gleichberechtigten Staatsbürgerschaft.
Um es ganz klar zu sagen: Hierarchien sind nicht zwangsläufig unterdrückend. In einer medizinischen Hochschule beispielsweise steht eine behandelnde Ärztin in der Hierarchie über den Medizinstudenten. Dies ist ein Beispiel für eine epistemologische Hierarchie, die auf Wissen basiert. Mit Sicherheit kann Wissen dazu genutzt werden, Unterjochung und Kontrolle zu verschleiern. So kann ein Arzt angewiesen werden, einen antikolonialen Rebellen oder politischen Demonstranten als psychisch labil zu diagnostizieren. Aber im Idealfall dienen epistemologische Hierarchien eher als Richtschnur denn als Mittel zur Herrschaft. Eine Wertehierarchie ist etwas anderes: Sie dient dazu, eine Gruppe von Menschen über eine andere oder einen Einzelnen über alle anderen zu stellen, und wird in der Regel dazu benutzt, die Dominanz bestimmter Gruppen oder Individuen zu rechtfertigen. Wertehierarchien verstoßen gegen die grundlegenden Ideale der liberalen Demokratie. Tatsächlich sind sie ungeeignet, den gleichen moralischen und politischen Status aller Menschen zu respektieren.
Da es in diesem Buch um faschistische Kultur geht, lohnt es sich, etwas näher darauf einzugehen, was Kulturen eigentlich sind und wie sie funktionieren. In Anlehnung an einen Vorschlag der Schweizer Philosophin Rahel Jaeggi können wir uns eine Kultur als eine Lebensform vorstellen – ein koordiniertes Netz aus Praktiken, Orientierungen und Mythen.5 Hierarchische Kulturen – wie Kolonialismus, Nationalismus oder Faschismus – beinhalten Praktiken, die eine Gruppe über andere stellen. Und wie bei allen anderen Kulturen oder Lebensformen werden diese Praktiken maßgeblich von Bildungseinrichtungen geprägt und verstärkt.
Jedes Bildungssystem beinhaltet Auslassungen – es kann schlichtweg nicht alles unterrichtet werden. Es gibt jedoch bestimmte Arten von Auslassungen, die für autoritäre Systeme charakteristisch sind. Beispiele hierfür sind die Nichtberücksichtigung sozialer Bewegungen für Demokratie, wie etwa das fortgesetzte Ausblenden der Proteste und des Massakers auf dem Tianan’men-Platz 1989 durch die chinesische Regierung oder die Ausblendung der Black-Lives-Matter-Proteste 2020 im Sozialkundeunterricht des Bundesstaates Florida. Indem sie die Geschichte von Erhebungen gegen den gegenwärtigen Status quo aus dem Lehrplan streichen (oder gar nicht erst zulassen, dass derartige Ereignisse unterrichtet werden), vermitteln Autoritäre den Schülern den Eindruck, dass der Status quo nie in Frage gestellt wurde und auch nicht in Frage gestellt werden kann.

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